Am Tag des Völkermordes

Der 24. April

Nichts eigentlich Trauriges liegt an diesem Sonntagnachmittag über dem langen Zug, der vom Zentrum der Hauptstadt hinauf zum Mahnmal zieht. Die Sonne scheint großzügig auf den nicht abreißenden Strom. Familien mit Kindern, Junge und Alte – die ganze Stadt wird mit einer Blume in der Hand heute diesen Gang gehen. Aus Frankreich, aus Uruguay oder den USA sind sie gekommen. Man sieht Fahnen und manchmal redet einer Unfug über „die Türken“ und dass man „unser Heimatland“ verteidigen müsse. Das Fernsehen ist da und alle machen Fotos. Am Denkmal stehen Kränze und meterhoch türmen sich die Blumen neben dem ewigen Feuer.

Mahnmal

Das Mahnmal an einem ruhigeren Tag

Am 24. April 1915 – vor 96 Jahren also – wurden in Istanbul armenische Intellektuelle verhaftet, der Beginn eines Völkermordes, dem am Rande des Weltkrieges Hunderttausende Armenier im Osmanischen Reich zum Opfer fielen. Nachfahren der Armenier aus der heutigen Türkei leben nicht nur in der Republik Armenien, sondern in aller Welt verstreut. Das Trauma muss tief sitzen: Eine unübersichtliche Mischung aus echtem Gedenken, überlieferten Wunden und Forderungen nach Anerkennung auf der einen Seite sowie Nationalismus und Revanchismus auf der anderen Seite kommen ans Licht, wenn man das Thema anschneidet. Leichte Antworten gibt es auf all das nicht.

In diesem Jahr fällt der Gedenktag auf den Ostersonntag. Man muss in die Kirche und eine Kerze nach Hause bringen. Eier werden angemalt, die Familie ist zu Besuch und zum Ende der Fastenzeit gibt es festliches Essen. Gut, dass die Sonne so herrlich scheint an diesem 24. April.

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Eine Antwort zu Am Tag des Völkermordes

  1. David Zhu sagt:

    Hallo Julian!

    Vielen Dank fuer deine schoene Artikel, nicht nur dieser auch die anderen sind mit sehr viel Gefuehl und Verstaendnis geschrieben. Ich kann nur vermuten wie sehr dir das Land nahe geht, wenn du so engagierst ueber Schwierigkeiten und Wunder aller schreibst! Ich hoffe der Abschied faellt nicht allzuschwer. Der Blog ist jedenfalls sehr informativ und schoen zu lesen. Weiter so und noch eine schoene Zeit. Bis bald!

    Schoene Gruesze aus China,
    David

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