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Der Zitteraal (2019)

Mark Wendt

Der Zitteraal (2019)

Der Bleistift setzt zur ersten Kontur des Hecks an. Falco konzentriert sich auf jede nächste Linie.  Der Scheinwerfer muss dieses Mal perfekt werden, denkt er sich.

Ein 58-jähriges Räuspern unterbricht sein Tageswerk. Jetzt bloß nichts Falsches sagen. Im Nanosekundentakt schwankt sein Blick zur Tafel, dann ins Heft, dann zum Nachbarn. Wertvolle Sekunden verstreichen wie die Rahmbutter, die ihm seine Mutter aufs Knäckebrot schmiert. Er spürt schon die Blicke. „Ähm, ja, also die industrielle Revolution war ein Auslöser für“… Die Zunge wird zum Grab. Die Hand tanzt verrückt auf dem Tisch herum. Sein Kopf antwortet mit Nein. Und das leider zu oft.

Zitteraal nannten sie ihn.

 Lehrer Heribert malt einen Kringel in sein Notenbuch. Beredtes Schweigen. Mit dem Auftritt liefert er Material für die nächste Pause. Falco wagt erst gar nicht den Blick in den Rückspiegel. Der Lehrer will fortfahren, doch er will nur fort. Seine Hand greift zum viel zu kurzen Bleistift. Heribert lächelt dunkel. Falco kennt dieses Lächeln. Vor einigen Jahren hatte er ihn mit diesem Lächeln in der fünften Klasse vorgestellt, die dürre, blasse Gestalt wurde neben Alexander gesetzt. Inklusion nannten sie das. Alexander sitzt hinten. Er kann es nicht sehen, aber sein Blick berührt ihn an der Schulter. Die Hand tanzt verrückt auf dem Tisch herum. Er hatte die Antwort doch gewusst.  Langsam nimmt der Scheinwerfer Gestalt an. Mit jeder Bewegung verschmilzt er immer mehr mit dem Rest des Hecks. Nun müssen die Reifen her. Rille für Rille tastet er sich voran, das Profil im Gedächtnis – bis – wieder ein Blick von vorne. Heribert strahlt ihn an.  Eine Schweißperle tropft auf die Heftseite und kämpft sich tapfer ihren Weg bis zur übernächsten Überschrift. Noch einmal Glück gehabt. Falco fährt sein Objektiv nach draußen auf den Parkplatz aus. Lauter Schönheiten schauen zu ihm hinauf – der Honda Civic grinst, der Scirocco zweiter Generation lächelt schief hinüber und sogar der Pontiac Firebird wirft ihm heute mal einen verschmitzten Blick zu. Falco lächelt zurück. Die Fingerspitzen rollen währenddessen wieder zu seinem besten Freund im Klassenzimmer.

Auf der Wand rechts von ihm hatte die Klasse vor vielen Jahren ihre Lebenswünsche verewigt. „Ich wünsche mir eine Familie“, schrieb einer „Ich wünsche mir einen Beruf mit viel Geld“, ein anderer, „Ich wünsche mir Gesundheit“. Falco zuckt kurz und zeichnet weiter. Die Türen sind das Wichtigste, hier muss er besonders aufpassen. Jede Bewegung, die er mit seinem Stift vollführt, entführt ihn in die Welt von 007, Goldeneye und die Welt ist nicht genug[1]. Er zieht sich gedanklich den schwarzen Action-Anzug von Pierce Brosnan an, endlich ein Anzug, der ihm steht und der nicht zu glitschig am Körper anliegt. Er legt den Fuß leicht aufs Gaspedal, als ihn ein Zettel erreicht: „Flosse, du Zitteraal. Wieder einmal großartig.“

Der Stift rutscht ihm aus der Hand.

Nach der Schule parkt ein fast intakter silbergrauer BMV in eine Mülleimergarage.

Falco nimmt die Linie 1 nach Hause. Er setzt sich hinten rechts in den Bus, das macht er jeden Tag so. Aus der Türschwelle schießt es ein „Falco, komm rein, wie war denn der Schultag, soll ich dir die Jacke abnehmen? „Wunderbar wie immer“, schießt er zurück. Er hätte die Antwort doch gewusst.

[1] Filme mit Pierce Brosnan als James Bond in der Hauptrolle.

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