Ankommen

Tag 1

Heute morgen bin ich noch verschlafen aus dem Bett gekrochen, um noch Handtücher und Bettwäsche(hätten nicht mehr in meinen Koffer gepasst) in meinen Rucksack zu stopfen. Achtzehn Stunden später sitze ich auf einer Matratze in einer Jugendherberge im Zentrum von Minsk, im Nebenzimmer wird eine Sprache gesprochen, die mir noch fremd ist.

Schnell ins Auto hüpfen, Mama fährt mich zum Flughafen, dort beginnt das Abenteuer. In Vilnius angekommen, setze ich mich in ein Shuttle, von dem ich glaube, es bringe mich zum Hauptbahnhof. Als ich drin sitze und einem älteren Mann meine Stadtkarte zeige, er möge mir doch sagen, in welche Richtung wir fahren, zeigt er auf einen Punkt weit außerhalb des Papiers, dies sei eine touristische Karte, wir führen weg vom Zentrum, zum Busbahnhof. Macht nichts: als ich die Frau an der Touristeninformation im Busbahnhof frage, wie ich jetzt zum Hauptbahnhof kommen solle, kommt die Antwort „cross the street“. Verdutzt nehme ich den nächsten Ausgang aus der Halle und schon stehe ich vor einem Gebäude, das eindeutig der Hauptbahnhof ist.

Noch ist es erst 16 Uhr; ich habe noch eine Stunde, bis ich mit der Kollegin meines Ansprechpartners am Goethe Institut verabredet bin, die mir eine Zugfahrkarte überreichen wird. Meinen Riesenkoffer im Schlepptau schweife ich in der Altstadt umher, verkleidete, singende Gastalten laufen an mir vorbei, eine Frau drückt mir eine Kokosmakrone in die Hand. Von allen Seiten höre ich Russisch.

Gerade rechtzeitig komme ich wieder am Bahnhof an, dort gibt es eine Abteilung nur für den Zug nach Belarus, mir wird die Fahrkarte überreicht, nach der Visa-, Pass- und Fahrkartenkontrolle sitze ich im Zug. Bis jetzt verlief die Reise ohne Probleme, trotzdem bin ich etwas angespannt, als Grenzbeamten einsteigen. Der Zollbeamte hebt meinen Koffer hoch, schätzt das Gewicht ab. Я не говорю по-русски – ein Mann übersetzt für mich. No, nothing to declare. Später holt er mir noch einen Migrationsschein. Schon die dritte Person an diesem Tag, die auf mich zukommt, um mir ihre Hilfe anzubieten.

Mein Betreuer vom GI wartet am Bahnsteig auf mich, begleitet mich zu dem zentralgelegenen Hostel, in dem ich die nächsten zwei Nächte verbringen werde. Wir fahren durch die Zentrale der Macht; auf beiden Seiten der Straße werden imposante Gebäude angestrahlt, die Straßen sind sauber. Das Hostel befindet sich in einem kleinen Fleckchen Altstadt direkt am Fluss Swislatsch.

 Vielleicht doch nicht so fremd; nebenan sind auch eine Gruppe von deutschen Mädchen untergebracht, die genau wie ich einen Freiwilligendienst machen, allerdings mit dem EFD(Europäischer Freiwilligendienst). Sie haben sich zum Zwischenseminar in Minsk versammelt. Wir quatschen ein bisschen, was ich denn erwarten würde von den nächsten paar Monaten.
Die Mädchen haben den Anfang schon hinter sich. Ich muss erstmal ankommen hier in diesem wunderbar fremden Land. Selbst wenn das erstmal nur heißt, dass ich jetzt mein Bett beziehen werde.