Ich mag Laufen ueberhaupt nicht. Ich wohne in Lueneburg fuenf Minuten zu Fuss von meiner Universitaet entfernt – und fahre mit dem Fahrrad. Das fing schon an, als ich noch ein Baby war. Meine Eltern konnten mich ohne Probleme an einen Ort setzen, ohne Angst zu haben, dass ich mich fortbewegte. Wenn ich also auf meiner Decke sass und mit meinen ausgestreckten Haenden nicht mehr an meine Spielzeuge kam, fing ich an zu schreien.
Mit diesem Hintergrund erscheint es ziemlich fragwuerdig, dass ich mich dazu entschlossen habe, eine dreitaegige Wandertour durch die Anden bzw. durch den Regenwald zu machen. Es war sicherlich nicht meine Idee. Eirik, mein norwegischer Mitbewohner, hatte sie und schliesslich schloss ich mich der Tour mit fuenf weiteren Freunden aus La Paz an. Ich dachte, wenn ich schonmal die Moeglichkeit bekaeme, durch die Anden zu stapfen, sollte ich diese auch wahrnehmen. Und ausserdem, so dachte ich, wird diese Tour ja nicht so schwierig sein und koennte womoeglich mein Denken ueber das Laufen revolutionieren.
Mein Wissen ueber die Tour war ziemlich begrenzt: Es wird El Choro genannt, es beginnt auf einem Berg in ca. 5000m Hoehe, es ist ein dreitaegiger Abstieg und endet in tropischen Gefaelden. Laut Informationen von sechs Reiseagenturen kann jedermann diese Tour ohne Probleme absolvieren (unter jedermann verstand ich also auch mich, die keinerlei Wander- oder Treckingerfahrungen hatte). Ausserdem waren meine beiden weiblichen Begleiterinnen Elisabeth und Amandine auch nicht wirklich die Wander- oder Sportfreaks.
Also ging es Samstagmorgen los! Wir (sieben europaeische Abenteurer und drei erfahrene bolivianische Guides) wurden von unserer Reiseagentur in einem Minivan auf den 5000m hohen Berg gefahren. Dann hiess es: Rucksack inklusive Schlafsack und Isomatte aufschnallen und los ging der Spass (tasaechlich beinhaltet die Tour zwei Uebernachtungen in Zelten, die zum Glueck von unseren Guides getragen und aufgebaut wurden). Da ich (wie bereits erwaehnt) kein Lauf- oder Treckingfan bin, war ich auch eher mittelmaessig fuer solch eine Tour ausgeruestet. Ich musste mir einen Rucksack von meiner Gastfamilie ausleihen und in meinen Hummel-Sportschuhen laufen (ja, ich bin nach Suedamerika gereist, ohne einen Rucksack zu besitzen). Die Wanderstrecke war uebrigens eine der bekanntesten alten Inkastrecken Boliviens, also historisch sehr interessant. Und anfangs war ich auch wirklich guter Dinge. Die Landschaft war wirklich atemberaubend und ziemlich besonders, ab und zu begegneten wir Lamas, die idyllisch vor sich hinfutterten. Ich war tatsaechlich froh, mich fuer die Tour entschieden zu haben, haette ich es sonst eventuell bereut.
Nach etwa vier Stunden Abstieg faerbten sich die Berghaenge langsam gruener und die trockene Bergluft der Anden wurde mehr und mehr durch feuchte Tropenluft ersetzt. Leider wurde zeitgleich meine positive Einstellung durch eher negativ genervte Gedanken ersetzt. Das letzte Stueck vor unserem Endpunkt, an dem wir zelten wollten, vertrieb auch die letzte positive Energie aus mir, da es ein steiler glitschiger Abstieg war, der von mir wirklich nur mit letzter Kraft errungen werden konnte.
Ich schlief in der Hoffnung ein, dass es am naechsten Tag nicht schlimmer werden wuerde und habe insgeheim gedacht, dass es sowieso nicht schlimmer werden koenne. Die Gewissheit kam allerdings schnell: Es konnte schlimmer werden, denn, wie sollte es im Regenwald auch anders sein, es fing an zu regnen. So wachten wir am naechsten Morgen auf und unsere Sachen waren mehr oder weniger nass. Doch es half alles nichts, nach unserem Fruehstueck mit tollem Ausblick auf einen Fluss, ging unsere Wanderung weiter. Ungefaehr acht bis neun Stunden auf und ab durch den Regenwald lagen vor uns. Ich konnte es kaum erwarten… Nach mehrfachen Ausrutschen und fast-Knochenbruechen aufgrund der glitschigen steilen Abstiege ueber nichts mehr als Steine, gaben uns unsere Guides Stoecke, die uns helfen sollten, das Gleichgewicht zu halten. Ich bin mir sicher, ohne meinen Stock haette ich die 1,5 Tage nicht halbwegs schadenfrei ueberstehen koennen. Nachdem ich mich zu Beginn des Tages noch an Wasserfaellen und tollen Aussichten erfreuen konnte, war mir nach vier Stunden jeder noch so tolle Ausblick ziemlich egal und ich hatte nur noch ein Ziel: In unserem Lager anzukommen. Der andauernde Regen, der mich, meine Turnschuhe und meinen Rucksack durchweg durchnaesste, trug nicht zur Besserung meiner Laune oder zur Vereinfachung der steilen Abstiege bei. Einzig wirklich toller Freudenmoment an diesem Tag war eine Wasserschlauchdusche in Bikini mit Blick ueber die Berggipfel des Regenwaldes im Regen (womit wir gleichzeitig auch alle anderen Anwesenden im Camp erheiterten).
Am naechsten Morgen wachten wir trocken auf! Allerdings waeren wir lieber nass anstatt uebersaeht von Mueckenstichen und mit schmerzenden Muskeln aufgewacht. Es dauerte seine Zeit, bis wir uns aus den Zelten erhoben hatten und uns einigermassen aufrecht und nicht-humpelnd bewegen konnten (fuer manche war dies nur durch die Einnahme von Ibuprofen moeglich (nicht ich)). Nach dem Fruehstueck machten wir uns um 6h morgens auf den Weg zur letzten sechstuendigen Wegetappe. Da der letzte Teil schon ziemlich tief im tropischen Gebiet war, mussten wir so frueh los, um nicht zu lange in der Hitze laufen zu muessen. Anfangs war ich noch recht gut drauf, schliesslich war das Ende in Sicht, doch nachdem ich mehr als eine Stunde steil bergauf laufen musste, sammelten sich Aggressionen in mir an, wie ich sie nie zuvor verspuert hatte. Dieser Aufstieg war so unfassbar anstrengend und man sah einfach kein Ende, dass sich mein Selbsthass ins unermessliche steigerte und meine Aggressionen Angst bei unserem Guide ausloesten. Ich konnte nicht fassen, wie ich auf die Idee gekommen bin, an einer dreitaegigen Wandertour teilzunehmen und ich hasste unsere Reiseagentur dafuer, dass sie uns nicht ueber die wahren Ausmasse des El Choros aufgeklaert hat.
Dank meiner angesammelten Aggressionen gelang es mir, unsere Endstation nach zwei Stunden steilen Abstiegs durch tropische Hitze (nachdem ich zuvor keuchend auf dem Berg angekommen bin) als eine der Ersten zu erreichen. Ich trotzte meinen schmerzenden Beinen und von Muecken zerstochenden Fuessen und erreichte mein seit 1,5 Tagen herbei gesehntes Ziel.
Die naechsten Tage in La Paz fuehlte ich mich wie eine alte Frau. Ich konnte mich nur langsam und humpelnd fortbewegen, hatte den schlimmsten Muskelkater meines Lebens in meinen Waden und unfassbar stark juckende Mueckenstiche am ganzen Koerper. Mitleid heimste ich dabei selten ein, trug dafuer aber zur Belustigung meiner Arbeitskollegen, Gastfamilie und Freunde bei. Aber eins weiss ich jetzt sicher: Ich mag Laufen wirklich nicht.
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