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Gräben

Endlich ist es an der Zeit, dass ich einen Text über Gräben schreibe. „Gräben?“  werden jetzt manche denken. Hat er sich vertippt, meint er den Plural von Graben?Tatsächlich ist Gräben, ein 500-Seelen-Einwohner-Dorf in Brandenburg einer der emotionalsten und schönsten Orte auf der ganzen weiten Welt. Es ist mehr als nur ein Dorf. Ich möchte im Folgenden Einblicke in die Soziologie dieses Ortes geben und schildern, wie ich dadurch geprägt wurde.

Und nun musste ich mein Leben in Rio de Janeiro kurz für 10 Tage unterbrechen. Meine Oma ist überraschend und nach einem zweijährigen Krebsleiden verstorben; ich bin zur Beerdigung gekommen. Und ich erlebte diese Oase als wohltuend, eine sehr willkommene Abwechslung zum Trubel an der Copacabana. Ein paar Tage abschalten, die Ruhe genießen.

Doch fangen wir ganz von vorne an:

Wenn ich als Kind und als Jugendlichen den Satz hörte „Wir fahren nach Gräben“, dann bedeutete dies übersetzt: Ich werde eine Woche lang schönste Natur sehen. Ich werde ein paar Tage lang Oma und Opa sehen und mich von ihnen verwöhnen lassen. Ich kann mich wirklich entspannen und die Seele baumeln lassen. Ich bin eine Woche raus aus meinem Alltag.

Nun, als junger Erwachsener, hat sich daran fast nichts geändert. Nur, dass Oma nicht mehr da ist.

Es ist sehr merkwürdig, in das Haus zu kommen und sie nicht mehr anzutreffen. Die letzte Woche ihres Lebens war ich nur über Videotelefonie zugeschaltet, ich habe mich nur noch über ein kurzes Video verabschieden können. Jetzt sitze ich im Wohnzimmer und starre auf einen leeren Sessel. Normalerweise würde sie darin sitzen, mich mit ihren ozeanblauen Augen mustern und mir 1000 Fragen über mein Studium, meine Beziehung, meine Reisen und mein Befinden stellen. Sie würde die Däumchen drehen und laut nicken, wenn die Nachrichten im ZDF liefen. Oder einen Krimi von Nele Neuhaus lesen.

Sie würde hereinkommen, während ich am Arbeiten, vielleicht ja am Tippen dieses Blogs wäre, die Tür vorsichtig aufmachen, so wie sie es immer tat und sagen: „Mark, soll Oma dir noch zweee Schrippen warmmachen?“ Dieser Satz ist zentral. Er fand auch Verwendung in meiner Rede beim Trauerkaffee nach der Beerdigung. Mein Opa bat mich darum, es war mir eine große Ehre, jedoch gleichzeitig auch die schwierigste Rede meines Lebens.

Vielleicht würde sie auch sagen: „Mark, das Essen ist fertig!“. Und am gedeckten Tisch in der Veranda würde mich eine köstliche Hähnchenkeule mit Reis, ihr fabelhaftes Frikassee oder schmackhafte Kohlrouladen erwarten. Natürlich mit Nachschlag. Oma stand zu oft auf, um mir noch etwas zu bringen. Anschließend machte sie den gesamten Abwasch – „Ist gut, Mark“. Sie akzeptierte selten Hilfe. Sie stellte alles zurück, auch ihre Gesundheit, wenn es um unser Wohl ging.

Gerne saß sie hinten im Garten, bei den Vögelchen, mit Mona auf dem Schoß. Ich redete mit ihr über das Leben, über das Aufwachsen in Brandenburg a.d. Havel, fragte sie über die schlesische Herkunft ihrer Eltern aus. Dann lachte sie immer, auf ihre unverwechselbare Art und Weise. Mit einer Fleece-Jacke würde mein Opa sich dazugesellen und weitererzählen. Bis die kühle Abendluft uns in die warme Stube trieb. Ich trank meinen Weißwein.

Sie ist Teil von Gräben und wird es auch immer sein. An jeder Ecke habe ich Erinnerungen an sie. Ihre lila Jacke hängt noch an der Treppe, ihre Schuhe stehen im Schuhregal. Es ist wirklich hart, die Schubladen zu öffnen, immer die Angst, Persönliches zu finden. Ein durch und durch wunderbarer Mensch, der mich mit seiner Intelligenz und Klugheit bereicherte. Wenn ich wieder auf ein schwieriges Wort beim Kreuzworträtsel nicht kam, dann schaute ich zu Oma. Sie überlegte kurz und trug es in ihrer runden Schrift in die Kästchen ein. Oftmals war das Rätsel schon halb ausgefüllt, sie ließ die Hälfte für mich übrig. Die Zeitung lag neben dem Korb mit den warmen Schrippen. Es ist schwer, nicht zu weinen beim Verfassen dieser Zeilen.

Morgen reise ich wieder nach Rio de Janeiro, es fühlt sich sonderbar an. Jetzt habe ich nach 10 Monaten die gesammelte Mannschaft gesehen, umarmt, gelacht, an Oma gedacht. Nun lasse ich meinen Opa zurück, den ich so tapfer erlebt habe. Er hat sein Lachen und seine Geschichten nicht verloren. Er fragt viel, interessiert sich genau wie Oma für mein Leben. Hat dieses Glänzen in den Augen, wenn er von seinem Enkel in Anwesenheit von anderen erzählt. Das Haus ist riesig, es gibt viel zu tun. Und ich bin sehr froh, dass mein Opa gesundheitlich fit ist. Er läuft, redet, hört und sieht ohne weiteren Probleme. Er fährt mit fast 90 Jahren problemlos Auto, kann Arbeiten am Haus noch erledigen. Am meisten freut mich aber, dass er ein belesener und hochgebildeter Gesprächspartner geblieben ist, der mir als wandelndes Geschichtsbuch die Welt erklärt. Kaum vorzustellen, dass er, 1937 geboren, zwei Diktaturen, die Umstellung von Schreibmaschine auf Computer, den Mauerbau und Mauerfall, die dunklen Kriegsjahre, die technologische Revolution und KI erlebt und selbstverständlich adaptiert haben.

Jedenfalls ist sind Oma und Opa der Hauptgrund dafür, dass es mir in Gräben so gutgeht.

Es war für mich nicht einfach, die Großmutter in Rio zu verlieren. Ich war so weit weg, konnte ihre Hand nicht zum letzten Mal halten.

Gräben, das bedeutet für mich oft folgenden Tagesablauf – ich gewähre einmal einen kleinen Einblick.

Gegen 8 oder 9 stehe ich auf. Ich liege noch in meinem Zimmer, von allem die „Bibliothek“ genannt. Mein Opa, ein sehr belesener Mann, hat hier alle seine Bücher alphabetisch geordnet, im Bücherregal stehen. Wenn das Licht durch das große Dachfenster hineinkommt und ich mich zur Seite lege, sehe ich immer diese eine Buch beim Aufwachen „Seemacht“. Daneben …

Irgendwann komme ich herunter. Im Sommer (etwa Mai bis September) frühstücken wir in der Veranda im vorderen Teil des Hauses, im Winter findet das allmorgendliche Frühstück im Esszimmer, neben der Küche statt. Das ist feste Tradition. Der Frühstückstisch ist bereits gedeckt: Warme Schrippen stehen auf dem Tisch, zusammen mit den Marmeladengläsern, bei denen der Deckel abgeschraubt und stattdessen ein kleiner Löffelchen steckt. Gesüßte Erdbeeren aus dem Garten, ein glas Nudossi, eine sauleckere DDR-Haselnusscreme, die man noch vereinzelt findet, feiner Bauernschinken und die zartschmelzender Butter. Vielleicht noch Knusperflakes. Ja, ich ernähre mich nicht immer gesund. Ein, zwei Kilo mehr auf der Waage nach Gräben sind normal. Aber diese Kilos dürfen auch sein. Ich genieße das Frühstück, jeden Bissen der warmen Schrippe. Danach begebe ich mich ins Wohnzimmer. Auf dem Frühstückstisch hatte ich schon auf das Kreuzworträtsel der Märkischen Allgemeinen geschielt. Oma hatte in der Regel schon bearbeitet. Im Wohnzimmer setze ich mich an das Kreuzworträtsel und löse es fertig, manchmal mit elektronischer Hilfe.

Anschließend begebe ich mich, im Sommer nach draußen. Ich hole mir einen Gartenstuhl samt Polster und lege mich in die Sonne. In den großen Garten. Absolute Stille. Genauso wie nachts. Nur ab und zu nervt der Mährobotor der Marke Stihl, Oscar, der dreimal am Tag unbeirrlich seine Bahnen zieht. Ich lese gute Artikel aus meiner Lieblingszeitschrift, dem Spiegel, alternativ einen dicken Wälzer für die Uni oder sonstige Literatur. Ich kann in Gräben alles: entspannen aber auch produktiv sein. Anträge, Hausarbeiten, Klausuren wurden hier schon konzipiert, aber auch Klassiker gelesen (mitgebracht oder aus der Bibliothek)

Gräben ist im Winter natürlich ganz anders als im Sommer. Unterschied wie Tag und Nacht. Beides gleich wohlig warm. Im Winter kuschelt man sich im Wohnzimmer zusammen, schaut man bis spät in die Nachts die Heute Show oder Extra3 (meine Kindheit), isst dabei die Schoko Crossies aus dem Süßigkeitenschrank. Im Sommer beendet man den Tag mit einer ordentlichen Partie Rommy mit Oma und Opa im Garten, während die Sonne die Grasspitzen ins Bett küsst und der Riesling perlt.

Gräben bedeutet, beim Duschen oder Toilettengang Antenne Brandenburg oder Fritz hören zu können (Opa dachte damals schon beim Einbau an beide Generationen)

Gräben bedeutet, lange im Bett in der Bibliothek ausschlafen zu können und am Abend zuvor die Sterne durch das Velux-Fenster beobachten zu können

Gräben, das ist der Geruch nach warmen Schrippen und nussiger Nudossi-Creme, die auf dem Brötchen vom Bäcker aus dem Nachbardorf Wollin streichzart schmilzt.

Gräben, das sind ruhige Momente auf der Hollywood-Schaukel im Garten mit einem guten Buch

Gräben sind lange Radtouren durch sandige Böden, Kiefernwälder und keiner Menschenseele.

Gräben ist dort, wo meine deutschen Wurzeln liegen. Wo die Familie ist.

Gräben ist ein Ort der Ruhe. Der Seelenruhe und der letzten Ruhe auch.

Es sind diese Orte, an denen man Wieder Kind ist. Sich nicht erklären muss. Alles stimmt. Wenn jedes Möbel dich einlädt, dich zu setzen, eine Tasse Kaffee zu trinken und gute Gespräche zu führen, während Opa erzählt und man durch Kindheitsalben seines Vaters aus dem Jahr 1966 blättert.

Interessanterweise besitze ich zu Gräben eine andere Anziehung als zu manch anderen Orten wie Tübingen, an denen ich fünf Jahre gelebt habe. Ich will nicht sagen, ob stärker oder nicht, aber auf jeden Fall anders.

Jetzt denke ich an meinen geliebten Opa, der ohne Oma im Wohnzimmer sitzt. Alleine im Garten. Der Fernseher läuft. Nur nicht mehr ihre Programme, die laufen. Der ganz stark und tapfer ist. Wie muss das so wohl sein, jemanden nach 63 Jahren zu verlieren? Jeden Tag gemeinsam aufzuwachen, jemanden zum reden haben. Ich kann es mir nicht anmaßen…

Als ich zum ersten Mal in die Küche kam und sie nicht da war, habe ich laut geweint. Zuviele Erinnerungen.

 

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