Tag 175 – Hallo Deutsch!

Liebe Leser_innen,

ich hatte ja versprochen, noch zu erzählen, was ich im Goethe-Zentrum alles gemacht habe.

Das Goethe-Zentrum heißt eigentlich „Hallo Deutsch – Zentrum der deutschen Sprache“ und ist ein zertifizierter Partner des Goethe-Instituts. Seit letztem Jahr gibt es in Ufa die Sommerakademie – zwei Wochen Deutschunterricht, verbunden mit Spielen und Ausflügen, für Jugendliche von zehn bis 16 Jahren. Dieses Jahr gab es die Sommerakademie sogar zweimal – vom 17.7. bis zum 28.7. und vom 7.8. bis zum 18.8.

In der Woche vor der ersten Sommerakademie bin ich jeden Nachmittag ins Goethe-Zentrum gefahren, das leider fast am anderen Ende der Stadt liegt (also jeden Tag mindestens eine Stunde Busfahrt in jede Richtung). Da habe ich schon mal bei der Vorbereitung geholfen und – wow, war das anders als die Arbeit in der Schule! Jetzt kenne ich neben dem Spontan-Unterrichten auch die Situation, in der man einen ganzen Nachmittag lang eine Stunde Unterricht plant.

Obwohl ich ja schon seit Längerem fest entschlossen bin, Lehramt zu studieren, war das nochmal eine gute Vorbereitung, weil ich jetzt die beiden Extreme der Unterrichtsplanung kenne – nämlich von gar nicht bis unendlich viel Material selber machen. Wir haben uns zwar Inspiration aus Lehrbüchern geholt, aber trotzdem ganz viele neue Arbeitsblätter und Spiele selbst gemacht. Und das Schöne an dieser Arbeit war, dass mir meine Kollegen (die übrigens alle sehr nette Menschen sind) genug Anweisungen gegeben, aber auch genug Freiraum gelassen haben. Sie haben mir verschiedene Methoden vorgeschlagen, die ich vorher meist gar nicht kannte, und ich durfte mir dann selbst aussuchen, wie ich diese Methoden anwende und miteinander verbinde. So waren mit dem Ergebnis auch meistens alle zufrieden.

Unterrichtet habe ich diesmal aber nicht selbst – diesmal war ich wirklich eine Sprachassistentin, wie ich es in der Schule eigentlich auch hätte sein sollen. Ich habe die Übungen und Spiele alle mitgemacht und stand immer für Fragen zur Verfügung. Und wenn jemand krank war, habe ich dessen Platz eingenommen, sodass man trotzdem gleichmäßige Gruppen bilden konnte.

Unser Nachmittagsprogramm war ganz unterschiedlich: wir haben Spiele gespielt, waren im Park spazieren, haben einen Film angeschaut oder Workshops besucht.

Leider haben wir bei der zweiten Runde komplett vergessen zu fotografieren, deshalb gibt es jetzt nur ein paar Eindrücke von der ersten Sommerakademie.

Ein ausgestopfter Elch im Waldmuseum.


Eine ganz normale Unterrichtsstunde.


Kohl und Äpfel schneiden im Kochworkshop…


Der schönste Dessertteller des Tages!


Wir haben versucht, eine Burg vor einem Wald abzumalen.


Ich war für die künstlerische Gestaltung des Plans verantwortlich.


Unsere Armbänder als Abschlussgeschenk.


Und das haben wir in den zwei Wochen gemacht:

Insgesamt war diese Arbeit eine riesige Inspiration für mich, nicht nur langfristig und aufs Studium bezogen, sondern auch kurzfristig, denn sie hat mich aus einem Motivationsloch rausgeholt, in dem ich nach meinem Urlaub in Deutschland feststeckte. Die Kollegen waren alle sehr kompetent (einer spricht sogar so gut Deutsch, dass ich am Anfang echt dachte, er wäre Deutscher – bis er sich doch durch einen winzigen Fehler verraten hat…) und total nett und unterstützend. Ich war immer gut beschäftigt, aber nie überfordert und ich fühlte mich und meine Arbeit immer wertgeschätzt. Deshalb an dieser Stelle noch einmal vielen Dank an Albina, Danija, Rustem, Artur, Irina, Elvira und Elvira, dass ich einfach so bei euch arbeiten durfte und eine sinnvolle Sommerbeschäftigung hatte! Und auch an Darina und Renata, die bei der zweiten Sommerakademie ganz ordentlich mit angepackt haben und eine supercoole Schnitzeljagd und einen Kurzfilm auf die Beine gestellt haben. Es war eine tolle Zeit!

Tag 96 – Zwischenseminar

Liebe Leser_innen,

die Ankunft in Ufa gestern Abend war ein kleiner Schock für mich – 5 Grad und Regen. Nachdem ich über eine Woche lang fast nur Sonnenschein und Wärme hatte, war es doch sehr deprimierend, in eine kalte Wohnung zurückzukommen, während der Wind den Regen gegen die Fenster peitschen ließ. In Gedanken bin ich immer noch in der wunderschönen Villa Greta in Polen (als Urlaubsziel übrigens sehr empfehlenswert…), da hat mich die sommerliche Natur sehr fasziniert, nachdem die Sommertage hier doch eher selten waren. Obwohl wir dort unser Zwischenseminar hatten und viel gearbeitet und diskutiert haben, war es für mich wie eine Woche Urlaub. Die Gruppenzusammensetzung hat echt gut gepasst, noch besser als auf dem Vorbereitungsseminar, und alle gruppenpädagogischen Spiele haben wir ziemlich gut gemeistert. Die Trainer_innen waren auch sehr nett und hatten gute Methoden und Spiele für uns dabei. Und die Villa Greta war einfach ein Traum – tolles Essen, wunderschöne Häuser, ein großer Garten und ein sehr liebenswerter Hund. Wir Russland-Freiwilligen haben den Sonnenbrand gerne in Kauf genommen – bis jetzt haben wir ja noch nicht so wahnsinnig viel Sonne abbekommen…

Ein Visum habe ich jetzt auch, nach dem kleinen Schock, dass ich eine neue Einladung von der Schule brauchte, in der explizit drinsteht, dass ich zweimal ein- und ausreisen darf, das stand nämlich vorher nicht drin. Das ging aber sehr schnell, und zum Glück reichte das als Email und ich brauchte kein Original. Die Mitarbeiterin im Visazentrum war auch sehr freundlich und hilfsbereit und so konnte ich vorgestern meinen Pass wieder abholen, mit dem richtigen Visum drin. Leider kann ich mich nicht nur freuen, denn es hat bis jetzt nicht bei allen Russland-Freiwilligen geklappt, ein neues Visum zu bekommen – diese ganze Visageschichte ist einfach viel zu kompliziert.

Morgen geht es dann im Kinderlager los und vielleicht komme ich dann mal dazu, meine musikalischen Fähigkeiten einzusetzen und mit den Kindern zu singen – bis jetzt ist das ja leider eher untergegangen.

Achso, fast hätte ich es vergessen: was haben wir denn auf dem Seminar gemacht? Wir haben über unsere Arbeit in den Einsatzstellen gesprochen und ggf. nach Verbesserungsmöglichkeiten oder Beschäftigungsmöglichkeiten gesprochen, denn erstaunlicherweise sind fast alle Freiwilligen (Goethe-Institut ausgenommen) total unterfordert und haben kaum etwas zu tun. Außerdem haben wir uns mit unseren Projekten beschäftigt und dafür gesorgt, dass jetzt jeder eine Idee und einen groben Plan für die Umsetzung hat. Einen Ausflug haben wir auch gemacht, der war zwar interessant, hat uns aber auch leider einen ganzen Tag der sowieso knappen Seminarzeit gekostet. Wir sind nach Krzyżowa (Kreisau) gefahren und hatten dort eine Führung über das Gelände und haben viel über die Geschichte des Guts Kreisau, die deutsch-polnischen Beziehungen und den Kreisauer Kreis erfahren. Und abgesehen davon haben wir natürlich viele Spiele gemacht, manchmal thematisch passend, manchmal einfach nur als Energizer.

Ich würde sehr gerne Fotos hochladen, aber leider hat sich mein Handy gestern ohne Rücksprache mit mir dazu entschlossen, sämtliche Daten von der Speicherkarte, darunter auch die Kamerabilder, zu löschen. Vielleicht waren ihm die ganzen Länderwechsel auch einfach zu blöd 😉

Tag 75 – Himmelherrgottsakramenthallelujamileckstamarsch

Liebe Leser_innen,

ich glaube, langsam pendelt sich ein guter Wochenrhythmus in meinem Blog ein, den ich versuchen werde, zu behalten.
In der letzten Woche ist wieder einiges passiert, also schön der Reihe nach:

Am 8. Mai war Feiertag, als Brückentag zwischen dem Wochenende und dem Tag des Sieges am 9. Mai. Diesen Tag habe ich genutzt, um einen Ausflug zu „Mega“ zu machen. Das ist ein Einkaufszentrum außerhalb der Stadt (also NOCH MEHR außerhalb als Djoma) und macht seinem Namen alle Ehre. Es gibt viele Marschrutka-Linien, die zu Mega fahren, auch eine direkt von Djoma aus, allerdings nur einmal in der Stunde, und da es keinen Fahrplan an der Bushaltestelle gibt, hatte ich halt das Pech, fast eine Stunde warten zu müssen. Diese Busfahrt kostet übrigens mehr als die normalen Fahrten, nämlich 30 statt 25 Rubel, ein halbes Vermögen! 😉 Als wir auf das Gelände fuhren, dachte ich kurz „Oh, cool, da gibt es auch einen Decathlon, da kann ich ja später vielleicht noch reingehen!“. Und dann sind wir von da aus noch ein ganzes Stück bis zu Mega gefahren und ich wusste in diesem Moment, dass ich am Ende nicht mehr genug Energie haben würde, um diese Strecke zu laufen.  Wie gesagt, die Dimensionen sind etwas größer als in Bamberg…
Als ich dann einmal drin war, hat mich die Größe dieses Gebäudes echt umgehauen. Nur mal zum Vergleich: ca. ein Viertel der Fläche bestand aus einem kompletten IKEA. Zum Glück war alles auf einer Ebene, sodass ich zumindest noch ein bisschen Orientierung hatte. Meine Mission habe ich auch erfüllt: ich wollte mir ein Paar Laufschuhe kaufen, weil ich keinen Platz im Koffer hatte, um meine mitzunehmen, und weil ich sowieso schon seit langem nicht mehr die Motivation zum Joggen aufgebracht hatte. Aber hier hab ich plötzlich einen Energieschub bekommen und mir vorgenommen, wieder mehr Sport zu machen. Ich hatte jedenfalls 5000 Rubel in bar dabei (ca. 80 Euro) und habe mir vorgenommen, bei Mega kein Geld abheben oder meine Kreditkarte benutzen zu müssen. Diesen Vorsatz konnte ich tatsächlich einhalten und bin nur mit einem Paar Sportschuhe wieder nachhause gefahren.
Falls ihr euch jetzt fragt, wie ich die Schuhe nachhause bringe, wenn ich schon auf der Hinreise keinen Platz im Koffer hatte: ich werde zwischendurch nachhause fliegen und alles, was ich in den letzten Wochen nicht mehr brauche, zuhause lassen (Anorak, Winterstiefel usw.), damit ich dann genug Platz für Souvenirs und sonstige Mitbringsel habe.
Auf dem Rückweg habe ich dann die Bushaltestelle nicht mehr gefunden und bin mit dem Taxi gefahren. Das ist hier zum Glück eine gute Alternative, weil es echt nicht teuer ist. Natürlich nicht zu vergleichen mit dem Preis für eine Busfahrt, aber trotzdem: für eine 15-minütige Fahrt über ca. 15 Kilometer habe ich nicht mal 4 Euro bezahlt. Und meine Angst vor dem Alleine-Taxifahren habe ich auch schnell verloren, denn bis jetzt waren alle Taxifahrer echt nett und ich kann inzwischen auch gut genug Russisch, um mich mit ihnen ein bisschen zu unterhalten. Apropos: meine neue Taktik im Gespräch mit Einheimischen ist die Offensivattacke: ich rede einfach drauflos und hoffe, dass mir möglichst wenig Fragen gestellt werden. Denn erzählen kann ich ja – selbst mit meinem begrenzten Wortschatz – nur verstehe ich meistens die Fragen nicht. Und klar, wenn ich auf keine Frage antworten kann, denkt der Gesprächspartner natürlich, dass ich kein Wort Russisch kann, obwohl ich eben nur die entscheidenden Schlüsselwörter der Frage nicht kenne.
Der Kauf hat sich übrigens gelohnt, die Schuhe sind super.

Am 9. Mai war dann großer Feiertag. Ich bin in die Stadt gefahren, um mir die Parade anzusehen, aber erstens war ich zu spät, und zweitens glaube ich, dass es gar keine Militärparade gab, sondern nur einen langen Zug von Menschen, die teilweise Uniformen trugen oder Fahnen schwenkten oder wie ich einfach nur mitliefen. Die meisten hatten aber Bilder von den Brüdern, Vätern und Großvätern dabei, die im Krieg gestorben sind. Deshalb hieß die Parade auch „Unsterbliches Regiment“ und diese Geste hat mir wirklich gut gefallen. So ging es an diesem Tag auch darum, der Gefallenen zu gedenken und nicht nur zu feiern, wie toll das eigene Land ist. Denn das war für mich als Deutsche natürlich extrem ungewohnt, zu sehen, wie stolz alle Menschen auf ihr Land sind, darauf, dass sie Russen sind und dass Russland den Zweiten Weltkrieg (hier: den Großen Vaterländischen Krieg) gewonnen hat.
Aber da dieser Blog ein persönlicher und kein politischer ist, möchte ich es gern bei dieser Beobachtung belassen.
Die Parade endete dann am Leninplatz und da bekam ich dann doch noch eine Militärparade zu sehen, denn auf einer großen Leinwand wurde die Parade aus Moskau übertragen.


Und weil ich gerade so sportlich motiviert war, beschloss ich einfach, vom Leninplatz zum Stadtzentrum zurückzulaufen. Das waren zwar knapp 10 Kilometer und es fing irgendwann an, leicht zu regnen, aber ich hatte keinen Termin und konnte etwas von der Stadt sehen. Außerdem hätte ich jederzeit in einen Bus steigen können, da ich neben einer der drei Hauptstraßen Ufas gelaufen bin, nämlich dem Oktoberprospekt. Und da fährt so ziemlich jeder Bus entlang. Aber ich bin gelaufen und gelaufen und habe mir schließlich im Zentrum ein/eine/einen Schawarma gegönnt (ich weiß immer noch nicht den Artikel…). Nach Djoma bin ich dann aber schon mit dem Bus gefahren, keine Sorge 😉

Am Mittwoch fand dann ein einschneidendes Ereignis statt: ein großes Picknick mit ganz vielen Studenten. Der Anlass war folgender: jeden Sommer gibt es einen Studentenaustausch zwischen den Partnerstädten Ufa und Halle (Saale). Und an dem Picknick nahmen sowohl die Austauschstudenten von diesem Jahr teil als auch diejenigen, die den Austausch in den letzten Jahren schon gemacht haben. Meine Russischlehrerin hatte mich dazu eingeladen, denn sie kennt viele Studenten und war selbst vor ein paar Jahren bei dem Austausch dabei. Der Austausch ist allerdings für alle Studenten, nicht nur für diejenigen, die Deutsch sprechen oder Deutsch studieren. Deshalb waren nicht so viele deutschsprachige Leute außer mir da, aber die meisten sprachen ziemlich gut Englisch oder zumindest besser, als ich Russisch spreche. Die diesjährigen Austauschstudenten hatten sogar eine Art Schnitzeljagd organisiert, bei der wir durch den ganzen Park rennen mussten und verschiedene Aufgaben lösen mussten. Meine Lieblingsstation war eine, bei der man aus einem echten deutschen Wort und einem Fantasiewort das echte Wort erraten musste. Außerdem sollte man die richtige Bedeutung erraten. Ich bekam einige erstaunte, bewundernde und auch verwirrte Blicke, als ich das Wort „Himmelherrgottsakramenthallelujamileckstamarsch“ in meinem schönsten Bayrisch aussprach.
An diesem Abend konnte ich gar nicht mehr denken oder reden, weil ich den ganzen Nachmittag abwechselnd oder gleichzeitig Russisch, Englisch und Deutsch gesprochen hatte. Da ich den letzten Bus nachhause verpasst hatte, bin ich wieder mit dem Taxi gefahren und habe wieder meine neue Offensivtaktik im Gespräch verwendet.

Und jetzt kenne ich ganz viele Leute und lerne das kulturelle Leben hier kennen. Gleich am Freitag wurde ich zu einer Theatervorstellung eingeladen, die perfekt für mich war, denn es war eine pantomimische Vorstellung. Heute werde ich noch ein Theaterstück sehen bzw. eine Probe vor Publikum, bei der eine andere Gruppe spielt, die aber einige Mitglieder hat, die auch in der Theatergruppe vom Freitag dabei waren. Mal sehen, wie viel ich von der Musikszene noch mitbekomme, aber im Moment tauche ich erstmal ins Theater ein.

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Tag 27 – Schnee, Schnaps und Schwitzen

Liebe Leser_innen,

als ich am Samstag um 5 Uhr morgens in den Bus einstieg, bekam ich erst mal Angst. 16 Leute in einem kleinen, engen Bus eingequetscht, davon 8 betrunkene Männer, die eine Schnapsflasche nach der anderen durchreichen. Ich dachte, was mache ich hier, warum habe ich mich auf diesen Ausflug eingelassen, ohne überhaupt zu wissen, wer da mitfährt, ich will nach Hause! Dann fragte mich mein Sitznachbar, der wirklich sehr betrunken war, irgendwas, und ich sagte meinen Standardsatz „Ich verstehe es nicht, ich spreche kein Russisch, ich komme aus Deutschland.“ Bei der Info fing der halbe Bus an zu grölen und zu jubeln (die meisten haben wirklich sehr laute Stimmen) und ich wäre komplett verzweifelt, wenn sich nicht einer der Organisatoren meiner erbarmt hätte. Er hat sich dann zu mir gesetzt und wir haben uns ein bisschen auf Englisch unterhalten und er hat mir erklärt, dass das alles „good people“ sind und ich mir keine Sorgen machen muss. Und dass sie nicht immer betrunken sind, aber jetzt ist halt Wochenende…

Dann haben wir erstmal alle geschlafen und waren gegen 11 Uhr am Taganay-Nationalpark. Vom Parkplatz gingen wir ca. 7 Kilometer zu einem Camp mit mehreren Holzhütten und Zelten, wo wir Pause gemacht haben und Tee aus frischem Quellwasser getrunken haben, das in einem Kessel über dem Lagerfeuer gekocht wurde. Dieses Wasser vermisse ich jetzt schon… Vorher kam aber noch ein Kulturschock: als wir an einem größtenteils zugefrorenen und verschneiten Bach vorbeikamen, sind doch tatsächlich zwei der Männer nur in Unterhose in diesen Bach gestiegen und haben sich ins Wasser gelegt! Danach natürlich einige Runden Schnaps zum Aufwärmen (übrigens ganz verschiedene Sorten, nicht nur Wodka!). Mich wollten auch fast alle zum Trinken überreden, aber ich habe sie immer auf „später“ oder „abends“ vertröstet – nicht dass ich was gegen Alkohol hätte, aber wenn ich noch einen Berg rauf- und wieder runtermuss, trinke ich vorher ganz sicher nichts.

Besagter Berg war dann ziemlich anstrengend. Ohne Schnee wäre das kein großes Problem gewesen – der Berg war zwar steil, aber auf jeden Fall machbar, und der Aufstieg war auch nicht besonders lang. Das Problem war nur, dass der Weg erstens gerade den Berg hinaufging, also keine Serpentinen oder sowas, sondern der kürzeste Weg nach oben, und zweitens war alles verschneit und vereist. Man musste außerhalb des eigentlichen Weges hinaufsteigen und hoffen, dass man nicht im Schnee versank, denn auf dem eigentlichen Weg in der Mitte hatte man keine Chance, einen Schritt zu gehen, ohne abzurutschen. Den Grund dafür habe ich erst auf dem Rückweg verstanden: Wenn man von oben kommt, hat man fast keine andere Möglichkeit, hinunterzukommen, als sich hinzusetzen und auf dem Hintern runterzurutschen. Das ist dann umso lustiger, aber der Aufstieg ist halt hart. Der „Chef“ der Truppe hat gleich gemerkt, dass ich mit dem Weg Schwierigkeiten hatte, und ist mir vorausgegangen und ich bin ihm in seinen Fußstapfen hinterhergekeucht. An seinem Handgelenk hatte er einen Lautsprecher hängen, aus dem (auf meinen Wunsch nach motivierender Musik) den ganzen Aufstieg lang in voller Lautstärke AC/DC schallte. Hat meiner Motivation auf jeden Fall weitergeholfen!

Oben angekommen habe ich mich dann doch zu einem Gipfelschnaps überreden lassen, denn ich war einigermaßen fertig mit den Nerven und ich wusste, dass ich ja nur noch den Berg runterrutschen und 2 Kilometer in der Ebene laufen muss. In unserem Haus gab es dann abends Essen und einen Banja-Besuch, den ich mir auf keinen Fall entgehen lassen wollte [Banja funktioniert im Prinzip genau wie Sauna, heißt nur anders]. Ich habe dann auch das volle Programm mitgemacht: erst mit Tannenzweigen abschlagen (bei zwei Aufgüssen in gefühlt einer Minute), dann schnell raus und in den Bottich mit eiskaltem Quellwasser steigen, schnell wieder in die Banja zurück und das Ganze nochmal, ab ins Wasser, nochmal in die Banja zurück. Das hätte man wahrscheinlich bis zur totalen Erschöpfung weitermachen können, aber nach dem zweiten Eisbaden war es mir dann doch genug und das wurde zum Glück auch akzeptiert. Danach sah ich aus und roch wie ein Weihnachtsbaum, überall klebten die Tannennadeln, aber der Geruch von Birkenholz und Tannennadeln ist echt unglaublich toll.

Trotz wenig Platz (drei Leute auf einer 1,60m-Matratze) schlief ich wie ein Stein und konnte mich auch halbwegs ausschlafen. Am Sonntag begann sich erst ab 11 Uhr eine leichte Aufbruchsstimmung zu verbreiten. Erst ging eine kleine Gruppe noch auf einen anderen Berg (da man sich etwas beeilen musste, sind nur die geübten Wanderer mitgegangen, also bin ich im Haus geblieben) und um 16 Uhr gingen wir wieder zurück zum Parkplatz. Das war ein wunderschöner Weg, weil es nachts noch einmal geschneit hatte und die Wege nicht mehr so vereist waren. Trotzdem bin ich am Schluss einmal hingefallen, weil meine Müdigkeit größer und die Konzentration kleiner wurde. Und zwar echt so, wie wenn im Comic jemand auf einer Bananenschale ausrutscht. Mit dem Rucksack hatte ich noch schön viel Gewicht, das mich noch schneller nach unten zog. Aber es ist nichts passiert, auch wenn mein Hintern in dem Moment sehr wehtat…

Und obwohl die Wanderungen schön waren und die Leute sehr lustig, hatte ich doch oft Langeweile, weil wir im Haus sehr viel Freizeit hatten und in unserem 6er-Zimmer keine Sprache hatten, die jeder verstand. Deshalb konnte ich meistens nicht mitreden und habe dann Musik gehört. Allerdings musste ich Akku sparen, weil es keine Steckdosen gab und dank der Solaranlage gerade genug Strom für Licht am Abend. Und ein Buch hatte ich auch nicht dabei, weil ich nicht mit so viel freier Zeit gerechnet hatte und weil ich das ja die ganze Zeit hätte tragen müssen. Aber alles in allem hat es sich auf jeden Fall gelohnt. Die meisten Teilnehmer haben gesagt „So viel russische Kultur in so kurzer Zeit wirst du nicht mehr erleben!“… Und wenn ich so gut Russisch könnte, dass ich mich mit den anderen unterhalten kann, würde ich so eine Wanderung noch einmal machen. Die Sprachbarriere war schon sehr hinderlich.

Außerdem kamen wir leider abends viel später an als erwartet, hauptsächlich deshalb, weil für die Fahrt 3 bis 4 Stunden geplant waren, wir aber trotz guter Geschwindigkeit und wenig Verkehr fast 6 Stunden gebraucht haben. Um 00:30 Uhr waren wir also am Busparkplatz, dann noch eine halbe Stunde Taxifahrt nach Hause, duschen, auspacken und heute früh in die Schule, um den Schüler_innen ein letztes Training vor der DSD-Prüfung anzubieten. Entsprechend müde bin ich heute, und mein Plan, morgen endlich auszuschlafen, weil ja Ferien sind, steht auch schon nicht mehr, weil ich bei den Prüfungen auch dabei sein soll. Die gehen um 10 los und dauern offiziell bis 16 Uhr, aber mir wurde schon versichert, dass es mindestens bis 18 Uhr dauern wird. Langsam gewöhne ich mir an, mich auf keine freie Stunde mehr zu verlassen… Aber gut, ich bin ja schließlich nicht zum Urlaubmachen hier 😉

P.S.: Ich bekomme die Bilder leider nicht in die richtige Reihenfolge – so, wie sie in der Übersicht angezeigt werden, ist es richtig. Ich weiß nicht, warum die Gipfelfotos beim Durchklicken an den Schluss rutschen…

Tag 24 – Grau mit Aussicht auf Schnee

Liebe Leser_innen,

heute hat es zum ersten Mal, seit ich hier bin, geschneit. Aber nicht so puderzucker-märchenwald-zauberhaft-mäßig, sondern mehr so „Och nööö, es liegt doch schon genug Schnee!“ Es hat zwar nur wenig geschneit, aber trotzdem war der Himmel grau und zugezogen. Bis jetzt war es immer trocken und meistens sonnig. Meine Stimmung und die der anderen Lehrer war entsprechend gedrückt und obwohl es der letzte Schultag vor den Frühlingsferien war, herrschte eine gereizte und gestresste Stimmung, weil in den Ferien die mündlichen DSD2-Prüfungen stattfinden. Irgendwie alles grau heute.

Noch dazu kam ich zu spät in meine erste Stunde, weil die Stunden heute jeweils zehn Minuten kürzer waren, damit man nach Schulschluss noch genug Zeit hat, die Schule für die Ferien aufzuräumen und zu putzen. Das habe ich aber erst erfahren, als ich um fünf vor neun im Lehrerzimmer stand und auf die Lehrerin gewartet habe, in deren Unterricht ich gehen sollte. Eine andere Lehrerin schaute mich ganz erstaunt an und fragte: „Willst du zu N.? Die hat schon längst angefangen, heute sind doch die Stunden kürzer!“ Wieder was gelernt. Aber – eigentlich gar keine schlechte Methode, um am letzten Schultag weniger Unterricht zu haben, ohne dass ganze Fächer ausfallen müssen.

Ich bin jedenfalls froh über die Ferien, denn die ersten zwei Wochen waren ziemlich anstrengend und diese gestresste Prüfungsstimmung macht es auch nicht besser… In den Ferien werde ich dann meine ersten Russischstunden bei einer Privatlehrerin haben, die auch meinem Vorgänger Unterricht gegeben hat. Einige Schüler haben mir angeboten, mir die Stadt zu zeigen und am Wochenende werde ich mit der Tochter der Schulleiterin und ihren Freunden eine Wanderung im Taganay-Nationalpark machen. Den Fotos nach zu urteilen ist das ein echtes Winter-Wonderland… Ich hoffe, dass dort das Wetter besser ist als in der Stadt, damit ich auch schöne Fotos machen kann, auf denen man mehr sieht als Schnee und Nebel und Wolken.

Es war allerdings gar nicht so leicht, sich passende Ausrüstung zu besorgen. Zuhause hätte ich alles gehabt, gute Bergschuhe, eine wasserdichte Schneehose und einen Wanderrucksack. Hier habe ich schon Schwierigkeiten, jemanden zu finden, der Schuhgröße 40 hat (und mir dann auch noch geeignete Schuhe ausleihen kann). Hoffnungsfroh habe ich die Schuhe einer Lehrerin entgegengenommen, die mir gestern noch versichert hatte, dass diese Schuhe sehr gut für diese Wanderung sein werden – und es sind Ugg-Boots. Warm ja, aber von wasserdicht weit entfernt. Die Alternative: meine Wanderschuhe, ziemlich wasserdicht, mit gutem Profil, aber nur knöchelhoch. Eine Schneehose habe ich auch aufgetrieben, aber auch die ist leider nicht wasserdicht. Den Rucksack werde ich bei der Organisation, die diesen Ausflug veranstaltet, ausleihen.

Und jetzt ärgere ich mich natürlich wahnsinnig, dass ich mich vor meiner Abreise nicht gut genug über das Wetter informiert habe – dann hätte ich zumindest die Bergschuhe eingepackt. Und über den Rucksack habe ich auch ernsthaft nachgedacht, ich weiß gar nicht mehr, warum ich mich dagegen entschieden habe, ihn mitzunehmen…

Aber nachher weiß man es immer besser als vorher und an der Situation kann ich jetzt auch nichts mehr ändern. Ich kann nur hoffen, dass es nicht regnet oder schneit und dass wir vielleicht nicht durch meterhohen Tiefschnee stapfen müssen. Wenigstens habe ich in den Ferien außer Russischlernen und jeweils einmal Zusatzunterricht für die 7. und 9. Klasse nicht allzu viel vor, also wäre es auch nicht allzu tragisch, wenn ich mich erkälte.

Trotzdem freue ich mich natürlich sehr auf diese Wanderung, weil ich wieder einmal neue Leute kennenlernen werde und überhaupt mal ein bisschen Natur zu sehen bekomme. Ufa ist zwar sehr grün, aber in unserem Bezirk Djoma sehe ich zumindest auf dem Schulweg nur Hochhäuser und graue Straßen. Außerdem gibt es in der Unterkunft beim Nationalpark eine echte russische Sauna (баня/Banja), darauf freue ich mich schon sehr.

Ich werde also berichten und hoffentlich schöne Fotos hochladen.

Und wie geht es nach den Ferien weiter? Ich werde wohl immer mehr Unterricht selbst übernehmen, allerdings wird das größtenteils so ablaufen, dass die eigentliche Lehrerin auch im Raum ist. Dass ich alleine unterrichten muss, bleibt hoffentlich die Ausnahme, das ist nämlich doch ganz schön anstrengend, vor allem wenn die Schüler meine Arbeitsanweisungen nicht verstehen. Außerdem werde ich zwei- bis dreimal in der Woche Zusatzunterricht für verschiedene Klassen anbieten, hauptsächlich zur DSD-Vorbereitung (mündliche Kommunikation, Schreibtraining usw.). Im April findet auch noch im Rahmen der „Deutschen Woche“ das republikanische Festival der deutschen Lieder in Ufa statt, bei dem Schüler aus ganz Baschkortostan nach Ufa kommen, um deutsche Lieder bei einem Wettbewerb aufzuführen. Für diesen Wettbewerb werde ich auch ein Lied mit mehreren Schülerinnen einstudieren. Die Erwartungen sind hoch – wir sollen diesen Wettbewerb doch bitte gewinnen, damit sich die Schule von dem Preisgeld neue Möbel kaufen kann! Naja, ich werde schon nicht nachhause geschickt werden, wenn wir nicht gewinnen…

Und dann werde ich irgendwann mein Freiwilligenprojekt durchführen – der Plan steht schon, aber ich werde nichts verraten, bis es tatsächlich durchgeführt wird! Wenn dann in den Restferien nach den Prüfungen ein bisschen Zeit ist, werde ich das Projekt der Schulleiterin vorstellen. Bis jetzt hatte sie nämlich kaum mehr als fünf Minuten am Stück Zeit, da war es mir zu stressig, zumal der Plan auch erst seit gestern so weit ausgearbeitet ist, dass man ihn präsentieren kann. Wenn die Schulleitung einverstanden ist und ich genügend Leute finde, die mitmachen, dann wird es sicherlich sehr cool!