19.02. – Gedankenchaos

Dieses Datum hat sich in mein Gehirn eingebrannt.
Nicht nur, weil es der Dienstag vor meiner Vorabiklausur in Geschichte war.
Und auch nicht nur weil ich bis zu diesem Tag es nicht wirklich hinbekommen hatte, mich auf den zu lernenden Stoff zu konzentieren.
Sondern auch, weil heute vor einem Jahr, am 19.02.2019 mein Auswahl-/Kennlerngespräch (wie auch immer man es nennen will) in Bonn war.
Ein komisches Gefühl. Es werden noch weitere Daten kommen – aber die haben eher mit den letzten paar Tagen/Wochen Schule zu tun.

Wir sind mit einem Leihwagen nach Bonn gefahren (meine Eltern wollten mir nicht noch die Deutsche Bahn antun – und das war wohl auch die richtige Entscheidung und mein Vater hatte bei der letzten längeren Fahrt etwas bemerkt, was er lieber erst einmal checken lassen wollte).
Bin nach der vierten Stunde nach Hause gerast, umgezogen, in Deo geduscht, Essen runtergwürgt, noch gefühlte zehntausend Mal kontrolliert ob ich auch ja alles dabei hatte und dann haben wir meine Schwester von der Schule abgeholt und los ging’s.
Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie nervös ich war und als die Autobahn dann ab und zu etwas voller war, lagen meine Nerven absolut blank. Wir sind früh genug angekommen, ich bin also reingegangen, angemeldet, mit ein paar Alumni etwas geredet; für richtige Fragen war ich viel zu angespannt.
Dann zu den anderen Wartenden gesellt, eine (die auch genommen wurde) gefunden, die aus Bielefeld kam und mit der Bahn gefahren ist (und schon so gegen 9 Uhr aufgebrochen ist …) und dann wurden alle aufgerufen – bis nur noch drei andere und ich übrig waren. Super.
Dumme Witze gerissen, ob man uns denn vergessen hätte und eine Alumna war so nett, uns aufzuklären, dass die „Jury“ (also die beiden, die uns interviewt haben) noch etwas Zeit für die Besprechung der Gruppe vor uns brauchen würden.

Als wir dann aufgerufen wurden, dachte ich, es würde losgehen – aber stattdessen durften wir noch einmal vor der Tür warten. Dass meine Nerven zu diesem Zeitpunkt mehr als nur blank lagen und ich es doch einfach nur hinter mir haben wollte, machte die ganze Warterei nicht einfacher.

Irgendwann durften wir dann rein und ich erinnere mich nur noch an Bruchstücke. Wie beeindruckt wie ich von dem einem Mädchen war, das sehr viel für die Schule selber organisiert hatte und daneben kam ich mir mit meiner Jugendarbeit in der Kirche (und noch mehr Jugendarbeit in der Schule) doch sehr dämlich vor. Auch die anderen beide hatten (meiner Meinung nach) viel mehr anzubieten als ich mit Jugendarbeit, Jugendarbeit und you guessed it – Jugendarbeit. Fotos gezeigt, Liste der Regionen noch einmal kontrolliert (ich wusste absolut nicht mehr, was ich wo hingesetzt hatte …) und versucht, mich nicht von den anderen und ihren Antworten verrückt machen zu lassen.

Rausgegangen. Erleichterung. Aber auch Zweifel, denn gerade neben diesem einen Mädchen fühlte ich mich extremst ungeeignet (irgendwer hat das anscheinend anders gesehen :D). Noch kurz mit den anderen geredet, gehört, wie es bei ihnen lief. Dann Mama in den Arm gefallen. Im Auto die Absage eines anderen Freiwilligendienstes gelesen. Lecker essen gegangen. Dann zurück nach Hause und noch schnell unseren Wagen zur Werkstatt fahren.

Ich wollte eigentlich nur die Absage endlich haben, damit ich mich um Studium und so weiter kümmern könnte. Aber dann kam die Mail mit dem Platzangebot – aber die Story kommt dann im April.

Es wirkt so surreal, dass das erst (oder schon?) ein Jahr her ist.
Heute vor einem Jahr in Bonn – heute in Sofia für das Aufbauseminar von Jugend Debattiert International, damit ich dann auch schön in der Jury sitzen darf.

In diesem Jahr ist so unglaublich viel passiert – Mottowoche, Abitur, Abiball, Vorbereitung für Burgas, Vorbereitungsseminar, Ankommen in Burgas, meine erste eigene Wohnung und was das alles so mit sich bringt, habe eine bulgarische Aufenthaltsgenehmigung (für 5 Jahre!!) und eine elektronische Busfahrkarte, Fahrten nach Sofia, Plovdiv, Bucharest, Veliko Tarnovo, Athen, Sibiu, Timisoara, Stara Zagora, Varna (in absolut nicht chronologischer Reihnfolge), der Botschaftsempfang, DSD-/JDI Basis- und jetzt das Aufbauseminar, das Zwischenseminar in Rumänien (mit abenteuerlicher Hin- und Rückfahrt), Abenteuer Bahn/Nachtzug/Bus, Besuch von Jana in (bald nicht mehr) Tirana, Weihnachten in Bucharest, Besuch meiner Familie (und noch einmal von Papa), 127 DSD Aufsichten, keine Ahnung wie viele Stunden im Café am Strand, tolle Abende mit tollen Menschen, Weihnachtsmärktetour in Bulgarien und Rumänien, selber Wasser und Strom zahlen, tolle Schüler*innen kennengelernt, mit Kira (der Freiwilligen aus Ecuador) über 6 Stunden am Stück geskypt (hehe), nette Abende mit der französischen Freiwilligen, so langsam ein Gefühl des Ankommens, ab morgen dann auch offiziell dazu berechtigt, eine JDI Debatte zu jurieren, und das Glück, ganz viele tolle Menschen kennengelernt zu werden (@ beide Homezones, Kira, … <3).

Und auch, wenn ich heute vor einem Jahr absolut nicht damit gerechnet hatte, irgendwo auf dem Balkan – besser gesagt in Burgas, an der bulgarischen südlichen Schwarzmeerküste – zu landen und wer auch immer das beschlossen hat: es ist doch gar nicht mal so verkehrt hier. Und so langsam merke ich, dass ich Burgas doch schon deutlich mehr in mein Herz geschlossen habe, als ich eigentlich zugeben kann/will/möchte.
Es ist zwar noch immer etwas komisch, dass die ersten jetzt wieder zuhause sind und ich noch etwas über 6 Monate vor mir habe – aber jetzt geht es hier doch irgendwie erst so richtig los, mit dem Theaterwettbewerb, Jugend Debattiert International und vielleicht noch dem Vorlesewettbewerb für die 8. Klassen!

Wie es so schön auf den Bussen steht: Аз обичам Бургас. (Ich liebe Burgas/ „Az obitscham Burgas“)

[Es ist hier 0:10, aber in Deutschland ist es noch der 19.02. – passt also schon irgendwie :)]

Vorbereitungsseminar

Gerade sitze ich zurück im Zug nach Hause, erschöpft von den letzten zehn Tagen und all dem Input, den ich in dieser Zeit bekommen habe.

Letzte Woche Sonntag, am 1. September, machte ich mich auf den Weg, unwissend, was mich erwarten würde. In einem Anfall von leichter Panik (ich hasse es, nicht zu wissen, was mich erwartet), habe ich Blogeinträge von den Alumni gesucht und auch welche gefunden, aber so wirklich weitergeholfen haben sie mir nicht. Alles war doch irgendwie sehr vage und das mit der Party am letzten Abend schien auch nicht sonderlich überraschend.
Am Bielefelder Bahnhof traf ich Emilia und war wirklich erleichtert, schon einmal jemanden gefunden zu haben. Tatsächlich saßen wir dann auch im Zug nebeneinander und konnten über Gott und die Welt reden – über das bevorstehende Auslandsjahr verloren wir nur wenige Worte.

In Berlin stiegen wir dann in den Bus um, und nachdem wir beinahe unfreiwillig Bekanntschaft mit dem See gemacht hatten, durften wir dann auch auf dem rechtmäßigen Busparkplatz aussteigen. Erleichterung machte sich bei uns beiden breit, als wir feststellten, dass wir auf einem Zimmer waren – und diese Erleichterung hielt bis zum Ende an (sorry, Jana). Denn pro Zimmer gab es nur einen Schlüssel, und da wir alle drei in derselben Homezone waren und auch unsere Freizeit miteinander verbracht haben, war der Schlüssel immer in der Nähe oder wir wussten zumindest, wer in hat.

Neben den drei anderen Freiwilligen, die mit mir nach Bulgarien ausreisen, waren in der Homezone noch die sechs Athener; Jana, die nach Albanien geht und eine andere Freiwillige, die hoffentlich nach Nordmazedonien gehen wird. Leider werden wir vier Bulgaren nicht beim Zwischenseminar in Serbien dabei sein, was ich persönlich sehr schade finde. Dafür darf ich einen möglich kurzen Weg nach Rumänien finden, was je nach Ort auch noch sehr interessant werden könnte …

Nach dem Zimmer beziehen, Namensschild suchen, Flasche nehmen, einem Willkommenssnack und der Begrüßung sowie einer etwas anderen Art des Kennenlernens (A zeichnet B ohne aufs Papier zu gucken während B über ein vorgegebenes Thema redet) am See, haben wir als Homezone den ersten Abend gemeinsam am See verbracht, was echt cool war, aber mit der Zeit auch echt kalt wurde.

Am 2. Tag ging es dafür dann richtig los – am Nachmittag fand Teil 1 der Partner-Tage statt. Sehr viel Input, den wir danach erst einmal in Ruhe auf dem Zimmer verarbeiten mussten. Am dritten Tag konnten wir Alumni die Fragen fragen, die wir normalerweise als dumm oder unnötig abstempeln würden und zugegeben tat das echt gut, zu hören, was sie so zu berichten hatten. Und etwas, was ich in diesen drei Stunden am meisten gehörte habe, war „macht euch nicht so einen Stress, das wird schon werden“. Nachmittags gab es dann Workshops von den Partnern, bei mir also vom PAD und der ZfA. Insgesamt war es wieder sehr viel Input, weshalb die Homezone nach dem Abendessen etwas ruhiger und schleppender lief als sonst.

Dann ging es auch schon nach Berlin – es tat gut, gerade nach den vielen Informationen der letzten 48 Stunden. Für eins, zwei Stunden an der Spree sitzen und in gewohnter Runde über irgendwelche Sachen reden; ich persönlich fand es erfrischend.

Das Highlight des fünften Tages war für mich definitiv der Kulturweit Ausweis, auch wenn der eigentlich gar keinen wirklichen Wert hat. Gerade zur Halbzeit brachte dieses kleine Stück Plastik noch ein ganzes Stück näher – wenn auch nicht realisierbarer.

Die nächsten vier Tagen brachten wieder sehr viel Input mit sich; Themen, die man auch nicht einfach so mit Verlassen des Raums hinter sich lassen konnte.

Gestern Abend war dann die große Abschiedsparty, so wirklich realisiert was das bedeutet hatte ich aber noch nicht – das kam erst heute morgen, als unsere Trainerin uns Bilder hinlegte und uns bat, eins auszususchen, dass unsere Stimmung zum Ende des Vorbereitungsseminars darstellt.
Es war wie ein Schlag ins Gesicht; plötzlich realisierte ich dass Jana heute Abend nicht bei uns auf dem Zimmer sitzen würde und wir uns wegen irgendwelchem Blödsinn kaputtlachen würden. Emilias Wecker würde morgen nicht um 6:45 klingeln und ich würde morgen früh nicht krampfhaft versuchen, noch ein bisschen Schlaf zu kriegen. Denn morgen wache ich in meinem eigenen Bett daheim auf und zum Frühstück muss ich nicht erst durch die Kälte laufen, sondern wenn überhaupt unseren Hund streicheln, damit sie mich vorbei lässt. Bis dahin hatte ich wirklich gut verdrängt, dass heute vorerst Abschied genommen werden muss; dass morgen der erste der drei letzten Tage zuhause beginnt.
Und als wir dann zum Abschied in der Homezone uns bei den anderen bedankt haben, hatte ich doch schon etwas Pipi in den Augen.

Die anderen habe ich zum Zug gebracht, das Zimmer für das Nachbereitungsseminar steht eigentlich auch schon und ein Besuch in Athen ist auf jeden Fall geplant. Mit den zwei Freiwilligen in Sofia sowie der Freiwilligen in Varna werde ich wohl eh noch so einiges zu tun haben (Zwischenseminar, Besuch der Deutschen Botschaft, …) und meine Familie wird mich auf jeden Fall besuchen kommen (die Frage ist nur wann).

@ Homezone 15: danke für die 10 Tage, war mega schön mit euch! (Und viel Spaß schon mal beim Zwischenseminar … 🙁 )

@ Zimmer 212 und Jana: danke für einfach alles, Leude. Hab euch lieb.

Samstag geht es los nach Burgas und momentan ist es doch ein lachendes und ein weinendes Auge – auf der einen Seite waren diese zehn Tage motivierend und ich will, dass es endlich losgeht, andererseits freue ich mich auch auf zuhause und weiß, dass das Samstag sau schwer wird …

Ich melde mich irgendwann demnächst aus Burgas!

Lina