Grippeferien

Vor knapp drei Wochen wusste ich noch nicht einmal, dass es hier sogenannte „Grippeferien“ gibt. Und um ehrlich zu sein kam es mir auch gar nicht in den Sinn, dass es hier so etwas geben könnte – denn was man nicht kennt, erwartet man halt auch nicht.

Am 22. Januar kamen diese Ferien dann erstmals in meiner Anwesenheit in einem Gespräch auf (also zumindest auf Deutsch) und ich war verwundert und auch etwas fasziniert von diesem Konzept. Bei einer bestimmten Anzahl von erkrankten Schüler werden die Grippeferien, sofern ich das verstanden habe, vom Bürgermeister vorgeschlagen und das Gesundheitsministerium stimmt diesem Vorschlag dann zu (oder eben nicht). Der Bürgermeister hier hat dann auch auf Instagram mitgeteilt, dass er jenen Vorschlag für eine Woche Grippeferien (27. – 31. Januar) gemacht habe.
Und irgendwann am 25. Januar stand es dann fest: mindestens eine Woche, die Chancen auf Verlängerungen standen aber recht gut, da Mittwoch (heute, der 5.2.) eh frei ist.
Zuerst fand ich das cool, aber auch nur solange, bis ich alleine im Büro war. Und dann kam die große Frage, was ich denn nun nächste Woche machen würde. Reisen, klar, aber irgendwie fühlte ich mich nicht danach, ewig lange im Bus zu sitzen um nach Tirana, Athen oder sonstwohin zu kommen. Vom Flughafen in Burgas aus hätte ich auch für 10€ nach Budapest fliegen können (nur mit meinem Rucksack), aber auch das sprach mich absolut nicht an. Die Situation überforderte mich – womit ich absolut nicht gerechnet hätte.

Als Schüler wäre eine Woche spontan frei ein wahr gewordener Traum gewesen, aber jetzt wusste ich absolut nicht was ich mit mir anfangen sollte. Dazu kam, dass ich im Januar eh relativ viel im Büro war und aus Langeweile die ein oder andere PowerPoint angefertigt habe, sodass ich schon so ziemlich nah am nichts tun dran war.
In der Nacht von Freitag auf Samstag buchte mein Vater dann spontan Flüge von und nach Varna und meine Grippeferien waren damit gerettet.

Dienstag morgen fuhr ich also nach Varna und holte meinen Vater am Fughafen ab. 

Nach einer kleinen Stärkung ging es dann zu den „Pobiti Kamani“, eine weitgestreute Steinformation westlich von Varna. Diese Formation ist ein seltenes Naturphänomen und niemand weiß so wirklich, wie sie dahin gekommen sind. Früher wurden sie für Überreste einer römischen Stadt gehalten, da in der Nähe die Überreste der größten römischen Stadt im heutigen Bulgarien liegen – für Interessierte, hier der Wikipedia-Artikel dazu :).
Kleiner Fun Fact: auf bulgarisch nennt man diese Formantion „Побити камъни“, was man mit  „In den Boden gerammte Steine“ übersetzen kann; und so wirkt es finde ich teilweise auch wirklich.

Mittwoch zahlten wir dann erst einmal meine Wasserrechnung, was dafür, dass es schon zweimal irgendwie total schief gegangen ist, überraschend gut und einfach geklappt hat. Die Länge der Rechnung (mein Vater musste den Weitwinkel-Modus seiner Handykamera benutzen, um alles draufzukriegen), fanden wir sehr interessant – und jeder Monat wurde einzelnd aufgelistet. Danach ging es zu einer alten römischen Therme in der Nähe, von der aber nur noch Überreste übrig sind. Man hat dort ein kleines Museum gebaut und will in Zukunft dort wohl auch noch mehr hinbauen, aber wir waren etwas enttäuscht von der mangelnden Beschriftung der Überreste.

Am Donnerstag waren wir dann in Veliko Tarnovo, zwar war ich schon einmal mit Clara im Oktober da (und da war es deutlich wärmer!), aber ich finde diese Stadt sehr faszinierend. Wie auch in den folgenden Tagen merkte man deutlich, dass wir uns in der Nebensaison befinden, sodass wir das erstbeste offene Restaurant genommen haben.

Und auf dem Rückweg gab’s noch einen Sonnenuntergang im Seitenspiegel. 🙂

Am Freitag ließen wir uns vom Reiseführer inspirieren und fuhren in ein kleines Dorf

Eindruck aus dem bulgarischen Dorf

südlich von Burgas, wo es wohl eine schöne Quelle geben sollte. Da es aber absolut keine Hinweise auf jene Quelle gab, wissen wir nicht, ob wir sie wirklich gefunden haben – falls ja, war sie nicht wirklich beeindruckend. So machten wir uns auf den Weg in RIchtung Küste – diese Straße werde ich glaube ich nie vergessen. Der Straßenbelag wurde an manchen Stellen und Streckenabschnitten erneuert, aber eben nicht die gesamte Strecke, was das alles dann die Fahrt durch die Berge in Richtung Schwarzmeerküste sehr interessant gestalten sollte. Im ersten Küstenort war – Nebensaison eben – tote Hose und so beschlossen wir, gemütlich wieder nach Burgas zurückzufahren und dort zu essen, denn hier wissen wir, dass die meisten Restaurants auf haben …
Auf dem Rückweg haben wir versucht, so nah wie möglich an der Küste entlang zu fahren und haben aus Spaß nach Verkaufsschildern Ausschau gehalten, man kann ja mal träumen :).

Am Samstag ging es dann nach Stara Zagora, einer Stadt, von der ich bisher nur den Busbahnhof kannt (Stara Zagora ist bei den schnellen Bussen der einzige Stopp auf der Strecke Burgas – Sofia). Die Lage am Hang eines Bergs fand ich persönlich sehr schön, aber wie mein Vater so schön sagte: es ist schon ein bisschen Fahrt zum Meer. Dagegen ist meine Busfahrt nach Burgas rein lächerlich. Es gab viele Gründflächen und in der Fußgängerzone sowie an der angrenzenden Grünfläche war ordentlich was los. Auf dem Rückweg zum Auto machten wir noch einen kleinen Umweg und sahen uns das antike Forum der Römer bzw dessen Überreste an. Wie in Plovidiv fand ich persönlich essehr schön, das diese Überreste vergangener Zeit auch im Stadtzentrum beibehalten und in die heutige Stadt integiert wurden.

Am Sonntag blieben wir in Burgas und genossen das warme Wetter (so 17°C waren das schon, bei praller Sonne!). Wir saßen im Baywatch und schwitzen wie sonst was, da die meisten Fenster nicht geöffnet waren und es somit drinnnen ein bisschen Sauna-Feeling gab. Auch witzelte ich darüber, dass, wenn es noch mehr solcher Tage bis April geben sollte, ich schon etwas braun gebrannt über Ostern nach Hause kommen würde – aber keine Sorge, heute regnet es die ganze Zeit durch, momentan ist die Gefahr also eher gering (außerdem würde ich wahrscheinlich eher rot werden, aber das ist eine andere Geschichte). Dann probierten wir ein Restaurant am Hafen aus, das Essen war lecker, aber die Portionen etwas klein. Außerdem gab es manche Abschnitte nur in der bulgarischen Karte, was wir dann doch etwas komisch fanden; gerade die Fische aus dem Schwarzen Meer würden doch Touristen herlocken? Nachtisch gab’s im Happy bevor wir uns dann auf die Suche nach dem perfekten Aussichtsort für den Sonnenuntergang machten. Leider war der, den wir uns davor schon ausgeguckt hatten, nicht ganz optimal, weshalb wir weiterfuhren. Auch wenn irgendwie immer Berge im Weg waren, war es doch ein wunderschöner Anblick!
(Außerdem ging der Aufzug am Sonntagabend nicht und wir waren beide froh, dass wir schon am Samstag die Idee hatten, Wasser zu kaufen.)

Und am Montag war es dann schon wieder an der Zeit sich zu verabschieden, da mein Vater für den Flug wieder nach Varna fahren musste. Es war aber eine echt tolle Zeit und ich bin echt froh, dass er sich das erlauben kann, mal eben spontan eine Woche Urlaub zu machen und das so akzeptiert wird.

Veliko Tarnovo – oder: Musterbeispiel für bulgarische Kommunikation

Wenn ich gefragt werde, wie es momentan so läuft, antworte ich meistens, dass diese bulgarische Art der Kommunikation mich noch immer sehr mit nimmt. Um das zu verdeutlichen, hier ein Beispiel:

die Freiwillige aus Plovdiv, Clara, und ich, wollten über das lange Wochenende vom 26. bis zum 28. Oktober nach Veliko Tarnovo, eine wunderschöne Stadt im Norden Bulgariens verreisen. Am 27.10. waren hier Wahlen und da danach alles wieder abgebaut werden musste usw sollte der 28. für alle Schüler und das Kollegium frei sein.
Also planten wir unsere Reise, kauften je ein Busticket für die Hinfahrt (Burgas-Veliko Tarnovo für mich und Plovdiv-Veliko Tarnovo) und ich fragte am Montag nochmals nach, ob denn der nächste Montag wirklich frei sei. Ja, natürlich sei der 28. frei, wurde mir versichert.

Am Donnerstag schrieb Clara mich dann an und meinte, dass wir den Montag doch nicht frei hätten. Doch, natürlich haben wir frei, ich habe doch noch nachgefragt!, dachte ich, wollte nicht wahrhaben, dass sich soetwas von heute auf morgen ändern kann.
Es sollte sich herausstellen, dass wir wirklich nicht frei hatten. Irgendjemand hatte (vielleicht bei einem Bier zu viel, wer weiß das schon so genau?) beschlossen, dass ein freier Tag ja langweilig sei und man also alle Schüler und Lehrer doch in die Schule schicken könnte. Unterricht solle zwar nicht stattfinden, aber Anwesenheitspflicht wie sonst auch.

Und während ich nicht glauben konnte, was ich da hörte, schien Clara damit relativ entspannt umzugehen. In Veliko Tarnovo witzelten wir dann später darüber, dass irgendwas immer schief gehen müsse und wenn dies nicht der Fall sei, könne man dem ganzen nicht trauen, weil man daran gewöhnt sei, dass irgendwas nicht so funktioniert wie geplant.

Okay, also meine Mentorin darauf angesprochen, welche mir dann seelenruhig und mit einem Lächeln auf den Lippen mitteilte, dass sie am vorherigen (also Mittwoch) Abend eine E-Mail von der Schulleiterin bekommen habe, dass Montag doch nicht wie geplant ein freier Tag sei.
Ich wusste nicht, ob ich lachen, weinen, mit dem Kopf vor Verzweiflung und Hilflosigkeit gegen die Wand laufen oder einfach nur alles zusammen machen sollte – also machte ich gar nichts und lächelte sie überfordert und verzweifelt an.

Reintheoretisch hätten wir den Montag trotzdem in Veliko Tarnovo verbringen können, aber eine Lehrerin hatte angeboten, am Montag nach dem „Sportfest“ oder was auch immer das, was meine Schule schlussendlich am Montag veranstaltet hatte, mit mir die Nebenkosten (oder zumindest den Strom) zu bezahlen und Clara konnte so ins Kino, weshalb wir dann doch „nur“ das reine Wochenende dort verbrachten.

Hätte sie aber nicht durch Zufall erfahren, dass der Montag doch kein freier Tag ist, hätten wir beide es wahrscheinlich erst bemerkt, wenn man uns am Montag gefragt hätte, wo wir denn bleiben würden.

Die Stadt ist, wie bereits erwähnt, wunderschön und die Fahrt, diese Kommunikationsprobleme und das anfängliche Verlaufen definitiv wert gewesen. Meine Waden waren danach zwar am Ende, aber die Aussichten sind wirklich einzigartig!
Wie schon in Plovdiv haben wir uns durchgefuttert und hatten das große Glück, die Lichtershow an der alten Festung am Samstagabend sehen zu können – wo mir wieder mal schmerzlich bewusst wurde, wie unglaublich wenig ich überhaupt über die Geschichte Bulgariens weiß. Trotzdem war es sehr beeindruckend und ich werde die Stadt auf jeden Fall noch einmal besuchen (vielleicht nicht zwingend während meines FSJs, aber das ist eine andere Geschichte), und dann mit dem historischen Hintergrundwissen!
Danach machten wir uns auf die Suche nach Bier und vernünftiger Schokolade, die dem anscheinend hohem Standard zweier deutscher Freiwillige in Bulgarien entspricht – in einem überteuertem Laden/Kiosk wurden wir dann auch fündig, yay.

Am Sonntag waren wir dann Postkarten kaufen, türkischen Kaffee trinken, welcher auf heißem Sand zubereitet wurde – das sah, wie ich finde, sehr interessant aus – und haben uns mit einem Australier, den wir im Hostel kennengelernt haben, gut unterhalten und australische Münzen zu Gesicht bekommen können.

Viel zu früh machten wir uns auf den Weg zum Busbahnhof, nur um gesagt zu bekommen, dass wir die Tickets erst direkt beim Busfahrer kaufen könnten.
Bei Clara lief das alles noch ganz gut, bei mir gab es, nachdem alle mit einem zuvor gekauftem Ticket im Sprinter saßen, zu viele Menschen für zu wenige freie Plätze. Ganz die penetrante Deutsche hielt ich dem Busfahrer meinen 50 Lev Schein so lange vor die Nase, bis er keine andere Wahl hatte, mich zuerst zu bedienen und so schaffte ich es, einen der drei freien Sitzplätze zu ergattern.
Ich weiß nicht, was mit denen passiert ist, die kein Ticket mehr bekommen haben, aber ich war wirklich erleichtert, als der Bus losfuhr und ich da drin saß.

Das Wochenende in Veliko Tarnovo war zwar kürzer als geplant und wären wir den Montag auch noch geblieben, hätte ich vielleicht den Deutschen kennengelernt, den ich dann im Nachtzug nach Sofia kennenlernen sollte, aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.