Sarajevoban / in Sarajevo

Kennt ihr das? Solche Dinge, die man vor sich herschiebt, weil sie zu gewaltig erscheinen, als dass man sie nebenbei erledigen könnte, für die man sich extra Zeit und Ruhe nehmen möchte? Man schiebt so lange, bis es irgendwann doch mal nichts anderes zu tun gibt, also Zeit und Ruhe da sind? So habe ich das bisher mit dem Sarajevo-Reisebericht gehandhabt. Na, und jetzt muss es endlich erledigt werden!

Wie und wo soll ich anfangen? Die Anreise? Schon eine Geschichte für sich!

Samstag – 29.10.2011, Abfahrt 13:00 Uhr – Wir fanden uns bereits kurz nach zwölf am Bahnhof ein, zur Sicherheit. Aber der Fahrkartenkauf stellte sich als einfacher heraus als gedacht. Die Verkäuferin sprach Englisch und nahm jedem von uns nur 10.825Ft ab, nicht mal 40€. Für Hin- und Rückfahrt, quasi ein Schnäppchen. Über 8 Stunden Zugfahrt, für nicht mal 20€! Und was wir da noch nicht wussten: Auf der Hinfahrt waren sogar noch gut anderthalb Stunden Aufenthalt in Slavonski Brod (noch nie gehört? Das ist ein Dorf oder eine Kleinstadt in Kroatien, kurz vor der bosnischen Grenze.) inklusive. Aber nicht, dass das hier zu sarkastisch rüberkommt – die Fahrt war ziemlich in Ordnung, abenteurlich irgendwie auch.

Wenn ich so recht überlege, war ich ziemlich ahnungslos vor Antritt der Reise. Irgendwie bin ich davon ausgegangen, es gäbe einen Direktzug. Also EINEN Zug, der von Budapest (über Pécs), durch Kroatien, bis nach Sarajevo durchfährt. Weit gefehlt! Zwar stand auf dem Zug, in den wir in Pécs einstiegen, tatsächlich „Budapest-Sarajevo“, allerdings hieß es bereits nach gut einer Stunde Fahrt: Umsteigen! Wir hatten gerade die kroatische Grenze überquert und Passkontrollen durchlaufen, da mussten wir in Beli Manastir aussteigen. Der weiterfahrende Zug stand aber schon bereit, also kein Grund zur Sorge. Im ersten Zug hatten wir sehr wenig Platz gehabt (es hatte sich de facto nur um einen Waggon plus Lok, oder andersherum, gehandelt), nun war die Situation besser! Nach wenigen Stunden Fahrt, lass es zwei gewesen sein, hieß es schon wieder: Umsteigen! Slavonski Brod. Immer noch Kroatien. Schienenersatzverkehr. Der ließ auf sich warten. Es ging verschiedenes Gemunkel unter den Reisenden herum. Mehrfach erwähnt „mini busses“, die Antworten auf „wie lange noch?“, unterschiedlich. Da standen wir. Irgendwo in Kroatien, kurz vor der bosnischen Grenze. Keinen Kuna in der Tasche, also nicht einmal Geld für einen Kaffee… Wäre ich allein gereist, hätte ich es vielleicht weniger locker genommen. Aber zusammen mit den anderen 8 Freiwilligen ließ es sich leichter warten. Außerdem schlossen wir Bekanntschaft mit anderen Mitreisenden, einigen liefen wir in Sarajevo auch immer wieder über den Weg. Nach gut anderthalbstündigem Warten kam dann endlich unser Verkehrsmittel für die Weiterfahrt Richtung Süden – der „BosnaExpress“. Im Reisebus (mini bus?) ging es über die Grenze nach Bosnien-Herzegowina und bis nach Doboj. Es war schon dunkel, deswegen fielen die beleuchteten Gebäude natürlich stärker auf, als mögliche, auch vorhandene, unbeleuchtete Gebäude. Ich fand, dass es in Bosnien ziemlich viele Tankstellen gibt. In Doboj stiegen wir um, der Zug stand auch hier schon bereit, wir hatten noch mehr Platz als im zweiten Zug und verdösten die letzten drei Stunden Reise bis nach Sarajevo.

Noch am Samstag, aber kurz vor Mitternacht kamen wir in Sarajevo an. Thesi holte uns vom Bahnhof ab und angekommen in ihrer Wohnung wurde das Bettenlanger aufgebaut und zeitgleich Spagetthi mit Tomatensoße gekocht. Es gab viele helfende Hände. Wir erfuhren, dass es in Bosnien (oder jedenfalls Sarajevo), nach den Erfahrungen der beiden lokalen Freiwilligen, nicht üblich sei sehr spät abends/nachts wegzugehen und das Clubs und Bars spätestens um 2 Uhr schließen würden. Deswegen, und auch weil wir sowieso müde waren, unternahmen wir nur noch einen Nachtspaziergang um den Block und gingen dann schlafen. Schließlich hatten wir für den SonnTAG viel vor. Ich bitte um Entschuldigung für folgende knappe Berichte/Zusammenfassungen. Nehmt es mir nicht übel! Ich wollte es nur mir (und auch euch) einfacher machen… Dafür wartet am Ende eine großartige Bildergalerie!

 Sonntag – 30.10.2011. – Ausschlafen. Spaziergang am Fluss entlang in die Innenstadt. Fotografieren. Essen (Pita: mit Käse/Kartoffel/Spinat gefüllte Blätterteigrollen). Kaffee und Torte. „Free Tour“ mitgemacht, 1,5 Stunden durch Gassen, an Moscheen vorbei, Informationen. Viel gelaufen, viel gesehen. Gemütlicher Abend. Magic Tea, kroatisches Bier. Esskastanien.

Montag – 31.10.2011 – Nach dem Frühstück wieder Aufbruch in die Innenstadt. Wir nahmen wieder an einer Touristen-Tour teil: Tunnel-Tour. Während der Belagerung/Besetzung Sarajevos durch die Serben, wurde unter dem Flughafen hindurch ein Tunnel gegraben, der die Stadt mit äußerem nicht von Serben besetztem Gebiet verband. Menschen konnten evakuiert werden, Lebensmittel etc. transportiert – deswegen Versorgungstunnel. Der ganze Tunnel (800m lang) ist nicht mehr begehbar, aber im Stadtteil Ilidža gibt es ein kleines „Tunnelmuseum“ und auch einen Teil des Tunnels zu besichtigen. Sehenswert, so hörten wir, sei auch die Bosna-Quelle. Leider hatte ich meine Kamera nicht dabei. Der Weg dorthin, nunja, eigentlich einfach mehrere Kilometer lang durch eine Allee herbstlich kahler Bäume, Bergsilhouetten, Pferdeäpfel. Aber schön. Als wir an kamen, war es leider schon ziemlich dämmrig. Und kalt. Wir aßen gute Pizza und fuhren dann mit der Tram zurück in die Innenstadt.

Dienstag – 01.11.2011 – Die 8 europäischen Freiwilligen machten sich auf den Rückweg nach Pécs. Ich plante noch zwei weitere Tage zu bleiben. Bei Thesi, in Sarajevo. Postkarten gekauft, beschrieben, abgeschickt. Zum Abendessen gingen wir in das wahrscheinliche einzige vegetarische Restaurant Sarajevos „Vegehana“. Schön war’s! Die hausgemachte Ingwer-Limonade mundete mir sehr. 🙂

Mittwoch – 02.11.2011 – An meinem letzten Tag in Sarajevo wollte ich mir noch etwas Kultur gönnen – das Nationalmuseum. Auf jeden Fall sehenswert! Mich faszinierten besonders die ethnologische und die naturhistorische Ausstellung. Erstere war in einem Gebäude untergebracht, welches innen wunderschön restauriert, gestaltet worden war. Holzschnizereien, Ornamente, wunderschön nachgestellte Wohnsituationen aus früheren Jahrhunderten. Die naturhistorische Ausstellung beeindruckte mich durch die hohe Anzahl an ausgestopften Tieren. Ich habe es ja sonst nicht so mit toten Tieren, oder ich habe was dagegen, wenn sie zu einem bestimmten Zweck, dem des Verzehrens, sterben müssen… Aber das ist etwas anderes. Alle möglichen Tiere sind dort ausgestellt (große und kleine), Unmengen von Insekten (Schmetterlinge, Käfer, Heuschrecken, …). Am Mittwoch habe ich dann, nachdem ich Montag und Dienstag so gut wie keine Fotos aufgenommen hatte (am Montag nur mit der analogen Kamera), nochmal ne ganze Menge Bilder geschossen. Es war herrlich klares Wetter! Abends war ich zusammen mit Thesi, Mattis (ebenfalls kulturweit-Freiwilliger in Sarajevo) war natürlich auch dabei, bei deren Sprachkurs. Wir waren anschließend noch was trinken, haben Esskastanien gemampft, die man an jeder Straßenecke erwerben konnte.

Donnerstag – 03.01.2011 – Rückreise nach Pécs. Früüüüüh morgens. Um Viertel nach 6 begaben wir uns vor die Tür. Beim Bäcker um die Ecke kaufte ich mir noch Reiseproviant. Nebeliger Herbstmorgen. Auf dem Weg zum Bahnhof begleitete uns ein schwarzes Hundchen. Hatte wohl das frischgebackene, duftende Teigteilchen in meiner Tasche errochen. Die Rückfahrt war der Hinfahrt ähnlich. Außer, dass ich schon wusste, was auf mich zukommen würde/könnte und, dass ich letztlich nur mit einer Dreiviertelstunde Verspätung Pécs erreichte.

Es waren ein paar wunderbare Tage in einer besonderen Stadt! Ich werde wiederkommen!

Schönes Wochenende, wünsche ich euch.

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