Frag doch mal in Russland #3: Die Rolle der Frau in der Gesellschaft

Liebe Leser_innen,

diese Woche gibt es wieder ein Interview aus der Reihe „Frag doch mal in…“. Ich habe mich diesmal mit Danija Asfandijarova unterhalten. Sie ist 53 und arbeitet als Deutschlehrerin in einer Waldorfschule und im Goethe-Sprachlernzentrum in Ufa. Für mich war dieses Gespräch sehr interessant und einige Antworten haben mich auch überrascht. Viel Spaß beim Lesen!

Gibt es in Russland ein typisches oder ideales Bild der Frau?

Ich würde sagen, das ist alles sehr persönlich. Erstens: das Thema ist bei uns nicht so thematisiert wie bei euch in Deutschland, und daher hat jeder seine persönliche Meinung und eigentlich sprechen wir nicht so viel darüber, würde ich sagen. Vielleicht kommt das noch mit der nächsten Generation, aber eigentlich wirken da eher alte Stereotype. Und wir sprechen mehr über die Frauen als diejenigen, die es zuhause gemütlich machen, aber natürlich können sie auch arbeiten. Aber die Orientierung für die Mädchen und Frauen ist vor allem die Familie, glaube ich, trotzdem, immer noch.

Ich habe bisher noch kaum junge Frauen mit Kurzhaarfrisur gesehen. Was für ein Schönheitsideal wird jungen Mädchen und Frauen vermittelt?

Ich glaube, es wandelt sich mit der Zeit und ändert sich immer wieder. Jetzt ist es eher Mode, lange Haare zu haben. Ich habe zwar einen kurzen Schnitt, aber mein Sohn, der ist jetzt 15, der hat gesagt: „Nööö, das gefällt mir nicht!“. Es ist einfach im Trend gerade jetzt.

Also ist das nicht grundsätzlich so?

Nein, du kannst auch Mädchen mit Kahlkopf treffen, die gibt es auch. Und bei mir in der Schule – ich arbeite in der zweiten Klasse – da hat eine Mutter sich rasieren lassen, überhaupt kein Haar, und ihr kleiner Junge, der hat sie gemalt, immer mit langen Zöpfen, und macht das immer noch.

Kann man bei Berufen eine typische Männer-Frauen-Verteilung feststellen?

Ja, natürlich, es gibt typische Männerberufe, vielleicht die, die irgendwie körperlich anstrengend sind. Und typische Frauenberufe, wo man sich nicht so anstrengen sollte oder mit Schönheit mehr zu tun hat. Aber ansonsten – so richtig, dass wir sagen, diese Berufe sind nur für Männer und diese nur für Frauen – nein. Lastkraftwagenfahrer, das sind eher Männer, aber Frauen kann man da vielleicht auch treffen. Und es nicht so, dass es fatal ist, es gibt eigentlich keinen Wunsch bei den Frauen, da zu arbeiten.

Gibt es Initiativen, dass mehr Frauen z.B. naturwissenschaftliche oder technische Berufe lernen sollen?

Da meinst du bestimmt diese feministische Bewegung oder sonstwas – das gibt es bei uns nicht, irgendwie grundsätzlich nicht, und wir sind im Moment einfach nicht interessiert, solche Diskussionen zu führen.

Wie sieht es mit der Bezahlung aus in den Berufen, in denen sowohl Männer als auch Frauen arbeiten? Werden Frauen gleich gut bezahlt?

Ich glaube, es gibt irgendeinen Standard für Gehälter, und das wird bezahlt, egal ob das ein Mann oder eine Frau macht. Und vielleicht gibt es Bereiche, wo man sehr wenig Männer hat, aber man möchte sie haben, dann wird man denen natürlich etwas mehr bezahlen als den Frauen, damit sie kommen. Aber ansonsten, grundsätzlich, werden Frauen nicht schlechter bezahlt.

Sind Familie und Beruf in Russland gut vereinbar?

Ich arbeite in der Waldorfschule, und da fragen die Ehemänner von unseren Lehrerinnen: Ist eigentlich die Schule familienfreundlich oder nicht? – in dem Sinne, dass man sehr viel zu tun hat. Es ist immer verschieden, je nachdem, was für ein Beruf es ist. Eine Lehrerin hat immer viel zu tun, und dann noch zuhause viel zu tun. Je nachdem, es gibt Ehemänner, die sehr viel helfen, und dann klappt es sehr gut in der Familie, und es gibt solche, die meckern – mein Sohn sagt zum Beispiel immer wieder: „Bitte, lieber Gott, nie im Leben soll meine Ehefrau eine Lehrerin sein!“

Aber gibt es genug Angebote an Kindergärten, damit die Kinder während der Arbeit gut versorgt sind?

Also, extra macht keiner etwas für die Frauen. Das heißt, du musst immer selber schauen, wie machst du das, wie kommst du über die Runden? Ich hätte gerne viel mehr Angebote gehabt, die billiger sind für eine Frau, die voll beschäftigt ist, aber ich hatte das nie. Aber früher, in der Sowjetunion, da gab es das immer. Für meine Mutter z.B., da gab es immer irgendwelche Ermäßigungen. Für Mehrkinderfamilien, da gibt es etwas, aber nicht so viel, und das Kindergeld ist auch sehr wenig. In Deutschland konnte ich davon meine Wohnung bezahlen, ich habe dort auch Kindergeld bekommen, ich habe meinen Sohn in Deutschland bekommen. Und da konnte ich die Wohnung richtig bezahlen, allein vom Kindergeld, und hier nicht. Hier ist es eher symbolisch, das ist eine sehr kleine Summe.

Hat die Zeit der Gleichberechtigung der Frauen in der Sowjetunion Auswirkungen auf die heutige Situation der Frauen?

Die Frauen waren damals sooo sehr gleichberechtigt und mussten immer sooo viel arbeiten, hatten keinen Mutterurlaub und so weiter – das heißt, sie mussten genauso viel machen wie die Männer – dass der Wind eher in die andere Richtung weht. Man möchte nicht so viel arbeiten wie die Männer. Man möchte die Männer arbeiten lassen und mehr Zeit zuhause haben. Wir haben schon genug von der Arbeit. Meine Mutter hat so viel gearbeitet, wir haben uns immer gewünscht, dass sie zuhause ist. Und jetzt sind wir eher neidisch auf diejenigen, die es sich leisten können, zuhause zu bleiben. Würde ich vielleicht auch gerne…

Gab es schon Situationen, in denen du dich als Frau benachteiligt gefühlt hast?

Ich habe immer anders gedacht: Warum soll ich genau solche Leistungen bringen wie die Männer? Ich möchte nicht wie die Männer jetzt hier dastehen, ich möchte eher als Frau behandelt werden.

Hast du dir nie gedacht: Wenn ich jetzt ein Mann wäre, hätte ich es in dieser Situation jetzt leichter?

Nein. Wenn, dann waren das Situationen, wo die Männer viel leisten müssen, körperlich vielleicht, und natürlich müssen sie dann besser bezahlt werden als ich. Ansonsten nicht.

Tag 145 – Mein kulturweit-Projekt

Liebe Leser_innen,

mein Projekt ist jetzt endlich fertig! Es ist ein Video mit dem Titel „14 deutsche Wörter, die wörtlich eigentlich sinnlos sind“. Anschauen könnt ihr euch es hier:

Die konkrete Idee zu diesem Projekt kam mir ein paar Wochen nach meiner Ankunft in Ufa, aber die Inspiration war schon vorher da. Ich hatte mich nämlich auf dem Vorbereitungsseminar mit einer Freiwilligen aus meiner Homezone, Eléna Mayer, unterhalten, die ihren Freiwilligendienst in der Mongolei macht. Sie hatte schon angefangen, Mongolisch zu lernen und ihr war aufgefallen, dass es in dieser Sprache viele Wörter gibt, die auf einfachen Beobachtungen basieren. Dann stellten wir fest, dass es im Deutschen auch einige solcher Wörter gibt, wie zum Beispiel Stinktier, Vielfraß oder Grashüpfer. Ich dachte noch einige Zeit darüber nach, bevor mir einige Wörter einfielen, die eben keinen Sinn ergeben, wenn man sie wörtlich nimmt. Das erste, was mir einfiel, war „Maulwurf“. In den nächsten Wochen schrieb ich alle Wörter auf, die mir einfielen oder die ich in Büchern fand. Als ich dann 15 zusammen hatte, überlegte ich, was ich jetzt damit machen könnte, und schnell kam mir die Idee, die Einzelbestandteile sowie die „fertigen“ Wörter von Schülern malen zu lassen und in einem Video zu zeigen, um bildlich veranschaulichen zu können, wie unlogisch die Wörter sind. Natürlich sind nicht alle total sinnlos – mir ist die Etymologie der meisten Wörter durchaus bewusst, und ich finde auch persönlich nicht alle gleich gut und lustig. Trotzdem fand ich, dass es sich lohnte, dieses Projekt durchzuführen, auch deshalb, weil ich zu diesem Thema so gut wie nichts im Internet gefunden habe.

Ich habe mich übrigens nicht vertippt – ursprünglich waren es tatsächlich 15 Wörter (Hexenschuss wäre das letzte gewesen), aber leider hat mich die dafür zuständige Schülerin immer vertröstet, hat mir aber nie die Bilder gegeben, und ich konnte auch niemanden mehr finden, der mir diese Bilder noch gemalt hätte. Ich bin auch selbst wirklich gar nicht zeichnerisch begabt, sonst hätte ich mich wahrscheinlich noch selber hingesetzt und die Bilder gemalt.

Die Konzeption dieses Projektes eignete sich auch perfekt für die Zeit meiner schulischen Beschäftigung hier – es musste etwas sein, bei dem die Arbeit der Schüler innerhalb der Schulzeit, also bis Ende Mai, abgeschlossen wäre. So konnten die Schüler mir bis Ende Mai ihre Bilder geben, und in den Sommerferien konnte ich alleine arbeiten, also die ganze Arbeit am Video erledigen.
Falls ihr euch jetzt fragt, warum ich denn dann nicht gleich alleine ein Projekt gemacht habe: ich möchte dieses Projekt beim PASCH-Projektwettbewerb einreichen, und da ist die Voraussetzung, dass mindestens fünf Schüler_innen an dem Projekt beteiligt sind. (Was ist denn jetzt PASCH schon wieder?)

Ich hoffe jedenfalls, dass euch das Video gefällt und dass ihr das ein oder andere Wort erraten könnt 😉

Tag 138 – Mein Status als (deutsche) Freiwillige

Liebe Leser_innen,

jetzt dauert mein Freiwilligendienst ja doch gar nicht mehr so lange und ich bin an einem Punkt angelangt, wo ich eine Entwicklung in meinem Status als deutsche Freiwillige feststellen kann.

Deutsche Freiwillige – da muss ich jetzt erstmal differenzieren: Wie werde ich als Deutsche wahrgenommen und wie als Freiwillige?

Darin, wie ich als Deutsche wahrgenommen werde, hat sich seit meiner Ankunft in Ufa eigentlich wenig verändert, außer dass ich jetzt besser Russisch kann und vielleicht ein bisschen ernster genommen werde als am Anfang. Vorsicht: ich spreche jetzt nur von der Wahrnehmung durch Menschen außerhalb des schulischen Umfelds, z.B. Taxifahrer oder Bekannte, mit denen man kurz und oberflächlich ins Gespräch kommt. (Übrigens: die meisten Taxifahrer unterhalten sich sehr gerne, und zwar unabhängig davon, ob du das willst oder nicht. Also auch morgens um halb sechs auf dem Weg zum Flughafen… alles schon erlebt.)
Sobald ich mich mit jemandem unterhalten habe und ihm/ihr erklären konnte, was ich hier mache, wurde das immer positiv und mit großem Interesse aufgenommen. Auf bestimmte Fragen stelle ich mich bei neuen Begegnungen schon vorher ein, weil sie fast immer kommen: Trinkst du gerne Bier? Magst du Rammstein? Verdienst du viel Geld als Freiwillige?
Allerdings, sobald ich eine Frage nicht verstand oder sonstwie Fehler im Russischen machte, wurde ich gleich wie ein kleines Mädchen behandelt und entsprechend nicht wirklich ernst genommen. Um nochmal auf die Taxifahrer zurückzukommen: ich bestelle Taxis nur per App und habe das Geld immer abgezählt dabei, denn sonst wird es sofort ausgenutzt, dass ich nicht gut Russisch kann und nicht diskutieren kann und will – dann kommt das altbewährte „Ich habe leider kein Wechselgeld.“

Wie sieht es denn nun aus mit dem Freiwilligenstatus?
In der Zeit, als ich in der Schule gearbeitet habe, kann ich von drei unterschiedlichen Phasen sprechen:

Die Freiwillige aus Deutschland – wow!
Als ich ankam, wurde ich von vielen Schüler_innen und Lehrer_innen herzlich begrüßt und beschenkt, mir wurde immer geholfen und alle Schüler_innen grüßten mich auf dem Gang fast schon ehrfürchtig. Ich war also durchaus ein besonderer Gast, der respektiert werden sollte. Ich stellte mich immer als Freiwillige aus Deutschland vor, einfach um klarzumachen, wer ich bin, denn die meisten hatten irgendwie davon gehört, dass es Freiwillige an der Schule gibt, kannten mich aber noch nicht. Wenn ich Leuten vorgestellt wurde, war ich immer „unsere“ Freiwillige aus Deutschland, also fast schon ein bewundernswertes Statussymbol der Schule.

„Nur“ die Freiwillige
Das änderte sich, als ich quasi als Bestandteil des Schulpersonals aufgenommen war. Da wurde ich oft von Eltern oder Lehrer_innen angesprochen und nach anderen Lehrern oder irgendwelchen schulinternen Dingen gefragt. Natürlich wusste ich meistens entweder gar nicht, was sie von mir wollten, oder ich kannte den gesuchten Lehrer nicht oder ich wusste nicht, wo die gesuchte Person ist. Da war dann meine Antwort: „Entschuldigung, ich weiß es nicht, ich bin nur die Freiwillige.“ NUR die Freiwillige. Und plötzlich stufte ich mich selbst herab – von der Muttersprachlerin, die selbst unterrichten darf, zur unwissenden Praktikantin.
Aber bin ich das nicht eigentlich auch? Ich habe ja schließlich keine Erfahrung im Unterrichten, mit Deutsch als Fremdsprache noch nie zu tun gehabt und Russisch kann ich auch nicht besonders gut. Habe ich überhaupt das Recht, mich in irgendeiner Weise besonders zu fühlen, nur weil am Anfang so ein Hype aus meiner Ankunft gemacht wurde?
Und da wären wir auch schon bei einem der meistdiskutierten Themen des Vorbereitungsseminars: wie wir uns als Freiwillige verhalten sollten. Werden wir wirklich gebraucht oder sind wir eigentlich nur zu unserem eigenen Vorteil im Gastland? Eine konkrete Antwort gibt es hier wohl nicht, auch weil jede Einsatzstelle unterschiedlich ist. Ich kann nur so viel sagen: Ich war immer gut beschäftigt und hatte das Gefühl, dass die Schule ebenso profitiert wie ich.

Die vermeintliche Superheldin
Die dritte Phase war die, als ich als Wundermittel für alle ungelösten Fragen und Probleme angesehen wurde. Aber nicht unbedingt im positiven Sinne, sondern mehr so „Wir haben eigentlich noch keinen Plan, aber denk dir mal was aus, du bist ja die Freiwillige.“ Da fühlte ich mich auch mal nicht nur ge-, sondern auch überfordert, denn obwohl ich die Freiwillige aus Deutschland bin, bin ich leider keine Superheldin und kann auch nicht in einer Stunde für sieben Gruppen einen Gruppennamen, ein Motto und ein passendes Lied aus dem Hut zaubern (Beispiel Sprachlager). Nicht, dass ich nicht gerne eine Superheldin wäre…

Nochmal anders ist es jetzt im Goethe-Zentrum, aber davon werde ich wannanders erzählen. Ich hatte einfach grundsätzlich einige Schwierigkeiten mit den Strukturen in der Schule und auch mit manchen Personen dort, deshalb war in den letzten Wochen echt ein bisschen die Luft raus bei mir. Das Wetter hat dabei auch eine entscheidende Rolle gespielt – mir war nicht klar, wie groß die Auswirkungen auf die persönliche Stimmung sein können, wenn es in zwei Wochen nur einen regenfreien Tag gibt. Aber keine Angst: die Arbeit im Goethe-Zentrum inspiriert mich sehr und ich bin glücklich, dass ich jetzt noch vier Wochen lang dort aushelfen darf. Dort sind einfach die Strukturen und das Arbeitsumfeld ganz anders und eine willkommene Abwechslung. Also bin ich für die letzten (fast) sechs Wochen nochmal supermotiviert und habe den kleinen Durchhänger überwunden! (Es ist hier jetzt auch endlich richtig Sommer geworden, das gibt mir nochmal zusätzlich Energie).

Und apropos Endspurt: was erwartet euch in den letzten Wochen (voraussichtlich) noch auf diesem Blog?
  – Ich wollte noch einen Beitrag über ein paar Ausschnitte aus der Geschichte Ufas schreiben (mit Fotos, ich weiß, 
    das habe ich im April oder so schon angekündigt). Mal schauen, ob das noch was wird.
  – Auf jeden Fall möchte ich noch eine Fortsetzung des Russisch-Exkurses schreiben, denn mir sind noch ein paar
    kuriose Sprachphänomene aufgefallen.
  – Natürlich schreibe ich einen Bericht über meine Arbeit im Goethe-Zentrum.
  – Außerdem kommt noch mindestens ein Interview aus der Reihe „Frag doch mal in…“. (Mindestens eins deshalb,    weil ich nicht weiß, ob es im August auch noch mal ein Thema gibt).
 – Und wenn ich es mal schaffe, eine gute Hintergrundmusik für mein Projektvideo zu finden, dann lade ich das auch
   hoch und erkläre die Idee dahinter. (Tipps, wo man möglichst kostenlos und legal Musik herbekommt, sind immer
   willkommen…)
Auch der letzte Blogeintrag ist schon in Arbeit – aber worum es geht, verrate ich noch nicht.

Tag 131 – Kreativ, produktiv und innovativ!

Liebe Leser_innen,

nach einer kurzen Pause geht es jetzt wieder weiter mit meinem Blog. Ich war die letzten zwei Wochen zuhause in Deutschland und habe das Schreiben immer wieder vor mir hergeschoben…

Dafür geht es weiter mit dem Bericht über das Sprachlager, in dem ich vor meinem Urlaub zumindest dreieinhalb Tage war. Ich wusste zunächst gar nicht, wo dieses Lager ist, denn es existiert in Google Maps nicht, sondern nur im russischen 2GIS (da habe ich aber vergessen zu suchen). Wir wurden in mehreren Marschrutkas dorthin gefahren, und auf den ersten Blick sah alles ganz idyllisch aus. Ein kleines Lager/лагерь (übrigens auch wie „Landschaft/ландшафт“ und „Schlagbaum/шлагбаум“ ein deutsches Wort, das im Russischen genauso heißt) mitten in der Natur, ein kleiner See, eine große Wiese und ein paar Häuser.
Uns wurde schon vorher mitgeteilt, dass wir (Theresa und ich) ein besonders schönes Zimmer mit eigenem Badezimmer bekommen (dazu bekamen wir auch öfters von mehreren Personen stichelnde Bemerkungen zu hören), nämlich im Verwaltungshaus, wo auch die Betreiber des Lagers wohnen. Nun ja, als wir dieses Zimmer sahen, waren wir ein bisschen überrascht. Ich denke, wenn wir vorher gewusst hätten, dass das ganze Lager und die Häuser ziemlich alt sind, hätten wir uns auf etwas anderes eingestellt. Aber als wir die Betten sahen, deren dünne Matratzen voll mit Haaren, Dreck und Steinchen waren, und den Boden, der mit Staub bedeckt war, und das Fensterbrett, das von toten Fliegen bewohnt wurde, waren wir doch etwas erstaunt. Und das „eigene“ Badezimmer war auch nur ein Klo, was von allen Hausbewohnern benutzt wurde, und ich habe die Vermutung, dass es deshalb nicht geputzt wurde, weil es (wie auch in der Schule) gleichzeitig die Putzkammer war. Und wer putzt schon die Putzkammer? Klopapier gab es auch nicht, woraufhin unsere Nachfrage mit „Naja, die Kinder haben sich das eben selber mitgebracht“ beantwortet wurde, bevor eine Lehrerin uns zwei Rollen schenkte. Trinkwasser gab es am ersten Tag noch in einem Kanister in der Mensa, und als der leer war, bekamen wir die Antworten „Der wird nicht mehr aufgefüllt“ und „Naja, ihr hättet euch euer Wasser schon selber mitbringen müssen“. Gut, dass ich vor der Abreise noch nachgefragt habe, ob wir außer Handtüchern irgendetwas Wichtiges brauchen. „Nein, nein, es gibt alles dort.“ Zum Glück gab es einen Brunnen, bei dem die Meinungen zwar geteilt waren, ob man das Wasser trinken könne oder nicht, aber es war unsere einzige Möglichkeit. Besonders gut geschmeckt hat es zwar nicht, aber krank geworden sind wir auch nicht.

Nun zu unserem Unterricht: die Idee war, dass wir mit der 7. und 8. Klasse Schriftliche Kommunikation als Vorbereitung auf das DSD1 üben sollten.
Problem Nr. 1: Die 7. Klassen haben diese Prüfung erst in 2 Jahren und verstehen vieles noch nicht.
Problem Nr. 2: Es sind auch Schüler_innen dabei, die Deutsch als zweite Fremdsprache lernen und daher ungefähr auf dem Niveau der 4. Klassen sind.
Problem Nr. 3: Es gibt weder genug Tische noch genug Stühle. Unterrichtsräume gibt es auch nicht, nur Schlafräume. Die Kinder saßen also draußen, entweder auf beiden Seiten eines Bettes, sodass einige mit dem Rücken zu uns saßen, oder auf Bänken ohne Tisch, oder zu zweit auf einem Stuhl. Wir standen in der prallen Sonne, da der einzige Fleck, wo uns alle sehen und hören konnten, nie im Schatten lag, und wurden von Mücken zerstochen.
Problem Nr. 4: Niemand hatte Hefte oder Stifte dabei.

Und jetzt macht mal Schriftliche Kommunikation mit denen!

Was mich ja eigentlich am meisten erstaunt hat, war ja nicht, dass niemand so wirklich einen Plan hatte, wie das Ganze laufen sollte, sondern, dass niemand einen Plan hatte, obwohl das Sprachlager jedes Jahr an diesem Ort stattfindet. Und dann heißt es halt so ungefähr: „Denk dir was aus, du bist doch die Freiwillige!“.

Naja, irgendwie haben wir uns dann doch arrangiert, und vieles wurde auch einfacher, als einige Schüler_innen der 8. Klasse plötzlich beschlossen, nicht mehr zum Unterricht zu kommen, da waren es nämlich 8 Leute weniger. Und wir waren uns einig, dass wir, anstatt das ganze Gelände nach den Schüler_innen abzusuchen, lieber mit den Übriggebliebenen effektiv arbeiten wollen. Mit verschiedenen Spielen konnten wir dann auch die Motivation wieder ein bisschen hervorlocken.

Mein letzter Tag dort war gleichzeitig der Tag, an dem sich jede Gruppe präsentieren sollte. Jede Klassenstufe bildete eine Gruppe mit einem Namen, einem Motto und einem Lied. Bei der Vorbereitung dieser Präsentation waren wir auch beteiligt und haben lange überlegt, nach Liedern gesucht und Mottos gedichtet, nur um dann festzustellen, dass die meisten Gruppen sich am Ende doch selbst etwas ausgedacht hatten. Ursprünglich hätten wir ja sowieso für jede Gruppe etwas machen sollen, was zeitlich einfach zu viel für uns war, aber es wurde offenbar gar nicht erwartet, dass sich die Gruppen selber Gedanken machen. Auf die Idee sind sie dann wohl erst gekommen, als wir fertig waren.

Diese Präsentation war dann ganz lustig. Die Gruppen hatten am Ende sehr interessante Namen und passende Mottos, z.B. „Coca-Cola – Hey Kids, ich bin Cola“, „Wir sind das Brot“ oder „Regenbogen – Wir sind kreativ, produktiv und innovativ!“. Das waren alles Schülerideen, wie ihr euch vielleicht denken könnt. Zum Schluss dieser Veranstaltung wurden Theresa und ich auf die Bühne geholt und sollten irgendetwas sagen – aber im Improvisieren sind wir ja inzwischen geübt. Dann fiel uns die ehrenvolle Aufgabe zu, die Sprachlager-Fahne zu hissen, wofür wir von allen sehr gefeiert wurden.

Das Highlight der drei Tage war auf jeden Fall, als wir uns an zwei Abenden eine Gitarre ausleihen durften und mit Interessierten deutsche Kanons gesungen haben. Zwar haben meistens nur wir gesungen, weil sich niemand getraut hat, mitzusingen, aber immerhin wurde uns hier der Respekt zuteil, dass uns zugehört wurde, nicht wie im Kinderlager, wo sich mindestens fünf Schüler_innen, Betreuer_innen oder Lehrer_innen unterhalten haben, während wir Lieder vorgesungen haben. Es waren auch nur die Leute da, die sich dafür interessiert haben, und als wir fertig waren, haben ein paar Mädchen uns russische Lieder vorgesungen. Am zweiten Abend haben wir mit ein paar Viertklässler_innen gesungen und das war mindestens genauso schön. Bis wir von einer Betreuerin mitten in „Abendstille überall“ unterbrochen wurden: „Die Kinder müssen jetzt zum zweiten Abendessen!“

Ja richtig, zum zweiten Abendessen. Insgesamt gab es fünf Mahlzeiten am Tag: Frühstück, Mittagessen, zweites Mittagessen, Abendessen, zweites Abendessen. Die Hauptmahlzeiten waren allerdings auch so klein, dass die zweiten Mahlzeiten wirklich nötig waren. Wie in der Schule gibt es grundsätzlich nur kleine Frühstücksteller für sämtliche Gerichte, d.h. eine Portion ist ungefähr die Hälfte von dem, was ich normalerweise esse, um satt zu werden. Oft haben wir uns noch übriges Brot oder Gemüse von anderen Tischen geholt, damit wir nach dem Essen zumindest keinen Hunger mehr haben. Das Tolle an so vielen Kindern ist ja, dass die meisten kein Gemüse mögen, also haben Theresa und ich immer die rote Beete von sämtlichen Tischen in der Nähe bekommen. „Bäh, ja, das könnt ihr gerne haben!“ Die entsetzten Blicke der kleineren Kinder haben wir gerne in Kauf genommen. Beim zweiten Mittagessen (süße Brötchen und Äpfel) wurde zum Glück nicht nach Tischen aufgeteilt und rationiert, sondern man konnte sich die Äpfel einfach aus einem großen Korb nehmen (da haben wir auch ordentlich zugeschlagen). Und das zweite Abendessen bestand aus Kefir und Keksen. Seitdem trinke ich sehr gerne Kefir, ich hatte es vorher nur nie probiert…

Alles in allem würde ich sagen, dass alles ein bisschen besser organisiert werden könnte, z.B. dass man das Sprachlager an einem Ort stattfinden lassen könnte, wo es ordentliche Unterrichtsräume gibt und dass man den Schüler_innen sagt, dass sie Hefte und Stifte brauchen. Der grundsätzliche Zustand des Lagers lässt sich wohl damit erklären, dass man für zwei Wochen in diesem Lager umgerechnet nur ca. 10 Euro bezahlt. Als ich wieder abreiste, hatte sich ja irgendwie alles arrangiert, ich hätte es also durchaus noch bis zum Ende ausgehalten (auch dank Theresa, ich glaube, alleine hätte das echt keinen Spaß gemacht).
Aber der Familienbesuch ging dann doch vor 😉