Schmerzhafte Daten

Heute ist der 24.04.2020.
Eigentlich wäre heute mein großer Tag gewesen, eigentlich wäre ich heute zusammen mit dem anderen Freiwilligen und einem Jugend Debattiert Alumni aus Deutschland in der Jury des Schulverbundfinales in Stara Zagora gesessen.
Vermutlich würde mein Kopf noch von all den Debatten, die wir gehört und bewertet hätten, geraucht und – so weit bin ich mit meiner Planung bis zur Ausrufung des Ausnahmezustands nicht gekommen – hätte mir wahrscheinlich für diese so wie auch für die letzte Nacht ein Hotelzimmer in Stara Zagora gegönnt und würde wohl mit dem anderen Freiwilligen noch die Fußgängerzone unsicher machen.
Vermutlich wäre er dann mit mir morgen in den Bus in Richtung Burgas gestiegen und ich hätte ihn morgen Abend ins Incanto geschleppt und Sonntag dann die Stadt und mein Lieblingscafé am Strand gezeigt.
Am Montag würden wir uns früh aus dem Bett (bzw von der Couch quälen) – er wäre auch in Burgas teil der Jury und ich wohl das Mädchen für alles. Entweder noch am Montagabend oder irgendwann Dienstag würde er sich auf den Weg nach Burgas machen und ich mich auf die Feierlichkeiten zum 60. Jubiläum der Schule am Donnerstag einstimmen.

Anstatt Cider, bulgarisches Bier oder wer weiß was zu trinken und mich mit dem anderen Freiwilligen zu unterhalten, vielleicht den möglichen Besuch der Freiwilligen aus Moldau zu reflektieren oder den Tag durchzugehen, sitze ich an meinem Schreibtisch und gönne mir einen Frust-Kakao, höre die Solo-Alben von Niall Horan, Harry Styles und Louis Tomlinson und schwälge in Vorstellungen, was gerade sein könnte, wenn Covid-19 nicht dazwischengekommen wäre. Und dieses Schwälgen schmerzt.
Allen meinen Freunden habe ich immer wieder erzählt, das es ab Ostern ja gut werden würde, dass ich dann was – beinahe schon etwas zu viel – zu tun haben würde und es war mit der Zeit mein eigenes Mantra geworden – Augen zu und durch, denn ab Ostern geht’s rund. Und anstatt jetzt über irgendwelche Lehrer zu fluchen, die sich bei irgendwem über unsere Juryentscheidung beschweren (was nicht gerade unwahrscheinlich gewesen wäre), bade ich etwas in Selbstmitleid.

Ja, ich hatte Respekt vor meiner heutigen Aufgabe. Aber viel lieber würde ich gerade mit jemandem über meine Entscheidung diskutieren oder mir von einen der Lehrer anhören müssen, wo ich und die Jury allgemein ihrer Meinung nach offensichtliche Fehlentscheidungen getroffen hätten, anstatt gar keine Entscheidung getroffen zu haben.

Ich fühle mich noch immer – oder eher gerade mehr denn zuvor – der „guten“ Zeit meines FSJs beraubt. Ja, es gab durchaus „gute“ Phasen, aber die nun beginnende Zeit war mein Lichtblick. Und anstatt die Reise mit einer nach Istanbul oder Athen zu finalisieren, mit der Theatergruppe die letzten Feinschliffe am Stück oder die Pläne für Montag und Donnerstag noch einmal mit meinem Fachschaftsberater oder meiner Ansprechsperson durchzugehen, sitze ich zuhause und habe viel zu lange auf das Lateinbuch gestarrt, dass ich mir als Vorbereitung auf das Latinum, welches ich während meines Bachelorstudiums nachholen werde und schon wieder eine Krise gekriegt weil so viel von dem, dass ich gerade (gefühlt) bräuchte noch in Burgas liegt. Konnte ich vor ein paar Wochen noch kaum einschlafen, könnte ich gefühlt momentan 24/7 schlafen und der Fakt, dass ich nichts zu tun hab, hilft nicht wirklich.

Es ist Jammern auf hohem Niveau und das weiß ich; ich lebe in einem Land, dessen Gesundheitssystem gut aufgestellt ist (auch wenn es noch lange nicht perfekt ist …), ich darf noch raus, spazierengehen und mich mit Abstand mit Leuten treffen. Wobei letzteres mir ziemlich schwer fällt, denn danach sehne ich mich umso mehr nach einer „normalen“ Welt in der man sich spontan zur Happy Hour oder sich spontan im Lieblingscafé treffen kann. Und auch Fragen wie z.B. mit wie vielen Leuten man sich (natürlich einzelnd) insgesamt treffen kann/sollte um nicht die ganze „stay at home“ & flatten the curve Bewegung poppen immer wieder auf.
Meine Familie ist gesund, wir haben genug Platz, sodass wir alle nicht 24/7 aufeinander hocken müssen, haben Wlan, Laptops, … (es fehlt nur eine vernünftige Musikbox fürs in der Musik absolut versinken, die steht halt noch in Burgas, ooops).

Ich hoffe, es geht euch/dir gut! Bin dann mal weiter in meiner nicht von Covid-19 betroffenen Gedankenwelt weitere „was ich wohl gerade tun würde“ Ideen sammeln …

2 thoughts on “Schmerzhafte Daten

  1. Hey Lina, ich war ab März 2018 für ein Jahr mit Kulturweit in Bosnien und kann mir nur vorstellen, wie krass es ist, wenn das alles so abrupt endet. Du musst dich nicht schlecht fühlen, dass du dem ganzen noch nachtrauerst. Im Endeffekt war es ein Kulturschock, als man angekommen ist und ein Kulturschock, als ihr plötzlich wieder in Deutschland wart. Wir hatten ein Nachbereitungsseminar, um uns wieder an Deutschland zu gewöhnen und sogar wir, die ein Jahr hatten und uns normal von allen verabschieden konnten, haben uns auf dem Nachbereitungsseminar noch verbunden mit dem Land und abrupt rausgeholt gefühlt. Auch nach einem Jahr hat man vielleicht noch Sachen, die man noch machen wollte oder wollte seine Freunde nicht verlassen und Abschiede sind immer komisch. Ich wollte nur sagen, dass ich mit dir und allen anderen Freiwilligen mitfühle und die Blogs immer verfolgt habe. Es ist okay, noch mit Gedanken im Einsatzland zu sein und wehmütig zu sein und du bist sicher nicht alleine damit! Auch mir ging es einige Zeit noch so, dass ich darüber nachgedacht habe, was zum Beispiel meine Schüler jetzt gerade machen oder meine Freunde, welche Projekte ich jetzt verpasse und dass ich nicht beim Abiball sein konnte. Irgendwann wird das weniger!
    Liebe Grüße, Annika 🙂

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