Der lange Sommer

Der letzte Monat: Die letzte Reise, der letzte armenische Kaffee und der Abschied, von einer Stadt, die mir ans Herz gewachsen ist.

Landschaft bei Goris

Landschaft bei Goris

Mein Jahr in Armenien endet so wie es begonnen hat: In der flirrenden Hitze des armenischen Sommers. Nach dem Ende des Schuljahres Ende Juni bleibt mir noch ein ganzer wunderbarer Monat, diese Jahreszeit in vollen Zügen zu genießen. Auf dem Markt türmen sich die Wassermelonen, und obwohl allerorten um die Pfirsichernte gebangt wurde, staune ich immer wieder über den gold-gelben, zuckersüßen Reichtum an den Ständen.
Da ist sie also wieder, die naive Neugier an dem noch immer unbekannten Land. Ich fühle mich erinnert an die Exotik der ersten Tage und beginne Bilanz zu ziehen. Ich denke an versäumte Chancen und enttäuschte Erwartungen und werde dann ganz versöhnlich gegenüber mir und den anderen.

khorovatsDer Sommer ist die Zeit für Khorovats, das mehr ist als das Grillen von Fleisch- und Gemüsespießen. Die Zutaten: Brot, Fleisch und Wodka. Die Zubereitung: Ein archaischer Kampf mit den Naturgewalten Feuer, Wasser, Erde. Die Tragweite: Es geht um Männlichkeit , Stolz und echte Freundschaft. Überall dort, wo die Natur rund um Eriwan noch nicht ganz im Müll versunken ist, ist es in diesen Tagen am schönsten.
An den Abenden flanieren jetzt wieder Liebespaare und Familien auf den Plätzen. Überall in der Innenstadt locken die Cafés in den lauen Nächten. – Die Klischees drohen mich einzuholen.

Batumi

Batumi

Wer es sich leisten kann – wie wenige das sind, wird mir schmerzlich bewusst – fährt in den Urlaub ans schwarze Meer. Ich mache mich mit Freunden eine Woche lang auf die Reise nach Georgien: Über Tbilisi und den Kurort Borjomi ans Schwarze Meer. Entlang der georgischen Küste, in Poti, Kobuleti und Batumi begegne ich dann auch immer wieder armenischen Urlaubern. Für die meisten meiner armenischen Bekannten heißt die kostengünstigere Alternative aber Familienurlaub bei Oma auf dem Land.

Zurück aus Georgien überrascht mich das Gefühl, in Eriwan nach Hause zu kommen, in eine Stadt, in der ich auch nach einem Jahr trotz aller Freunde, trotz aller Routinen und Sprachkenntnisse oft noch ein Fremder war. Umso schmerzlicher sind dann die vielen letzten Male, die Abschiede von Menschen, Gewohnheiten und Orten. Ich werde voraussichtlich so bald nicht zurückkehren, nie wieder so lange hier leben. Jede Erfahrung ist einmalig und unwiederbringlich. Von hier an bleibt die Erinnerung.

Am Ende geht dann alles ganz schnell. Ich tauche ein in die Zwischenwelt der Flughäfen, die überall gleich aussehen: Eine Schleuse, in der Raum und Zeit aufgehoben scheinen. In Deutschland in meinem neuen alten Leben scheint zunächst alles bekannt. Erst nach und nach stolpere ich über Details, wundere mich über Dinge, die ich zu kennen und wissen glaubte. Ich brauche Zeit, um anzukommen, abzuschließen und weiterzugehen.

abschied

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2 Antworten zu Der lange Sommer

  1. Natalja sagt:

    Habe deinen Blog mit großem Interesse gelesen, da ich mich selbst für kulturweit beworben habe und nun das Angebot steht, nach Eriwan an eine Schule zu gehen (bis zum 23.08. muss ich mich entschieden haben).
    Ich habe leider noch keinerlei Kontaktdaten von Ehemaligen erhalten, sodass ich dich fragen wollte, ob du mir deine eMail-Adresse geben könntest (oder skype-Namen)? Ich habe noch einige Fragen und wäre total dankbar, wenn ich diese jemandem stellen könnte, der ein Jahr vor Ort war.
    Würde mich riesig freuen, von dir zu hören!

    Liebe Grüße,
    Natalja

  2. Ricardo sagt:

    Bin deinem Blog immer wieder gespannt gefolgt. Schade, dass es in letzter Zeit so still geworden ist. Umso freue ich mich aber über den tollen „Abschluss“.
    Wir, das sind Ulrike (Einsatzort Vietnam) und ich (Türkei) planen mit dem Auto von Deutschland an den Pazifik zu fahren und überlegen immer noch unsere Route durch Armenien verlaufen zu lassen. Ich würde mich freuen, wenn du uns ein paar Reisetipps für die Kaukasus Region geben könntest.

    Viele Grüße,
    Ricardo

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