Blumen am Fluss

„Der Weg ist das Ziel”, wir alle kennen dieses Sprichwort, oder? Früher habe ich nie gewusst, was das bedeuten soll. Ich fand das total widersprüchlich. Mittlerweile habe ich verstanden, was es bedeutet und zum ersten Mal kann ich es am eigenen Leib so richtig nachvollziehen. Glaube ich.

So langsam begreife ich, dass ich wirklich in Rumänien wohne. Und seit ein paar Wochen erlaube ich mir auch immer mehr anzukommen. Ich bin jetzt zum Beispiel ein Haushalt der Essig besitzt, und ich habe mir zum ersten Mal Klopapier nachgekauft. Außerdem sind nun ein Wasserfilter (man kann hier das Leitungswasser nicht trinken) und eine rumänische Handynummer bei mir eingezogen. Anschaffungen die davon zeugen, dass ich nicht nur Urlaub in Oradea mache. Dinge die alltäglich sind, sich anfangs aber überhaupt nicht so angefühlt haben. Mittlerweile gehört auch zu meinem Alltag die Straßenbahn zu nutzen. Meine Wohnung liegt 30 min zu Fuß von der Schule entfernt. Da meine Motivation zu laufen, früh morgens, mit vielen Einkäufen oder bei miesem Wetter, eher gering ist, habe ich das Abenteuer „Straßenbahnfahren“ für mich entdeckt. Es bestand am Anfang eine fifty- fifty Chance, ob ich pünktlich an der Schule ankomme oder nicht.  Auf der Strecke die ich fahren muss gibt es eine Kreuzung vor der ich immer ultra auffällig aus dem Fenster gucke. Entweder die Straßenbahn biegt rechts ab und ich kann entspannt weiterdösen, oder aber sie biegt links ab und ich darf  den ganzen Weg zurückrennen und hoffen, dass ich die nächstmögliche Linie noch erreiche. Mittlerweile liegt mein Bauchgefühl meistens richtig und es sind die Ausnahmen, in denen ich links abbiege. Wenn ich doch mal in einer Bahn sitze, die den linken Weg einschlägt, bin ich im Anschluss auf jeden Fall mehr als wach. Die andere sehr effiziente Weckmethode ist, sich gleich morgens einem Klassenraum voller Kinder zu stellen. Mein Tagesablauf variiert von Tag zu Tag und auch von Woche zu Woche. Ich finde das meisten ziemlich angenehm, nicht wie noch vor fast einem Jahr, einen gleichbleibenden Stundenplan zu verfolgen. Meistens berate ich mit Lehrerinnen kurzfristig wann ich in eine Klasse komme und was wir dann machen werden.  Mit anderen Lehrkräften habe ich aber auch feste Stunden besprochen zu denen ich wöchentlich komme. Zum Beispiel gehe ich jeden Mittwoch in eine zweite Klasse (die Grundschule befindet sich im Präsenzunterricht) und übe mit den Schüler*innen das Beschreiben von Bildern. Wir lernen dann gemeinsam neue Vokabeln und das Formulieren von Sätzen indem wir zu unterschiedlichen Bildern eine kleine Geschichte schreiben. In den letzten Tagen haben Nicole und ich mit einer fünften Klasse den Aufbau eines Briefes kennengelernt. Wir haben gemeinsam erarbeitet, dass ich meinem Bruder in einem Brief eher nicht mit „sehr geehrter…,“ anrede. Die Schüler*innen meinten, sie würden das eher bei einem Präsidenten oder einer Bürgermeisterin anwenden! Die Klasse weiß jetzt (hoffentlich) was eine Hausnummer ist und, dass nach einer Anrede ein Komma gesetzt wird. Wenn es das Wetter und die Zeit zulassen, gehe ich gerne mit den Kindern auf den Schulhof. Mit den Schüler*innen der Nullten Klasse habe ich vor Kurzem ein sehr überschaubares Gedicht geübt. Es handelte von einem Kind das Freundschaft mit einem Stein schließt. Das klingt gerade wahrscheinlich total komisch, aber in das Unterrichtsgeschehen passte es perfekt hinein, sodass wir uns auf dem Hof jeder einen Stein suchten. Ich habe mir zu den Versen Bewegungen ausgedacht, die die Kinder konzentriert nachgeahmt haben. Ihr glaubt gar nicht wie viel Freude die Suche nach Steinen auslösen kann! Einige Eltern durften nach diesem Schultag mit Sicherheit eine äußerst sorgfältig ausgewählte Sammlung an Kieseln aus den Ranzen der Kinder bergen…

Gerade befindet sich Rumänien in verlängerten Osterferien. Dennoch finden bei mir an der Schule freiwillige Nachhilfestunden in Präsenz für einige Stufen statt. Ich blicke da selber nicht so ganz durch und möchte keine Fake News verbreiten, aber auf jeden Fall habe ich einige Kinder zum ersten Mal in Person getroffen und das war definitiv ein kleiner Glücksmoment. Es ist für mich manchmal gar nicht so einfach online Kinder zu motivieren, die ich noch nie getroffen habe. Es ist nicht die Seltenheit, dass ich in einem Meeting nur einen Haaransatz oder einen Umriss eines Kindes kennenlerne. Manchmal komme ich total durcheinander, weil ich Schwierigkeiten habe, die Schüler*innen einer Klasse zuzuordnen. Ich hatte zum Beispiel einmal kurzfristig eine Vertretungsstunde mit einer Siebten, war mir aber nicht sicher ob es die siebte Klasse war, die ich schon einmal kennenlernen durfte. Dadurch, dass ich nur wenige Kinder sehe und die Namen durch die Videokonferenzen schlecht zuordnen kann, gerate ich schnell ins Rätseln. In der Vertretungsstunde haben die Kinder dann in Stillarbeit an einem Kunstprojekt weitergearbeitet, sodass ich sie nicht gesehen habe oder widererkennen konnte. In der Stunde danach war ich mit einer Lehrerin verabredet um mit einer Klasse ein Quiz zum Thema Regenwald durchzugehen. Total verpeilt begegnete ich den Kindern nicht wissend, dass sich hinter den Bildschirmen die Gleichen wie in der Kunststunde davor verbargen. Fünf Minuten nachdem ich sie also aus dem Kunstunterricht verabschiedet hatte und das Meeting mit den Worten „bis bald“ beendete haben sie ihre Kameras im Deutschunterricht für das Quiz angemacht. Mir kamen die Namen bekannt vor, der Grosche ist bei mir aber erst später gefallen, was ganz kurz unangenehm war. Die Kinder wussten nämlich natürlich sofort, wer ich war…

Am Freitag hatte ich mein sechswöchiges Jubiläum in Rumänien. Von Woche zu Woche verschwimmen die Tage und das Erlebte mehr ineinander. Ich bilde mir ein, dass die Zeit noch gar nicht so weit vorrangeschritten sein kann, wenn ich mir noch merken kann seit wie vielen Wochen ich hier bin. Oft fühlt es sich so an, als hätte ich noch gar nichts unternommen, als hätte ich meine Zeit nicht effizient genug genutzt. Dabei ist das gar nicht wahr. Und selbst wenn, es geht ja nicht darum möglichst viel möglichst schnell zu erleben. Ich habe schon Fuß in mindestens fünf andere Städte gesetzt und die Zeit mit anderen Freiwilligen, vielen Spaziergängen, Entdeckungstouren und dem Genießen von Aussichten verbracht. Ich habe sehr viele Plăcintă gegessen, in einer merkwürdigen Mischung aus rumänisch, englisch und deutsch rumgestammelt und dem ein oder anderen winzigen, verlassenen Bahnhof Rumäniens einen Besuch abgestattet. Außerdem habe ich zwei ziemlich beeindruckende Höhlen besichtigt. In der Einen (Peștera Ușilor) ist ein versteinertes Höhlenbärenskelett ausgestellt und es sind Tropfsteinen bis das Auge reicht zu entdecken. Total faszinierend, jedoch nur mit einer Führung zu besichtigen von der ich Null Komma Null verstanden habe. Die andere Höhle (Peștera Unguru Mare) war zu meiner Erstaunung ohne Guide betretbar. Nachdem wir einen winzigen Eintrittspreis gezahlt haben, durften wir über eine ziemlich lange, wackelige und zum Teil kaputte Hängebrücke spazieren. Wir standen, sobald wir wieder weniger schwankenden Boden unter den Füßen hatten, mitten in einem riesigen Höhleneingang. Auf selbstverständich vorgegebenen Wegen durften wir dann auf eigene Faust diese Höhle erkunden. Man hat sich immer weiter von dem Licht entfernt, konnte riesige Schatten an den Wänden bilden und mit etwas Fanntasie den Infotafeln entnehmen, was sich in diesem gewaltigen Raum für Leben verbirgt beziehungsweise verbarg. Für mich war dieser Ausflug auf jeden Fall ein Highlight! Auf dem Weg zu der Höhle sind wir die ganze Zeit an einem rauschendem Fluss, an Felsen und Wäldern vorbeigelaufen. Zu den braunen Plattenbauten, dem wilden Verkehr und dem Trubel der Großstadt ein willkommener Kontrast. Ich mag es ab und zu aus der Stadt rauszukommen. Ich würde ansonsten keine Pferdekarren, süße Hunde die ihre Schnauzen unter bunten Gartentoren durchstecken oder unerwartet schöne Picknickstellen entdecken. Dennoch bin ich ziemlich froh in einer Großstadt gelandet zu sein. Ich bin zum Beispiel immer noch in die zahlreichen Jugendstilhäuser in der Innenstdt verliebt, habe mittlerweile herausgefunden wo man einen sehr guten Veggie- Burger kaufen kann und weiß, dass ich total viel noch nicht entdeckt habe. Es gibt einen Park in Oradea, da wurden Bose Boxen in die Beete eingebaut. Immer, wenn ich dort war hat ziemlich idyllische Musik die Atmosphäre am Flussufer untermalt. Wir sind überzeugt, dass es den Blumen in den Musik- Beeten besser geht als denen in den Beeten ohne Musik… Das ist definitiv einer meiner liebsten Orte hier.

Manchmal, wenn es mir nicht so gut geht, setze ich ich draußen irgendwo hin, höre Musik und lasse den Kopf nicht hängen.

So wie die Blumen am Fluss.

 

 

 

 

 

0 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.