Das Dilemma Oruro

Holii und willkommen zurück.
Nicht nur mein letzter Blogeintrag ist länger her als geplant, sondern auch meine Ankunft in Bolivien ist plötzlich schon über einen Monat her.

Die letzten Wochen waren super intensiv, gefüllt mit neuen Eindrücken, aber auch von dem Versuch, ein „Alltagsleben“ zu finden. „Alltagsleben“, weil es irgendwie keinen Alltag gibt und keine Woche der anderen gleicht.

Dass ich so lange nicht geschrieben haben, liegt zum einen daran, dass ich wirklich wenig Zeit hatte, zum anderen daran, dass ich mich schwertue, über meine Gedanken zu Oruro zu schreiben, die mal super positiv, mal kritisch sind. Ich sitze gerade im Bus auf dem Rückweg von Cochabamba nach Oruro und versuche mich nun nochmal daran, alles was ich erlebe, denke und fühle in Worte zu fassen. Je mehr ich reise, andere Städte kennenlerne und in das Leben anderer Freiwilliger eintauche, desto klarer wird mir, dass Oruro in vielen Punkten nicht optimal für ein FSJ ist.

Oruro hat neben dem Karneval nicht viel zu bieten, wodurch es super schwer ist, Menschen kennenzulernen und seine Wochenenden aufregend du gestalten. Besonders schön ist die Stadt auch nicht, dafür aber umso ursprünglicher. Und an diesem Punkt bleibe ich oft hängen. Die Reaktionen der Menschen, denen ich erzähle, dass ich in Oruro lebe, sind durchwegs negativ und mitleidig. Und auch ich weiß, dass Oruro in Bolivien nicht den besten Ruf hat und viele Orureños selbst gerne aus der Stadt wegziehen wollen. Der Hauptgrund dafür scheint die langsame Weiterentwicklung der Stadt zu sein. Aus dem Gesichtspunkt einer deutschen Freiwilligen, die für 5 Monate die Chance hat, in eine komplett neue und andere Kultur einzutauschen, ist aber genau das so spannend. Oruro wirkt auf mich wie ein Ort voller Tradition und Kultur, wie ein kleiner Fleck auf der Erde, der noch nicht komplett vom Westen beeinflusst wurde. Die Menschen scheinen zufrieden zu sein, so wie es eben ist. Hier ist jeder Menschen Mensch, egal ob reich, arm, dick oder dünn. Die Orureños haben sich ihre kleine eigene einfache Welt geschaffen, in der man auch zufrieden sein kann, ohne viel zu haben. Und genau das fasziniert mich so an der Stadt. Doch diese positive Seite Oruros wird manchmal eben von den negativen überdeckt, unterstützt durch die Blicke anderer, wenn ich erwähne, dass ich mein FSJ in Oruro verbringe. Aber weil ich eben die einzige Freiwillige in Oruro bin, habe ich auch die Chance, nochmals tiefer in die Kultur und die Sprache einzutauchen. Und irgendwie glaube ich auch, dass Oruro eigentlich zu mir passt und das Großstadtleben auf Dauer gar nichts für mich ist. Trotzdem wünsche ich mir manchmal, einen leichteren Zugang zu Menschen in meinem Alter zu erlangen.  Alles in allem geht es mir auch super gut, und ich bin total dankbar, diese Erfahrung machen zu dürfen.

Mittlerweile habe ich mich durch fast alle traditionellen Gerichte durch getestet und so langsam gewöhne ich mich auch an das Essen (ab und zu Durchfall ist allerdings vorprogrammiert). Als unsere Schule vor 2 Wochen Besuch aus Tarija (einer Stadt ganz im Süden Boliviens) bekam, wurde zum Mittagsessen das typische Gericht aus Oruro serviert: Charquekan (Lamafleisch). Das Befremdlichste daran war für mich allerdings nicht das Lamafleisch an sich, sondern, dass wir es aus Plastiktüten und mit den Händen gegessen haben. Plastik lässt sich aus dem Leben der Bolivianer leider nicht mehr wegdenken, ob Milch, Saft oder Eis. –  Alles alles findest du in einer nicht verschließbaren Plastiktüte, die man an einer Ecke aufbeißt, um den Inhalt zu sich zu  nehmen.

Das Lamafleisch wird traditionell mit Kartoffeln, Mais, Ei und Käse serviert und dazu natürlich Cola.

Auch der Karneval ist nicht aus dem Leben der Orureños wegzudenken. So durfte ich bereits das Minikarneval (für mich war es ganz und gar nicht mini) und eine kleine Karneval -Tanzvorführung in der Schule miterleben. Da der Karneval in Oruro eines der größten und wichtigsten kulturellen Feste Boliviens ist, habe ich beschlossen, mich einer Tanzgruppe anzuschließen, um den Karneval noch besser kennenzulernen.  Vielleicht lerne ich so auch nochmal neue Menschen kennen.

Karneval in der Schule

In der Schule finde ich mich immer besser zurecht und so langsam gewöhnen sich auch alle an mich. Die kleinen Kinder freuen sich aber immer noch besonders, wenn ich in ihren Unterricht komme und auch ich bin besonders gerne bei den Kindern in der Primaria (Grundschule), da ich das Gefühl habe, hier die größte Unterstützung zu sein. Weiterhin begleite ich die Deutschlehrerinnen in den Unterricht und unterstütze durch Vorlesen, in Gruppenarbeiten oder bringe Spiele und Lieder mit. Auch am Nachmittag helfe ich bei der Prüfungsvorbereitung für die Deutschprüfungen in A1, A2 und B1. Eine Challenge ist es für mich  dabei manchmal, die richtige Balance zwischen Autoritätsperson und Freundin zu finden.

Die letzten zwei Wochenenden verbrachte ich in La Paz. La Paz liegt auf 3.500 Metern und ist damit die höchstgelegene Verwaltungshauptstadt der Welt.

Ein nettes Bild mit dem Botschafter durfte natürlich nicht fehlen

Ich, sowie ganz viele andere Freiwillige wurden für den Tag der Deutschen Einheit zur in die deutschen Botschaft in La Paz eingeladen. Also nutzten wir die Gelegenheit, nach La Paz zu reisen, um unsere Freunde zu besuchen. In der Residenz des Botschafters tauchte ich in eine ganz andere Welt, als ich sie die letzten Wochen in Bolivien kennenlernte gelernt hatte, ein. Die Wörter reich, grün und weiß beschreiben diese konträre Welt wohl am besten. Es waren rund 40 weitere Freiwillige sowie ganz viele andere Deutsche, die nun teilweise seit Jahrzehnten in Bolivien leben, anwesend. Wir Freiwilligen nutzen die Gelegenheit, uns zu connecten, doch auf eine Person, die ihren Freiwilligendienst in Oruro verbringt, traf ich nicht. Auch die überraschten oder vielmehr mitleidigen Blicke der Menschen, denen ich erzählte, dass ich in Oruro lebe, werde ich so schnell nicht vergessen. Nicht ohne Grund war ich also zunächst skeptisch, als ich mein Platzangebot für Oruro bekam. Doch ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mich nicht gefreut habe, nach dem Wochenenden in La Paz wieder in Oruro zu sein.

Kommen wir aber zurück nach La Paz. Als ich am Busbahnhof in La Paz angekommen bin, habe ich den ersten Backpacker-Touri in Bolivien gesehen. Dadurch, dass La Paz etwas touristischer und viel größer als Oruro ist, hatte ich das Gefühl, nicht so stark aufzufallen wie in Oruro. Einerseits ist es auch etwas Besonderes, als einzige ausländische Person in Oruro zu lebe, in die bolivianische Kultur einzutauchen und fast ausschließlich Spanisch zu sprechen, andererseits fühlt man sich in einer größeren Stadt aber weniger beobachtet und hat nicht das Gefühl, dass jeder auf der Straße weiß, wer du bist, ohne dass du deinen Gegenüber je gesehen hast. Beides hat wohl seine Vor- und Nachteile.

Unser erster richtiger Tag in La Paz endete für mich und meine Freunde im Krankenhaus, da meine Freundin sich eine Salmonelleninfektion zuzog. Mich erwischte am nächsten Tag eine „normale“ Magen-Darm-Infektion, wodurch das Wochenende anders aufregend war, als geplant. Aber einen Krankenhausaufenthalt in Bolivien muss man ja wohl auch von seiner „To-Do-Liste“ abhaken.

Trotzdem lernten wir die Stadt etwas kennen und erkundeten sie zu Fuß, mit dem Minibus und per Teleferico (Seilbahn). Es gibt 10 verschiedene Seilbahn-linien, wodurch es sich mit einem  U-Bahnnetz in Deutschland vergleichen lässt. Die Seilbahn ist ein öffentliches Transportmittel , das die Städte La Paz und El Alto verbindet und gleichzeitig einen wunderschönen Ausblick über die komplette Stadt bietet.

Der Ausblick aus der Wohnung meiner Freunde in La Paz

 

Auf dem Markt in La Paz

Ein Wochenende später war ich direkt wieder in La Paz, diesmal mit mein Ein Wochenende später war ich direkt wieder in La Paz, diesmal aber mit meiner Gastfamilie. Wir haben  in einem Hotel in El Alto übernachtet. El Alto wird oft als Schwesterstadt von La Paz bezeichnet, ist die am schnellsten wachsende Stadt Boliviens und liegt in ca. 4150 m Höhe. Wir sind um 3 Uhr nachts durch die Straßen El Altos gefahren, vorbei an ganzen Schweine- und Rindfleisch-Körpern, die aus Lastwagen getragen wurden, Nachtmärkten von Cholitas, die auf mich sehr befremdlich wirkten, betrunkenen und obdachlosen Menschen, bis wir schließlich im Hotel ankamen.  Die Eindrücke der Stadt bei Nacht waren sehr befremdlich und beängstigend. In EL Alto werden die teils sehr einfachen Lebensverhältnisse der Menschen in Bolivien besonders deutlich. Die Menschen hier leben wirklich in Armut.

Am nächsten Tag haben wir uns mit meinem Gastbruder, der in La Paz lebt, getroffen und ein bisschen die Stadt erkundet.

Danach habe ich mich noch einmal bei meinen Freunden in La Paz einquartiert. Gemeinsam mit anderen Freiwilligen habe ich mir das Fußballspiel Bolivien gegen Ecuador angesehen. Man hört ja immer, dass andere Teams gegen Bolivien keine Chance hätten, da sie nicht daran gewöhnt sind, auf 4000 Metern Höhe Fußball zu spielen, doch dem war nicht so. Trotz super Stimmung hat Bolivien 1:2 gegen Ecuador verloren.

Und während ich total glücklich war, in den letzten Wochen mehr von dem Land kennenzulernen, hatte ich im Hinterkopf immer die Stimme, die sagte : ich muss mir ein Leben in Oruro aufbauen und darf nicht immer unterwegs sein. Doch ich glaube ich muss mir da den Druck raus nehmen. Natürlich gebe ich mein Bestes auch hier Anschluss zu finden, doch das Wichtigste ist ja, dass ich glücklich bin. Und ob das in Oruro oder sonst wo in Bolivien ist, ist ja zunächst egal.

Jetzt könnte ich noch über mein Wochenende in Cochabamba schreiben, mein erstes Karneval-Tanz-Training, meine super nette Gastfamilie, meine erste Club Erfahrung, die immer wiederkehrenden Magenprobleme und meine Pläne für die nächsten Wochen, aber dann wird dieser Beitrag nie abgeschlossen. Und eigentlich kann ich ja gleich anfangen, an dem nächsten Blogeintrag zu schreiben….

Hier noch ein Bild von Chiara in der Natur

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