Einfach drauflos

Am 5. Dezember ist es soweit.

Nicht nur Nikolaus steht vor der Tür, sondern auch das  DSD II. Die Prüfung der schriftlichen Kommunikation ist bereits abgelegt, jetzt stehen die mündlichen Prüfungen auf dem Plan. Morgens um kurz vor 9 Uhr komme ich in den Physikraum, in dem Morgen, Kinder, wird's was gebenheute geprüft wird. Vorne stehen fünf Schüler, die nicht zum DSD antreten,  über Leinwand und Beamer gebeugt und versuchen alle gleichzeitig die Gerätschaft so zu justieren, dass die Projektion nicht mehr schräg, sondern annähernd gerade und außerdem scharf erscheint. Nicht einfach, vor allen Dingen wenn man sich überlegt, dass dabei zehn Hände und damit tatsächlich fünfzig Finger involviert sind. Das Ergebnis kann sich letztendlich sehen lassen, was ich ganz wörtlich meine. Vorher sah man nämlich nicht so viel.

25 Minuten später beginnt die erste Prüfung. Um Schwächeanfällen vorzubeugen baue ich in der Zwischenzeit in Greifweite unser umfangreiches Büffet der kleinen Stärkungen auf. Dann wird es ernst. Aber nur ein wenig, denn die beiden Prüfungstage werden im Großen und Ganzen sehr unterhaltsam und interessant und von Zeit zu Zeit auch wirklich komisch. Entweder weil vor lauter Adrenalin die Zunge nicht mehr das macht, was sie machen soll und es so zu Wortverwirrungen kommt oder aber, weil das Prüfungsgespräch zu ganz neuen Erkenntnissen führt. Thema Schönheitswahn. These: „Auch Männer stehen immer mehr unter Druck und achten mehr auf ihr Äußeres. Das ist schlecht.“ Erkenntnis dazu: „So schlecht ist es aber eigentlich doch nicht, also dass Männer auf ihr Äußeres achten.“

Die Prüfung besteht aus zwei Teilen. Zum einen aus der Präsentation und dem Kolloquium zu einem unbekannten, in der Vorbereitungszeit präparierten Thema und zum anderen aus einer Präsentation und dem Kolloquium zu einem selbstgewählten, gut vorbereiteten Thema. Dafür stehen etwa 20 Minuten zur Verfügung, an die sich 15 Minuten zur Notenfindung anschließen. Für jedes Kriterium wie Inhalt, Präsentation, Grammatik, Aussprache & Intonation, Verfügbarkeit sprachlicher Mittel und Interaktion sind maximal drei Punkte zu erreichen. Mit acht Punkten ist Sprachniveau B2 bestanden, ab zwölf Punkten Sprachniveau C1. Mit beiden zertifizierten Sprachniveaus können die Schüler nach ihrem Schulabschluss ohne einen Sprachtest anfangen an deutschen Universitäten zu studieren. Nach insgesamt 16 Prüfungen war es das für das Erste – zumindest für mich – mit dem DSD im Jahr 2013.

Und auch mit dem Sprachkurs. Denn an der Universität sind seit Freitag Weihnachtsferien und zwar über einen Monat lang. Eine sehr pragmatische Antwort darauf, dass nicht jeder Raum der Universität über einen Heizkörper verfügt und das Gebäude nicht im besten Schuss ist. Eingeläutet wird die Winterpause von einer Weihnachtsfeier, an der meine Sprachkurskollegen zur Feier von Sankt Nikolaus und dem „Tag der ausländischen Studenten“ in der Uni rumänische Weihnachtslieder singen. Dass ich nicht dabei sein kann, macht mich ein bisschen wehmütig. Aber wirklich nur ein bisschen.

Warum? Hier:

http://www.digi24.ro/Stiri/Regional/Digi24+Craiova/Stiri/Studentii+straini+au+cantat+colinde+in+limba+romana

 

Einfach drauflos

Am Samstag wage ich das Experiment „Joggen in Craiova“. Im Slalom laufe ich um Menschen, Autos und Straßenhunde herum in Richtung Park. Geht eigentlich erstaunlich gut. Vielleicht bin ich aber in Sachen Verkehr und (Un-)Sicherheit nach drei Monaten einfach schon abgestumpft.  Während sich meine Herzfrequenz Mitte September vor jeder Straßenüberquerung ungesund beschleunigte, habe ich nun Mitte Dezember ein uneingeschränktes, blindes Grundvertrauen darauf, dass ich 1. von den Autofahrern gesehen werde und dass sie dann 2. auch noch halten. Einfach drauflos laufen und beten. Machen die Einheimischen auch nicht anders. An jeder Kirche und somit jeder Straßenecke wird sich drei Mal bekreuzigt. So sieht die ultimative orthodoxe Präventivmaßnahme in Sachen Verkehrssicherheit aus!

Sonntagmorgen , 7 Uhr. Es ist dunkel und kalt. Unsere fünfköpfige spanisch-chinesisch-deutsche Truppe macht sich auf den Weg in ein Dorf etwa eine halbe Stunde von Craiova entfernt. Hier findet jeden Sonntag der größte Markt in der Umgebung  statt und zu dieser Zeit werden hier vor allen Dingen Ferkel und Schweine für den Weihnachtsbraten verkauft. Aber auch Kühe, Enten, Ziegen, Schafe, Käse, Obst und Gemüse, Klamotten, Möbel und alles, was man sonst noch so zum Leben braucht. Und für das Leben danach, denn Grabsteine werden ebenfalls zum Verkauf angeboten. Auf unseren Weg kommen uns dick eingepackte Familien auf Pferdewagen entgegen, die scheinbar auf dem Weg zur Kirche sind. Es ist bitterkalt. Nach 30 Minuten und zwei Runden über den Markt fühlen sich meine Zähen wie Eisklumpen an. Die aufgereihten Schuhe am Stand nebenan sind mit einer Eisschicht überzogen. Ich frage mich, wie die Händler es aushalten hier jeden Sonntag um diese Uhr- und Jahreszeit zwei bis drei Stunden lang zu stehen. Da hilft vermutlich nur heißer Țuică (Pflaumenschnaps), eine warme Mici (Würstchen) und heiße, gezuckerte Krapfen. Letztere probiere ich, doch meine Fußspitzen haben von dem Bisschen Wärme nicht viel.

Über den Markt schallt durch die Folkloremusik aus irgendeinem Autoradio auch das Kreischen von mehreren Ferkeln. Der Umgang mit den Tieren ist pragmatisch. Hat man ein Kalb, das man gerne verkaufen möchte und ist das Auto ein kleiner Fünfsitzer mit ebenso kleinem Kofferraum, dann wird ein bisschen Stroh in den Kofferraum gestreut und das Kalb dort hineingesetzt. Ja, das ist ziemlich eng. Noch viel enger ist leider eine zugebundene Plastiktüte, in die lebende Ferkel zum Verkauf gesteckt werden.

 

 Slavuța

Wir fahren für einen kleinen Sparziergang weiter in Richtung Norden und landen in einem kleinen Dorf namens Slavuța. Slavuța sieht sehr hübsch aus, die Häuser sind kunstvoll verziert, gelegen auf einem wunderschönen Fleckchen Erde. Doch wenn man genauer hinsieht, ist zu erkennen wie hart das Leben hier sein muss. Vermutlich kein fließendes Wasser. Bei den Temperaturen. Für mich unvorstellbar. Hunde bellen, Hähne krähen. Holger kommt mit einer älteren Frau ins Gespräch, die gerade ihre Gänse hütet. Sie hält uns für Freunde eines Dorfbewohners, der nach Frankreich ausgewandert ist. Anders kann sie sich unsere Anwesenheit in ihrem Dorf nicht erklären. Sie gibt uns Tipps, wo die schönsten Plätze in der Nähe sind und ist dann doch noch ein bisschen neugierig, was so viele Fremde nach Slavuța verschlagen hat. Im Sommer und Frühling sei es hier sehr schön. Aber im Winter ist es anders. „Das ist Rumänien, was sollen wir machen?“, sagt sie immer wieder. Sie bietet uns dann noch ein Glas Wein an, aber wir müssen leider zurück nach Craiova.

Am Montag, um 13.15 Uhr, bin ich offiziell für die nächsten fünf Jahre in Rumänien registriert! Meine liebe Frau Mama kommentiert das mit: „Vielleicht willst du ja auch noch in Rumänien studieren?“  Auch wenn ich das momentan wirklich nicht vorhabe, freue ich mich über das Stück Papier, das mir der Polizist da in die Hand drückt. Es war wie zu erwarten nicht ganz so einfach zu bekommen, aber wider Erwarten doch einfacher zu bekommen als gedacht. Und das finde ich großartig!

Die Vorbereitungen für die Weihnachtsfeier der dritten Klasse am Freitag laufen auf Hochtouren. Mittwoch üben wir das erste Mal in der Aula. 23 Kinder krähen munter in ihrem ganz eigenen, individuellen Tempo „Fröhliche Weihnacht überall“ vor sich hin. Beim nächsten Mal sollen sie auf meinen Mund achten, um zu erkennen, was wir gerade singen. Das klappt sehr gut, nur starren jetzt gebannt 46 Augen auf meinen Mund, statt ins Publikum. Ich muss grinsen.

Viele Grüße aus Craiova!

 

4 Comments

  1. Doris Grallert

    Liebe Jelena, auch ich habe Deinen neuesten Artikel wieder mit Freude gelesen,schmunzeln mußte ich auch über das eine oder andere, erschreckt haben mich die „fünf Jahre“, schmunzeln muß ich aber auch immer über die Kommentare von Stefan Ich freue mich schon sehr auf unser Wiedersehen.Viele liebe Grüße von Oma Doris und Opa Siegfried

  2. Cristina Eck

    Liebe Jellena,

    ich genieße alles was du schreibst, aber bitte nicht länger als ein Jahr!… Immerhin du kanns so oft du möchtest Rumänien noch besuchen, aber dort zum Leben???!!!
    Schöne Grüße von uns allen, fröhliche Weinachtszeit und komm gut nach Hause.

  3. Stefan

    Hallo Jele,

    falls das weder mit der Zockerkarriere noch mit dem Studium klappt, schreib‘ doch einfach weiter so. Ich werde Dein Agent, wir machen auch 50/50 weil mir grade so vorweihnachtlich weich ums Herz ist. Gebongt?

    Über die Geschichte mit den fünf Jahren würde ich mir ja mal meine Gedanken machen. Warum sollten die Dich wieder weg lassen?

    – Jetzt aber mal ernsthaft:

    Wieder ein schöner, herzlicher und interessanter Artikel!

    Nur bei den Zähen haben sich mir die dortigen Negel aufgerollt. ;-))

    Grüße von

    Stefan

  4. Barbara

    Liebe Jelle,

    natürlich bin ich froh, dass Du nicht ernsthaft ins Auge fasst, die
    5 Jahres-Registratur in Rumänien auszuschöpfen :-)…und ich freu mich: nur noch 8(!) Tage, bis Du -zumindest für kurze Zeit- wieder zuhause bist! Ich wünsche Dir eine schöne Weihnachstfeier mit den 3.Klassen und hoffe, dass sie es auch noch ohne „Mundhypnose“ durch die „Fröhliche Weihnachstzeit“ schaffen!
    Wärmste Grüße in die rumänische Kälte von der lieben Frau Mama

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