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Ein Klappentext

Kälte berührt meine Haut unter den Ärmeln, sie legt sich um meine Handgelenke und erinnert mich daran, dass ich in Rumänien bin und der Winter gerade erst begonnen hat.
Ich habe viel gesehen in den letzten Wochen. Immer neue, andere Ausflüge. Immer neue, andere Leute. Mittlerweile habe ich mich so an das Kennenlernen von fremden Menschen gewöhnt, dass ich es nicht mehr zu schätzen weiß. Das bedauere ich sehr und umso besser ist das ruhige, beinahe langweilige Wochenende, das hinter mir liegt. Langsam verstehe ich, warum mein tanzender Kopf sich so sehr beim Öffnen jedes neuen Adventstürchens freut, es ist die Ruhe und das Bekannte, wonach er sich sehnt. Wonach ich mich sehne.
Sibiu, die Stadt mit dem endlos blauen Himmel in der Mitte Rumäniens, ist mittlerweile ein Ort den ich kenne, aber vertraut ist er mir wie ein Buch, dessen Einband ich gründlich studiert habe. Ich kann euch den Klappentext wiedergeben, aber vom tatsächlichen Inhalt weiß ich nichts.
Doch ich bin auf den Geschmack gekommen und möchte euch etwas von der Stadt erzählen, in der ich seit drei Monaten lebe.
Sibiu ist eine Stadt vieler Dinge. Aus der Ferne ist sie jene der Türme. Zu fünft stehen sie auf dem erhöhten Zentrum des Ortes und sind wie Wegweiser, an denen kein Reisender vorbei kommt. Mit ihrem vielfältigen Aussehen bilden sie die gezackte Silhouette Hermannstadts.
Für den Touristen ist Sibiu die Stadt der roten Steine und Tauben. Sobald man sich der Altstadt nähert, stellt sich einem bald eine Mauer aus Ziegelsteinen in den Weg, die einen zu dem ein oder anderen Umweg zwingt. Bedrohlich hoch steht sie da, rot und massiv. Man ist trotzdem willkommen und darf das malerische Herz der Stadt betreten, den großen Ring. Dieser ist in stetiger, lebendiger Bewegung. Kleine, weißgraue Flecken huschen darauf umher, langsam und zackig auf dem Boden und schnell und geschwungen in der Luft. Ich verabscheute die Ratten der Lüfte als ich nach Sibiu kam. Ihre dummen Bewegungen und starren Blicke ekelten mich an und daher ärgerte ich mich sie in so hoher Zahl im Herzen Hermannstadts zu finden. Aber meine Einstellung zu jenen Vögeln hat sich geändert. Vor einigen Wochen ging ich über diesen Platz, beschwingt von der Leichtigkeit des Lebens und verfangen in Gedanken. Plötzlich erhoben sich alle Tauben, wie auf einen stummen Befehl sie flogen in einem großen, aufwärtsstrebenden Kreis über die Köpfe der Menschen hinweg. Die Bewegung des Aufschwungs und das sanfte Flattern in meinen Ohren fühlten sich an wie Freiheit. Darum freue ich mich jetzt über die Touristen die gelegentlich kommen, um ihr Brot mit den Freiheitswächtern des großen Rings zu teilen.
Für mich ist Sibiu die Stadt der Katzen. Mit ihren schlauen Augen beobachten sie alles, was passiert. Sie streifen den Besuchern der Restaurants um die Beine und liegen in den Vorgärten, um mich auf meinen Wegen zu bewachen. Ich mag die stummen, überlegenen Gesichter der Katzen und ihre eleganten Bewegungen. Sie sind die allwissenden Bewohner der Stadt, die jedes Haus schon einmal umrundet und jede Straße bewandert haben. Um irgendwann das Buch Sibius lesen zu können, müsste man ihre Sprache lernen.
Das sind die Eindrücke, die ich von der herbstlichen Stadt gesammelt habe. Alle haben einen blauen Himmel und eine klare Sonne. Nun hat sich die Kälte eigeschlichen und es werden sich neue, frierende Erfahrungen dazu gesellen.

Im Kochtopf der Sprache

„Rumänisch ist eine melodische Sprache.“

Das habe ich in Sibiu immer wieder gehört, und auch die Austauschülerinnen, die einige Jahre zuvor bei uns waren, haben das oft mit Stolz in der Stimme betont. Davon habe ich allerdings nie etwas gehört, für mich klang die Sprache ähnlich abgehackt wie die meine. Vor meinem Auslandsjahr behauptete ich sogar oft, rumänisch sei eine Suppe aus zwei Sprachen, es werde mit italienisch gekocht, schmecke aber wie deutsch.
Trotzdem freute ich mich darauf, die neue Sprache zu entdecken. Besonders die oft gehörte Bemerkung, es sei eine sehr schwierige Sprache, stachelte meinen Ehrgeiz an. Und so begann ich zu lernen, und soll ich euch was sagen: Rumänisch ist eine melodische Sprache. Jedes Wort für sich wird mit vollem Klang gefüllt und ich genieße es wie man sie formen und wie dramatisch das Reden klingen kann. Zwar kann ich noch nicht viel erzählen, aber was ich sage, klingt wie eine schöne, launenhafte Melodie. O limbă frumoasă!