Langsam neigt sich der Sonntag dem Ende zu und die laue Sommernacht ist bereits über Wuhan hereingebrochen. Daran, dass man vielleicht langsam ins Bett gehen könnte, denkt allerdings keiner. Gerade sitze ich in einem ausladenden Säulenrund auf dem Campus der Wuhan University, das zum Schauplatz von allerlei Aktivitäten geworden ist. Während im Astwerk der umliegenden Bäume die Grillen zirpen, herrscht hier noch reges Treiben. Ein Stückchen von mir entfernt steht ein Student, der auf der Gitarre vermutlich ein paar Wuhanner Evergreens improvisiert, was mich angenehm an unser Vorbereitungsseminar erinnert. Für den gewohnt lebhaften Geräuschpegel sorgen einige Kinder, die unter den wachsamen Augen ihrer Eltern auf Fahrrädern über den Platz düsen, sich mit blinkenden Spritzpistolen verfolgen oder amüsiert quiekend haarscharf an mir vorbei über die Steinbänke springen. Lachend rennt eine junge Mutter ihrem inlineskatenden Töchterlein hinterher und beinahe stolpern sie dabei über einen Dreijährigen, der eingehend eine winzige Hund-Meerschweinchen-Kreuzung inspiziert. Mir wird ein bisschen wehleidig zumute, als ich daran denke, wie schnell jene unbeschwerte Zeit für die Kinder ein Ende findet. Denn wie mir das Lesen in den deutschen Tagebüchern meiner Schüler gezeigt hat, sind die Hausaufgaben in Deutschland ein schlechter Witz gegen das, was die Jugendlichen hier täglich erwartet.
Interessiert schauen mir zwei kleine Jungen über die Schulter in den Bildschirm, nichtwissend, dass ich gerade über sie schreibe. Mittlerweile hat sich eine ganze Studentengruppe eingefunden, die das Säulenrund als Bühne für ihren Tanzkurs nutzt. Zuerst sind sie die einzigen, die noch etwas schüchtern die Grundschritte des langsamen Walzer üben. Als dann jedoch die ersten Takte aus einem mitgebrachten Ghettoblaster erklingen, gesellen sich in Sekundenschnelle auch mehrere ältere Paare zu der Tanzgesellschaft und fliegen breit grinsend in geübten Schritten an mir vorüber. Memo an mich selbst: nächstes Wochenende muss ich unbedingt früher mit Reflektieren beginnen, damit ich mich abends ebenfalls zu den Tänzern gesellen kann. Womit wir endlich beim Thema wären. Hinter mir liegen nämlich einige sehr interessante Tage, die es unbedingt zu reflektieren gilt.
Tja, aber die hatten soeben noch ein bisschen zu warten. Inzwischen ist nämlich eine Stunde vergangen, weil ich doch noch ein paar spontane Tanzstunden genommen habe. Dabei hat sich übrigens herausgestellt, dass die da überhaupt keinen Walzer, sondern einen sogenannten „Three-Step“ getanzt haben. Den Grundschritt beherrsche ich mittlerweile trotz chinesischer Anleitung ganz gut, übermorgen geht es dann weiter mit den etwas aufwändigeren Figuren. Meine so geschickt eingefädelte Überleitung zur Reflektion ist nun zwar dahin, aber den Spaß war es mir definitiv wert.
Jedenfalls kann ich heute auf drei tolle Tage zurückblicken, deren jeweilige Höhepunkt sich, wie der Titel bereits vermuten lässt, größtenteils in Shoppingmalls abgespielt haben. Meine Einkaufszentrum-Erlebnisse begannen am Donnerstagabend, als ich zusammen mit Lincoln (oder Mr. President, wie ich ihn lieber nenne), einem Englisch-Lehrer, aufbrach, um ein paar Klamotten einzukaufen. Kaum auf der Straße angekommen, wurden wir bereits von einem typischen Szenario empfangen: Menschenmassen, durch die sich laut hupend einige Motorbikes manövrieren, eine vollkommen verstopfte Straße zur Rush-Hour, die einen Lärmpegel erzeugt, bei der jeder vorbeifliegende Düsenjet vor Neid erblassen würde und zu beiden Seiten schwitzende Bauarbeiter, die dafür sorgen, dass Wuhan noch weiter in die Höhe wächst. Eine besondere Herausforderung erwartete uns aber erst beim Überqueren der Fußgängerbrücke, an deren Zugang Mitglieder einer chinesischen Minderheit ihre gegrillten Lammspieße verkauften. Diese Leute haben nämlich die interessante Angewohnheit, nichtsahnenden Passanten mit einem Fächer den grauschwarzen Rauch ihres Kohlegrills ins Gesicht zu pusten. Ob sie das tun, um mit ihren Kollegen an der nächsten Brücke per Rauchzeichen zu kommunizieren oder weil sie insgeheim all ihre Lammspieße für sich behalten wollen, weiß ich bis heute nicht. Jedenfalls werden sie wohl so schnell auch nicht damit aufhören, weil sie als Minderheit unter gesetzlichem Schutz stehen.
Nach diesem weniger beglückenden Erlebnis war ich daraufhin froh, die Mall zu betreten und dort endlich wieder frei atmen zu können. Die ersten entspannten Atemzüge blieben mir beim Anblick der stattlichen Preise in den exquisiten Geschäften aber leider im Halse stecken, sodass wir uns darauf einigten, erst einmal etwas Essbares zu finden. In der obersten Etage mussten wir auch gar nicht lange suchen, weil sich dort praktisch ein Restaurant neben das andere reihte. Linc fragte mich höflicherweise, auf was ich denn Lust hätte, allerdings fand ich es ziemlich schwer, die Frage zu beantworten, da ich nach vier Tagen in Wuhan noch keinen allzu großen Überblick über das lokale Speisenangebot hatte. Deshalb entschieden wir uns letztendlich für ein Restaurant, wo man die verschiedensten Dinge einfach vom Buffet auswählen und sich zubereiten lassen konnte. Nach einem zehnminütigen, höchst intensiven Auswahlprozess wurden mir schließlich wieder einmal die Vorzüge der chinesischen Esskultur zuteil, die man meiner Meinung nach auch gerne in Deutschland einführen dürfte. Hier bestellt nämlich niemand für sich allein, stattdessen werden grundsätzlich mehrere Speisen angerichtet, von denen jeder so viel auf sein Tellerchen schaufeln kann, wie er möchte. Dabei wird natürlich kostenlos das Teeglas aufgefüllt, sobald man die Hand hebt und mit leicht nörgelnder Stimme „Fuwuyuan!“ ( also „Kellner!“) brüllt. Nach dem reichhaltigen Abendschmaus kann ich übrigens besonders die berühmten Baoze empfehlen. Das sind runde Teigtaschen, die mit allerhand Zeug vollgestopft werden, das man zwar wie bei einer Maultasche von außen nicht sieht, aber verdammt lecker schmeckt. In unserem Fall hat man es sogar geschafft, ein wenig Suppe in die Baoze zu füllen. Wie das gehen soll, ist mir allerdings ein Rätsel.
Der einzige Nachteil an der ganzen Sache war jedoch, dass wir uns am Ende selbst so vollgestopft und kugelrund wie zwei Baoze fühlten und sich deshalb unsere Shopping-Laune eher in Grenzen hielt (vermutlich hätte ich sowieso nicht mehr in meine normale Kleidergröße gepasst). Also flanierten wir einfach faul und zufrieden durch eine Etage nach der anderen und unterhielten uns angeregt über amerikanische und japanische Fernsehserien und wie man am besten an sie herankommt. Da die Gema noch keine Außenstelle in China besitzt, geht das hier glücklicherweise kosten- und problemlos im Internet. Trotz der spannenden Gespräche und meiner nicht gerade ausgeprägten Multitaskingfähigkeit entdeckte ich während unseres Spaziergangs noch einige andere auffällige Dinge.
Beispielsweise ein flaches, über und über mit Goldfischen gefülltes Aquarium, in dem kleine Kinder erfreut mit Keschern herumfuhrwerkten. Was ins Netz ging, wurde entweder umgehend zurückgeworfen (leider nicht immer ins Aquarium, sondern gelegentlich auch auf den Boden), genauestens untersucht oder in einen Beutel gepackt. Natürlich wollte sich sofort der Tierschützer in mir zu Worte melden, aber da im selben Moment mein Magen vermeldete, dass er gerade dabei war, ein paar frittierte Fischchen zu verdauen, hielt ich lieber die Klappe. Von Klappe halten schienen dagegen die Angestellten der Modeläden noch nichts gehört zu haben, denn die machten in einem Fort lautstark für ihre Angebote Werbung. Dass manche uns nicht gleich am Schlawittchen vor ihre neuste Modekreation gezerrt haben, kommt mir im Nachhinein beinahe verwunderlich vor. Bei den Preisen ist es aber auch weniger verwunderlich, dass die Schreihälse ganz schön die Werbetrommel rühren müssen, um Kunden zu überzeugen.
Gelegenheit, mich an diese eher offensiven Marketing-Methoden zu gewöhnen, bot sich mir dann gleich am folgenden Tag. Freitagabend hatte ich mich nämlich, sozusagen als Belohnung für die letzten drei Unterrichtsstunden der Woche mit Anna und ihrer Freundin zum nächsten Shoppingversuch verabredet. Anna werde ich übrigens ab jetzt bei ihrem richtigen chinesischen Namen, Jiao Jiao, nennen, denn den habe ich mir trotz Datenengpass in meinem Namensgedächtnis endlich gemerkt. Jiao Jiao und Hui Su nahmen mich also zu einem Gebäude mit, dass den Namen Shopping-Mall eigentlich gar nicht mehr verdient. Passender wäre eher Perfektes Powershopping-Paradies und weil ich ja auf prägnante Abkürzungen stehe, werde ich es fortan mit der Bezeichnung PPP betiteln.
Je länger wir uns im PPP aufhielten, desto mehr abgefahrene Dinge entdeckte ich. Einerseits erwarteten uns natürlich die teuren Modeboutiquen, die in altbekannter Marktschreier-Manier beworben wurden, weiterhin reihte sich ein Ramsch-Laden an den anderen, aus dem unsäglich laute Musik drang, und auch Geschenkartikelshops schienen dort recht populär. Warum, würde ich später noch herausfinden. Richtig spannend wurde die Sache aber erst in den oberen Stockwerken des runden, nach innen zum Himmel geöffneten Bauwerks. Hier bemerkte ich nämlich plötzlich, dass ich trotz der schwülwarmen Außentemperatur frösteln musste. Als Ursache dessen entpuppte sich schließlich eine riesige Eislaufhalle, in der man durch breite Glasscheiben zahlreiche Pärchen ihre Pirouetten drehen sah. Ich wäre natürlich sofort mit aufs Eis gegangen, aber weil meine beiden Ladies von der Idee eher wenig begeistert waren, musste ich mir das für einen anderen Tag aufsparen.
Doch die nächste Attraktion ließ nicht lange auf sich warten und präsentierte sich in Form eines Lochs in der Wand. Auf mein verwundertes Fragen hin stellte sich dann heraus, dass es sich dabei um eine Art Indoor-Geistertunnel handelte. Leider hatten meine Begleiterinnen auch darauf keine Lust oder eher keine Nerven, weswegen ich abermals unverrichteter Dinge weiterzog. Memo an mich selbst: nächstes Mal unbedingt mit ebenso netten, aber etwas abenteuerlustigeren Leuten herkommen!
Jiao Jiaos Interesse weckte ich allerdings danach unverzüglich, als ich fasziniert ein Mädchen betrachtete, das einen Plüsch-Totoro hinter sich herschleppte. Für all jene, die dieses Etwas noch nicht kennen: Totoro ist eine Art riesenhafter, flauschiger Baumgeist, der der Feder eines meiner Meinung nach genialen japanischen Filmmachers entsprang und in einigen asiatischen Ländern mehr Anhänger hat als Micky Maus bei uns im Westen. In China wird der knuffige Riese übrigens liebevoll „Long Mao“ genannt, was so viel heißt wie „Drachenkatze“ und sein Aussehen ganz gut zusammenfasst.
Wenige Minuten später fand ich mich dann in einem Laden wieder, der sich tatsächlich fast ausschließlich dem Verkauf von Totoros verschrieben hatte. Und das in allen Variationen: da gab es stattliche Kuscheltotoros in den verschiedensten Größen, Totoro-Geldbeutel, Totoro-Taschen, Totoro-Kalender, Porzellan-Totoros und sogar Totoro-Nackenkissen mit eingebauter Massagefunktion. Nachdem ich mich einige Zeit an diesem göttlichen Kitsch ergötzt hatte, brummte mein Magen irgendwann so laut wie ein Totoro-Massagekissen, sodass ich mich schweren Herzens wieder nach draußen begab. Schließlich wollten wir die Verkäufer ja nicht zu der Vermutung kommen lassen, dass ich heimlich ein solches Kissen unter mein T-Shirt gesteckt haben könnte.
Glücklicherweise war das nächste Restaurant (wie fast überall in Wuhan) nicht weit entfernt. Beim Bestellen vertraute ich natürlich meinen Begleiterinnen, da ich auf der Karte nur per Zufallsprinzip zu etwas Essbarem gekommen wäre. Während Whitney Houston über uns aus voller Kehle aus dem Lautsprecher plärrte, wurde ich nach einiger Zeit allerdings trotzdem ein wenig misstrauisch. Denn Jiao Jiao und Hui Sun ließen bei der Kellnerin ein Gericht nach dem anderen aufschreiben und wollten gar nicht mehr damit aufhören, mich nach weiteren Dingen zu fragen, die ich gerne mag. Umso gespannter wartete ich anschließend, welch himmlisches Buffet uns da wohl aufgetischt werden würde. Letztendlich aber war alles, was wir erhielten, eine große Schüssel, in dem alle möglichen Dinge zu einem etwas unübersichtlichen, aber sehr delikaten Durcheinander vermengt waren. Auch gut. Die Mädels hatten demnach nicht trölftausend verschiedene Speisen beordert, sondern nur die Zutaten für dieses beeindruckende Endprodukt, bei dessen Anblick jeder deutsche Bauerntopf vor Ehrfurcht eingebrannt wäre. Zu gerne hätte ich euch ein Bild davon gezeigt, leider hat sich meine Kamera mal wieder selbstständig gemacht und das Foto dank irgendeines Dateifehlers unbrauchbar gemacht. Ich kann jedenfalls garantieren, dass das meiste, was ich aus der Schüssel fischte, tatsächlich himmlisch gut und zugleich höllisch scharf geschmeckt hat. Bei Jiao Jiaos Aussage „Wir haben es extra nicht zu scharf bestellt“ konnte ich mir nach einiger Zeit nur noch müde lächelnd den Schweiß von der Stirn wischen und tapfer zum nächsten Tintenfischarm greifen.
Den Rest des Abends hätte ich am liebsten mit Verdauen verbracht, aber Jiao Jioa und Hui Su hatten bereits andere Pläne. Weil es unter Chinesen sehr beliebt ist, sich gegenseitig kleine Präsente zu machen, wurde mir alsbald bewusst, wofür man die hundert Geschenkartikelshops brauchte. Die beiden Damen wollten mir nämlich unter allen Umständen noch etwas Nettes kaufen, was dann bedeutete, einen Ramschladen nach dem anderen abzuklappern. Am Ende kehrte durfte ich schließlich mit einem Stoß hübscher Postkarten und zwei Sprichwort-Hölzern von dannen ziehen.
Neuer Tag, neue Spezialitätenverköstigung. Mit dem gleichen Ensemble ging es am Samstag gleich mittags weiter zum nächsten Restaurant in der Nähe des East Lakes. Mittlerweile habt ihr euch sicher daran gewöhnt, dass ich gerne mal übers Essen schreibe, da dies zweifelsohne auch beziehungsweise vor allem in China zu meinen Lieblingsbeschäftigungen zählt. Deshalb möchte ich abermals etwas mehr ins Detail gehen. Im Restaurant Nr. 3 des vergangenen Wochenendes ließen sich gleich zwei lokale Besonderheiten genießen. Einerseits probierte ich den karpfengroßen Wuchang Yu, ein Fisch, der seinen Namen von dem Distrikt hat, in dem ich wohne. Mir ist zwar schleierhaft, wie in der giftig grünen Brühe, die am Fenster entlang floss, überhaupt irgendetwas überleben kann, aber seine übelriechende Herkunft merkte man dem Tierchen in keinster Weise an. Das gute Stück schmeckte sogar überraschend frisch und würzig. Ich hoffe allerdings, dass die Würze von der Soße stammt, in der er gebraten wurde und nicht von der, in der er vermutlich aufgewachsen ist.
Sei’s drum, sehr gesund habe ich mich trotzdem ernährt. Die andere Spezialität, die man uns hier servierte, bestand nämlich aus einem äußerst dekorativ angerichteten Haufen Grünzeug, den ich zuerst für eine etwas übertrieben geratene Tischdekoration hielt. Als dann aber ein großer, brodelnder Suppentopf vor meiner Langnase platziert wurde, ging mir allmählich ein Licht auf. Die Kräuter und Pilze warf man nämlich in bestimmten Abständen in ebenjenen Kessel, wodurch allmählich ein wohlschmeckender Sud entstand. Das Ganze erinnerte zwar ein bisschen an Zaubertrankunterricht in Hogwarts, gestaltete sich jedoch um einiges amüsanter, weil mir meine Lehrerinnen bei einem Fehler selbstverständlich nicht gleich die Speisekarte auf den Kopf donnerten.
Gestärkt und ohne Schädelbruch machten wir uns anschließend auf den Weg zum Geschichtsmuseum, das wir zusammen besichtigen wollten. Einer der vielen Vorteile dieser Sehenswürdigkeit bestand darin, dass man für den Spaß nicht einmal zahlen musste. Bereits die Bauweise des Museums war durchaus sehenswert. Um zu den Ausstellungsstücken zu gelangen, überquerten wir einen weitläufigen Platz, dessen Mitte ein sehr akkurat angelegter Grünstreifen mit einem Springbrunnen zierte. Zum Hauptgebäude stiegen wir dann eine imposante Steintreppe hinauf und konnten uns dann auf ganzen vier Stockwerken austoben. Zuerst widmeten wir unsere Aufmerksamkeit den Resultaten von Ausgrabungen an der Grabstätte eines alten, mächtigen Herrschers, den man mit allerhand Grabbeigaben versehen hatte. Nachdem wir seinen beeindruckend ehebettgroßen Sarkophag bestaunt hatten, lernten wir, dass man auf der Reise ins Jenseits offenbar unbedingt mit haufenweise Wein, dutzenden Dreifußkesseln (die die Macht des Besitzers symbolisieren) und sogar bestenfalls mehreren Nachttöpfen ausgestattet sein sollte. Sehr fürsorglich, falls die Blase auf dem Weg dann doch mal anfängt, zu drücken. Wofür man dabei allerdings ein überdimensionales Glockenspiel mit über hundertfünfzig riesigen Bronzeglocken brauchen sollte, ist mir bis heute nicht ganz klar. Fürs Handgepäck waren die garantiert ein bisschen zu groß, aber vielleicht habe ich da ja auch etwas falsch verstanden, weil sich die englischen Beschreibungen auf den Lesetafeln teilweise eher als verwirrend erwiesen.
Aus diesem Grund konzentrierte ich mich bald mehr aufs Schauen als aufs Lesen, denn anzuschauen gab es ja mehr als genug. So inspizierten wir beispielsweise zahllose Porzellanarbeiten, die bewiesen, dass Porzellan seinen Ursprung und seine höchste Blütezeit tatsächlich in China gefunden hatte. Einerseits schien jede der unglaublich feingliedrigen Bemalungen ihre eigene Geschichte zu erzählen, andererseits waren einige der Ausstellungsstücke derart filigran gefertigt, dass man in deren Inneren die Muster auf der Außenseite durchscheinen sah. Weiterhin sahen wir die versteinerten Gebeine der urzeitlichen Bewohner der Region Wuhan,den heiligen Gral und als eines der Herzstücke der Ausstellung das Schwert eines berühmten Soldaten, welches so scharf sein soll, dass es ein vorüberfliegendes Haar ohne jegliche Bewegung zu zerteilen vermag. Äußerst sehenswert war meiner Meinung nach darüber hinaus aber auch die Vorgehensweise, die manche Museumsbesucher beim Besichtigen an den Tag legten. Ich möchte sie im Folgenden kurz erläutern.
- Man nehme die Kamera des aufklappbaren Handys und betrete damit im Stechschritt einen Ausstellungsraum.
- Man stelle sich vor eine Vitrine, schieße ein wunderbar überbelichtetes Foto von einem Ausstellungsstück und renne dann umgehend weiter zum nächsten Objekt ohne das vorhergehende genauer zu betrachten geschweige dem die Beschreibung zu lesen.
- Man wiederhole 2. systematisch im Sekundentakt mit jedwedem Ausstellungsstück im Raum und knipse im Idealfall noch ein Portrait von dem überrascht dreinblickenden Wachmann.
- Man stelle sich an den Ausgang, klicke sich durch seine erbeuteten Bilder und denke zufrieden: „Hach, genau so hat das Foto auf der Website des Museums auch ausgesehen!“
Naja, jedem das Seine. Mir persönlich wäre das sicherlich zu anstrengend gewesen, denn mein Hirn wird ja neuerdings sowieso ständig an die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit getrieben. Als ich diese Tagesgrenze erreicht zu haben glaubte, entschlossen wir uns zum Glück, unsere Expedition zu beenden und abermals das PPP zum Abendessen aufzusuchen.
Zuvor allerdings musste ich noch eine weitere Herausforderung meistern. Und die kam in Form der Busfahrt, auf der wir noch eine weitere Freundin von Jiao Jiao abholen wollten. Ähnlich wie die Betten scheinen vor allem die Doppelstockbusse nicht gerade auf Passagiere meiner Größe ausgelegt zu sein. Weil das Fahrzeug zur Rushhour ohnehin unter hoffnungsloser Überfüllung litt, quetschte ich mich unbeholfen in den Eingangsbereich. Da dieser ein bisschen herabgesetzt war, musste ich hier wenigstens nicht bei jeder Unebenheit, über die wir rumpelten, um eine Kollision meines Schädels mit der Decke fürchten. Dummerweise sah ich mich aber an den Haltestellen der Gefahr ausgesetzt, von der plötzlich aufschwingenden Tür erschlagen zu werden. Zudem hatte ich durch die Frontscheibe perfekte Aussicht auf den unsäglichen Fahrstil des missgelaunten Fahrers, nennen wir ihn Ying Yan (das heißt so viel wie Adlerauge). Mehrmals trat mir der Angstschweiß auf die Stirn, da ich befürchtete, gleich durch ebenjene Frontscheibe ins Heck des vorausfahrenden Autos geschleudert zu werden. Irgendwie schaffte es unser Ying Yan aber zum Glück immer, im letzten Moment eine kunstvolle Vollbremsung hinzulegen. Gutes Augenmaß. Mit Augenmaß hatte es allerdings nicht mehr viel zu tun, als wir laut hupend über einen von Leuten überquellenden Zebrastreifen rasten. Ich bin mir sicher, dass wir noch den Rockzipfel einer bedächtigen alten Dame streiften, bevor es dann weiter an der nächsten roten Ampel vorbei ging. Naja, aber das Missachten von Ampeln konnte man dem armen Ying Yan nicht wirklich ankreiden, weil das in Wuhan fast jeder macht. Ich glaube, man könnte viel Strom sparen, wenn man die Ampeln einfach abschaffen würde – einen großen Unterschied, was den Verkehrsfluss betrifft, hätte das eh nicht zur Folge.
Wie auch immer, das PPP erreichten wir schließlich unfallfrei und ohne eine unfreiwillige Begegnung mit der Frontscheibe. Noch etwas wackelig auf den Beinen ließ ich mich von meinen mittlerweile drei Begleiterinnen durch das zur Abendzeit gewohnt gut besuchte Kaufhaus navigieren. Die Wuhanner (und ich glaube, die meisten anderen Chinesen auch) lieben es nämlich laut eigener Aussage, in netter Gesellschaft ohne Ziel an den hell erleuchteten Schaufenstern vorbei zu schlendern und sich unter fortwährendem Geschnatter gelegentlich ein Päuschen auf einer der vielen Sitzgelegenheiten zu gönnen. Aber wer würde das nicht mögen?
Mir hat jene Art, den Abend zu verbringen, jedenfalls sehr gut gefallen, doch trotzdem war ich froh, als wir uns dann nach einiger Zeit dem Dinieren zuwandten. Dafür nahmen wir einen bestimmten Aufzug in ein Stockwerk, das nur für einen ganz bestimmten Zweck ausgelegt war: Hot Pot essen. Und das schien eine sehr beliebte Beschäftigung unter den Besuchern des PPP zu sein, denn als sich die Aufzugtüren öffneten, erwartete uns bereits eine riesige Menschenansammlung, die darauf hoffte, bald einen heißbegehrten Platz ergattern zu können. Die Zeit, bis wir ebenfalls zum Zug kamen nutzte ich zuerst, um mich mit einem freundlichen Studentenpärchen bekanntzumachen, die beide bereits ein Jahr in den USA verbracht hatten. Ein bisschen beunruhigend wirkte zuerst auf mich, dass eine der ersten Fragen des Jungen lautete „Do you smoke weed?“. Es stellte sich jedoch heraus, dass er das nur wissen wollte, weil er mich zuerst für einen Holländer gehalten hatte und darüber hinaus in Amerika an der mexikanischen Grenze gelebt hatte, wo man angeblich problemlos an solche Schabutzkis rankommt.
Nachdem wir unsere E-Mail-Adressen ausgetauscht hatten, traten wir hinaus auf den Balkon des Restaurants,von dem aus man eine wunderbare Aussicht auf den im spanischen (oder eher kitschig spanisch/italienisch/südeuropäischen) Stil angelegten Teil des PPPs hatte. Da unten standen sogar lebensgroße Statuen von Stieren, Toreros und Flamengo-Tänzerinnen. Sehr originell. Außerdem entdeckte ich, dass Gusteau, der Sternekoch aus dem Pixar-Streifen Ratatouille hier ebenfalls eine Filiale eröffnet hatte. Vielleicht werde ich mir die bei Gelegenheit mal ansehen und nachschauen, ob dort auch Mäuse (oder gar meine Kakerlakenfamilie?) in der Küche herumwirtschaften.
Vorerst freute ich mich aber auf den Hot Pot, der uns als Belohnung für eine halbe Stunde Warten endlich aufgetischt wurde. Für jene, die noch nicht wissen, was man sich genau darunter vorstellen soll, erkläre ich das Ganze kurz. Grundsätzlich versteht man unter einem Hot Pot eine zweigeteilte Schüssel mit zweierlei Arten heiß blubbernder Suppe, die die ständig erhitzt wird. Eine Hälfte schmeckt angenehm würzig, die andere einfach nur schweißtreibend scharf, aber sehr lecker. In diesen Topf wirft man nun allerlei rohes Gemüse, Fleisch, Pilze oder sonstige Zutaten, die man zuvor ausgewählt hat und fischt diese wieder heraus, sobald sie gar sind. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund war wohl aus dem gestrigen Abendessen die Annahme hervorgegangen, ich esse nichts lieber als „You Yu“, also Tintenfisch. Deswegen hatte mir Jiao Jiao vorsorglich gleich sechs ganze Tintenfische bestellt, die mich nun aus ihren toten Kameraaugen anglotzten. Zuckersüß grinsend ließ ich sodann einen nach dem anderen wahllos in die Brühe fallen, in der Hoffnung, dass sie sich vielleicht auflösen würden. Falsch gedacht. Hilfsbereit, wie meine Freundinnen nun einmal sind, legten sie mir die Kopffüßer einfach in einem unaufmerksamen Moment auf den Teller. Das Gute an meinem Versuch, die Viecher loszuwerden, äh, zu kochen, bestand darin, dass sie danach auf ein Zehntel ihrer ursprünglichen Größe zusammengeschrumpft waren. Eigentlich sahen sie jetzt sogar ganz putzig aus, schmeckten allerdings trotzdem meiner Meinung wie scharf gewürzter Fahrradreifen. Letztlich schwammen dann aber Ende dieses schönen Tages tatsächlich alle sechs You Yus in meinem Magen und ich hoffe innig, dass sie sich dort nicht festgesaugt haben.
Um mir noch den letzten Kultur-Overkill zu geben, ging es am nächsten Tag munter weiter mit einer Besichtigung des daoistischen Tempel des Wuchang Districts. Dieses Mal aber machte ich mich mit meinen sehr geschätzten Wuhanner Mitfreiwilligen Flo, Simon und Philipp auf den Weg, wodurch wir fleißig Fotos schießend sicher ein gutes Touristen-Bild abgaben. An einen innerstädtischen Berg geschmiegt und vollkommen von modernen Hochhäusern eingerahmt, gab der Tempel wirklich ein beeindruckendes Bild ab. Über steinerne Treppenstufen stiegen wir von einem Haus zum nächsten, den Finger natürlich immer in der Nähe des Abzugs. Das Detailreichtum, das sich uns dort bot, ist in Worten kaum zu beschreiben. In den knalligsten Farben präsentierten sich uns aufwändige Holzverzierungen an Wänden und Giebeln, zahllose hünenhafte und recht unzufrieden dreinblickende Götterstatuen und fein gearbeitete Wandbehänge. In einer Halle fand gerade sogar eine Art Gottesdienst statt (ich bin mir nicht sicher, ob man das so nennen kann). In einer ewig langen Prozession schritten die umhangtragenden Frauen und Männer würdevoll durch den Raum. Dabei gab die vorderste Dame durch ein Mikro einen sich ständig wiederholden Singsang vor, den die anderen sich stetig vor und zurückwiegend nachsangen. Ganz im Takt übrigens mit dem Hämmern der Bauarbeiter, die direkt nebenan fleißig ein Gebäude einrissen. Ein wunderbares Sinnbild dafür, wie nahe sich in China Tradition und Fortschritt stehen. Ebenfalls lustig anzusehen waren die Säulen eines kleinen Unterstands, die mit schreiend knalligen Werbeplakaten für irgendein Softgetränk beklebt waren. Naja, aber warum sollte sich ein Mönch auch nicht von Zeit zu Zeit eine Cola genehmigen?
Trotz der faszinierenden Einblicke in die Glaubensgemeinschaft der Daoisten mussten wir unseren Besuch einige Zeit später beenden, da es im Klostergarten dieselben kriegerischen Insektenschwärme gab wie in meinem Zimmer. Praktischerweise hatte mir Chang Ge, die Englischlehrerin, zuvor ein kleines Fläschen traditioneller chinesischer Medizin geschenkt, die nicht nur perfekt gegen Kopfweh wirkt, sondern auch Stechfliegen auf Distanz hält. Ich frage mich wirklich, warum es das nicht in Deutschland gibt. Flo hatte weniger Glück und nachdem er irgendwann seinen dreißigsten Stich zählte, hielten wir es für besser, lieber aufzubrechen.
Auf dem Heimweg stellten Flo und ich fest, dass ich mir mein Taxi zu seiner Wohnung hätte sparen können. Als wir nämlich so auf der Straße entlang schlenderten, begannen die Häuser plötzlich, mir immer bekannter vorzukommen, bis ich irgendwann merkte, dass ich bald zu Hause war. Die Taxifahrt zu Flo, bei der ich hilflos mit einem Wisch mit Flos Adresse vor der Nase des Taxifahrers herum gewedelt hatte, hätte ich mir also getrost sparen können. Das war für mich gleichzeitig eine kleine Lektion darüber, dass man sich hier lieber mehr als eine Meinung einholen sollte, wenn man nach dem Weg fragen will. Linc hatte mir erzählt, dass er nicht genau weiß, wo Flos Schule liegt, aber sie sich wohl mindestens zwei Stunden von meiner eigenen entfernt befände. Dass Chinesen lieber eine falsche Antwort geben als gar keine, um nicht durch Unwissenheit ihr Gesicht zu verlieren, ist ein Klischee, das mir hier zumindest teilweise bestätigt wurde. Denn letztendlich brauchte ich insgesamt zwanzig Minuten, um (zu Fuß!) zu dem Supermarkt in der Nähe unseres Campus zu gelangen. Zu dem machte ich bei der Gelegenheit gleich noch einen kurzen Abstecher, denn bei so viel Kontakt mit Deutschen verspürte ich auf einmal große Lust darauf, mir Cornflakes mit Milch zum Frühstück zu kaufen.
Seit Kurzem sitze ich nun wieder auf dem Bett in meinem Zimmer und habe bereits bestürzt festgestellt, dass mein Kakerlakenpärchen leider keine Anstellung bei Gusteau’s gefunden hat. Stattdessen waren sie mal wieder bei mir auf einen kleinen Spontanbesuch vorbeigekommen, dem ich aber ebenso spontan ein Ende gesetzt habe. Endlich Ruhe, hab ich mir gedacht. Ach ja? Falsch gedacht. Denn ein paar Minuten später krabbelte mir ein hübscher, schwarzglänzender Kumpel von Familie Schabe den Arm hinauf. Darauf erst mal eine ordentliche Schüssel Müsli mit Milch. Wieder Fehlanzeige. Aus der vermeintlichen Milchpackung floss nämlich eine zuckersüße, helle Pampe, die hoffentlich Jogurt darstellen soll. Höchste Zeit, dass ich mit dem Chinesischkurs anfange! Mal sehen, was die nächste Woche für mich bereithält…

















Kaaaiiii 🙂 nach 3 Wochen schaff ich’s endlich mal wieder auf deinen Blog… Soo cool, herrlicher Schreibstil, ich saß im gemeinschaftstraum hab gelacht.. Mensch, was bin ich blöd angeglotzt worden. Mach weiter so.. Besser als Comedy 😉
Auch mein Chinesisch wird besser, hab doch tatsächlich gestern meinen ersten richtigen chinesischen Satz formuliert…ganz alleine!!!:D und Kaffee kann ich auch schon bestellen – das überleben ist gesichert!
Ganz liebe Grüße aus Singapur..mach’s gut
Hey Anni, freut mich zu hören, dass dir mein Blog gefällt! Wie du ja schon wortreich lesen konntest, hab ich auch so meine Schwierigkeiten, mich hier in der Landessprache zu verständigen. Aber wir kriegen das schon hin 🙂 Immerhin müssen wir nicht verhungern! Ich wünsch dir weiterhin gleichbleibend große Lernerfolge – vielleicht können wir uns ja irgendwann auf Chinesisch unterhalten!
Hey Großer, deine Berichte sind einfach Klasse, macht sehr viel Spaß, sie zu lesen!
🙂 LGG
Totoro <3