Schmerzhafte Daten

Heute ist der 24.04.2020.
Eigentlich wäre heute mein großer Tag gewesen, eigentlich wäre ich heute zusammen mit dem anderen Freiwilligen und einem Jugend Debattiert Alumni aus Deutschland in der Jury des Schulverbundfinales in Stara Zagora gesessen.
Vermutlich wäre mein Kopf noch von all den Debatten, die wir gehört und bewertet hätten, am qualmen und – so weit bin ich mit meiner Planung bis zur Ausrufung des Ausnahmezustands nicht gekommen – hätte mir wahrscheinlich für diese so wie auch für die letzte Nacht ein Hotelzimmer in Stara Zagora gegönnt und würde wohl mit dem anderen Freiwilligen noch die Fußgängerzone unsicher machen.
Vermutlich wäre er dann mit mir morgen in den Bus in Richtung Burgas gestiegen und ich hätte ihn morgen Abend ins Incanto geschleppt und Sonntag dann die Stadt und mein Lieblingscafé am Strand gezeigt.
Am Montag würden wir uns früh aus dem Bett (bzw von der Couch quälen) – er wäre auch in Burgas teil der Jury und ich wohl das Mädchen für alles. Entweder noch am Montagabend oder irgendwann Dienstag würde er sich auf den Weg nach Burgas machen und ich mich auf die Feierlichkeiten zum 60. Jubiläum der Schule am Donnerstag einstimmen.

Anstatt Cider, bulgarisches Bier oder wer weiß was zu trinken und mich mit dem anderen Freiwilligen zu unterhalten, vielleicht den möglichen Besuch der Freiwilligen aus Moldau zu reflektieren oder den Tag durchzugehen, sitze ich an meinem Schreibtisch und gönne mir einen Frust-Kakao, höre die Solo-Alben von Niall Horan, Harry Styles und Louis Tomlinson und schwälge in Vorstellungen, was gerade sein könnte, wenn Covid-19 nicht dazwischengekommen wäre. Und dieses Schwälgen schmerzt.
Allen meinen Freunden habe ich immer wieder erzählt, das es ab Ostern ja gut werden würde, dass ich dann was – beinahe schon etwas zu viel – zu tun haben würde und es war mit der Zeit mein eigenes Mantra geworden – Augen zu und durch, denn ab Ostern geht’s rund. Und anstatt jetzt über irgendwelche Lehrer zu fluchen, die sich bei irgendwem über unsere Juryentscheidung beschweren (was nicht gerade unwahrscheinlich gewesen wäre), bade ich etwas in Selbstmitleid.

Ja, ich hatte Respekt vor meiner heutigen Aufgabe. Aber viel lieber würde ich gerade mit jemandem über meine Entscheidung diskutieren oder mir von einen der Lehrer anhören müssen, wo ich und die Jury allgemein ihrer Meinung nach offensichtliche Fehlentscheidungen getroffen hätten, anstatt gar keine Entscheidung getroffen zu haben.

Ich fühle mich noch immer – oder eher gerade mehr denn zuvor – der „guten“ Zeit meines FSJs beraubt. Ja, es gab durchaus „gute“ Phasen, aber die nun beginnende Zeit war mein Lichtblick. Und anstatt die Reise mit einer nach Istanbul oder Athen zu finalisieren, mit der Theatergruppe die letzten Feinschliffe am Stück oder die Pläne für Montag und Donnerstag noch einmal mit meinem Fachschaftsberater oder meiner Ansprechsperson durchzugehen, sitze ich zuhause und habe viel zu lange auf das Lateinbuch gestarrt, dass ich mir als Vorbereitung auf das Latinum, welches ich während meines Bachelorstudiums nachholen werde und schon wieder eine Krise gekriegt weil so viel von dem, dass ich gerade (gefühlt) bräuchte noch in Burgas liegt. Konnte ich vor ein paar Wochen noch kaum einschlafen, könnte ich gefühlt momentan 24/7 schlafen und der Fakt, dass ich nichts zu tun hab, hilft nicht wirklich.

Es ist Jammern auf hohem Niveau und das weiß ich; ich lebe in einem Land, dessen Gesundheitssystem gut aufgestellt ist (auch wenn es noch lange nicht perfekt ist …), ich darf noch raus, spazierengehen und mich mit Abstand mit Leuten treffen. Wobei letzteres mir ziemlich schwer fällt, denn danach sehne ich mich umso mehr nach einer „normalen“ Welt in der man sich spontan zur Happy Hour oder sich spontan im Lieblingscafé treffen kann. Und auch Fragen wie z.B. mit wie vielen Leuten man sich (natürlich einzelnd) insgesamt treffen kann/sollte um nicht die ganze „stay at home“ & flatten the curve Bewegung poppen immer wieder auf.
Meine Familie ist gesund, wir haben genug Platz, sodass wir alle nicht 24/7 aufeinander hocken müssen, haben Wlan, Laptops, … (es fehlt nur eine vernünftige Musikbox fürs in der Musik absolut versinken, die steht halt noch in Burgas, ooops).

Ich hoffe, es geht euch/dir gut! Bin dann mal weiter in meiner nicht von Covid-19 betroffenen Gedankenwelt weitere „was ich wohl gerade tun würde“ Ideen sammeln …

05.04. – Tag der Entscheidung vs Lagerkoller

Heute, am 05.04.19 kam die E-Mail, auf die ich so lange gewartet hatte – und zu meiner Überraschung tatsächlich ein Stellenangebot für mich beinhalten sollte.
Und eigentlich sollte ich in Burgas sein, einen Cappuccino in meinem Lieblingscafé trinken und versuchen, halbwegs angemessen ins Bett zu gehen, weil Frühschicht wäre – und das alles mit Blick auf die kommenden Tage, Wochen und Monate, auf die ich mich gefreut hatte.
Stattdessen sitze ich zuhause, habe angefangen, aus Langeweile und Frust mein Zimmer umzuräumen, Animal Crossing ist ein treuer Begleiter geworden und mein FSJ endet diesen Monat. Es ist noch immer schmerzhaft, darüber nachzudenken und etwas verbittert bin ich auch. Denn die Entscheidung, uns „alten“ Freiwilligen zurückzuholen, wurde für mich und den anderen Freiwilligen in Bulgarien zu spät getroffen – einen zweiten Koffer hätte ich ab Freitag Nachmittag nicht mehr auftreiben können und da ich eh nach Sofia fahren musste, um einen Flug nehmen zu können, war schon der erste Koffer zu viel und blieb dementsprechend in Burgas.

Heute vor einem Jahr habe ich mich für das FSJ entschieden – heute bin ich auf der einen Seite dankbar für die Erfahrungen die ich machen durfte und die Menschen, die ich kennenlernen durfte, auf der anderen Seite merke ich, wie mir dieses plötzliche Ende zu schaffen macht. Eigentlich wäre nämlich jetzt so langsam die Zeit gekommen, in der ich wirklich was zu tun gehabt hätte – stattdessen sitze ich zuhause doof rum und weiß meist selber nicht wirklich so ganz genau, was ich mit mir anfangen soll.

Morgen kriegt die Septemberausreise ’20 Bescheid und ich wünsche ihnen vom ganzen Herzen, dass sie ausreisen können – auch wenn ich mir da momentan ehrlich gesagt nicht so wirklich sicher bin.

Es ist aber noch nicht das Ende – da ich nur mit Handgepäck gefolgen bin, muss ich eh, wenn sich die ganze Situation entspannt hat, wieder nach Burgas zurückkehren und mein ganzes Zeug endlich nach Deutschland holen (hoffentlich mit Kira <3).

Von daher: Благодаря Бургас, довиждане!

14.03. – Abschied?

Seit sechs Monaten bin ich nun in Burgas, und eigentlich wäre an dieser Stelle einer dieser schrecklichen „ich bin angekommen und freue mich auf die kommende Zeit 1!1!“-Einträge gekommen, die ich in der ersten Zeit selber so verbittert gelesen habe und mich gefragt habe, was hier bitte so schief gelaufen ist.

Naja, Corona hatte einen anderen Plan.
Nachdem die Märzausreise 2020 komplett aufgrund der Pandemie abgesagt wurde, kam für uns „alten“ Freiwilligen die Information, dass es für uns bei Abwarten, Tee trinken, Mails & Nachrichten checken und mit den Leuten vor Ort reden bleiben würde. Okay, dachte ich, das gibt mir Zeit um mich auf einen eventuellen frühzeitigen Abschied vorzubereiten – noch einmal in der 8. Klasse irgendetwas cooles machen, mit den Schülern, die mir in der ersten Zeit (wenn auch vielleicht unwissentlich) so viel Kraft gegeben haben, mich bei den Lehrern bedanken, noch einmal alle Restaurants besuchen, noch mehr Stunden im Café am Strand verbringen und ganz gemütlich packen.

Pustekuchen. Gestern, am 13.03. bekam ich morgens die Nachricht, dass wir wieder Grippeferien hätten – das dritte Mal! Nach nur einem Tag Schule! Etwas verzweifelt, was ich denn jetzt schon wieder mit so viel Freizeit anstellen sollte, ohne groß zu verreisen, schrieb ich mit einer Schülerin und verabredete mich dann schlussendlich mit der französischen Freiwilligen, um ihr bei einem Arzttermin beizustehen (es geht ihr aber gut). Dieser sollte eigentlich auf Englisch stattfinden – aber es wurde sehr schnell klar, dass der Arzt kein Wort englisch sprach und als ich rausgeschickt wurde, fühlte ich mich etwas mies. Ich wäre in der Situation total überfordert gewesen und hätte mich extrem unwohl gefühlt, hätte vermutlich beschlossen, dass ich doch keinen Termin brauche, wenn es nicht total dringend ist.
Gestern Mittag wurde dann der Ausnahmezustand in Bulgarien ausgerufen. Ich war da gerade mit der französischen Freiwilligen lecker bei Incanto essen und wir rätselten beide über die Bedeutung für uns. Entschieden aber, dass man uns ja wohl über für uns wirklich relevante Dinge informieren würden und gönnten uns noch Nachtisch im Happy, bevor sie zurück in ihre Wohnung und ich ins Café am Strand ging. Eigentlich wollte ich in meinem dicken Geschichtsschmöker weiterlesen, konnte mich darauf jedoch absolut gar nicht konzentrieren. Stattdessen checkte ich im gefühlten Minutentackt die Nachrichten und als ich dann auf Facebook las, dass angeblich alle Flüge von und nach Deutschland bereits gestrichen worden wären, machte sich doch etwas Panik in mir breit. Saß ich nun hier fest?

Also mal schnell irgendwelche Flüge nach Deutschland gegoogelt – keine Meldung bezüglich Streichungen. Ein- und Ausatmen. Gott sei Dank.
Dann, als ich im Bus nach Meden Rudnik saß und noch bei Billa halten wollte, um für den weltbesten FSB Pralinen für das verspätete Geburtstagsessen zu kaufen (zu dem die Deutschlehrerinnen und ich eingeladen waren), kam von ihm die Nachricht, dass die Schulen vorerst geschlossen seien – gleiches gelte für Bars, Restaurants und Cafés, also quasi alles, was nicht unbedingt notwendig zum Überleben sei.

Also rief ich in der Wohnung angekommen erst einmal verheult meinen Vater an – denn ich war doch noch gar nicht so weit, um mein FSJ vielleicht jetzt schon zu beenden, es gab doch noch so viel zu tun, so viele Menschen, von denen ich mich richtig verabschieden wollte!

Die Entscheidung könne mir niemand ablegen, aber es sei nicht klar, wie lange ich noch ohne Probleme nach Hause komme – den Satz habe ich in den letzten 24 Stunden sehr, sehr oft gehört.

Hin- und herüberlegt, gedankliche Pro- und Contra-Listen angelegt und mich bei Freunden über dieses Dilemma ausgekotzt (danke fürs zuhören an dieser Stelle). Denn hierbleiben würde bedeuten, dass ich nicht weiß, ob ich morgen noch ohne Probleme die Stadt bzw das Land verlassen kann und was als nächstes passiert. Nach Hause fliegen würde bedeuten, dass ich nicht weiß, wann/ob ich zurückkommen kann, um mein FSJ hier angemessen zu beenden. Und da gerade ab Ende April die Zeit kommt, auf die auf mich schon lange gefreut habe, ist diese Ungewissheit sehr mies. Aber ohne Restaurants, die Mall usw wird Zeit totschlagen echt schwer …

Schlussendlich habe ich letzte Nacht einen Flug für morgen Nachmittag von Sofia nach Berlin gebucht. Morgen früh um 7 Uhr geht’s mit dem Zug los und es fühlt sich scheiße an. Aber alle, denen ich das bisher mitgeteilt haben (einschließlich der Fachberater und die Lehrer hier vor Ort), haben mich darin bekräftigt, dass dieser Schritt vorerst der Richtige ist.

Genau wie der andere Freiwillige in Sofia habe ich die Hoffnung, recht schnell wiederkommen zu können – und deswegen fliegen wir beide Optimisten nur mit Handgepäck :). Wir werden weiterhin mit Nachrichten versorgt und ich denke, dass wir uns auch untereinander austauschen werden, was wir von unseren Leuten vor Ort und via Nachrichten jeweils erfahren haben.

Es ist ein verdammt komisches Gefühl, nichts wirklich zu wissen – aber nichts zu wissen ist zuhause mit meiner Familie deutlich angenehmer als hier, alleine und mit einer doch recht bescheidenen verlässlichen Nachrichtenlage auf Englisch.

Falls irgendwer aus der Märzausreise das hier liest: es tut mir wirklich leid, das ist echt scheiße gelaufen …

Nur eine Freundin und meine Familie weiß bislang bescheid – denn wenn ich schon wegen Corona nach Hause fliege, dann kann ich die Situation zumindest nutzen und eine sehr gute Freundin von mir nächstes Wochenende (hoffentlich) überraschen (an dieser Stelle: alles Gute, Lenö!).

Ich hoffe wirklich sehr, dass sich die Situation bald legt und ich ohne Quarantäne oder ähnliches meinen restlichen Freiwilligendienst hier absolvieren kann – aber das wird die Zeit zeigen.

Es ist wirklich komisch: monatelang habe ich mit mir gehadert, ob ich wirklich ein Jahr schaffen oder machen möchtte/würde – und gestern habe ich Rotz und Wasser geheult, weil die Rückkehr noch in den Sternen steht. Hätte man mir das im November erzählt – ich hätte es absolut nicht geglaubt.

Natürlich werde ich euch auf dem Laufenden halten, wie es mit meinem FSJ weitergeht, ich bin selber sehr gespannt.

Lina (die eigentlich packen und aufräumen sollte aber damit hadert weil es das dann wirklich wirklich wirklich endgültig macht)

Честита баба марта! – Fotos

Честита баба марта!

So begrüßen sich die Bulgaren heute, am 1. März., denn heute wird der uralte bulgarische Frühlingsbrauch im ganzen Land gefeiert. „Баба Марта“, also „Oma Marta“, ist eine volkstümliche und ausgeschmückte Umschreibung für den Monat März und die einzige weibliche Personifizierung eines Monats.

Heute schenkt man sich weiß-rote „Мартеница“ bzw „Мартеници“ (Martenizi), rot weiße Talismänner für Gesundheit und ein langes Leben. Dieser Brauch stammt noch aus der vorchristlichen Zeit und die Glücksbringer werden im Freundeskreis, in der Familie oder auch auf der Arbeit verschenkt (selber kaufen geht nicht, man muss sie für sich selbst geschenkt bekommen!).
Die Farbe weiß steht für die Reinheit und Ehrlichkeit, der rote Wollfaden hingegen steht für Wärme (und rote Wangen), Gesundheit und ein langes Leben. 

Getragen werden die Martenizi auf der linken Seite oder am linken Arm – dem Herz am nächsten, die großen werden üblicherweise an Türen oder Fenster gehängt.
Die Talismänner werden so lange getragen, bis man ein erstes Frühlingszeichen sieht (wie z.B. einen Storch, einen blühenden Baum, im Süden überwinternde Vögel, …) und dann abgenommen. Spätestens am 1. April (sofern man davor kein Frühlingszeichen erblickt hat) hängt man sie an einen Baum oder legt sie unter einen Stein – dann darf man sich etwas wünschen.

Man darf einen solchen Glücksbringer nur einmal tragen und auf gar keinen Fall vor dem 1. März anbinden, denn das bringt Unglück und Pech mit sich.

Mit dem Verschenken und Tragen soll der März (in Form der Personifizierung Baba Marta) milde gestimmt und besänftigt werden – so wird Baba Marta entweder als eine alte, launische Frau oder als eine junge, freundliche und zarte Frau vorgestellt, je nachdem, wie sich der Monat wettertechnisch präsentiert.

Schon seit Ende Januar gibt es die ersten Stände, an denen die Мартеници verkauft werden; im Kaufland, im Baumarkt, der Souvenir-Laden in der Innenstadt und auch kleine Stände auf dem großen Hauptplatz „Troykata“ , die nichts anderes verkaufen  – so war es mir möglich, meinem Vater welche für meine Freunde und Familie zuhause mitzugeben, ohne mich auf die Post verlassen zu müssen (denn irgendwie ist die Richtung Burgas-Deutschland deutlich langsamer als die Richtung Deutschland-Burgas …). Und für Takoma haben wir eine der beiden Figuren ausgesucht, die dann an ihr Geschirr gebunden wird.
Die Preise starten mit 0,10 BGN (~ 5 Cent) für die billigsten Armbänder, die aufwendig gemachteren kosten meist um die 4 BGN (also etwas über 2€), bei den Figuren Пижо и Пенда (Pischo und Penda) bin ich mir nicht sicher, aber auch da wird es auf die Verarbeitung und Größe (!!) ankommen – die gibt es nämlich auch in seehr groß fürs Fenster.

Da es immer mehr und mehr Stände wurden – auf meinem Schulweg, auf dem Hauptplatz (und auch an der Eisbahn dort), an der Universität und zwischendurch auch noch an anderen Orten – wie an der Bushaltestelle hier in Meden Rudnik, habe ich Mal eine Schülerin gefragt, wieso es denn so unglaublich viele Stände gäbe. Sie meinte, es läge daran, dass die über 60 Jährigen hier nicht mehr arbeiten dürfen und sich somit mit dem Verkauf von Мартеници etwas dazu verdienen können. 

Dementsprechend habe ich Mal versucht, auf die Verkäufer zu achten – und ja, es gibt viele Verkäufer, die durchaus über 60 sein könnten, aber auch welche, die deutlich jünger aussehen. Auch fand sie es sehr lustig, dass ich es so faszinierend fand und mein Versuch ihr zu erklären, dass das ja sei wie ein Weihnachtsmarkt nur für Glühwein, sorgte für noch mehr Gelächter.

Ich bin auf jeden Fall sehr froh, die Zeit um Баба Марта in Burgas miterleben zu dürfen und bin mir sicher, dass ich diese Tradition (so gut es geht) mit nach Deutschland zurück nehmen werde.

Hier sind noch ein paar Links, die auch die Legenden thematisieren:

Falls heute noch irgendetwas interessantes vor sich geht, werde ich das hier auf jeden Fall noch nachtragen!
Честита баба марта (Tschestita Baba Marta),
Lina 🙂

Und  hier geht’s zum extra Foto-Eintrag – denn das sind etwas viele Fotos geworden, um die hier vernünftig einzubringen :). 

19.02. – Gedankenchaos

Dieses Datum hat sich in mein Gehirn eingebrannt.
Nicht nur, weil es der Dienstag vor meiner Vorabiklausur in Geschichte war.
Und auch nicht nur weil ich bis zu diesem Tag es nicht wirklich hinbekommen hatte, mich auf den zu lernenden Stoff zu konzentieren.
Sondern auch, weil heute vor einem Jahr, am 19.02.2019 mein Auswahl-/Kennlerngespräch (wie auch immer man es nennen will) in Bonn war.
Ein komisches Gefühl. Es werden noch weitere Daten kommen – aber die haben eher mit den letzten paar Tagen/Wochen Schule zu tun.

Wir sind mit einem Leihwagen nach Bonn gefahren (meine Eltern wollten mir nicht noch die Deutsche Bahn antun – und das war wohl auch die richtige Entscheidung und mein Vater hatte bei der letzten längeren Fahrt etwas bemerkt, was er lieber erst einmal checken lassen wollte).
Bin nach der vierten Stunde nach Hause gerast, umgezogen, in Deo geduscht, Essen runtergwürgt, noch gefühlte zehntausend Mal kontrolliert ob ich auch ja alles dabei hatte und dann haben wir meine Schwester von der Schule abgeholt und los ging’s.
Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie nervös ich war und als die Autobahn dann ab und zu etwas voller war, lagen meine Nerven absolut blank. Wir sind früh genug angekommen, ich bin also reingegangen, angemeldet, mit ein paar Alumni etwas geredet; für richtige Fragen war ich viel zu angespannt.
Dann zu den anderen Wartenden gesellt, eine (die auch genommen wurde) gefunden, die aus Bielefeld kam und mit der Bahn gefahren ist (und schon so gegen 9 Uhr aufgebrochen ist …) und dann wurden alle aufgerufen – bis nur noch drei andere und ich übrig waren. Super.
Dumme Witze gerissen, ob man uns denn vergessen hätte und eine Alumna war so nett, uns aufzuklären, dass die „Jury“ (also die beiden, die uns interviewt haben) noch etwas Zeit für die Besprechung der Gruppe vor uns brauchen würden.

Als wir dann aufgerufen wurden, dachte ich, es würde losgehen – aber stattdessen durften wir noch einmal vor der Tür warten. Dass meine Nerven zu diesem Zeitpunkt mehr als nur blank lagen und ich es doch einfach nur hinter mir haben wollte, machte die ganze Warterei nicht einfacher.

Irgendwann durften wir dann rein und ich erinnere mich nur noch an Bruchstücke. Wie beeindruckt wie ich von dem einem Mädchen war, das sehr viel für die Schule selber organisiert hatte und daneben kam ich mir mit meiner Jugendarbeit in der Kirche (und noch mehr Jugendarbeit in der Schule) doch sehr dämlich vor. Auch die anderen beide hatten (meiner Meinung nach) viel mehr anzubieten als ich mit Jugendarbeit, Jugendarbeit und you guessed it – Jugendarbeit. Fotos gezeigt, Liste der Regionen noch einmal kontrolliert (ich wusste absolut nicht mehr, was ich wo hingesetzt hatte …) und versucht, mich nicht von den anderen und ihren Antworten verrückt machen zu lassen.

Rausgegangen. Erleichterung. Aber auch Zweifel, denn gerade neben diesem einen Mädchen fühlte ich mich extremst ungeeignet (irgendwer hat das anscheinend anders gesehen :D). Noch kurz mit den anderen geredet, gehört, wie es bei ihnen lief. Dann Mama in den Arm gefallen. Im Auto die Absage eines anderen Freiwilligendienstes gelesen. Lecker essen gegangen. Dann zurück nach Hause und noch schnell unseren Wagen zur Werkstatt fahren.

Ich wollte eigentlich nur die Absage endlich haben, damit ich mich um Studium und so weiter kümmern könnte. Aber dann kam die Mail mit dem Platzangebot – aber die Story kommt dann im April.

Es wirkt so surreal, dass das erst (oder schon?) ein Jahr her ist.
Heute vor einem Jahr in Bonn – heute in Sofia für das Aufbauseminar von Jugend Debattiert International, damit ich dann auch schön in der Jury sitzen darf.

In diesem Jahr ist so unglaublich viel passiert – Mottowoche, Abitur, Abiball, Vorbereitung für Burgas, Vorbereitungsseminar, Ankommen in Burgas, meine erste eigene Wohnung und was das alles so mit sich bringt, habe eine bulgarische Aufenthaltsgenehmigung (für 5 Jahre!!) und eine elektronische Busfahrkarte, Fahrten nach Sofia, Plovdiv, Bucharest, Veliko Tarnovo, Athen, Sibiu, Timisoara, Stara Zagora, Varna (in absolut nicht chronologischer Reihnfolge), der Botschaftsempfang, DSD-/JDI Basis- und jetzt das Aufbauseminar, das Zwischenseminar in Rumänien (mit abenteuerlicher Hin- und Rückfahrt), Abenteuer Bahn/Nachtzug/Bus, Besuch von Jana in (bald nicht mehr) Tirana, Weihnachten in Bucharest, Besuch meiner Familie (und noch einmal von Papa), 127 DSD Aufsichten, keine Ahnung wie viele Stunden im Café am Strand, tolle Abende mit tollen Menschen, Weihnachtsmärktetour in Bulgarien und Rumänien, selber Wasser und Strom zahlen, tolle Schüler*innen kennengelernt, mit Kira (der Freiwilligen aus Ecuador) über 6 Stunden am Stück geskypt (hehe), nette Abende mit der französischen Freiwilligen, so langsam ein Gefühl des Ankommens, ab morgen dann auch offiziell dazu berechtigt, eine JDI Debatte zu jurieren, und das Glück, ganz viele tolle Menschen kennengelernt zu werden (@ beide Homezones, Kira, … <3).

Und auch, wenn ich heute vor einem Jahr absolut nicht damit gerechnet hatte, irgendwo auf dem Balkan – besser gesagt in Burgas, an der bulgarischen südlichen Schwarzmeerküste – zu landen und wer auch immer das beschlossen hat: es ist doch gar nicht mal so verkehrt hier. Und so langsam merke ich, dass ich Burgas doch schon deutlich mehr in mein Herz geschlossen habe, als ich eigentlich zugeben kann/will/möchte.
Es ist zwar noch immer etwas komisch, dass die ersten jetzt wieder zuhause sind und ich noch etwas über 6 Monate vor mir habe – aber jetzt geht es hier doch irgendwie erst so richtig los, mit dem Theaterwettbewerb, Jugend Debattiert International und vielleicht noch dem Vorlesewettbewerb für die 8. Klassen!

Wie es so schön auf den Bussen steht: Аз обичам Бургас. (Ich liebe Burgas/ „Az obitscham Burgas“)

[Es ist hier 0:10, aber in Deutschland ist es noch der 19.02. – passt also schon irgendwie :)]

Grippeferien

Vor knapp drei Wochen wusste ich noch nicht einmal, dass es hier sogenannte „Grippeferien“ gibt. Und um ehrlich zu sein kam es mir auch gar nicht in den Sinn, dass es hier so etwas geben könnte – denn was man nicht kennt, erwartet man halt auch nicht.

Am 22. Januar kamen diese Ferien dann erstmals in meiner Anwesenheit in einem Gespräch auf (also zumindest auf Deutsch) und ich war verwundert und auch etwas fasziniert von diesem Konzept. Bei einer bestimmten Anzahl von erkrankten Schüler werden die Grippeferien, sofern ich das verstanden habe, vom Bürgermeister vorgeschlagen und das Gesundheitsministerium stimmt diesem Vorschlag dann zu (oder eben nicht). Der Bürgermeister hier hat dann auch auf Instagram mitgeteilt, dass er jenen Vorschlag für eine Woche Grippeferien (27. – 31. Januar) gemacht habe.
Und irgendwann am 25. Januar stand es dann fest: mindestens eine Woche, die Chancen auf Verlängerungen standen aber recht gut, da Mittwoch (heute, der 5.2.) eh frei ist.
Zuerst fand ich das cool, aber auch nur solange, bis ich alleine im Büro war. Und dann kam die große Frage, was ich denn nun nächste Woche machen würde. Reisen, klar, aber irgendwie fühlte ich mich nicht danach, ewig lange im Bus zu sitzen um nach Tirana, Athen oder sonstwohin zu kommen. Vom Flughafen in Burgas aus hätte ich auch für 10€ nach Budapest fliegen können (nur mit meinem Rucksack), aber auch das sprach mich absolut nicht an. Die Situation überforderte mich – womit ich absolut nicht gerechnet hätte.

Als Schüler wäre eine Woche spontan frei ein wahr gewordener Traum gewesen, aber jetzt wusste ich absolut nicht was ich mit mir anfangen sollte. Dazu kam, dass ich im Januar eh relativ viel im Büro war und aus Langeweile die ein oder andere PowerPoint angefertigt habe, sodass ich schon so ziemlich nah am nichts tun dran war.
In der Nacht von Freitag auf Samstag buchte mein Vater dann spontan Flüge von und nach Varna und meine Grippeferien waren damit gerettet.

Dienstag morgen fuhr ich also nach Varna und holte meinen Vater am Fughafen ab. 

Nach einer kleinen Stärkung ging es dann zu den „Pobiti Kamani“, eine weitgestreute Steinformation westlich von Varna. Diese Formation ist ein seltenes Naturphänomen und niemand weiß so wirklich, wie sie dahin gekommen sind. Früher wurden sie für Überreste einer römischen Stadt gehalten, da in der Nähe die Überreste der größten römischen Stadt im heutigen Bulgarien liegen – für Interessierte, hier der Wikipedia-Artikel dazu :).
Kleiner Fun Fact: auf bulgarisch nennt man diese Formantion „Побити камъни“, was man mit  „In den Boden gerammte Steine“ übersetzen kann; und so wirkt es finde ich teilweise auch wirklich.

Mittwoch zahlten wir dann erst einmal meine Wasserrechnung, was dafür, dass es schon zweimal irgendwie total schief gegangen ist, überraschend gut und einfach geklappt hat. Die Länge der Rechnung (mein Vater musste den Weitwinkel-Modus seiner Handykamera benutzen, um alles draufzukriegen), fanden wir sehr interessant – und jeder Monat wurde einzelnd aufgelistet. Danach ging es zu einer alten römischen Therme in der Nähe, von der aber nur noch Überreste übrig sind. Man hat dort ein kleines Museum gebaut und will in Zukunft dort wohl auch noch mehr hinbauen, aber wir waren etwas enttäuscht von der mangelnden Beschriftung der Überreste.

Am Donnerstag waren wir dann in Veliko Tarnovo, zwar war ich schon einmal mit Clara im Oktober da (und da war es deutlich wärmer!), aber ich finde diese Stadt sehr faszinierend. Wie auch in den folgenden Tagen merkte man deutlich, dass wir uns in der Nebensaison befinden, sodass wir das erstbeste offene Restaurant genommen haben.

Und auf dem Rückweg gab’s noch einen Sonnenuntergang im Seitenspiegel. 🙂

Am Freitag ließen wir uns vom Reiseführer inspirieren und fuhren in ein kleines Dorf

Eindruck aus dem bulgarischen Dorf

südlich von Burgas, wo es wohl eine schöne Quelle geben sollte. Da es aber absolut keine Hinweise auf jene Quelle gab, wissen wir nicht, ob wir sie wirklich gefunden haben – falls ja, war sie nicht wirklich beeindruckend. So machten wir uns auf den Weg in RIchtung Küste – diese Straße werde ich glaube ich nie vergessen. Der Straßenbelag wurde an manchen Stellen und Streckenabschnitten erneuert, aber eben nicht die gesamte Strecke, was das alles dann die Fahrt durch die Berge in Richtung Schwarzmeerküste sehr interessant gestalten sollte. Im ersten Küstenort war – Nebensaison eben – tote Hose und so beschlossen wir, gemütlich wieder nach Burgas zurückzufahren und dort zu essen, denn hier wissen wir, dass die meisten Restaurants auf haben …
Auf dem Rückweg haben wir versucht, so nah wie möglich an der Küste entlang zu fahren und haben aus Spaß nach Verkaufsschildern Ausschau gehalten, man kann ja mal träumen :).

Am Samstag ging es dann nach Stara Zagora, einer Stadt, von der ich bisher nur den Busbahnhof kannt (Stara Zagora ist bei den schnellen Bussen der einzige Stopp auf der Strecke Burgas – Sofia). Die Lage am Hang eines Bergs fand ich persönlich sehr schön, aber wie mein Vater so schön sagte: es ist schon ein bisschen Fahrt zum Meer. Dagegen ist meine Busfahrt nach Burgas rein lächerlich. Es gab viele Gründflächen und in der Fußgängerzone sowie an der angrenzenden Grünfläche war ordentlich was los. Auf dem Rückweg zum Auto machten wir noch einen kleinen Umweg und sahen uns das antike Forum der Römer bzw dessen Überreste an. Wie in Plovidiv fand ich persönlich essehr schön, das diese Überreste vergangener Zeit auch im Stadtzentrum beibehalten und in die heutige Stadt integiert wurden.

Am Sonntag blieben wir in Burgas und genossen das warme Wetter (so 17°C waren das schon, bei praller Sonne!). Wir saßen im Baywatch und schwitzen wie sonst was, da die meisten Fenster nicht geöffnet waren und es somit drinnnen ein bisschen Sauna-Feeling gab. Auch witzelte ich darüber, dass, wenn es noch mehr solcher Tage bis April geben sollte, ich schon etwas braun gebrannt über Ostern nach Hause kommen würde – aber keine Sorge, heute regnet es die ganze Zeit durch, momentan ist die Gefahr also eher gering (außerdem würde ich wahrscheinlich eher rot werden, aber das ist eine andere Geschichte). Dann probierten wir ein Restaurant am Hafen aus, das Essen war lecker, aber die Portionen etwas klein. Außerdem gab es manche Abschnitte nur in der bulgarischen Karte, was wir dann doch etwas komisch fanden; gerade die Fische aus dem Schwarzen Meer würden doch Touristen herlocken? Nachtisch gab’s im Happy bevor wir uns dann auf die Suche nach dem perfekten Aussichtsort für den Sonnenuntergang machten. Leider war der, den wir uns davor schon ausgeguckt hatten, nicht ganz optimal, weshalb wir weiterfuhren. Auch wenn irgendwie immer Berge im Weg waren, war es doch ein wunderschöner Anblick!
(Außerdem ging der Aufzug am Sonntagabend nicht und wir waren beide froh, dass wir schon am Samstag die Idee hatten, Wasser zu kaufen.)

Und am Montag war es dann schon wieder an der Zeit sich zu verabschieden, da mein Vater für den Flug wieder nach Varna fahren musste. Es war aber eine echt tolle Zeit und ich bin echt froh, dass er sich das erlauben kann, mal eben spontan eine Woche Urlaub zu machen und das so akzeptiert wird.

Die Schichten – oder: wer braucht schon Struktur?

Nur durch Zufall habe ich vor dem Beginn meines FSJs davon erfahren, dass es wohl Schichten an meiner Einsatzstelle gibt.
Das Gebäude teilt sich nämlich meine Schule mit dem englischen Gymnasium. Und so kommt es dazu, dass es zwei Schichten gibt. Vor Beginn dachte ich noch, dass mir die Spätschicht eindeutig besser liegen würde – aber mittlerweile nervt sie mich nur noch und ich kriege irgendwie den ganzen Tag lang nichts sinnvolles hin.

Die Frühschicht geht von 7:30 bis 13:10 Uhr, was für mich bedeutet, dass ich üblicherweise gegen 6 Uhr aufstehen muss. Für jemanden, der ansonsten um 15 vor 7 aufgestanden ist und dann noch genügend Zeit hatte, um sich nach dem Frühstück noch einmal ins Bett zu legen und das Fertigmachen und Losgehen so lange wie möglich aufzuschieben, ist das noch immer ziemlich hart. Muss ich pünktlich um 7:30 Uhr da sein, muss ich eigentlich noch früher aufstehen, da ich dann bereits gegen spätestens 6:45 unten an der Bushaltestelle sein muss, statt einem etwas entspannteren 7:30 Uhr.
Das ist (neben dem ganzen Chaos rund um das Bezahlen der Nebenkosten) einer der wenigen Nachteile meiner Wohnung, denn durch die Lage außerhalb von Burgas fahre ich schon eine gute halbe Stunde mit dem Bus zur Schule – mittlerweile kann ich in der Zeit die Augen noch einmal zumachen; bislang habe ich meine Haltestelle(n) zur Schule noch kein einziges Mal verpasst.
Ein großer Vorteil an der Frühschicht ist es, dass ich normalerweise spätestens gegen 14 Uhr wieder in der Wohnung bin oder, wenn ich etwas später anfange, trotzdem noch etwas vom Tag übrig habe. Selbst wenn ich erst gegen 9 Uhr anfange, bleibt danach noch Zeit, um sich nach der Schule einmal kurz zu sortieren und dann einkaufen zu gehen oder so – man kann auch wunderbar in die Mall gehen und sich nach einem weiteren geschafften Schultag hin und wieder auch ruhig mal was bei Starbucks gönnen oder  sich in das Café am Strand setzen und noch etwas lesen.

Bei der Spätschicht, die erst um 13:30 Uhr anfängt und dafür bis 19:10 Uhr geht, tue ich mir noch verdammt schwer, am Tag irgendetwas zu erledigen. Meist läuft es darauf hinaus, dass ich auf dem Rückweg schnell in den Lidl springe und genug einkaufe, dass ich den nächsten Tag bis zum Schulschluss schaffen kann. Die Zeiten, wann ich anfange, variieren zwischen 10 und 13:30 Uhr – und dementsprechend unterschiedlich komme ich auch wieder in die Wohnung. Natürlich ist es für mich als Nachtschwärmer ganz nett, länger im Bett liegen bleiben zu können, sich ganz in Ruhe fertig zu machen und so weiter – jedoch schaffe ich es noch nicht, mich irgendetwas sinnvollen zuzuwenden, bevor ich mich für die Schule fertig machen muss. Also selbst wenn ich erst gegen 13 Uhr in der Schule sein muss, könnte man durchaus darauf wetten, dass ich bis 12 noch im Bett liege und mich dann schnell fertig mache.

Andere Schulen handhaben es so, dass der Schichtwechsel einmal pro Schuljahr stattfindet – also nach Ende des ersten Halbjahres. Bei mir wechseln wir jedoch monatlich durch, wodurch es mir allgemein sehr schwer fällt, irgendeine Art und Weise von Struktur in meinen Alltag zu bekommen – denn kaum habe ich mich an die Frühschicht gewöhnt, ist es schon wieder Spätschicht und ich sitze wieder etwas überfordert da und weiß nicht, was ich mit mir selber anfangen soll; geschweige denn, wie ich mich verdammt nochmal organisieren soll.

Ich habe mal eine Schülerin gefragt, wie sie damit klarkommt – sie fand die Frage offensichtlich sehr amüsant und als ich erklärte, dass ich in der Frühschicht noch etwas (mehr oder weniger) sinnvolles mit mir und dem restlichen Tag anfangen kann, in der Spätschicht jedoch wenn dann an den Wochenenden so wirklich etwas mache und selbst die unter dem angewöhnten im Bett liegen und Netflix gucken teilweise leiden, bekam ich nur zurück, dass sie die Spätschicht eigentlich lieber möge, da sie dann später aufstehen kann und für alles noch genügend Zeit hat. Kann ich verstehen und als Schüler mit Hausuafgaben und Lernen ist das bestimmt noch einmal etwas anderes, trotzdem finde ich das noch etwas befremdlich – und ich kann mir immerhin noch den Tag so legen, dass ich schon früher anfange und dementsprechend auch früher fertig bin…

Gedankenchaos

Hätte man mir vor einem Jahr erzählt, dass ich Heiligabend 2019 im Nachtzug nach Timisoara verbringen würde, hätte ich es wirklich nicht geglaubt. Die Wahrscheinlichkeit, genommen zu werden, klang so gering und wenn dann würde ich ja wohl irgendwo im „exotischen“ Bereich landen und nicht in Bulgarien. Pffff, also bitte.

Der Nachtzug stellt – meiner Meinung nach – eine gute Möglichkeit dar, eine recht lange Strecke hinter sich zu bringen ohne a) irgendwann nicht mehr sitzen zu können oder b) sich sehr merkwürdig zu verrenken um irgendwie Schlaf zu finden und am nächsten Tag jeden einzelnen Muskel zu spüren, der an dieser Verrenkung teilgenommen hat.

Über meinen Geburtstag war meine Familie hier – ein Vorteil der „Nähe“ zu Deutschland – und dieser Besuch war echt Balsam für meine Seele. Mal nicht alle Einkäufe schleppen müssen war echt angenehm und wenn ich jetzt davon erzähle, dass ich wieder in dem Café am Strand war oder dass das Hochhaus in meiner Siedlung vor lauter Nebel nicht zu sehen war, wissen sie, worüber ich rede, was das Erzählen durchaus einfacher macht.

Momentan ist hier Prüfungsphase und selbst wenn keine Abfrage oder Klassenarbeit ansteht, ist der Unterricht nicht so, dass ich da groß helfen kann, weshalb ich viel Zeit im Büro verbringe, an meinen Bewerbungen arbeite und dabei helfe, was halt noch so gerade anfällt (wie z.B. das Schulporträt für die Pasch Seite erneuern).

Während für die ersten Freiwilligen der Endspurt angebrochen hat, naht sich für mich „erst“ die erste Hälfte meines FSJs dem Ende. Es ist immer wieder ein komisches Gefühl, wenn Jana sich darübe äußert und ich nie so ganz weiß, wie ich reagieren soll. Denn natürlich freue ich mich für sie, dass es bald nach Hause geht, andererseits ist es die Erinnerung daran, dass noch verdammt viel Zeit in Bulgarien vor mir liegt.

Worauf ich mich besonders freue ist mein Kurzbesuch zuhause über Ostern und Currywurst, legga Döner und den Lachsbagel aus meinem Lieblingscafé essen, Freunde wiedersehen,  Zeit mit meiner Familie zu verbringen und Kraft tanken für die letzten vier Monate mit den Jugend Debattiert Schulverbundfinals, dem Vorlesewettbewerb „Bulgarien liest vor“, Sonne, Tarator und dem schwarzen Meer vor/nach der Schule.

Etwas, woran ich mich vermutlich nicht mehr gewöhnen werde, ist der Schichtwechsel. Im Januar haben wir Spätschicht, ich komme also im Dunkeln nach Hause und versuche, unter der Woche nur Kleinigkeiten wie z.B. Milch kaufen zu müssen – im Februar haben wir dann Frühschicht und ich sehe mich schon den ein oder anderen Nachmittag im Café am Strand verbringen.
Beide Schichten haben sicherlich ihre Vor- und Nachteile, ich persönlich finde die Frühschicht jedoch deutlich angenehmer, da sie eher dem Gewohnten und Vertrauten aus Deutschland entspricht und ich danach noch Zeit habe, um irgendetwas zu machen.
Während der Spätschicht (oder „Zweiten Schicht) fällt es mir doch immer noch recht schwer, vor der Schule etwas anderes außer Netflix gucken, frühstücken und duschen zu machen, obwohl ich genügend Zeit hätte.

Letze Woche hätte ich mich entscheiden müssen, ob ich verkürze oder nicht und was mich vor zwei Monaten noch unglaublich beschäftigt und fertig gemacht hatte, fiel mir überraschend leicht: mit einem guten Gefühl sagen zu können, dass ich mit Bulgarien und vor allem Burgas noch lange nicht fertig bin und einfach noch nicht bereit bin, wieder nach Deutschland zurückzukommen – denn einige Highlights wie die Entlassung „meiner“ 12. Klässler, von denen ich den Großteil (127 Schüler*innen bzw DSD II Prüflinge) bei der Vorbereitungszeit der DSD II Mündlichen Prüfung beaufsichtigt und den ein oder anderen noch auf dem Weg zum Prüfungsraum beruhigt habe und mitzuerleben, ob ihre Träume/Wünsche für das, was danach kommt, vorerst in Erfüllung gehen werden.
Und natürlich die ganzen Besuche, auf die ich mich auch schon sehr freue. <3

Heimatsgefühle im Zug

Ich bin mir nicht 100% sicher, ob das, was ich denke und gehört habe stimmt, aber das, was ich gesehen habe, würde dies zumindest sehr bestätigen.

Denn die Züge hier in Bulgarien sehen den alten ICs in Deutschland verdammt ähnlich. Auf den Schlafabteilen des Nachtzugs nach Sofia stand sogar noch „Schlafwagen“ fett draufgeschrieben – dass dieser aus Deutschland kommt, ist denke ich offensichtlich.

Zugegeben, ich bin in Deutschland früher sehr viel Bahn gefahren – nach Bayern zur Familie und dann später auch nach Berlin, um Papa zu besuchen, der rein arbeitsbedingt für ein paar Jahre dort war. Deutsche Züge sind mir dementsprechend bekannt und vertraut.
Eigentlich hatte ich nicht das Bedürfnis, hier viel Bahn zu fahren, aber Clara (die Freiwillige aus Plovdiv) meinte, dass es eine Verbindung geben würde, die schneller als der Bus sein. Das überzeugte mich dann doch und ich hätte schwören können, dass das ein alter deutscher DB-Wagen war. Das 6er Abteil mit den Verspiegelungen und dieser potthässlichen Gepäckablage, die Fenster, die Türen im Zug und auch die Zugtüren – alles kam mir so unglaublich vertraut vor.

Ich meine, es war mein Papa, der meinte, dass die Bahn wohl mal so einiges von ihrem alten IC-Fuhrpark in den Osten verkauft hatte – Google ist da aber nicht so wirklich hilfreich (oder vielleicht habe ich auch einfach nicht die richtigen Suchwörter gefunden, naja).

Seitdem ist mir das Zugfahren sehr viel lieber als der Bus – nicht nur weil der Komfort anders ist und ich es einfach deutlich angenehmer finde, sondern auch, weil es ein klitzekleines Stück Heimat in der Fremde Bulgariens ist. Und auf der Rückfahrt von Sofia nach dem Zwischenseminar saß ich in dem Großraumabteil, sah zwei kleine Kinder mit ihrer Mutter an dem Tisch sitzen und fragte mich, ob ich vielleicht nicht schon in Deutschland in diesem Wagen saß. Nicht zwingend auf meinem Platz, aber an dem Tisch oder in einem anderen Abteil?
Mir ist klar, dass ich das nie wissen werde, aber es ist ein netter Gedanke. Und ein bisschen Wohlfühlen in der Fremde hat noch niemandem geschadet.

Das einzige, was beim Bahnfahren anders ist, ist der Fakt, dass ich bislang sogar meist relativ pünktlich angekommen bin – andererseits hält die Bahn hier in gefühlt jedem Kaff und wenn da mal irgendwo irgendetwas ein bisschen länger dauert, kann sich das auf die Fahrtdauer auswirken. Vermutlich ist hier einfach etwas mehr Stehzeit einkalkuliert und an manchen Bahnhöfen will auch niemand raus oder einsteigen.
Auch fahren die Züge hier nicht so schnell, sondern tuckeln ganz gemütlich nur die Gegend, sodass das regelmäßige ploppen (?, ich kann dieses Geräusch nicht beschreiben, ich denke, es geschieht beim Übertritt auf das nächste Gleisstück) oder „duduk“ mir schon sehr vertraut ist.

Schon in Deutschland habe ich diese Zugtüren gehasst, manche mehr, manche Arten weniger, und auch hier ertappe ich mich dabei, dass ich versuche, dort auszusteigen, wo andere bereits schon stehen und die dementsprechend die Tür öffnen – die Bilder, wie meine Mama mit so mancher Tür gekämpft hat und wir dann doch noch schnell zu einer anderen Tür gegangen sind um rauszukommen, sind stets präsent.

Nachdem ich auf der Rückfahrt vom Zwischenseminar ein paar Naps abbekommen habe, sah ich aus dem Fenster, sah die Wolken und die Natur an mir vorbeiziehen und fühlte mich zurückversetzt in eine Zeit, in der meine größte Sorge war, dass wir vielleicht den eventuellen Anschlusszug nicht kriegen oder die nächste Französischklassenarbeit und für die ich absolut keine Motivation zum lernen hatte.
Zurückversetzt in eine Zeit, in der meine Mutter mit dem Griff der großen Reisetasche in der einen Hand und die kleine Patschehand meiner Schwester in der anderen mir hinterherhechtete, wenn die Umsteigezeit mal wieder zu einem kritischen Zeitfenster zusammengeschrumpft war und ich mich dementsprechend orientieren musste/konnte/was auch immer.