{"id":64,"date":"2026-10-28T11:09:45","date_gmt":"2026-10-28T10:09:45","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/?p=64"},"modified":"2026-10-28T11:09:45","modified_gmt":"2026-10-28T10:09:45","slug":"endstation-altai-der-lange-weg-nach-bayantooroi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/2026\/10\/28\/endstation-altai-der-lange-weg-nach-bayantooroi\/","title":{"rendered":"Endstation Altai? Der lange Weg nach Bayantooroi"},"content":{"rendered":"<p>Nach einer letzten Sprachstunde in Pr\u00e4senz machten Grit, Hermine und ich uns fr\u00fchzeitig zusammen mit zwei weiteren Freiwilligen auf den Weg zum New Ulaanbaatar Dragon Terminal. Unser Gep\u00e4ck in das Taxi (ein Toyota Prius Alpha) zu bekommen war gar nicht so leicht. Grit und ich landeten zugepackt mit meiner dicken Winterjacke, meinem Wanderrucksack, drei Rucks\u00e4cken und einem Beutel auf der R\u00fcckbank.<br \/>\nTrotz des Berufsverkehrs waren wir \u00fcberraschend schnell am Busterminal. Wer jetzt ein Bild des Aachener Bushofs im Kopf hat und denkt: \u201eSchreck! Dort musstet ihr drei Stunden bis zur Abfahrt des Busses verbringen?!\u201d, der liegt weit daneben. Das neue Busterminal gleicht einer modernen Shopping-Mall: Supermarkt, Bekleidungsgesch\u00e4fte und Essensm\u00f6glichkeiten, verteilt auf mehreren Etagen. Wir entschieden uns f\u00fcr eine Limonade und ich testete vorsichtig meine Mongolischkenntnisse, indem ich nach dem Weg zur Toilette fragte. Mein erstes Erfolgserlebnis \ud83d\ude0a<\/p>\n<p>Eine halbe Stunde vor Abfahrt gingen wir zu den Bussen. Wir erkannten den Bus anhand des Nummernschildes, das auf den Tickets stand. W\u00e4hrend wir dieses zur Sicherheit nochmal abglichen, kam der Busfahrer bereits auf uns zu und best\u00e4tigte uns freundlich, dass wir richtig waren. Unsere Koffer verschwanden im Bauch des Busses, der sich mit jedem Fahrgast mehr in ein Tetris-Spiel verwandelte. Ich verbrachte die folgenden 30 Minuten damit, meine Reiseessentials griffbereit zu sortieren, den Rest \u00fcber mir zu verstauen und das gesch\u00e4ftige Treiben zu beobachten.<br \/>\nAls alle ihre Pl\u00e4tze eingenommen hatten, kontrollierte der Fahrer, ob alle Fahrg\u00e4ste auf der Passagierliste standen. Kurz nach 18 Uhr ging es wirklich los. Vor uns lagen 16 Stunden Busfahrt durch die Weite der Mongolei, bis wir in \u0415\u0441\u04e9\u043d\u0431\u0443\u043b\u0430\u0433 (Yeso&#8217;nbulag) von unserer Ansprechperson Ariunbuyan in Empfang genommen werden sollten.<\/p>\n<p>Die erste Stunde kamen wir im dichten Verkehr der Hauptstadt kaum voran. Ein, zwei Mal hielten wir an, um weitere Personen aufzusammeln und die erste Toilettenpause einzulegen. Dann ging es immer weiter in Richtung Westen, der untergehenden Sonne entgegen. Solange es hell war, hing mein Blick am Fenster und an der vorbeiziehenden Landschaft. Anschlie\u00dfend versuchte ich zu schlafen. Das war gar nicht so leicht. Um mich herum wurde laut telefoniert und geredet, und irgendwo schrie ein Baby. Dazu kam die ruckelige Stra\u00dfe und die Tatsache, dass ich keine M\u00f6glichkeit hatte, mich anzulehnen. Irgendwie gelang es mir, ein bisschen zu d\u00f6sen. Geweckt wurde ich von Grit, die sich neben mich setzte. Ihr Sitznachbar hatte sich unangenehm breit gemacht. Kurze Zeit sp\u00e4ter d\u00f6ste ich wieder ein.<br \/>\nDer n\u00e4chste Halt war eine Art Gastst\u00e4tte. Eigentlich wollten wir uns nur die Beine vertreten, aber es war so kalt, dass wir schlie\u00dflich hineingingen. Mir wehte der lauwarme Geruch von Fleisch entgegen. Unschl\u00fcssig, ob wir uns ebenfalls etwas zu essen holen sollten, warteten wir ab, was sich die anderen bestellten. Und das war gut so. Die Portionen erschienen uns riesig und es gab kein Gericht, das wir kannten. Der Online-\u00dcbersetzer half uns auch nicht weiter. Also orientierten wir uns an den Bildern der Speisekarte und den Gerichten auf den anderen Tellern. Letztendlich entschieden wir uns f\u00fcr einen Teller mit etwas, das an Sp\u00e4tzle erinnerte, mit Kohl und Ziegenfleisch. Allerdings teilten wir uns einen Teller zu dritt. Fazit: Alle essen hier sehr schnell und das Essen war besser als erwartet. Was wir nicht wussten: Die Toilette dort war f\u00fcr lange Zeit die letzte \u201ewestliche\u201d.<br \/>\nBei den n\u00e4chsten Pausen hie\u00df es: Raus aus dem Bus, ein paar Meter weg und mitten in die Landschaft setzen. Ganz sch\u00f6n ungewohnt, und nachts auch schnell kalt. Daf\u00fcr f\u00fchlte ich mich im Dunkeln weniger beobachtet. Nachts erhellt hier nur der Sternenhimmel die Landschaft. Und was f\u00fcr einer! So viele Sterne habe ich zuletzt in S\u00fcdwestfrankreich am Atlantik gesehen. Nur ist hier sogar die Milchstra\u00dfe deutlich zu erkennen! In jeder Pause konnte ich es kaum fassen. Dieser Anblick soll mich jetzt ein halbes Jahr begleiten? Einfach unbeschreiblich! Aber ich schweife ab. Zur\u00fcck zur Fahrt:<br \/>\nGegen 10 Uhr morgens hielt der Bus. Ein Blick auf die Karte verriet: Wir waren in Altai. Panik breitete sich in mir aus: Hatten wir das falsche Ticket gebucht? Mit ein paar Gesten und viel Mongolisch gab man uns zu verstehen, dass hier Endstation war, wir aber am richtigen Ort waren. Etwas unsicher stieg ich aus und holte gemeinsam mit Grit und Hermine unsere Koffer. Wir stellten uns an die Seite und riefen, leicht verwirrt, unsere Ansprechperson Ariunbuyan an. Tats\u00e4chlich waren wir am richtigen Ort und lernten ihn kurze Zeit sp\u00e4ter kennen. Ich war unendlich erleichtert. Andernfalls h\u00e4tte ich nicht gewusst, wie es von hier aus weitergehen sollte.<\/p>\n<p>Zusammen mit Ariunbuyan gingen wir etwas essen (es gab Brokkolisuppe, yummy!), er holte sich noch einen Kaffee und gegen 15 Uhr machten wir uns endlich wieder auf den Weg in Richtung Bayantooroi. Hatte ich die Stra\u00dfe vorher als ruckelig beschrieben? Nun, ab jetzt sah die Stra\u00dfe eher nach einer Off-Road-Piste aus. Es schaukelte ordentlich und f\u00fchlte sich bereits kurz nach dem Start sehr unbequem an. Sollte das die n\u00e4chsten sieben Stunden so gehen?? An Schlaf war f\u00fcr mich auch hier \u00fcberhaupt nicht zu denken. V\u00f6llig \u00fcberm\u00fcdet d\u00f6ste ich ein, schreckte allerdings beim n\u00e4chsten Schlagloch wieder hoch. Zwischendurch unterhielten wir uns immer wieder mit Ariunbuyan. Er zeigte uns die ersten Tiere: Ein paar M\u00e4use und einen Vogel, der aussah wie ein Aasgeier. Gegen 19:30 Uhr tauchte zum ersten Mal Eej Khairkhan (Mother Mountain) vor uns auf. Seinen Namen verdankt der Berg seiner Form, die an eine schlafende Frau erinnert. Dass dieser heilige Berg ab jetzt unser Orientierungspunkt werden w\u00fcrde, ahnten wir da noch nicht.<\/p>\n<p>Nach gut 28 Stunden kamen wir endlich in Bayantooroi an. Inzwischen war es dunkel. Au\u00dfer ein paar Umrissen, dem Sternenhimmel und dem beleuchteten Innenhof konnte ich nichts erkennen. Doch das st\u00f6rte mich nicht. Zur Begr\u00fc\u00dfung gab es ein leckeres Abendessen, das wir zusammen mit Ariunbuyan und dem Direktor des Biosph\u00e4renreservats a\u00dfen. Danach zeigte man uns unsere Unterkunft. Sie liegt auf dem Gel\u00e4nde, keine 10 Meter vom Office entfernt: Ein Flur mit Waschtisch, eine kleine K\u00fcche und zwei Zimmer. Die Holzt\u00fcr zum ersten Zimmer ist knallorangen, mit Mustern verziert und so verzogen, dass sie nicht richtig schlie\u00dft. Wir waren uns sofort einig, dass wir zusammen im hinteren Zimmer schlafen wollten.<br \/>\nDoch erst einmal ging die Tour weiter. Drau\u00dfen im Innenhof befindet sich das Toilettenhaus: Auf der einen Seite eine gepolsterte Toilettenbrille \u00fcber einem Loch, auf der anderen einfach nur ein Loch im Holzboden. Weiter ging es in die K\u00fcche. Dort erfuhren wir, dass Trink- und Kochwasser aus einem Brunnen im Dorf geholt wird. Wir m\u00fcssen nur Bescheid geben. Das Wasser aus dem Hofbrunnen ist nur zum Waschen, Duschen und Gie\u00dfen gedacht. Einfach den Hahn aufdrehen? Das gibt es hier nicht.<br \/>\nApropos Dusche: Ariunbuyan zeigte ganz selbstverst\u00e4ndlich auf das Waschbecken im Flur. Darin sollten wir uns die Haare waschen? Unter dem Spiegel, der f\u00fcr uns auf Bauchh\u00f6he ist, h\u00e4ngt ein Gef\u00e4\u00df mit vielleicht 500 ml Wasser. Das Becken hat keinen St\u00f6psel und das Wasser l\u00e4uft direkt in den Eimer darunter, der regelm\u00e4\u00dfig geleert werden m\u00f6chte. Unsere Blicke m\u00fcssen B\u00e4nde gesprochen haben. Als N\u00e4chstes zeigte man uns \u201edas gr\u00fcne Geb\u00e4ude\u201d auf dem Hof: zwei Abflussl\u00f6cher im Boden, ein blaues Wasserfass und ein Duschschlauch, der nicht funktioniert.<br \/>\nKein flie\u00dfendes Wasser, kein Licht, aber immerhin eine T\u00fcr zum Zuziehen. Damit endete die Tour f\u00fcrs Erste. Wir bezogen unsere Betten und packten das N\u00f6tigste aus, jede f\u00fcr sich in ihrem Bereich. Wir waren so m\u00fcde, dass die Vorfreude aufs Schlafen riesig war. Trotzdem lag ich noch eine Weile wach, drehte mich auf der harten Matratze von einer Seite auf die andere, bis die M\u00fcdigkeit endlich siegte.<\/p>\n<p>Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus.<\/p>\n<p><!-- notionvc: 55e241b3-fac4-4f61-98b6-c351467e8744 --><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach einer letzten Sprachstunde in Pr\u00e4senz machten Grit, Hermine und ich uns fr\u00fchzeitig zusammen mit zwei weiteren Freiwilligen auf den Weg zum New Ulaanbaatar Dragon Terminal. 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