Wieso klappte es nie? Er sah in den Spiegel. Schon wieder hatte er sich mit dem Rasiermesser an genau derselben Stelle geschnitten. Der Billig-Rasierschaum fühlte sich wie Salz in der Wunde an. Er spürte, wie das brühwarme Blut die Kinnlade hinunterlief und auf sein weißes Hemd tropfte. Jonas band sich die Krawatte. Wie ging nochmal der doppelte Windsor? Er band ein, zweimal, merkte nicht, wie beim Hineinführen der Schlinge der edle Seidenstoff an der Wunde vorbei in Blut getunkt wurde. Scheiße, rief er. Jonas sah auf seine dicken Pickel. Wie die Lichter einer Kleinstadt erstrahlten sie als rote Lämpchen in dem dunklen Badezimmer. Die Versuchung war groß, mit den Werkzeugen im Schrank ein noch größeres Blutbad im Gesicht zu veranstalten.
Dann betrat seine Mutter das Bad. „Nur ganz kurz“ und machte das Licht an. Wenigstens war jetzt die Krawatte gebunden. Aber sein Gesicht war talgig, ein klarer Fall von Adipositas. Die Achselhaare unrasiert, die Haare ragten aus seinem runden Kopf wie Salzstangen eines Mettigels. Jonas zog sich den Anzug an, er drückte am Po. Mama, hast du Make-Up?
Dann kamen die ersten Gäste ins Haus. Oh, Jonas, bist du groß geworden! Rief Tante Emilia vom Korridor ins Bad. Komm, gib deiner Tante einen Kuss! Jonas zuckt leicht, als die schwulstigen Lippen von Tante Emilia seine Bäckchen ertasten. Die speckigen Ärmchen klammern sich um seine Hüfte, und ein schwerer Schwabbelhals kitzelt seine Schulter. Er hätte am liebsten seiner Tante einen gewaltigen Tritt in das deftige Sitzfleisch verpasst, entschied sich aber dann doch für die höfliche Variante. Wieso lernen die Leute nicht, dass man so nicht begrüßt werden will?
