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AM PULS DER MACHT – Flashback: Einblicke in den Bundestag

Ein Rückblick: Vor Kurzem bin ich auf diesen Text gestoßen. Hintergrund: 2019 habe ich ein Praktikum im Bundestag gemacht. Es war mein erstes Praktikum dieser Art. Ich habe ein paar Namen, Orte und Begegnungen anonymisiert, zum Schutz aller Beteiligten. Der folgende Text liefert Einblicke in die Schaltzentrale der Macht in Berlin, aber auch in den Alltag in den Wahlkreisbüros eines Abgeordneten.

Macht. Worte. Demokratie. Regieren. Aufmerksamkeit. Auftreten. Reden. Verhandeln. Netzwerken.

Vor mir ein Computer, Windows wird hochgefahren, ein quietschbunter Outlook-Kalender baut sich vor mir auf. Die Farben haben alle eine bestimmte Bedeutung: blau für Wahlkreistermine, grün für Präsenzdienst, Rufbereitschaft und Abstimmungen im Plenum, orange für die Partei, einige Sachen sind nur vorgemerkt.

Das ist aber nicht mein Kalender. Er gehört Dr. Hans Klein, MdB. Er war so großzügig, mir einen Praktikumsplatz anzubieten. 4 Wochen habe ich ihn begleitet, war der Macht, dem Parlament, den großen Reden, so nah – und doch so fern. Ich habe einen Eindruck bekommen von den Verlockungen, die ein solches Amt bietet – aber auch von der Verantwortung, den Verpflichtungen, den Versprechungen.

Vor mir sitzt er also. Hans Klein, im Büro nennen wir ihn den „Hans“, 1,90 m groß, Jurist, Mitte 40, eine kleine Tochter. Mit 21 als Student in den Landtag eingezogen, nebenbei promoviert, anschließend auf der Karriereleiter immer weiter hochgeklettert: Mit 2011 Spitzenkandidat der Partei, dann Finanz- und Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident. Dann 2016 die Wahl krachend verloren für seine Partei, wurde er wieder einfaches Mitglied im Landtag, kulturpolitischer Sprecher. Überraschend dann der Wechsel in die Bundespolitik: Die Partei nominierte ihn auf Platz 6 der Landesliste. Angetreten ist er in Hintertupfingen, wo er knapp 20% holte. Dort hat er auch sein Wahlkreisbüro.

Dort verbrachte ich zwei Wochen damit, Plakate für eine Veranstaltung mit speziellen Stickern vom Ordnungsamt Nürtingen zu verzieren, Antworten auf Bürger-Mails und Glückwunschschreiben in seinem Namen zu verfassen, kleine Recherchen zu tätigen, wann denn der letzte Hagelabwehreinsatz in der Region Stuttgart stattgefunden hatte. Kleiner Höhepunkt meiner Wahlkreiszeit: Eine Veranstaltung zum Thema Klimaschutz: sogar Vertreter von Fridays For Future und die parlamentarische Staatssekretärin im BMU waren aufs Podium geladen. Spannend, wie die Vertreterin aus dem Ministerium versuchte, das dürftige Klimapaket der Bundesregierung zu verteidigen. Klimaschutz muss wehtun – aber nicht mit 3 Cent Preiserhöhung pro Liter Benzin. Das Publikum: vorwiegend grauhaarig. Meine Aufgabe: in der letzten halben Stunde das Mikro für Fragen herumreichen und gute Fotos von Nils machen, was sich bei seinen Gesichtszügen als schwierig gestaltet.

Ach ja, ich durfte den Hans einen Tag lang zusammen mit seinem Büroleiter Markus durch das Land begleiten, eine echte Tour de Ländle eben. Morgens um 8 Uhr Abholung, dann nach Reutlingen zum Hans – er bewohnt ein sehr schickes Appartment – und dann bei strahlend blauem Wetter über die Schwäbische Alb zu Hensoldt, einem Rüstungsunternehmen in Ulm, das Verteidigungselektronik entwickelt, z.B. die Antennen des Eurofighters. So nett die fünf älteren Herren aus dem Vorstand auch waren und so köstlich die Rinderbäckchen samt Blumenkohlcremesuppe und das Kaffeeeis im Baummantelkuchen schmeckten, irgendwie konnte ich dem Unternehmen kein hundertprozentiges Vertrauen entgegenbringen. Vor allem als die Hensoldt-Führung behauptete, sie seien „die Guten von den Bösen“ und dass ihre eigens entwickelte Technik unter anderem dem Schutz von bedrohten Wildtieren in Afrika diente. So ein Tornado, den sie dort ausstatten, kann auch von sich aus schießen… Ganz unverhohlen sprachen die Herrschaften die Firmeninteressen aus: Konkret besorgt sie der Rüstungsstopp gegen die Saudis, das jüngst von der Groko, unter erheblichem Druck der SPD, verhängt worden war. Umso lustiger der nervöse Blick der fünf Männer, als Hans für sie völlig überraschend die Routine des Firmenbesuchs durchbrach und sich mit den Mitarbeitern über die Arbeitsbedingungen vor Ort unterhielt. Nervosität machte sich breit. „Lieber Herr Dr. Klein, wir fühlten uns geehrt, wir erwarten uns bald wieder. Dann haben Sie auch mehr Zeit, mit den Mitarbeitern zu reden“, hieß es zur Verabschiedung, mit kleiner Spitze.

(Nachtrag (2026): Als ich diese Zeilen 2019 schrieb, konnte ich natürlich nicht ahnen, dass HENSOLDT Jahre später wegen geplanter Rüstungsgeschäfte mit den Golfstaaten erneut in die Schlagzeilen geraten würde. Der SPIEGEL berichtete Ende 2024 unter Berufung auf interne Unterlagen, dass HENSOLDT politisch sensible Rüstungsgeschäfte mit Golfstaaten, insbesondere den Vereinigten Arabischen Emiraten, plante bzw. Genehmigungen dafür erwartete. Der Bericht löste eine Debatte über Rüstungsexporte und die Rolle des Bundes als Anteilseigner aus. HENSOLDT wies den Vorwurf eines rechtswidrigen Verhaltens zurück und betonte, dass Exportvorhaben den gesetzlichen Genehmigungsverfahren unterlägen. Mein damaliges Unbehagen gegenüber dem Unternehmen wirkt im Rückblick bemerkenswert – auch wenn es sich dabei um einen rein persönlichen Eindruck handelte.)

Umso spannender der Besuch am frühen Nachmittag – bei Airbus Defense and Space. Wieder freundlicher Empfang, wieder durch die beiden Chefs. Doch ein bisschen weniger Lobby: Hier ging es eher darum, zu informieren. In Friedrichshafen werden zum Beispiel Wettersatelliten gebaut, die zu zweit in der Lage sind, innerhalb von einer Woche die gesamte Erdoberfläche auf 2 Meter genau abzubilden. Und ganz nebenbei Bilder über die Entwaldung des Regenwaldes liefern. Danach hielt Hans eine Rede bei Airbus, Thema, wenn ich mich noch richtig entsinne: Was die Bundesregierung für die Raumfahrt tut. Inhaltlich eine sehr spannende Rede. Korbinian hatte sie geschrieben, ein Mitarbeiter aus Hans‘ Berliner Büro, den ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht kannte. Das Publikum begeisterte Hans mit der Rede nicht. Im Raum ca. 40 Leute, allesamt Mitarbeiter am Standort Friedrichshafen. Bei den anschließenden Fragen wurde klar, dass Hans kein Experte im detaillierten Metier Raumfahrt war. Die meisten Fragen wurden mit „Echt? Komisch, was lief denn da schief? – schreib ich mir auf, gebe ich weiter“ beantwortet. Nichts gegen Hans: Niemand kann sich überall auskennen. Aber wieso haben sie ihn dann eingeladen, wenn er nicht als der Experte gilt. Bin mal gespannt, ob die Anliegen von Airbus es nach Berlin schaffen. Kleiner Spoiler: Das werden sie. Also zum Teil.

Dann ab ins Auto, hier konnte ich dann finally einen kleinen Plausch mit Hans führen kann. Üblicher Smalltalk, wo ich denn herkomme, was ich nach dem Abi mache. Ich bin hier wirklich nichts Besonderes, er hat so gut wie das ganze Jahr über Praktikantinnen und Praktikanten bei sich. Aber er hat sich wenigstens bemüht, Interesse an mir zu zeigen.

Dann noch schnell um 19 Uhr zum Demokratie-Café nach Reutlingen, eine Talkrunde mit einer Linken-MdB zum Klimaschutz. Zur Abwechslung mal jüngere Leute, die Fragen gingen alle in dieselbe Richtung: Die Regierung tut zu wenig, warum wird E-Mobilität mehr gefördert. Und: Insgeheim hatten sie ja recht. Durfte ich aber nicht zeigen. Ich arbeite ja für Hans, also indirekt für die Partei und deren Positionen. Um 22 Uhr war dann Schluss und ich fuhr heim, 14 Stunden unterwegs. „Als ich Minister war, war jeder Tag so“, berichtete mir Hans.

Meine Kollegen in den zwei Wochen waren Markus und Jeremy. Markus kennt Hans schon seit mehr als zwanzig Jahren, war mit ihm bei den Jusos engagiert. Er ist schon immer sein Mitarbeiter gewesen. „Ich kann ihm alles erzählen“, sagte er mir. „Seid ihr Freunde?“, fragte ich ihn. Wir alle haben unterschiedliche Freundeskreise, ließ er mich wissen. Eine gewisse Trennung von Beruf und Privatleben sei wichtig. Trotzdem muss es bestimmt ein eigenartiges Gefühl sein: Markus und Hans haben etwa auf gleicher Ebene angefangen, Politik zu machen, Hans ist auf der großen Bühne gelandet, Hans nicht. Er darf nun im Hintergrund arbeiten, alle seine Termine koordinieren, Pressemappen erstellen, Material mit Hans‘ Namen, Hans‘ Gesicht, Hans‘ Politik erstellen. Er scheint ihm gegenüber zu 100% loyal zu sein. Und davor habe ich Respekt. Ob er denn nicht selbst in die Politik will oder wollte, habe ich ihn gefragt: „Die Zeiten sind vorbei“.

Nach einer Woche Pause ging es für mich dann in die Bundeshauptstadt. Ich sitze wieder vor meinem bunten Kalender und lausche Alexandra, Hans‘ Büroleiterin vor Ort, wie sie mir grob meine Aufgaben für die kommenden zwei Wochen und den Aufbau der Sitzungswochen hier in Berlin erklärt. Alles hier im Bundestag hat seine klare Struktur und Ordnung: Montags tagen die Landesgruppen, dienstags sind die Sitzungen der Arbeitsgruppen, in dem Falle für Hans die „AG Außenpolitik“ der Partei, die er auch leitet. Mittwochs geht es in die Ausschüsse, also für ihn der Auswärtige Ausschuss. Da dieser genauso wie der Verteidigungsausschuss unter Ausschluss der Öffentlichkeit tagt, darf ich leider nicht rein. Aber ich darf in jede Menge andere Ausschüsse, meint Alexandra. Hab mich mal für den Verkehrsausschuss angemeldet. Donnerstag und Freitag dann das Plenum, aber das wahre Leben eines MdB’s findet außerhalb des Plenums statt: Gespräche mit Verbänden, Journalisten, Interessenvertretern oder in Hans‘ Falle: sehr viele Botschafter, die ich dann auch an der Tür abhole. Plötzlich stehe ich neben dem georgianischen Botschafter Dr. Korashvilli und führe Polit-Smalltalk. Danach kommt Albin Kurti, designierter Ministerpräsident des Kosovo. Solche Gäste trifft man hier so nebenbei. Neben meinem Büro im sog. Otto-Wels-Haus, befinden sich die Räume von Andrea Nahles. In den zwei Wochen habe ich weder sie noch irgendeinen Mitarbeiter von ihr aus der Tür kommen sehen.

Hier in Berlin besitzt Hans nicht nur MdB-Mitarbeiter, sondern auch Leute, die für die Fraktion arbeiten und sich um Außenpolitik kümmern, aber ihm direkt unterstehen. Diese Leute, es sind der Rüdiger und der Daniel, haben ein paar mehr Privilegien: Sie dürfen an den heiß begehrten Sitzungen der Fraktion und an Sitzungen des Auswärtigen Ausschusses teilnehmen, was normale MdB-Mitarbeiter nicht dürfen. Und sie müssen sich mit erheblich weniger Sekretär- und Verwaltungskram herumschlagen, sondern widmen sich in ersten Linie den außenpolitischen Themen, die Zuständigkeit ist nach Weltregionen aufgeteilt.

Um die Bürokratiesachen müssen sich auch die Praktikanten kümmern. „Wir geben, das, was wir selbst nicht mehr schaffen, den Praktikanten“. Ich mache das gerne, mir geht’s und den Einblick. Und es ist ja irgendwie auch logisch: Du gibst dem Neuankömmling auch nicht die härtesten Nüsse zu knacken. Alles Schritt für Schritt. Am Ende meiner Zeit in Berlin werde ich auch in der Lage sein, eigene Anfragen zu beantworten, mit meinem Wortlaut.

Eine meiner kuriosesten Aufträge in Berlin, schon in Hintertupfingen erteilt: Ich soll ein Autogramm von G. Schröder, Altbundeskanzler für Hans besorgen. Aber nicht irgendeins: Es soll schwarz-weiß sein, im Postkartenformat und mit einem weißen Balken versehen werden. Das soll dann zusammen mit den Autogrammen von Willy Brandt und Helmut Schmidt im Wahlkreisbüro aufgehängt werden.

Jeder noch lebende Altbundeskanzler – Schröder ist der einzig noch lebende – besitzt ein Büro im Bundestag. Hans trifft zufällig den „Gerd“ in meiner zweiten Praktikumswoche. Da passt es doch wie geschmiert.

Also gehe ich ins Büro Schröder und frage nach der gewünschten Autogrammkarte. Leider besitzt das Büro keine in dem gewünschten Format. Also muss ich ran: In Zusammenarbeit mit dem Wahlkreisbüro scannen wir eine andere ein, färben sie und lassen sie drucken, allerdings in Schöneberg, da dies nur dort möglich ist.

Kleine Randbemerkung aus 2026: Kurioserweise war es eben jenes Bundestagsbüro von Gerhard Schröder, das 2022 nach Schröders Positionierung zu Russland im Kontext des russischen Überfalls auf die Ukraine so viel Aufsehen erregte. Kritiker*innen, auch aus der eigenen Partei, forderten, dass Schröder seine Ansprüche und das Büro verlieren sollte. Es wurde dann auch geschlossen. Aber irgendwie schon funny, dass ich am Computer von Schröders Büroleiterin stand und mit ihr die Autogramme durchging.

Ansonsten wartet jeder Tag eine neue bunte Überraschungstüte auf mich: Eine meiner Lieblingssüßigkeiten: Der NABU hat sich entschieden, an jeden MdB ca. 40 Sammel-Mails zur Rettung des bedrohten Wolfes zu schützen, jede einzelne Nachricht endet mit „Wohnhaft in Ihrem Wahlkreis“. Am liebsten würde ich diese Mails ignorieren, doch nein, die Büroleitung korrigiert mich, alle Mails, die eingehen, müssen auch beantwortet werden. Also verschicke ich 40 Mal die gleiche Standard-Antwort der Bundestagsfraktion, die extra für diese Sammel-Mail erstellt wurde. Die kennen sich also aus.

Ganz beliebt auch. die Gästeanmeldung bei der bundestagsinternen Polizei, die Schäuble (dem damaligen Bundestagspräsidenten) unterstellt ist. JEDER Besucher, die den Bundestag betreten will, wird von der Polizei einem Sicherheitscheck unterzogen, ob ein Vorstrafenregister existiert etc. Finde ich richtig so. Eine Mitarbeiterin erklärt mir, dies sei so als Reaktion auf die AfD, die anfing, sehr dubiose Menschen als Mitarbeiter zu beschäftigen.

Zwischendurch darf ich auch mal ins Plenum und einer aktuellen Debatte lauschen. Auch viele Veranstaltungen des hausinternen Praktikant*Innen-Programm finden statt: Mit elder statesman Thomas Oppermann (Anmerkung: inzwischen leider verstorben) diskutieren wir über eine längst überfällige Wahlrechtsreform, hören  Gabriele Hiller-Ohm zu, wieso sie denn Minijobs abschaffen will, gehen mit Stefan Zierke der Frage nach, wieso Engagement bei jungen Leuten wichtig ist und erleben eine engagierte Kathrin Budde, die uns über die bestehenden Ungerechtigkeiten zwischen Ost-West aufklärt: Sie ist Beauftragte für das Einheitsjahr 2019/2020. Cool, dass es sowas von der Fraktion gibt. Andere Praktis im Bundestag, mit denen ich sprach, haben solche Angebote von ihrer Fraktion nicht.

Im Plenum erlebe ich etwas ganz Besonderes: Unter mir sitzen sie also. Die Volksvertreter. Ich bin so nah, und doch so fern. Ich bin live dabei, als Merkel sich zum europäischen Rat äußert. Regierungserklärungen sind die spannendsten Veranstaltungen: Das Plenum ist sehr gut gefüllt. Und die gesamte Regierungsmannschaft sitzt brav auf der Bank. Ich blicke auf Olaf Scholz’s glänzende Glatze, sehe Horst Seehofer, wie er sich mit seinen Kollegen unterhält. Und eine tiefentspannte Kanzlerin, die meint, während der Rede des Fraktionsvorsitzenden der Linken meint, sich unterhalten zu müssen, weswegen sie durch Zwischenrufe der Linke zum Zuhören aufgerufen wird. Neben mir sitzt ein Journalist, ich weiß allerdings nicht, für welches Medienhaus er arbeitet. Sein großes Objektiv zielt auf die Kanzlerin und Scholz. Scholz sitzt neben Merkel, er schaut angespannt aus. Ich ahne schon, wie die Bildüberschrift lauten wird: Die Groko im Dauerstress.

Irgendwie ist es wie in der Schule. Vorne versucht jemand, mal mehr, mal weniger rhetorisch geschickt, das Hohe Haus von seiner Politik zu überzeugen, das Erarbeitete zu erklären, doch die Worte verhallen oft wie ein leeres Echo gegen einen metallisch strahlenden Bundesadler. Das liegt in meinen Augen zum einen daran, dass gerade gegen Ende der Sitzungen am Donnerstagabend fast keiner mehr in Plenum sitzt. Ich zähle nicht mehr als 50 Parlamentarier – von 709 Abgeordneten! Arbeitsparlament eben. Dabei würde es der Demokratie guttun, wenn es mehr lebendigere und aktivere Debatten im Plenum gäbe – Beispiel: England, hier fliegen regelrecht die Fetzen! Bei Nachfrage an die MdBs heißt es nur: Im Plenum wird eigentlich nichts Neues, nichts Spannendes mehr besprochen. Die gesamte Arbeit, die Abstimmungen, die Klärung der Positionen wurden in den Ausschüssen, den AG’s, den AK’s oder in den Fraktionen erledigt. Eigentlich ist also das Plenum nur so ein Sprachrohr nach außen. Manchmal gelangen Bundestagsreden in den Blickpunkt der Öffentlichkeit: Zum Beispiel oft, wenn sich die AfD blamiert. Was eigentlich ziemlich oft vorkommt. Oder eine entsprechende AfD-Zerstörungsrede gehalten wird.

Auch Hans meint dazu: Ich rede eigentlich nicht sehr viel. Die Öffentlichkeitswirksamkeit einer solchen Rede hält sich sehr in Grenzen. Das merke ich auch: Wenn ich in der Arbeitsgruppe Außenpolitik sitze, wird mir klar, dass Hans keine große Lust auf das Reden hat. Gerade als außenpolitischer Sprecher, so dachte ich, sollte er sich zu den großen Tagesfragen der Außenpolitik äußern. Und doch delegiert er eine Rede im Plenum oder Wortmeldung im Ausschuss nach der anderen an die Mitglieder im Ausschuss. Oder er will seinen Kollegen einfach die Chance geben, sich zu profilieren?

Aber nochmal zum Thema Plenum… Ich sehe Heiko Maas sprechen zum Thema Deutsch-indische Regierungskonsultationen, verfolge eine Debatte zur Mobilitätswende…

So viele gesprochenen Worte. Und doch bleiben sie für mich oft nur Worthülsen. Es ist doch so viel gesagt worden, aber wo bleibt das daraus resultierende Handeln? Die Konsequenz? Die Opposition kann doch viel fordern, aber am Ende des Tages kämpfen sie doch alle um die paar Sekunden in der Tagesschau oder den Tagesthemen. Politik ist dann doch letzten Endes ein Aufmerksamkeitsgeschäft.

Richtig interessant wird es für mich nur zweimal. Bei der Regierungserklärung entlarvt der ehemalige Kanzlerkandidat von 2017, Martin Schulz, jetzt Hinterbänkler, das politische Halbwissen der AfD. Die AfD moniert in einer Bemerkung nach der Rede von Schulz, er solle doch Boris Johnson, einem demokratisch gewählten Vertreter des englischen Volkes, nicht so kritisieren. Daraufhin entgegnet Schulz, das sei doch mal wieder typisch AfD, die Kritik an Johnson sei doch gerade die, dass er nicht vom Volk legitimiert sei. Irgendwie ein cooler Moment. Es sind für mich die schönen, spontanen Minuten im Plenum, wenn sich Politiker streiten – völlig losgelöst von Redemanuskripten und abgesprochenen und totdiskutierten Tagesordnungspunkten.

Ein anderes Mal ärgere ich mich ein wenig: Aufgrund des augenscheinlich langweiligen Tagesordungspunktes („Soziales Entschädigungsrecht“) entscheide ich mich gegen einen Besuch im Plenum. Als ich abends im Bett liege, erfahre ich, dass diese Debatte viral gegangen ist: Bundesminister Heil stellte ein neues Gesetz zur Entschädigung für Opfer von Gewalttaten vor. AfD-Mann Martin Sichert bezeichnete das Gesetz als „Blutgeldgesetz“. Die Antwort von Heil war bemerkenswert: Wissen Sie, wie Kurt Schumacher solche Reden genannt hat`? Die Mobilisierung des menschlichen Schweinehunds. Und das haben Sie mit dem Begriff „Blutgeldgesetz“ zum Ausdruck gebracht. Sie sollten sich schämen für diese Rede!“.

Wobei ich nicht weiß, ob mir doch übel geworden wäre bei dieser AfD-Rhetorik.

Aber zum Thema AfD-Bashing. Im Ausschuss konnte ich eine ganz konträre Bemerkung machen: Während vor den Kameras die „Altparteien“, um AfD-Speech zu benutzen, mächtig Stimmen gegen die AfD machen, so waren sie zumindest im Verkehrsausschuss alle sehr freundlich zueinander. Lag es daran, dass es beim Thema Verkehr und digitale Infrastruktur wenig Bezug zu Flüchtlingen gibt? Oder einfach, weil das öffentliche Interesse so gering ist? Vom Ausschussvorsitzenden Cem Özdemir, der ja des Öfteren als scharfer Angreifer der AfD aufgefallen ist, war ich überrascht.

Als Politiker musst du zur Marke werden. Du musst Schneid besitzen und irgendwie Kultstatus erlangen. Bei Hans ist das aber noch nicht der Fall. Er leistet inhaltlich bestimmt gute Arbeit, doch er ist kein Gesicht, das Leute beim Einkaufen erkennen. Und vielleicht will er das auch nicht. Auch das ist völlig legitim.

Was mich umso mehr erstaunt, ist die Vielseitigkeit des Berufes: An einem Tag 5,6,7, 8 Termine zu absolvieren, ist schon beeindruckend. Und sich auf jede neue Situation einzustellen, sich auf den Gesprächspartner vorzubereiten und dabei immer aufmerksam und konzentriert zu bleiben, halte ich für beachtenswert. Man sollte ein Team haben, auf das man sich zu 1000% verlassen kann.

Man kommt in Berlin schon mal auf eine 70-Stunden-Woche, im Wahlkreis können es auch mal 60 sein. Wie man daneben noch Nebenbeschäftigungen nachgehen kann, ist mir ein Rätsel. Bei dem Pensum an Arbeitsstunden kann sich aus meiner Sicht keiner beklagen, dass die Abgeordneten zu viel verdienen. Angela Merkel verdient im Monat genauso viel wie jeder Sparkassenvorstand, es sind ca. 20 000 Euro. Mit einer Diät von 10 000 Euro plus Zulagen ist man im Vergleich zu Führungskräften in der freien Wirtschaft, die genauso viel arbeiten, noch gut bedient. Finanziell geht es den MdB’s also nicht schlecht. Hinzu kommen Bahncard 100, eine Rund-Um-die-Uhr-Nutzung der schwarzen Limousinen des Bundestags im Raum Berlin, Bürokostenpauschalen und ab und zu kostenlose Mittagessen… Freie Ausübung des Mandats eben.

Wobei zur Wahrheit auch gehört, jeder MdB kann sich aussuchen, welche Termine er macht. Man könnte eigentlich den ganzen Tag sich mit Journalisten treffen, auf Verbandstreffen rumlümmeln und lecker essen oder Reden bei drittklassigen Vereinen halten – mal überspitzt gesagt. Ich glaube, die Abwechslung der Termine und Gesprächspartner macht den Reiz des Berufes aus. Und dazwischen muss natürlich Zeit im Büro sein – zum Akten lesen, zur Vorbereitung. Und Freizeit und private Termine seien unseren Volksvertreterinnen und Volksvertretern bitte auch gegönnt!

Und sagen wir es so, wer an Terminen eher spart und sich ein einfaches Leben macht, darf sich dann nicht wundern, wenn er nicht wiedergewählt wird oder er bei der Listenaufstellung der Partei nicht mehr berücksichtigt wird… Wieso ist dann die AfD oftmals in Reih und Glied vollzählig im Plenum vertreten?

Letztendlich lebst du als Bundestagsabgeordneter fremdbestimmt. Trägt dein Mitarbeiter die falsche Adresse in den Kalender ein, dann bist du am falschen Ort. Pech gehabt.

Von vielen Anfragen und Themen im Wahlkreis bekommst du gar nichts mit. Das wurde mir klar, als ich eine Antwort mit „Dr. Hans Klein“ unterschreiben musste. Hans weiß nicht, dass sich eine gewisse Frau XY zum Thema Masernschutz meldete. Die Frau ist happy, weil sie zeitnah eine Antwort ihres Abgeordneten erhielt. Komische Situation, aber anders lässt sie sich aufgrund des hohen Zeitpensums kaum lösen.

Ich hielt es anfangs für einen befremdlichen Gedanken, dass sich als MdB-Mitarbeiter dein gesamtes Berufsleben nur um eine einzige Person dreht. Im Prinzip weißt du als Mitarbeiter, und sogar als Praktikant, mehr über den Tagesverlauf als der Abgeordnete selbst. Wer hat denn das Treffen vereinbart? Die Rede geschrieben? Das Briefing vorbereitet? Den Kaffee gekocht? Den Gast abgeholt?

Als Abgeordneter „lebt man dann einfach in den Tag“. Die Mitarbeiter werden schon’s richten. Klingt sehr negativ, hat aber alles seine Daseinsberechtigung.

Trotzdem könnte ich es mir durchaus vorstellen, eines Tages neben des Studiums für eine Abgeordneten zu arbeiten. (Spoiler an dieser Stelle: Das habe ich tatsächlich – jedoch eine Ebene tiefer, auf der Landesebene. Von 2020 bis 2025 war ich als studentischer Mitarbeiter für einen Landtagsabgeordneten tätig und habe Bürgeranfragen und Reden geschrieben.) Man ist hautnah dabei – egal, ob es bei Gesprächen, im Plenum, im Austausch mit der Besuchergruppe – geht.

Im Bundestag schlägt das Herz unserer parlamentarischen Demokratie. Damit dieser Herz weiter schlägt, ist eine saubere parlamentarische Arbeit und somit die Tätigkeit der Abgeordneten und aller Mitarbeiter des Bundestages von existenzieller Bedeutung. Dieses schlagende Herz in der sitzungsfreien Zeit zu erleben, hätte mich interessiert: Alle Abgeordneten im Wahlkreis, nur die Mitarbeitern tippen emsig auf der Tastatur herum. Aus dem Büro hieß es nur: Wir freuen uns echt auf nächste Woche, da wird es hier ruhiger!

Und irgendwie ist es schon cool, in der Kantine auf einmal in der Schlange mit Dietmar Bartsch zu stehen, Wolfgang Kubicki im Gang zu treffen oder mit Schäuble persönlich Aufzug zu fahren. Bei meinem letzten Gang durch den Bundestag, bevor ich das Paul-Löbe-Haus für immer verließ, traf ich übrigens den damaligen Fraktionschef Ralph Brinkhaus, der mir freundlich zulächelt. Er war wohl nach zwei Sitzungswochen müde und freute sich auf die Heimreise in den Wahlkreis, wo die Arbeit von vorne beginnt.

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