Sonntags im Zoo

Ein Wochenendausflug in den Eriwaner Zoo zeigt, was in diesem Land noch nicht in Ordnung ist.

Tiger

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe/ so müd geworden, dass er nichts mehr hält./ Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe/ und hinter tausend Stäben keine Welt. Als Rainer Maria Rilke im November 1902 im Jardin des Plantes in Paris einen Panther beobachtete, über den er später diese traurigen Zeilen schrieb, hatten Tiergärten wohl andere Prioritäten als Tierschutz und artgerechte Haltung. Heute müssen Zoos sich gute Antworten auf kritische Fragen nach dem wie und warum der Käfighaltung von Wildtieren einfallen lassen. Das verlangt in jedem Fall Einsicht, Fachkenntnisse und nicht zuletzt Geld. Weil all das im Armenien der 2010er Jahre aber an vielen Stellen des öffentlichen Lebens fehlt, sieht der Eriwaner Zoo so aus, wie ich ihn heute gesehen habe.

Blick über das Zoogelände

Blick über das Zoogelände

Der Eintritt am anachronistisch monumentalen Eingang des Parks kostet umgerechnet weniger als einen Euro. Der Zustand der Käfige und Gehege erscheint schon auf den ersten Blick heruntergekommen. Die Tiere leben fast alle in dunklen, engen Verschlägen. Manche streifen wie Rilkes Panther unablässing an den Gittern entlang, andere hocken lethargisch da. Zu den Bewohnern der Anlage gehören ein Löwe, ein alter Tiger und ein paar Bären. Außerdem gibt es Kamele, Pferde, Ziegen und einen Bullen. Natürlich geht es nicht allen Tieren schlecht, und sicher bin ich kein Experte; aber es gibt Probleme, die erkennt leider jeder einmalige Besucher.

AffeTrotz des Winterwetters sind ein paar Familien unterwegs. Der Eisstand ist geschlossen. Karussell fahren macht zu dieser Jahreszeit keinen Spaß. Nur der Tierpfleger singt, während er die Tiere füttert. Ich bin früher liebend gerne in den Zoo gegangen. Ich erinnere mich gut an das Eisbärengehege, an das Affenhaus und eine Brutstation für Hühnereier. Es ist schwierig, sich vorzustellen, woran sich armenische Kinder in 10 Jahren erinnern werden.

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4 Antworten zu Sonntags im Zoo

  1. Armenierin sagt:

    An der Stelle immer schlechtes über Armenien zu schreiben, könnt ihr alle euch ein bisschen Mühe geben und Lösungen suchen, um solche Probleme in Armenien zu vermeiden. Denn in allen Ecken der Welt gibt es Probleme. . . Aber die Menschen klagen nicht nur, sie probieren diese Probleme irgendwie lösen. . .

  2. Minu Nikpay sagt:

    Solange es Menschen gibt, solange werden die Tiere, so oder so, leiden. Erst wenn der Spezies Mensch irgendwann hoffentlich ein für allemal aus diesem Planeten verschwunden sein wird, dann werden die Tiere und die Natur sich endlich erholen und auch vermehren!!!!!!!
    Was Armenien betrifft, das Land ist bitter bitter arm…. warum da überhaupt noch einen zoologischen Garten unbedingt geben muss, ist eine weitere Frage, zumal die Völker des Orients, unter anderem auch die Armenier nicht besonders tierfreundlich sind und von Tierhaltung in tiergerechter Form sowieso nichts verstehen……

    • Sehr geehrter Minu Nikpay,

      Ihren Kommentar möchte ich nicht unbeantwortet stehen lassen. Zunächst einmal bin ich als Mensch sehr gerne am Leben und kann dem Wunsch, „ein für allemal aus diesem Planeten [sic]“ zu verschwinden nichts abgewinnen.
      Mindestens ebenso wichtig ist es mir aber zu betonen, dass ich meinen Text nicht so verstanden wissen will, dass „die Armenier“ oder irgendwelche diffusen „Völker des Orients“ mehr oder weniger tierfreundlich sind als Menschen, die in anderen Ländern der Erde leben. In erster Linie beschreibe ich einen Ausflug in den Zoo und meine subjektiven Eindrücke dabei und verknüpfe diese – zugegeben – ohne saubere Argumentation mit der Behauptung, in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens Armeniens fehle es an „Einsicht, Fachkenntnisse und nicht zuletzt Geld“. Das ist eine sicher sehr allgemeine und angreifbare, aber im Rahmen eines persönlichen Blogs meiner Auffassung nach legitime Meinungsäußerung über die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der Republik Armenien.
      Ich distanziere mich ausdrücklich davon, daraus pauschale Urteile über den Charakter „der Armenier“ oder anderer Völker abzuleiten.

      Mit freundlichen Grüßen,
      Julian Müller

    • Lilith sagt:

      @ Minu Nikpay : „…zumal die Völker des Orients, unter anderem auch die Armenier nicht besonders tierfreundlich sind und von Tierhaltung in tiergerechter Form sowieso nichts verstehen……“—> wieso denn so negativ/ fast schon nihilistisch? Glaubst du nicht, dass Menschen lernenfähig sind? Würde das Ganze nicht so engültig sehen…

      @ Julian Müller : zuerst mal: sehr symbolistisch (Rilke) 🙂

      Ich kann mich noch gut an meinen ersten Zoobesuch in Armenien erinnern. Ohne Zweifel sind die Bedingungen die dort herrschen schlimm und nicht zu vergessen: oftmals lebensgefährlich ( vor kurzem starb ein Kind am Tigergehege!!! ).
      Wir Kinder kannten nur den deutschen Standard! und waren dementsprechend entsetzt von dem, was wir sahen!
      Geld ist auf jeden Fall (leider) der größte Faktor, der dazu beiträgt, dass es dort so aussieht.
      Aber dir ist das bestimmt auch anderswo in Armenien aufgefallen: die Schere zwischen Armut und Reichtum klafft unübersehbar auseinander!
      Überall siehst du Casinos mit Lichtern als wärst du in Las Vegas und Restaurants, in denen sich keine Menschenseele aufhält….aber hey….bauen wir doch trotzdem noch welche^^
      ….aber kein Mensch interessiert sich dafür, dass der Weg dorthin also die Straßen völlig unbrauchbar und unzumutbar sind! Und dass dort vorm Eingang einige Bettler sitzten und locker mit dem dort verspielten Geld der anderen ihre Familien ernähren könnten…und das ist nur ein banales Beispiel aus dem alltäglichen Leben…
      Ebenso im Zoo…anstatt hier zu investieren baut man dann doch lieber anderswo ein gaaaaaaanz anderes neues Gebäude oder ein Geschäft, indem sowieso kein Mensch (Einheimischer) einkaufen kann, weil er es sich nicht leisten kann mit dem wenigen Geld das er verdient. Und das dumme daran ist, dass kein Mensch das sehen will oder sogar kann, weil ihm die Objektivität dazu fehlt….die Menschen dort kennen es nicht anders und es liegt nicht in ihrer Macht etwas daran zu verändern, wenn sie nicht reich sind (nicht, dass sie es dann tun würden- eher müsste ein neues Restaurant herhalten!)
      Ich finde es für die armenischen Kinder sooo schade, dass sie unter solchen Bedingungen groß werden müssen. Es ist wirklich schade, dass man an einem Ort, an dem sich Kinder erfreuen sollten, Angst haben muss, weil die Wände Risse haben oder das Gitter nicht fest sitzt oder die Tiere wegen Geldmangel mal nicht gefüttert wurden…

      so jetzt haben wir uns alle genug in deinem Blog über die armenische Gesellschaft/ Politik ausgekotzt! 🙂
      Entschuldigung und
      „Sänk yu for träwelling wiss deutsche Bahn!“ 😀

      lg
      Lilith

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