Ein neuer Blick auf das hier – Zwischenseminar

Wie ich in meinem letzten Beitrag angedeutet habe, war das Zwischenseminar gruppendynamisch gesehen eine Zeit der Freude. Den vorausgegangenen Artikel habe ich bewusst vorausgeschickt, um mich in diesem Text voll und ganz auf die inhaltlichen und  kulturellen Eindrücke des Zwischenseminars zu konzentrieren.

Unser Zwischenseminar startete am Montag nach einem kurzen Spaziergang durch den Schnee in den besonderen Räumlichkeiten des Promprylad. Das Promprylad ist ein gesellschaftsorientiertes Projekt und liegt im Gebäude einer alten Fabrik, die mit der Unterstützung von Investoren renoviert wurde, um als Platz für junge Firmen, Stadtgestaltung, moderne Kunst und Bildungsraum zu dienen. Das Ganze wird nun von Spenden und Mieteinnahmen der dort angesiedelten Firmen finanziert.

 

Vorne weg kann ich natürlich nicht leugnen, dass der Austausch mit der Gruppe nicht nur meine Seele, sondern auch meinen kulturellen Horizont erweitert hat – neben neuen Vokablen (bună ziua=rumänisch für „Guten Tag“, Як справи?=ukrainisch „Was geht“ uvm.) und Berichten vom Leben in Chisinau und und Minsk – habe ich den Eindruck bekommen, dass diese Länder wohl auch einige geschichtliche Gemeinsamkeiten mit der Ukraine teilen, die auch mit dem russischen Einfluss zusammenhängen.

Bevor ich meine Gedanken und Erkenntnisse zur Geschichte und Kultur meines Einsatzlandes weiter ausforme, möchte ich noch über ein praktisches und vor allem aber notwendiges Thema des Seminars sprechen – DaF Methodik. Zwar ist mir bewusst geworden, dass die Arbeit an der Schule für mich vor allem das Mittel ist, um diese Auslandserfahrung zu machen, will sagen, dass das Unterrichten selbst mir im Gesamtpaket der Bereicherungen eine eher untergeordnete Rolle spielt, dennoch konnte ich viel von den neuen Spielen und Methoden für Schule und Leben lernen.  Zum  ersten wären da die Spiele, wie kotzendes Känguru und Ich fahre, Ich fahre mit, Ich fahre schwarz die die Schüler vor lauter Spaß vergessen lassen, dass sie dabei etwas lernen sollen- hat auch bei uns Freiwilligen gut geklappt. Spannend war für mich ausserdem die Einheit zur Projektplanung – wer da etwas Struktur braucht, kann sich vielleicht mit dem ZIM-Planungsmodell und der SMARTen Formulierung von Zielen auseinander setzen.

Die Einheit, die in mir persönlich am meisten bewegt hat, war zu den geschichtlichen Zusammenhängen von ukrainischer Gesellschaft und Kultur, die Aliona, eine Beschäftigte im kulturellen Bereich am Prompylad,  uns in einem persönlichen Gespräch näher zu bringen versucht hat. Ich möchte meine daraus entstandenen Gedanken und Erkenntnisse wiedergeben und betonen, dass Aliona mich mit ihrer Arbeit im Promprylad sehr beeindruckt hat und  wir ihr für ihre Offenheit sehr zum Dank verpflichtet sind. Natürlich gibt es nicht „die eine“ Wahrheit der Geschichte, aber ihre Ausführungen erschienen mir ehrlich und durchdacht, wie alle Information wurden sie aber im Licht der persönlichen Perspektive geteilt.

„Die Menschen, die auf dem Maidan standen, sind nicht im Konflikt von 2014, sondern im Konflikt von vor 100 Jahren.“

Mir war überhaupt nicht klar, dass der heutige Konflikt zwischen Ukraine und Russland von einer jahrhundertealten Geschichte der Repression von russischer Seite aus geprägt ist, die mit kultureller Unterdrückung und Verbot der ukrainischen Sprache einherging.  Ein schockierender Teil dieser Geschichte ist der Голодомо́р von 1932-1933, eine von Stalin künstlich ausgelöste Hungersnot fruchtbarsten Land Europas, die zwischen 3 und 15 Millionen Leben kostete. Auf einer emotionalen Ebene haben diese Schilderungen mir geholfen, nachzuvollziehen, warum die Sprache in vielen ukrainischen Gebieten so eine große politische Aussage hat. Aus meiner deutschen Perspektive war Sprache bisher glücklicherweise nur ein Werkzeug und wurde nicht für machtpolitische Zwecke instrumentalisiert, deswegen fiel es mir wohl so schwer, dieses Phänomen zu verstehen. Die Anwendung der ukrainischen Sprache dient hier nicht nur als Überträger inhaltlicher Information, sie zeigt, auf welcher Seite man steht und betont den Anspruch auf eine eigene kulturelle Geschichte.

„Demokratie funktioniert in der Ukraine auf den Straßen.“

Ein weiteres Problem der Ukrainer ist die Schwächung der Demokratie durch Korruption und Eigeninteressen der Politiker, man ist also gezwungen, sich zufriedenzu  geben wenn Schokoladenoligarch Poroshenko schonmal „nicht groß stört“. Demokratie werde auf der Straße gemacht: Aliona erzählt von ihren Kulturprojekten, von Raves und davon, sich industrialisierte Räume zurück zu holen, was sie zum Beispiel in dem Projekt Promprylad verwirklicht sieht. Es gebe jungen und alten Menschen einen Ort, Musik zu machen, die Veranstaltungen bieten einen Raum für Diskussion und Kunstausstellungen.

Ich bin sehr froh, dass ich dank unserer Seminarleiterin Petra diese Seite der Ukraine kennen lernen durfte, da man sich als junge Freiwillige nicht unbedingt alltäglich in solchen Räumlichkeiten bewegt, dennoch hat mich das Gespräch mit Aliona auch ein wenig traurig gemacht. In jedem Fall hat das Seminar mir einen neuen Umgang mit der Arbeit und der Situation in der Gesellschaft, in der ich jetzt schon ein Vierteljahr lebe ermöglicht und war so gesehen sehr bereichernd.

Herzliches Wiedersehen im Norden – Der Sommer ist gegangen, die Homies kommen!

Vor über einer Woche bin ich  im ersten fallenden Schnee nach Lemberg aufgebrochen, um dort die anderen Freiwilligen meiner Homezone zu treffen und anschliessend gemeinsam zum Zwischenseminar nach Iwano-Frankiwsk weiter zu reisen.

Für diese Entfernung von knapp 470km Luftlinie brauchte ich tatsächlich über 20 Stunden Fahrzeit. Das hängt mit der Straßenqualität und dem Streckennetz zusammen, dass natürlich einen Bogen um Moldawien macht. Zuerst ging es mit dem Bus nach Odessa und von dort in einen schönen, modernen Nachtzug. Das einschläfernde Ruckeln des Waggons und die Vorfreude darauf, meine Homies aus der Ukraine, Moldawien, Belarus und Weißrussland wiederzusehen, bescherte mir eine angenehme Nacht.

Zum Frühstück fand ich ein kleines Cafe, in dem ich den berühmten ( in meiner ersten Probe sehr geschmackvollen) Kaffee Lembergs kostete und mich weiter meinem Buch „Die kleine Geschichte der Ukraine“ von Andreas Kappeler widmete. Der Titel spricht inhaltlich für sich, ein Buch voller Fakten und Daten und Namen, die mir im Sommer, als ich es zum ersten Mal in Angriff nahm, nichts sagten. Dementsprechend legte ich es bald gelangweilt aus der Hand, mit der Hoffnung, es würde nicht für immer in Vergessenheit geraten. Nun, da ich mit den Regionen, einigen Orten und glücklicherweise auch einigen geschichtlichen Persönlichkeiten vertrauter bin, fällt es mir viel leichter, den Inhalt zu verfolgen und Zusammenhänge zu erfassen. Das ist ein sehr schönes Erlebnis, zu registrieren, dass man in ein Thema hineinwächst.

Nachdem nach einigen Missverständnisssen endlich alle Ukraine-Freiwillige in ein und demselben Hostel angekommen waren, stand eine kleine Shoppingtour an, in der ich eine Winterjacke erbeutete, deren Notwendigkeit sich in den nächsten Tagen noch beweisen sollte. Am nächsten Tag empfingen wir die restlichen Zonies dann zum Frühstück im Einkaufszentrum Forum Lviv. Anschließend wurden dann die vielfältigen Sehenswürdikeiten, wie die Lemberger Oper, das Kaffeemuseum und ein wunderschöner Aussichtspunkt, von dem man über die Dächer der ganzen Stadt sehen kann, besucht.

Die Atmosphäre des Wochenendes war einfach wunderbar, es war so ein freies, vertrautes Gefühl mit einer zusammenwachsenden Gemeinschaft durch die gemütliche und gleichzeitig lebendige Altstadt zu bummeln, einen Auftakt des guten Essens beim Georgen zu feiern, und beim ins Bett gehen zu wissen, dass man jetzt fast eine ganze Woche mit diesen tollen Menschen in einer neuen Stadt verbringen darf.

 

 

Von der Schönheit des Ankommens

Ganzheitlich ankommen war anstrengend und gleichzeitig auch einfach. Anstrengend, weil jeden Tag so viele Eindrücke auf mich einprasselten, sodass sie gar nicht geordnet werden konnten, sondern in Türmen aus Gedanken verstreut in meinem Kopf herumlagen. Und einfach, weil diese Ordnung für den Anfang gar nicht so wichtig ist, solange Herz und Seele sich wohl fühlen. So sind nun fast zwei Monate verstrichen, seitdem ich meinen Fuß zum ersten mal auf ukrainischen Boden gesetzt habe und ich bin sehr glücklich, dass ich meine Situation bisher, ohne von größeren äußeren Problemen beeinflusst, annehmen und  genießen konnte.

Für mich gibt es einige kleine Anker, die mir geholfen haben, mich schnell in eine vertraute und positive Position einzufinden. Ich habe die Lehrer und Lehrerinnen meiner Schule kennengelernt und ihre Namen gelernt, auch zu meinen Schülern habe ich inzwischen eine persönlichere Verbindung.  Den Weg zur Schule ohne mein Navi zu finden war mein allererster kleiner Erfolg, als nach den ersten Tagen alles noch unbekannt war. Ich bin oft durch den langen Park geschlendert und auch durch meine geliebten Seitenstraßen, in denen Plattenbauten stehen, an denen der sich Wein rankt und sich Katzen sonnen. Die unglücklichen ersten Kontakte mit Straßenhunden waren zum Glück Ausnahmefälle und haben sich zu einem neutralen, teilweise sogar freundschaftlichen Niveu entwickelt. All diese kleinen Dinge haben mir geholfen, Ängste abzubauen. Besonders das Entgegenkommen von Kollegen und Schülern, die sich z. B. anbaten, mir die Stadt zu zeigen und auch das Wissen, dass ich bei jedem Problem auf meine Ansprechperson zählen kann, gaben mir in den ersten Wochen ein tolles Gefühl des Willkommen seins, das natürlich auch zu meiner Selbstsicherheit beigetragen hat.

So richtig bewusst ist mir geworden, dass mir die Stadt nicht mehr fremd ist, als ich letzte Woche von einer Fortbildung aus Odessa zurück gekommen bin. Ich war richtig glücklich, aus dem Bus zu steigen und wieder die Atmosphäre meiner Kleinstadt um mich herum zu haben. Der große Park mit den Brunnen und gepflegten Blumenbeeten hat mich sofort angezogen und ich habe dort, als es noch sonnig war, schöne Lese- oder Kaffeestunden verbracht. Auch stresst es mich nicht mehr so, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Im Alltag verursachen meine leider noch wenig entwickelten Russischkenntnisse tatsächlich kaum noch Missverständnisse. Allerdings liegt das auch daran, dass die meisten Verkäufer mich schon kennen und mir helfen, indem sie mir die Preise extra nochmal langsam sagen oder auf dem Taschenrechner zeigen. Wahrscheinlich habe ich durch die größtenteils positiven Reaktionen auch in der Sprache mehr Mut bekommen, zu experimentieren und auf mein Bauchgefühl zu hören. Wenn mich jemand etwas fragt, das ich nicht ganz verstehe, versuche ich aus dem Kontext heraus zu schließen und stimme  dann manchmal einfach zu, mit der Hoffnung, dass es mir etwas schönes bringen wird.

Vielleicht ist es genau das, was das angekommen sein im weiteren Sinne für mich bedeutet – es geht nicht darum, alles zu kennen oder zu verstehen, sondern darum, die Sicherheit zu haben, dass man sich in jeder Situation zurecht finden kann.