Das Zwischenseminar – oder: die deutsche Blase

Das Zwischenseminar war etwas, auf das ich ehrlich gesagt nicht wirklich viel Lust hatte. Dafür gab es zwei Hauptgründe: zum einen war die Fahrt elendig lange und (vor allem die Rückfahrt) brachte mich an meine Grenzen, vor allem was den Schlaf anging, zum anderen wurde unsere Homezone vom Vorbereitungsseminar getrennt und das fand ich jetzt nicht wirklich prickelnd. Die anderen haben uns gut aufgenommen und alles, aber trotzdem wäre es für mich noch schöner gewesen, wenn ich mit Jana wieder zusammen hätte Panik schieben können oder mit der Zimmercrew (und Jana) einfach über irgendwelchen Scheiß hätte reden können.

Dementsprechend lustlos stieg ich am 23. November in den Zug in Richtung Sofia und begann das große Abenteuer. Dieses Mal gab es sogar Durchsagen, was mich persönlich etwas verunsicherte, aber da die Frau in meinem Abteil total entspannt wirkte, konnte es ja nichts wirklich ernstes sein – zumindest redete ich mir das ein. Gerade, als die Müdigkeit mich etwas unter Kontrolle hatte und ich doch kurz davor war, mir eine kleine Pause zu gönnen, stießen eine Bulgarin und ein Kolumbianer zu uns in Abteil und auch wenn ich mal nicht aktiv am Gespräch teilnahm, so hielten sie mich wach.

In Sofia angekommen ging ich dann erst einmal in den Billa, um noch etwas Zeit im Warmen totzuschlagen – denn, ob man es glauben möge oder nicht, wir sind auf die Minute pünktlich im Sofioter Hauptbahnhof eingefahren, was so ziemlich der einzige große Unterschied zu der geliebten DB in Deutschland darstellt, der mir bisher aufgefallen ist. Danach telefonierte ich noch mit meiner Mutter, und auch wenn es sehr viele Unterbrechungen und Anflüge von Frustationstränen gab, tat es im Endeffekt wirklich gut.

Die Fahrt im Flixbus war überraschend viel vom Schlafen geprägt und die Frau in der Reihe vor mir, eine Britin, die alleine etwas in der Weltgeschichte umherreiste, organisierte uns zusammen mit einem Rumänen ein Taxi vom Busbahnhof zum Hauptbahnhof. Wie auch ich hatte sie nicht die beste Erfahrung mit Bulgaren und ihrer Hilfsbereitschaft gemacht, weshalb wir beide doch etwas überrascht waren, als der Rumäne uns von sich aus Hilfe anbot und bei uns blieb, bis wir dann im Taxi saßen. Da ich noch kein Bargeld hatte und dachte, dass es dort am Busbahnhof bestimmt einen ATM gibt, übernahm sie das Taxi (für umgerechnete 2€, ungefähr) und weigerte sich dann anschließend, die Hälfte von mir anzunehmen. Sie hätte das Taxi ja eh gebraucht, meinte sie, und so beließen wir es dabei.

Nachdem sie im Zug in Richtung Brasov saß, setzte ich mich in den McDonald’s, gönnte mir einen Kaffee und nach einem kurzen herumgehen und bemerken, dass jener McDonald’s eines der wenigen geöffneten Restaurants mit Steckdosen war, folgten darauf hin noch Pommes, während mein Handy noch einmal laden konnte.

Die Zugfahrt war nicht sehr spektakulär, wobei ich es schon sehr interessant fand, dass es zumindest in meinem Wagen dort nur 4er Sitze mit Tisch gab – und da ich mein Ticket bereits online gekauft hatte, wurde mein Name von einer Liste abgehakt; schon das zweite Mal während meines Aufenthaltes stand ich also schon auf einer „Gästeliste“ :D.

In Sibiu wurde ich auf meinem Weg zum Hostel vom Weihnachtsmarkt begrüßt und verbrachte den Großteil des restlichen Abends dort, probierte Glühwein, schlenderte rum und nahm all die Weihnachtsstimmung auf. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass Weihnachten, der Besuch meiner Familie und mein Geburtstag gar nicht mehr so unglaublich weit weg sind.

Die Fahrt nach Hosman und das Laufen zur Kulturscheune, unserem Seminarort und der Location für Marlenes göttliche Mottoparty, geschah im Pulk mit Freiwilligen aus Rumänien und Moldau – und ich würde lügen, wenn ich mir dort nicht meine Homezone herbeigesehnt hatte. Aber schon im Verlauf des ersten Tages fühlte ich mich zumindest von manchen schon aufgenommen und es gab deepe Gespräche am warmen Kamin in der Küche.

Am Dienstag kam eine Mitarbeiterin von kulturweit und brachte uns vier Bulgaren etwas aus Serbien mit – einen Brief von unserer Homezone, Kekse und ein Papierschiffchen von Jana für mich (ich glaube, diese Schiffchen werden mich das restliche Leben lang verfolgen …). Die „Post“ lag die ganze Einheit lang in der Mitte des Raumes und es fiel mir wirklich schwer, mich auf etwas anderes zu konzentrieren, wenn da dort Post von den Menschen lag, die ich so gerne bei mir hätte.

Während des Zwischenseminars wurden so viele Themen angesprochen und auch von uns Freiwilligen im Rahmen der Kurzvorträge angerissen und auch in unserer Freizeit gab es das ein oder andere deepe Gespräch – zum Beispiel auch über meine Situation. Auf der einen Seiten war es teilweise etwas zu viel, ich wollte doch gerade davon mal wieder wegkommen, auf der anderen Seite tat es aber unglaublich gut. Es tat gut, zu hören, was dem ein oder anderen in ähnlichen Situationen geholfen hat und diese anderen Blickwinkel haben mir das ein oder andere Mal auch etwas die Augen geöffnet.

Und bis auf ein kleines Drama bezüglich der Bezahlung des Stroms am Donnerstag Abend konnte ich trotz der Gespräche etwas Distanz zu dem Geschehen entwickeln, denn wie unsere Trainerin es so schön gesagt hat: „ja, es ist bei dir richtig viel scheiße gelaufen, aber wir gucken jetzt mal nach vorne. Weiter als das DSD, weil danach kann sich vielleicht ja noch was ändern. Aber dafür müssen wir jetzt was tun.“

Die Woche verging viel zu schnell, beim Wichteln am Donnerstagabend wusste ich nicht, ob ich froh sein sollte, dass ich hier war oder traurig sein sollte, weil ich in 48 Stunden wieder in Bucharest oder schon auf dem Weg nach Sofia sein würde.

Freitag Nachmittag nahm der Großteil der Truppe einen schon sehr vollen Bus nach Sibiu, sodass der ein oder andere von uns stehen musste. Mir wurde in der letzten Reihe ein Platz angeboten und von weiter vorne rief mir ein Freiwilliger zu, dass ich mich doch mit ihnen unterhalten soll. Und ich schüttelte nur den Kopf, denn ich kann kein rumänisch. Auf bulgarisch kann ich mich nicht wirklich (also vermutlich eher so gar nicht) unterhalten, aber auf rumänisch? Woher denn? Da bemerkte ich wieder die Unterschiede – bis auf eine der drei Freiwilligen in Moldau lernt die ganze Homezone rumänisch, und manche sind da schon echt gut drin. Meine 6 Stunden Einzelsprachkurs mit der traditionellen „warum Bulgarien scheiße ist“ Einführung meines Sprachlehrers sind dagegen absolut gar nichts.

Zusammen mit anderen Freiwilligen nahm ich mir ein Hostelzimmer, wir schlenderten über den Weihnachtsmarkt, probierten uns bei den Glühweinen durch und es tat gut. So unglaublich gut. Was auf dem Vorbereitungsseminar noch als so schlecht dargestellt wurde, diese deutsche Blase, die tat mir so unheimlich gut. Auch wenn es dann etwas unangenehm wurde, als ich mich an einen Tisch stellte, der von einem knutschenden Pärchen besetzt wurde und mit den Worten „die knutschen doch eh rum“ beschlossen hatte, dass es dort noch Platz für uns gab und die Frau uns danach ansprach, ob es okay wäre, wenn sie eine raucht – und zwar auf Deutsch.

Bevor es dann am Samstag zurück nach Bukarest und für mich dann weiter nach Sofia ging, besuchten wir einen Bazar im Deutschen Zentrum und ich war einfach nur begeistert. Es hatte mir wirklich gefehlt, mich vernünftig in meiner Muttersprache zu verständigen und es auch einfach nur zu hören, wie andere deutsch sprechen.

Die Rückfahrt war bis Bukarest noch ganz okay, ich war nicht alleine und Johanna blieb neben mir sitzen, auch wenn es genügend freie Plätze gegeben hätte. Ich habe es nicht ausgesprochen, aber ich war froh, als sie neben mir sitzen blieb – denn danach kam die Fremde. Sie und ihre zwei Mitbewohner machten sich auf den Weg zur Wohnung und da es sich für mich nicht wirklich rentierte, mitzukommen, machte ich den Kaufland unsicher. Vieles ähnelte oder war gleich wie im Kaufland hier, aber trotzdem wirkte es wieder fremd. Und dann, wieder am Busbahnhof, rief ich meine Mutter an, um dieser Fremde noch etwas zu entfliehen.

Die Fahrt nach Sofia war sehr schlaflos – aber da wir ca. 40 Minuten zu früh am Busbahnhof ankamen, konnte ich sogar den Zug um 6:30 nehmen, den ich gar nicht erst auf den Schirm gehabt hatte. Die alten DB-Wagen brachten etwas heimatliches in die Fremde – dazu aber in einem separaten Blogeintrag mehr, trotzdem fühlte ich mich wieder schrecklich fremd. Menschen sprachen mich an und auch mein „Ich bin Deutsche“ schien wenig Verständnis für meine Situation hervorzubringen.

Und dann, wieder in der Wohnung, die noch Strom und Wasser hatte, kullerten wieder die Tränen. Die Tränen, auf die ich so gut hätte verzichten können. Die schlaflose Nacht, die Fremde, das Alleinesein, das alles war vermutlich einfach etwas viel für mich – und das Wissen, dass die nächsten Schultage elendig lange werden.

Denn ab dem 2.12. sind die mündlichen Prüfungen für das Sprachdiplom und ich darf bei der Vorbereitung Aufsicht führen und ich kann nach dem ersten Tag nur bestätigen, dass es echt brutal ist. Rumsitzen, irgendetwas machen aber bitte nicht zu beschäftigt damit sein, damit doch zumindest etwas Aufmerksamkeit auf dem Prüfling liegt. Immerhin ist der Adventskalender von zuhause angekommen und versüßt mir diesen ersten (und längsten) Prüfungstag etwas. Also nicht wundern, wenn im Dezember etwas mehr hochgeladen wird.

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