{"id":60,"date":"2026-10-14T07:06:27","date_gmt":"2026-10-14T05:06:27","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/?p=60"},"modified":"2026-10-19T14:33:50","modified_gmt":"2026-10-19T12:33:50","slug":"eine-woche-in-ub-zwischen-grossstadttrubel-und-kleinen-atempausen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/wanderingnotes\/2026\/10\/14\/eine-woche-in-ub-zwischen-grossstadttrubel-und-kleinen-atempausen\/","title":{"rendered":"Eine Woche in UB: Zwischen Gro\u00dfstadttrubel und kleinen Atempausen"},"content":{"rendered":"<p>UB (wie die Einheimischen Ulaanbaatar nennen) kannte ich vor meiner Ausreise kaum. Nach ein paar Stunden Recherche ahnte ich, dass die Stadt moderner sein w\u00fcrde als das g\u00e4ngige Bild der Mongolei. Trotzdem \u00fcberraschten mich vor allem die weitl\u00e4ufigen Pl\u00e4tze, wie etwa der Sukhbaatar Platz vor dem Parlament und der Social Pay Park.<\/p>\n<p>Die Stadt ist voller Geschichte. Es gibt Gedenkst\u00e4tten wie die f\u00fcr die Opfer politischer Repression, das Neue Nationalmuseum und pr\u00e4chtige sozialistische Bauten. Zwischen all dem wirken viele Wohnh\u00e4user sehr einfach. Mich lie\u00df der Gedanke nicht los, wie kalt es dort im Winter werden muss. Bei manchen H\u00e4usern dachte ich, dass sie leer stehen und bald abgerissen werden. Dann sah ich Menschen mit Einkaufst\u00fcten hineingehen und Bewegungen hinter den Gardinen.<br \/>\nDie Situation hat mir verdeutlicht, wie viele Vorurteile ich habe und unter welch privilegierten Umst\u00e4nden ich sozialisiert worden bin. Da kommt die Frage auf, ob es wirklich privilegiert ist oder ob das bereits ein weiteres Vorurteil ist. Denn in Wahrheit habe ich keine Ahnung, wie es den Menschen hier geht und welche Werte ihnen wichtig sind.<\/p>\n<p>Am Wochenende ging es in den FatCat Jazz-Club. Jazz war bisher nicht wirklich meine Musikrichtung gewesen, weshalb ich vorher skeptisch war. Wir kamen erst zehn Minuten vor Ende der Vorstellung an und durften kostenlos hinein. Die Musik war sehr melodisch und beschwingend. Sie klang ganz anders als der Jazz, den ich bisher kannte, und regte zum Schunkeln an.<\/p>\n<p>An allen Tagen pr\u00e4gte der Verkehr meinen Eindruck von UB. Er schien endlos und im Vergleich zu Deutschland chaotisch. In der Rushhour regeln Polizisten mitten auf den Kreuzungen den Verkehr, w\u00e4hrend \u00fcberall gehupt und gedr\u00e4ngelt wird. Anfangs \u00fcberforderte mich das. Mit der Zeit faszinierte mich das Zusammenspiel der Fahrzeuge. Es wirkte un\u00fcbersichtlich und funktionierte trotzdem. Einen Unfall habe ich nicht miterlebt, doch eine Frage l\u00e4sst mich nicht los: Wie geht das alles ohne Zusammensto\u00df aus? Vielleicht ist das auch alles eine Frage der Perspektive. Schlie\u00dflich bin ich bisher nicht gro\u00df mit anderen Fahrweisen in Kontakt gekommen.<\/p>\n<p>Neben dem Gro\u00dfstadttrubel gab es viele weitere Eindr\u00fccke. Beim Besuch des Chojin-Lama-Tempels fielen mir die bunten Verzierungen und die Gesichter der G\u00f6tter auf. Faszinierend war auch der Kontrast. Direkt neben der Anlage ragen Hochh\u00e4user mit spiegelnden Glasfassaden auf. Mir fiel auf, wie selbstverst\u00e4ndlich beides nebeneinander existiert.<br \/>\nAm Mittwoch ging es f\u00fcr uns auf einen Ausflug zur Chinggis Khaan Statue. Obwohl sie nur rund 55 km \u00f6stlich der Stadt liegt, fuhren wir gute 2,5 Stunden dorthin. Die Stra\u00dfen waren zwar asphaltiert, glichen jedoch eher einer Huckelpiste als einer Stra\u00dfe. Trotzdem gelang es mir, ein wenig Schlaf nachzuholen. Als ich die Augen \u00f6ffnete, sah ich etwas Silbergl\u00e4nzendes mitten in der Landschaft stehen. Wir hatten unser Ziel erreicht. Die Chinggis Khaan Statue war \u00fcberw\u00e4ltigend. Ich musste den Kopf in den Nacken legen und die Augen zusammenkneifen, so sehr strahlte die Statue mit der Sonne um die Wette.<br \/>\nAnschlie\u00dfend ging es in den Gorkhi-Terelj-Nationalpark. Dort erklommen wir den bekannten Turtle Rock und genossen die Aussicht. Oben angekommen, den Blick in die Weite gerichtet, sp\u00fcrte ich, wie viel Gl\u00fcck ich mit meiner Einsatzstelle habe. Diese ganz andere Landschaft erkunden zu d\u00fcrfen bedeutet mir sehr viel.<\/p>\n<p>Ein besonderer Moment f\u00fcr mich war ein Nachmittag im Social Pay Park. Mit den anderen Freiwilligen sa\u00df ich auf ein paar Stufen in der Sonne. Einige malten, andere lasen oder h\u00f6rten Musik. Dazwischen unterhielten wir uns. Der Baul\u00e4rm st\u00f6rte ein wenig, aber die Luft war besser als im Rest der Stadt. Die spontane Hostelsuche hatte mich gestresst und richtig ausruhen konnte ich nie. Ich wollte so viel wie m\u00f6glich von der Stadt sehen und schnell die Sprache lernen. Dabei verdr\u00e4ngte ich, dass ich eigentlich Ruhe brauchte. Ich dachte, die bek\u00e4me ich schon an der Einsatzstelle. Auf den Stufen konnte ich zum ersten Mal wirklich innehalten, durchatmen und alles auf mich wirken lassen.<\/p>\n<p>Neben den Ausfl\u00fcgen war uns Freiwilligen wichtig, die Sprache zu lernen. Demnach pr\u00e4gte der Sprachunterricht unsere Woche in UB. Nach der ersten Stunde hatte ich ein richtiges Hochgef\u00fchl. Ich dachte, ich k\u00f6nnte die Sprache in kurzer Zeit sehr gut lernen. Am n\u00e4chsten Tag folgte eine Doppelstunde und der H\u00f6henflug war vorbei. Es kamen so viele neue Vokabeln und das kyrillische Alphabet dazu. Das \u00fcberforderte und verunsicherte mich. Nach einem Ruhetag ging es zwar etwas besser, blieb aber eine gro\u00dfe Herausforderung.<br \/>\nIn der vorletzten Stunde wollten wir online Bustickets f\u00fcr einen Teil der Strecke zu unserer Einsatzstelle kaufen. Wir scheiterten an den uns unbekannten Bezahl-Apps. Unsere Sprachlehrerin bot an, uns das Geld vorzustrecken. Mit mongolischen Konten sei es am einfachsten. Zuerst dachte ich, ich h\u00f6re nicht richtig. Sie wollte die Tickets f\u00fcr uns alle bezahlen. F\u00fcr uns war das nicht viel Geld. F\u00fcr sie war es aus meiner Sicht ein halbes Verm\u00f6gen. Ich war sprachlos \u00fcber die erlebte Hilfsbereitschaft. Sie sollte sich weiter durch meinen Aufenthalt ziehen.<\/p>\n<p>Ein weiterer H\u00f6hepunkt war der vorgezogene Empfang zum Tag der Deutschen Einheit am 17. September in der Deutschen Botschaft. Ich f\u00fchlte mich geehrt, eingeladen worden zu sein. Gleichzeitig sp\u00fcrte ich ein gewisses Pflichtgef\u00fchl. Der Empfang selbst war festlich mit rotem Teppich und einem f\u00f6rmlichen H\u00e4ndedruck des Botschafters, vor dem ich doch etwas nerv\u00f6s war. In seiner Rede ging es um Miteinander und gegenseitige Unterst\u00fctzung. Die Verbindung zwischen beiden L\u00e4ndern klang sehr eng. Das \u00fcberraschte mich. Hatte ich in Deutschland noch nie etwas \u00fcber die Beziehungen zur Mongolei geh\u00f6rt. Das Highlight war f\u00fcr mich trotzdem das Essen. Kartoffelauflauf, Schnitzel und Brezel erinnerten mich an Zuhause. Nach dieser Woche tat es gut, wieder etwas Vertrautes zu schmecken.<br \/>\nAn dem Abend trafen wir die Band aus dem Jazz-Club wieder. Der Cellist ist Professor an der Universit\u00e4t M\u00fcnchen und lebt seit zw\u00f6lf Jahren in Ulaanbaatar. Wir kamen ins Gespr\u00e4ch und konnten so unseren letzten Abend in der Hauptstadt gemeinsam im Jazz-Club ausklingen lassen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag hatten wir noch eine letzte Sprachstunde. Danach ging es zum Busterminal. Die Vorfreude auf meine Einsatzstelle war riesig. Die Tage in der Hauptstadt waren sch\u00f6n, interessant und anstrengend zugleich. Nach einer Woche voller neuer Eindr\u00fccke sehnte ich mich nach Ruhe. Vor allem aber danach, endlich f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit an einem Ort zu bleiben. Ich hatte viele touristische Seiten der Stadt gesehen, aber noch nicht den Alltag der Menschen kennengelernt. Genau das erhoffte ich mir von meiner Einsatzstelle.<\/p>\n<p>Also rein in den Bus, T\u00fcren zu und los ging die Reise zu unserem Zuhause auf Zeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>UB (wie die Einheimischen Ulaanbaatar nennen) kannte ich vor meiner Ausreise kaum. Nach ein paar Stunden Recherche ahnte ich, dass die Stadt moderner sein w\u00fcrde als das g\u00e4ngige Bild der Mongolei. 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