{"id":78,"date":"2026-11-02T10:40:24","date_gmt":"2026-11-02T09:40:24","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/?p=78"},"modified":"2026-11-02T10:40:24","modified_gmt":"2026-11-02T09:40:24","slug":"gazellen-zaehlen-in-der-gobi-meine-erste-patrouille","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/2026\/11\/02\/gazellen-zaehlen-in-der-gobi-meine-erste-patrouille\/","title":{"rendered":"Gazellen z\u00e4hlen in der Gobi: Meine erste Patrouille"},"content":{"rendered":"<p>Es war unser zweiter Sonntag in der Einsatzstelle. Den Samstag hatten wir als Ruhetag verbracht, und auch f\u00fcr diesen Tag hatten wir uns nichts vorgenommen. Nachdem alle ausgeschlafen hatten, entschieden wir uns f\u00fcr ein sp\u00e4tes Fr\u00fchst\u00fcck. Gegen halb zw\u00f6lf stand pl\u00f6tzlich Ariunbuyan, genannt Buyna, in unserem Zimmer und fragte, ob wir die Ranger auf ihrer Patrouille begleiten wollten. Was f\u00fcr eine Frage! Um zw\u00f6lf Uhr sollte es losgehen. Wir schlangen unser Fr\u00fchst\u00fcck hinunter, packten Snacks und Getr\u00e4nke ein und zogen uns warm an.<\/p>\n<p>Der Anlass der Patrouille war ernst: Derzeit trifft erstmals nach ca. 50 Jahren wieder eine Ziegenseuche die Region sehr hart. Diese Krankheit kann auf die hier lebenden Gazellen (englisch <em>Black-tailed Gazelle<\/em>) \u00fcbertragen werden. Sie stehen auf der roten Liste der gef\u00e4hrdeten Arten der Mongolei. Die Ranger wollten erfassen, wie viele Tiere im Umkreis von Bayantooroi leben, um einsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen, ob der Bestand bedroht ist.<\/p>\n<p>Wir wurden jeweils einem erfahrenen Motorradfahrer unter den Rangern zugeteilt. Dann setzten wir die Helme auf und es ging los.<br \/>\nZun\u00e4chst fuhren wir gemeinsam aus dem Ort. Nach einer kurzen Pause besprachen die Ranger die Aufteilung, dann trennten sich unsere Wege. Hermine und ich hielten als Erstes bei einer Nomadenfamilie, die Kamele und Ziegen besa\u00df und ein kleines Feld bewirtschaftete. Dort bekamen wir etwas zu essen und Proviant f\u00fcr die Weiterfahrt.<\/p>\n<p>Wenig sp\u00e4ter entdeckten die Ranger die ersten Gazellen. Ich war erstaunt, wie sicher sie die Tiere in der Weite der Landschaft\u00a0 ausmachten. Und das, obwohl sie gleichzeitig Motorrad fuhren und auf den unebenen Boden achten mussten. Ich selbst erkannte die Gazellen vor allem an dem wei\u00dfen Fleck am Hinterteil. Die Ranger z\u00e4hlten die Tiere, hielten fest, wie viele M\u00e4nnchen und Weibchen darunter waren, und notierten die Koordinaten. Ihre Beobachtungen trugen sie sowohl in Notizb\u00fccher als auch in eine App ein, in der sp\u00e4ter s\u00e4mtliche Daten zusammenlaufen.<\/p>\n<p>Nach mehreren Sichtungen trennten wir uns erneut und ich war fortan allein mit Ranger Tuvshinzuul unterwegs. Anfangs folgten wir noch den Reifenspuren anderer Motorr\u00e4der, bald aber ging es querfeldein. Der Boden war steinig und Tuvshinzuul musste st\u00e4ndig auf auf die gro\u00dfen Steinbrocken achten und ihnen ausweichen. Trotzdem fand er immer neue Gazellen. Bei einer Herde von 14 Tieren staunte sogar er, denn so viele auf einmal sieht man selten. Ich selbst war w\u00e4hrenddessen haupts\u00e4chlich damit besch\u00e4ftigt, mich gut festzuhalten und eine bequeme Sitzposition zu finden.<\/p>\n<p>Immer wieder kreuzten Kamele, Ziegen und K\u00fche unseren Weg, die frei in der Landschaft grasten. Sie geh\u00f6rten den Hirten der Umgebung. Ich verlor schnell die Orientierung, w\u00e4hrend Tuvshinzuul stets wusste, wo der Weg lang ging. Zwischendurch fragte er mich, ob ich hungrig oder m\u00fcde sei. Ich verneinte jedes Mal, bis daraus ein Running Gag wurde: \u201eSie sagt immer nur nein.\u201c Unsere Verst\u00e4ndigung bestand aus ein paar englischen W\u00f6rtern, meinen Versuchen, Mongolisch zu verstehen, und viel Zeichensprache.<\/p>\n<p>Irgendwann trafen wir bei einer Kamelherde auf Hermine, die mit Somyer unterwegs war. Dort sahen wir, wie einem Kamel ein Nasenring eingesetzt wurde. Seine Vorderbeine waren zusammengebunden, damit es nicht ausschlagen konnte. Trotzdem brauchte es drei M\u00e4nner, um das Tier zu halten. Der Ring bestand aus Tierknochen und war Y-f\u00f6rmig. Buyna erkl\u00e4rte uns, dass der Nasenring dem Reiter hilft, das Kamel besser zu f\u00fchren.<br \/>\nMir fiel es schwer dabei zuzusehen, denn das Tier litt sichtbar. Zwischendurch musste ich wegschauen. Einen derartigen Umgang mit Tieren kannte ich bisher nicht. Diese Beobachtung besch\u00e4ftigt mich noch sehr und die Schreie des Kamels werde ich nicht vergessen.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend stie\u00dfen wir wieder zu Grit, die mit Toogie unterwegs war. Gemeinsam erklommen wir einen hohen, bewachsenen Sandberg. Der Aufstieg fiel mir schwerer als gedacht, denn vom Motorradfahren hatte ich bereits kr\u00e4ftigen Muskelkater in den Oberschenkeln. Auf dem Plateau angekommen w\u00e4rmte die Sonne so stark, dass ich erst einmal eine Schicht auszog. Belohnt wurde ich mit einer Aussicht auf die unendliche Weite und den Mother Mountain.<\/p>\n<p>An die Heimfahrt war noch nicht zu denken. Die Patrouille f\u00fchrte mich weiter durch einen kleinen \u201eWald\u201d aus Tooroi-B\u00e4umen (\u00fcber sie schreibe ich noch einmal separat). Auch hier sichteten wir Gazellen und trugen sie in unsere Listen ein. Die Landschaft wechselte st\u00e4ndig: mal sandig, mal steinhart und v\u00f6llig ausgetrocknet, dann wieder etwas gr\u00fcner.<br \/>\nGegen halb sechs erreichten wir ein Ger, ein traditionelles Rundzelt, am Rand einer Kamelzuchtstation. Es gab Snacks, Wasser und eine Toilette. Nach Stunden unterwegs eine willkommene Pause. Knapp eine Stunde sp\u00e4ter machten wir uns auf den Heimweg und Tuvshinzuul gab noch einmal richtig Gas. Erst jetzt, auf der R\u00fcckfahrt merkte ich, wie unendlich viel Spa\u00df mir Motorrad fahren macht. Das Grinsen ging mir nicht mehr aus dem Gesicht.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in Bayantooroi wurde ich erst einmal entstaubt. Die R\u00fcckfahrt war bei dem Tempo doch ziemlich staubig. Au\u00dferdem bekam ich drei Gurken f\u00fcr uns in die Hand gedr\u00fcckt. Nach einer Dusche und einem Abendessen trafen wir uns am sp\u00e4ten Abend noch einmal, um die gesammelten Daten zusammenzutragen. Gegen elf Uhr fiel ich ins Bett, m\u00fcde von einem langen Tag, aber noch ganz erf\u00fcllt von dieser ersten Patrouille.<\/p>\n<p>Wann hatte ich mich das letzte Mal so frei gef\u00fchlt?<\/p>\n\n\t\t<style type=\"text\/css\">\n\t\t\t#gallery-1 {\n\t\t\t\tmargin: auto;\n\t\t\t}\n\t\t\t#gallery-1 .gallery-item {\n\t\t\t\tfloat: left;\n\t\t\t\tmargin-top: 10px;\n\t\t\t\ttext-align: center;\n\t\t\t\twidth: 50%;\n\t\t\t}\n\t\t\t#gallery-1 img {\n\t\t\t\tborder: 2px solid #cfcfcf;\n\t\t\t}\n\t\t\t#gallery-1 .gallery-caption {\n\t\t\t\tmargin-left: 0;\n\t\t\t}\n\t\t\t\/* see gallery_shortcode() in wp-includes\/media.php *\/\n\t\t<\/style>\n\t\t<div id='gallery-1' class='gallery galleryid-78 gallery-columns-2 gallery-size-medium'><dl class='gallery-item'>\n\t\t\t<dt class='gallery-icon portrait'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/2026\/11\/02\/gazellen-zaehlen-in-der-gobi-meine-erste-patrouille\/img_3531\/'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"400\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/files\/2026\/10\/IMG_3531-300x400.jpg\" class=\"attachment-medium size-medium\" alt=\"Feld einer Nomadenfamilie in der Steppe\" aria-describedby=\"gallery-1-82\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/files\/2026\/10\/IMG_3531-300x400.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/files\/2026\/10\/IMG_3531.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/dt>\n\t\t\t\t<dd class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-82'>\n\t\t\t\tMitten in der Steppe bewirtschaftet eine Familie ein Feld. Hier gibt es u.a. Gurken, Melonen und Physalis.\n\t\t\t\t<\/dd><\/dl><dl class='gallery-item'>\n\t\t\t<dt class='gallery-icon portrait'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/2026\/11\/02\/gazellen-zaehlen-in-der-gobi-meine-erste-patrouille\/img_3532\/'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"400\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/files\/2026\/10\/IMG_3532-300x400.jpg\" class=\"attachment-medium size-medium\" alt=\"Vier Kropfgazellen laufen durch die Steppe, im Hintergrund Berge\" aria-describedby=\"gallery-1-83\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/files\/2026\/10\/IMG_3532-300x400.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/files\/2026\/10\/IMG_3532.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/dt>\n\t\t\t\t<dd class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-83'>\n\t\t\t\tVier Gazellen auf der Flucht: F\u00fcr die Ranger z\u00e4hlt jedes einzelne Tier.\n\t\t\t\t<\/dd><\/dl><br style=\"clear: both\" \/><dl class='gallery-item'>\n\t\t\t<dt class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/2026\/11\/02\/gazellen-zaehlen-in-der-gobi-meine-erste-patrouille\/img_3536\/'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"225\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/files\/2026\/10\/IMG_3536-300x225.jpg\" class=\"attachment-medium size-medium\" alt=\"Eine Frau mit Winterjacke und Motorradhelm steht neben einem Hauskamel, im Hintergrund ein weiteres Kamel\" aria-describedby=\"gallery-1-84\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/files\/2026\/10\/IMG_3536-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/files\/2026\/10\/IMG_3536-768x576.jpg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/files\/2026\/10\/IMG_3536.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/dt>\n\t\t\t\t<dd class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-84'>\n\t\t\t\tWarm eingepackt und mit offenem Visier: Begegnung mit einem Kamele der Hirten.\n\t\t\t\t<\/dd><\/dl><dl class='gallery-item'>\n\t\t\t<dt class='gallery-icon portrait'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/2026\/11\/02\/gazellen-zaehlen-in-der-gobi-meine-erste-patrouille\/img_3539\/'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"400\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/files\/2026\/10\/IMG_3539-300x400.jpg\" class=\"attachment-medium size-medium\" alt=\"Blick vom Sandh\u00fcgel \u00fcber Tooroi-B\u00e4ume auf den Mother Mountain\" aria-describedby=\"gallery-1-85\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/files\/2026\/10\/IMG_3539-300x400.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/files\/2026\/10\/IMG_3539.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/dt>\n\t\t\t\t<dd class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-85'>\n\t\t\t\tDie Aussicht vom Sandh\u00fcgel \u00fcber die Tooroi-B\u00e4ume auf den Mother Mountain war jede Anstrengung wert.\n\t\t\t\t<\/dd><\/dl><br style=\"clear: both\" \/>\n\t\t<\/div>\n\n<p><!-- notionvc: a69e38d2-51fa-4d67-94e9-1de2674fa195 --><\/p>\n<p><!-- notionvc: c883fe6b-8553-43d7-a290-a2973e120717 --><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war unser zweiter Sonntag in der Einsatzstelle. Den Samstag hatten wir als Ruhetag verbracht, und auch f\u00fcr diesen Tag hatten wir uns nichts vorgenommen. Nachdem alle ausgeschlafen hatten, entschieden wir uns f\u00fcr ein sp\u00e4tes Fr\u00fchst\u00fcck. Gegen halb zw\u00f6lf stand&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3384,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12,53],"tags":[],"class_list":["post-78","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kulturweitblog","category-arbeit-im-reservat"],"amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3384"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=78"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":92,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/78\/revisions\/92"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=78"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=78"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=78"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}