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Parasite | Filmrezension (ACHTUNG SPOILERALARM!)

Tagchen Ihr lieben Menschen da draußen!

Ich versuche mich heute mal an meiner ersten Filmrezension. Ich habe sowas noch nie zuvor gemacht und wirklich keine Ahnung. Also nicht wundern, wenn das Pamphlet hier eher einer Filmanalyse gleicht als einer knallharten Kritik, wie Ihr sie von Filmkritiker*innen eures Vertrauens kennt.

Es soll um den preisgekrönten Film „Parasite“ (2019) gehen. Ein Film, der mich auf mehreren Ebenen gepackt, wenn nicht sogar berührt hat. Und daher dachte ich mir: Da ich gerade eh nichts Besseres zu tun habe, schreibe ich einfach mal diesen Text.

+++WARNUNG+++ DIESER FILM IST SEHR GUT. IM UNTEN STEHENDEN TEXTEN SIND SPOILER NICHT AUSZUSCHLIESSEN. DAHER MEINE BITTE, SCHAUT DIESEN KNALLER ERST, BEVOR IHR MEINE ZEILEN DAZU LEST!!!!+++++++

Ich hatte von dem wahnsinnigen Erfolg dieses südkoreanischen Werkes nur am Rande mitbekommen, ich war also relativ ahnungs- und erwartungslos, als die Wahl des Films im Autokino auf Parasite fiel. War auch mein erstes Mal in einem Autokino 😉

Tja, wo fange ich an. Der Plot lässt sich leicht zusammenfassen: Eine arme Familie aus einem unteren Teil Seouls schafft es, mittels Manipulation und kleiner Intrigen, sich in den Lebensalltag einer anderen reichen Familie Park einzunisten, die im oberen Teil der Stadt wohnt. Warum ich hier auf die lokalen Indikationen „oben“ und „unten“ beharre, seht ihr unten.

Soweit so gut. Aber was steckt dahinter? Diesem Film gelingt es, den Klassenkampf und die Klassengesellschaft auf eine Art und Weise zu demaskieren und zu persiflieren, die mir sehr imponiert hat. Eine Zeitschrift betitelte „Klassenkampf im Bambusgarten“ oder „Kapitalismuskritik für alle Sinne“.

Ich möchte hierbei meine allgemeinen Bemerkungen in mehrere Zwischennotizen aufdröseln, damit das visuell etwas klarer wird.

 

Fangen wir an mit den Rollenverteilung. Die geographische Position der Charaktere, die zugleich auch als soziale Position gespiegelt werden kann, spielt in Parasite nämlich eine zentrale Rolle.

 

Hier oben wohnen die Parks. 

Die Parks haben eine Haushälterin, Chauffeur, fahren einen luxuriösen Mercedes sowie einen LandRover und bewohnen ein Designerhaus eines renommierten Architekten in Höhenlage. Zum Haus später mehr, es erfüllt ebenfalls eine elementare Funktion. Nathan Park, das Familienoberhaupt, ist erfolgreicher Geschäftsführer eines IT-Unternehmens und hält einen Abschluss einer Exzellenzuniversität. Die Madame, wie sie im Film genannt wird, besitzt weder Talent zur Hausarbeit, zum Kochen oder zum Putzen und sticht durch ihr „kindlich-naives Gemüt“ hervor (soll an dieser Stelle auf keinen Fall sexistisch sein, es wird im Film explizit so erwähnt). Die Parks haben zwei Kinder, Da-song (gesprochen Tasong), ein hyperaktiver Junge im Grundschulalter, dem die Eltern sofort eine künstlerische Hochbegabung attestieren und Ta-Hye (gesprochen Tahä), ein schüchternes und zartes Persönchen, die Nachhilfe in Englisch braucht.

 

 

 

 

 

 

                                                                                                            Hier unten wohnen die Kims.

                                                                                                                   Die Kims lassen sich weder von einem Chauffeur durch die Gegend  kutschieren noch das Essen von einer Haushälterin zubereiten, sondern haben alle keinen Schulabschluss. Sie bewohnen ein Haus, nein, man kann es eigentlich nicht Haus nennen, eher eine zusammengeschusterte Unterkunft, auf die die Betrunkenen der Stadt in regelmäßigen Abständen draufpissen und die schmutzige Toilette am höchsten liegt. Ihren Unterhalt verdienen sie sich durch das lieblose Zusammenfalten von Pizzakartons, ihre Lage schreit nach Ausweglosigkeit und verzweifelter Armut.

 

Die beiden Familien trennen nicht nur die gesellschaftliche Stellung, sondern auch gefühlt zweitausend Treppenstufen zwischen Reichenviertel im Norden und den Behausungen der Unterschicht. Es sind zwei Welten, die sich ohne fremdes Zutun niemals begegnen würden. Was ein Glück, als ein Freund von Ki-woo (Kevin) aufgrund eines Auslandsstudiums wegzieht und somit die Stelle als Nachhilfelehrer für die reiche Ta-Hye frei wird. Schnell werden von Schwester Ki-sung die Abschlusszeugnisse per Photoshop gefälscht und auf persönliche Empfehlung wird „Herr Kevin“, wie er von den Parks genannt wird, eingestellt.

Das stellt den Beginn eines erbarmungslosen Parasitentums dar, der dafür sorgt, dass alle vier Kims früher oder später eine Anstellung bei den Parks finden. Zufällig kennt Lehrer Kevin eine qualifizierte Kunsttherapeutin, die in Illinois studiert hat, die Da-Song helfen kann, sein überdurchschnittliches Talent in der Kunst zu kanalisieren. Natürlich verlangt Frau „Jessica“, die natürlich Kevins Schwester ist und nicht mal studiert hat, viermaligen Unterricht die Woche zu den höchsten Stundensätzen. Dem Fahrer der Parks hängen sie hinterlistig eine Affäre an – und im Nu chauffiert Vater Kim den vielbeschäftigten Herrn Park im Mercedes umher und fährt dabei sanfte Kurven. Fehlt nur noch Mama Kim, die sich später als zuverlässige Haushaltshilfe bei den Parks herausstellt. Zuvor musste natürlich die langjährige Haushälterin, die das Haus der Parks besser kennt als irgendjemand anderes, durch Pfirsiche beseitigt werden.

„Persönliche Empfehlungen sind das einzige, worauf ich mich im Moment verlassen kann“, sagt Madame Park.

Urkomisch ist die Szene, in der Mama Kim bei der Arbeit das Zimmer von Ta-Hye betritt, in der ihr Sohn gerade Nachhilfeunterricht gibt und sie ihm sanft durch die Haare wuschelt, um daraufhin im Nebenzimmer von ihrer Tochter, die gerade eine überqualifizierte Kunststunde abhält, gemaßregelt zu werden , sie solle das Obst doch lieber draußen abstellen. Alle vier sind nun Teil jener neuen Welt, die sie zuvor nur aus Katalogen kannten. Sie nutzen die Gutgläubigkeit der Parks aus, um sich Zutritt und Geld zu verschaffen.

„Das Geld fließt von ihr Haus direkt in unseres“

Die ganze Raffinerie wirkt bis in kleinste Detail durchgeplant und scheint wunderbar aufzugehen. Selbst als der kleine Da-Song bemerkt, dass alle vier Angestellten der Familie nach Kellermief duften, wird kurzerhand die Seife und das Waschmittel für jeden umgestellt.

Mit den vier Gehältern kommen sie also ganz gut über die Runden – und das in Zeiten, in denen sich nach Angaben von Vater Kim, 500 studierte Kandidaten auf einen Wachtmeisterposten bewerben.

Soweit so gut, könnte man meinen. Solange die ahnungslose Parks nichts davon merken, kann der Schwindel ja eine Weile gutgehen. Wäre da nicht dieser Campingurlaub der Parks am Wochenende, währenddessen sich die Kims nun ganz demaskiert wie die Könige in dem Luxushaus einrichten und die Alkoholvorräte leersaufen.

Das Spannende dabei ist: Groß ist der Hass der Kims auf die sozial Bessergestellten, ergo ihre Arbeitgeber, nicht. Selbst im besoffenen Zustand wird die Freundlichkeit, aber auch die Naivität der Parks betont.

Wobei hier ein aus meiner Sicht zentraler Satz fällt, als Mama Kim betont, dass sie auch so freundlich wäre, wenn sie soviel Geld hätte:

„Geld ist wie ein Scheiß Bügeleisen, es bügelt all die Sorgen glatt“

 

Alle liegen lachend auf dem Edelsofa, umgeben von teurem Alkohol, Ta-Hyes Tagebuch (ach ja, Kevin hat sich in seine Nachhilfeschülerin verliebt und sie auch schon geküsst!) und feinstem Teppichboden. Draußen regnet es in Strömen.

Und dann – ding dang dong. – Kurzes Herzpochen im Autokino – Sind die Parks aus ihrem Campingurlaub vorzeitig zurück? Wird alles auffliegen? Panik.

Dabei ist es nur die Ex-Haushälterin, die wie ein begossener Pudel um Einlass bittet, sie habe schließlich nach ihrer Kündigung keine Zeit mehr gehabt, noch ein persönlichen Gegenstände mitzunehmen. Schnell sind die drei Kims versteckt und Mama Kim, die neue Haushälterin, lässt sie hinein und bemerkt, dass sie überdimensional viel Zeit zum Holen ihrer Dinge braucht.

Und ab hier verwandelt sich der Familie von einer Sozialromantischen Komödie in einen düsteren Krimi, man kann auch schon fast sagen Horrorfilm. Ja, es wird Blut fließen. Reiches wie armes. (Gerne also hier aufhören, wer den Film wirklich nicht gesehen hat.)

 

Es stellt sich nämlich heraus, dass die Kims nicht die einzigen Parasiten der Parks sind. Die Ex-Haushälterin hielt seit vier Jahren ihren Mann im Bunker des Hauses versteckt – weder von der Existenz des Mannes noch des Bunkers haben die Parks auch nur die leiseste Ahnung, da sie das Haus von der Architektenlegende übernahmen, bei der die Haushälterin vorher schon gearbeitet hatte. In der Übergangsphase zwischen den Bewohnern hatte sie also genügend Zeit, um ihren von Kredithaien gechassten und bedrohten Mann sicher unterzubringen. Wenige Male die Woche begibt sie sich in das tiefe Verlies, um ihren Mann Nahrungsmittel zu bringen. Durch die schnelle Kündigung konnte sie nicht nochmal runter und so freut sich der Mann überaus, als er wie ein Baby an einer Milchflasche wieder nuckelt. Ihr Mann vertreibt sich die Zeit im Keller damit, über die Lichtanlage Morsebotschaften an Herrn Park ins Haus zu senden, die von der Familie als defekte Anlage deklariert wird.

 

Unauffällig schleichen sich die Kims in den dunklen Keller, ehe auch sie enttarnt werden, kurz bevor Mutter Kim die Polizei rufen will. Es beginnt ein perfides Spiel zwischen den zwei Parasitenfamilien; schnell wird das Handy gezückt und eine Videoaufnahme als Beweis angefertigt, mit der Androhung, es an die Parks zu schicken. Schelmisch lächeln liegt die Ex-Haushälterin mit ihrem inzwischen befreiten Mann auf dem Sofa und massiert ihm den Rücken, während dieser das Handy fest im Griff hält: „Mensch, dieses Handy ist wie der Atomknopf“, lacht er.

Daraufhin beömmelt sich seine Frau darüber, indem sie die nordkoreanischen Nachrichten lautstark imitiert. „An diesem Tage hat unser geliebter Führer eine Videoaufnahme entdeckt …“ Hier wird den Zuschauern klar, welches Spannungsverhältnis die Beziehung von Nord- zu Südkorea darstellt. Viele reiche Südkoreaner*innen, so heißt es, ließen sich einen Bunker ins Haus bauen. Er sollte eigentlich als Schutzmaßnahme vor einem Supergau oder einem nordkoreanischen Raketenangriff dienen. So tiefen sitzen die Wunden also noch.

Als die ganze Story dann ihren Höhepunkt annehmen soll, klingelt das Telefon. Dieses Mal sind es wirklich die Parks, die anrufen. Der Ausflug ist ins Wasser gefallen, sie sind in 8 Minuten da und ach ja, die Haushälterin solle bitte Ram-Dong (Lam-Dong), eine Spezialität, zubereiten.

Jetzt heißt es: In Windeseile alles abräumen, Glasscherben unter den Tisch kehren, die Ex-Haushälterin und sein Mann werden kurzer Hand gefesselt und in den Keller geworfen. Tür zu, abgeriegelt, schnell verstecken sich die drei Kims unter den Wohnzimmertisch. In der Sekunde, in der das letzte Familienmitglied wie eine Kakerlake hineinkrabbelt, kommen die Parks hinein. Zum Pech der Kims haben sie wenig Lust auf das von Mama Kim in Rekordzeit vorbereitete Abendessen, der kleine Da-song möchte lieber in seinem eigens in den USA angefertigten Tipi im Garten übernachten. Daher nächtigen Vater und Mutter gleich im Wohnzimmer mit Blick auf den Bambusgarten, von wo aus sie den Jungen gut im Blick haben. Keinen halben Meter entfernt von Kevin, Jessica und ihrem Fahrer, die es sich mit den Scherben unter dem Tisch gemütlich gemacht haben.

 

Es sind auch die kleinen Spitzen der sonst so diplomatischen Parks gegen ihr Personal aus der Unterschicht, die diesen Film so grandios machen.

Die Kraft des Geruchs

„Möchten Sie etwas Ram-Dong?“, fragt Mutter Park die Haushälterin, als niemand sich an ihrem Essen bediente. „Ja gerne, wenn ich darf“ entgegnet diese. „Ach nein, das kann ja der Vater meines Mannes essen“, überlegt es sich die Madame anders.

Auch als sich die Parks, auf dem Sofa liegend, zum ersten Mal vor dem Publikum über ihre Angestellten lustig machen, spürt man das besonders. Es geht um ein zentrales Element im Film: Den Geruch. Das Paradoxe ist ja, dass man das Olfaktorische im Kino nicht erlebbar machen kann – es sei denn man besucht eine 4D-Vorstellung. Trotzdem schafft es Parasite, uns den Geruch der beiden Familien in die Nase zu drücken:

„Riechst du das hier auch, Schatz? Unser Fahrer riecht so. Es ist der Geruch nach altem Rettich, nein, ich kann es nicht beschreiben. Es riecht, wie man man alte Putzlappen wäscht. Wenn man U-Bahn fährt, haben die Menschen auch diese.“, merkt Nathan Park an.

„Ich bin seit Ewigkeiten nicht mehr U-Bahn gefahren“, erwidert seine Frau.

Solche Sätze enttarnen. Beim Zuschauen kann man förmlich die schäbige Hütte der Kims riechen, das Bier, das auf dem Tisch steht, die Pisse, die ins Haus strömt, den Geruch nach Insektiziden, den die Stadtverwaltung regelmäßig in die Viertel sprüht. Bei den Parks riechen wir hingegen den Neuwagengeruch des Mercedes-Benz, ein kleines Glas Pflaumenextrakt, das süßliche Parfüm der Dame des Hauses und das Leder ihrer Luxushandtaschen, die wie Museumsstücke in beleuchteten Vitrinen aneinandergereiht sind.

Nach diesen Auslassung über das Personal hat das Ehepaar Sex auf dem Sofa. Mehr Erniedrigung der Kims geht nicht, wenn man bedenkt, dass sie alles mithören.

Als dann alle tief und fest schlafen, gelingt es den Kims, zu entkommen. Draußen regnet es immer noch stark. Und hier noch einmal die Treppensymbolik: Sie müssen klatschnass unzählige Treppen passieren, um schließlich nach ganz unten zu gelangen: nach Hause.

Nur eines stimmt mit ihrem Zuhause nicht. Die Fenster waren offen! Als sie das Haus betreten, steht ihnen das Wasser bis zur Schulter. Und es ist kein Regenwasser, in der braun-gelben Brühe schwimmt so einiges. Zertifikate, Wertgegenstände, alles treib in einem Meer aus stinkender Suppe. (Geruch!)

Besonders cool finde ich den Moment, in dem Schwester Kim sich aus völliger Verzweiflung ins Bad begibt, um sich auf die erhöhte Kloschüssel zu setzen, die im Minuten-Takt Fäkalienwasser hochspült. In lässiger Manier zündet sie sich eine Zigarette an und schaut beiläufig auf ihr Smartphone (hier hat sie nämlich WLAN-Signal). Eine echte Draufgängerin eben.

Die Nacht verbringen die drei Kims dann in einer Turnhalle, in der auch die restlichen Nachbarn untergebracht sind. Nur fällt den Parks am nächsten Morgen – die Luft ist rein und das Wetter spielt wieder mit – ein, jetzt doch noch eine Geburtstagsparty für den verwöhnten Da-Song zu schmeißen. Schnell die Kims aus ihrer Turnhallen-Matratze herausgeklingelt, werden Fahrer, Lehrerin Jessica und Herr Kevin zur Feier des Tages eingeladen – natürlich bezahlt versteht sich. Einen unsanfteren Übergang von bitterster Not zu verschwenderischem Reichtum kann man sich nicht vorstellen. Im Auto, als Vater Kim die Madame zum Einkaufen in die schicksten Supermärkte vorfährt, bemerkt diese zu ihren reichen Tussi-Freundinnen:

„Ja, der Himmel ist wunderbar heute und ohne Smog, das war wohl der Regen (affektiertes Gelächter). Aus Zitronen Limonade machen. Und nochmals. Nein, keine Geschenke, nein. (natürlich werden die Gäste überteuerte Geschenke mitbringen). Ihr habt doch einen Mini-Cooper? Den stellen wir in die Garage.“

 

Dann hält sie sich die Nase zu. Der Geruch des Fahrers. Allein der Blick von Vater Kim spricht hier Bände.

 

Die Party beginnt. Anzumerken, dass Mutter Kim von dem Schlamassel zuhause nichts weiß, sie hat schließlich die Nacht bei den Parks verbracht. Und die Geiseln sind immernoch im Keller – die Ex-Haushälterin erlag wohl einer Gehirnerschütterung und ist tot, ihr Mann hat sich aus den Fesseln befreit und plant bereits den nächsten Rachefeldzug.

Kevin plagen indes Gewissensbisse, wie es den Bewohnern im unteren Teil des Hauses geht. Er wagt sich in den dunklen Keller, wo er dann vom Entfesselten selbst gefesselt wird – er schafft es sich jedoch zu befreien und wird mit einem Stein gewaltsam erschlagen. Man hat den Eindruck, er stirbt am Tatort.

Der Rächer, völlig verblutet im Gesicht, schnappt sich das schärfste Messer, das er in der Küche finden kann, und bewegt sich langsam nach draußen. Die weiße Sonne blendet ihn, keiner nimmt richtig Notiz von seiner Anwesenheit. Das Blutbad ist eröffnet.

Vater Kim ist inzwischen, zusammen mit seinem Chef, als Indianer verkleidet und versteckt sich mit ihm hinter einem Busch. Es soll eine Überraschung für den kleinen Jungen werden. Wenn die Torte gebracht wird, sollen sich die beiden Männer auf sie stürzen, um dann schließlich vom Indianer Da-Song befreit zu werden. Eine Schlüsselszene aus meiner Sicht ist auch hier das Gespräch zwischen den beiden Erwachsenen:

Nathan Park: „Es tut mir so leid, dass sie das tun müssen, ich finde das auch albern, aber die Mutter von Da-Song besteht darauf“

Vater Kim (der eigentlich andere Sorgen hat, dessen Haus unter Wasser steht, aber an diesen Samstag in stinkenden Klamotten für die Feier eines reichen Rotzlöffel in ein Indianerkostüm schlüpfen muss):  „Ihre Frau scheint sich ja mächtig ins Zeug zu legen für solche Events. Aber was bleibt Ihnen übrig, Sie lieben Sie ja.“ Kurze Pause. 

Nathan Park: im ersten Halbsatz noch zustimmend nickend, dann verfinstert sich seine Miene. Er schaut ihn mit einem kühlen herrschenden Blick an und macht klar, wer hier das Sagen hat.

„Vergessen Sie nicht, Herr Kim. Sie bekommen heute Wochenendzuschlag. Sehen Sie das heute als Ihre ganz normale Arbeit.

Wieder spricht das Gesicht von Herrn Kim Bände. In ihm erwacht langsam sein Stolz, wo er sich doch sonst so unterwürfig seinem Chef gegenüber zeigte („Wenn ich jeden Morgen ein Familienoberhaupt, einen erfolgreichen Geschäftsführer und einen einsamen Mann auf dem Weg zur Arbeit begleiten kann, dann macht meine Arbeit Sinn.)

Hier muss dazu gesagt werden, dass es für Herrn Park immer existenziell wichtig erschien, dass seine Hausangestellten immer „wissen, wo die Grenzen sind“. Das lobte er schon an seiner Ex-Haushälterin, nur, dass er sich wunderte, warum sie immer für zwei Personen aß (jetzt weiß der Zuschauer warum…). Vor dem Sex mit seiner Frau auf dem Sofa, bevor er sich über den Geruch des Fahrers ausließ, äußerte er jedoch, dass er seinen Fahrer durchaus schätze, da er eben noch nie die Grenze überschritten habe, auch wenn er kurz davor gestünden habe. In der oben geschilderten Szene hat Herr Kim – in den Augen von Herr Park – ganz klar die ominöse „Grenze“ überschritten.

Was diese Grenze genau ist, wird im Film nicht genauer definiert, auch wenn ziemlich klar sein sollte, was damit gemeint ist. Paradox ist für mich, dass es eine solche Situation bereits schonmal gegeben hat: Herr Park äußerte sich nach der Entlassung der ehemaligen Haushälterin über das fehlende Talent seiner Frau und dass das Haus wie ein Saustall aussehen würde, sollte nicht bald eine Nachfolgerin eingestellt sein. Daraufhin fragt Herr Kim, ob er denn seine Frau trotzdem liebe, woraufhin dieser in sympathisches Gelächter ausbricht. Also das selbe Thema (Liebe zu seiner Frau), unterschiedliche Reaktionen. Warum ich diese Szene so ausführlich schildere? Sie ist hilfreich, um zu verstehen, was danach passiert.

 

Ach ja, zurück zu unserem Mörder. Der geht inzwischen, von lauthalsigem Geschrei und den ausklingenden Tönen des Streichquartetts begleitet, auf Jessica zu und rammt ihr das Küchenmesser in die Schulter. Sekundenstille.

Da-Song fällt ihn Ohnmacht. Kurzer Cut an dieser Stelle: Was ist das Besondere hieran? Der Junge leidet unter einem langjährigen Trauma. An einem seiner Geburtstage, es war spät, ging er runter in die Küche, um von der Buttercremetorte im Kühlschrank zu naschen. Auf einmal vernahm er ein Gesicht, das die Treppen hinaufstieg und fiel in einen Krampfzustand. Es war natürlich der Mann der Haushälterin, der sich in regelmäßigen Abständen nach oben ins Haus schlich, um sich etwas zu Essen zu holen. Jetzt sieht der Junge das Gespenst, so haben es ihm seine Eltern eingeredet, wieder und fällt in Ohnmacht.

 

Das Gemetzel nimmt seinen Lauf. Ta-Hye kommt inzwischen mit dem blutenden Kevin auf dem Rücken in den Garten, Mutter Kim sticht dem Mörder einen Fleischspieß in die Rippen, dieser wehrt sich.

Ein entscheidendes Detail ist: Familie Park ist ausschließlich besorgt um ihren ohnmächtigen Da-Song, nicht um die verblutende Jessica. Nathan Park fordert Vater Kim dazu auf, den Sohn schnell ins Krankenhaus zu fahren, dieser hält jedoch die Hände an seine blutende Tochter. Sekundenstille. „Geben Sie die Autoschlüssel her, sofort!“ Dumpfes Geschrei drumherum. Die Autoschlüssel landen aber unter dem Mann der Haushälterin, die immernoch mit Frau Kim kämpft.

DANN, der entscheidende Moment. Nathan Park rümpft sich die Nase, er ist angewidert von dem Gestank. Daraufhin weiß Vater Kim, was zu tun ist, schnappt sich das auf dem Boden liegende Messer und sticht seinen Arbeitgeber mit mehreren Stichen nieder. Noch mehr Geschrei. Panik macht sich breit.

In dem ganzen Wirrwarr verliert man die Übersicht. Das warme Blut strömt auf den gepflegten Rasen des Bambusgarten, armes und reiches Blut vermischen sich zu einem roten Teppich.

Diese Chance nutzt Vater Kim, um zu fliehen.

 

Vorbei, Abspann, könnte man meinen, aber hier ist noch nicht Schluss. Wie man erfährt, überleben Kevin und seine Mutter, sie kommen mit einer Bewährungsstrafe davon, die Schwester ist leider tot. Als Kevin nach seinem Erwachen aus dem Koma die Fernsehnachrichten zu dem Fall sieht, versteht er die Welt nicht mehr: Sein Vater ist wie vom Erdboden verschluckt.

 

Also fasst er den Entschluss, eines Wintertages der Villa in den verschneiten Bergen einen Besuch abzustatten. Inzwischen wohnen andere Menschen darin. Kevin wartet und wartet. Als es dunkel wird, vernimmt er ein flackerndes Licht. Es ist jene Lampe, die der Mann der Haushälterin selbst jede Nacht bediente, um Nachrichten zu versenden.

Kevin wird bleich. Er drückt auf dem Handy auf Aufnahme und hält die Abfolge der langen und kurzen Zeichen (Morsealphabet) fest.

Es ist ein Brief seines Vaters.

Er ist tatsächlich im Keller. In all dem Chaos, das an jenem Tag des Unfalls vorherrschte, wusste er, wo er sich verstecken müsste. Das Haus stand lange leer und wurde inzwischen an ahnungslose Amerikaner verkauft (an Einheimische sei so ein Haus angesichts der Tragik schwer zu übergeben..). Nun wohne er da unten, es gehe ihm gut. Er habe die tote Haushälterin im Garten begraben. Die Familie sei viel auf Reisen, lediglich die Haushälterin sei rund um die Uhr da. Jedes Mal, wenn er sich am Kühlschrank bedient, riskiert er sein Leben.

Die Kamera

Bemerkenswert die Kameraführung und die Farben. Im Hause der Kims wird stets von unten gefilmt, es überwiegen triste, braune und graue Töne. In der Luxus-Residenz sieht man hingegen fröhlich kichernde Pastellfarben, das elegante Holz des Hauses dominiert das Bild.

Die Beziehung von arm und reich

Fantastisch finde ich, dass Parasite keinen Zeigefinger erhebt und weder arm noch reich mit rein negativen Attributen beschmückt. Beide Seiten werden in ihrer wahren Natur dargestellt. Ganz besonders wird dies auch bei den Kims deutlich: Auf der Arbeit durchlaufen sie eine perfekt einstudierte Choreographie, des gebildeten Nachhilfelehrers, der in den USA ausgebildeten und kunstpsychologisch bestens geschulten Jessica (sogar der Name ist ja schon ein Fake) und die des einfühlsamen Fahrers, der weiche Kurven fährt und der Haushälterin, die diskret putzt und die Arbeit erledigt. Als die Parks dann verreist sind, erwachen die Kims und verhalten sich so, wie sie es schon zuhause tun: laut, betrunken, polternd und rülpsend. Sie scheinen den Luxus für ein paar Sekunden zu genießen. Am ehesten kam man noch von Ki-woo (Kevin) sagen, dass er nicht zu 100% in dieses Bild gehört, da er auch im familiären Kreis sehr erzogen auftritt. Seine Intentionen, Ta-Hye eines Tages heiraten zu wollen, bekräftigt dies. Und selbst für diesen Fall haben die Kims eine Choreo im Ärmel: Sie wollen Schauspieler casten, die die Rollen der Schwiegereltern übernehmen.

Im Gegenzug werden die Parks auch als bemitleidenswert dargestellt. Vieles in ihrem Leben dreht sich nur um Status und Luxus. Vor allem merkt man das am kindlichen und naiven Gemüt der Mutter, die nichts kritisch hinterfragt und den Rat der Kims befolgt. Wie sie dabei affektiert ihre Hände vor den Mund legt, offenbart einiges. Letzten Endes weiß man gar nicht, für wen man sein soll. Beide Leben haben Gutes und Schlechtes. Oberschicht vs. Unterschicht. Der Kampf tobt im Bambusgarten.

Wer ist nun Parasit?

Diese Frage stellte sich mir einen Tag später nach Anschauen des Films. Auf den ersten Blick spricht ja vieles für die Kims, die sich zu viert in der Villa einnisten und viel Geld vom einen ins andere Haus saugen. Überlegt man jedoch genauer, kommt man zu dem Schluss, dass auch die Parks Parasiten der Kims sind. Die reiche Familie kann ohne ihr Personal nicht überleben, es ernährt im wahrsten Sinne des Wortes davon: Das Essen muss gekocht, die Hemden gebügelt, die Kinder unterrichtet werden. Dafür hat Nathan Park keine Zeit. Und seine Frau ist mit dem Haushalt überfordert, wie er selbst betont.

 

Alles in allem ein sehr nachdenklich stimmender und packender Film, der mich mehrere Tage nicht losgelassen hat. Und eben brutal sozial(kritisch).

Und da das ja hier ein Blog über Brasilien ist, ist mir eine Kleinigkeit an Unterschied in der gesellschaftlichen Hierarchie aufgefallen: Während in Ländern wie Südkorea die reichsten 5% oben auf Berghügeln hausen, während die Unterschicht unten wohnt, wo die übergelaufene Kanalisation ihr Werk verrichten kann, sind im schönen Rio de Janeiro die wohlhabenden Wohnanlagen jene auf Meereshöhe. Die Armen wohnen in den Favelas, die wie Kletterpflanzen die Berge hochwuchern.