{"id":74,"date":"2011-03-18T21:37:07","date_gmt":"2011-03-18T19:37:07","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/?p=74"},"modified":"2011-03-18T21:37:07","modified_gmt":"2011-03-18T19:37:07","slug":"lost-in-translation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/2011\/03\/18\/lost-in-translation\/","title":{"rendered":"Lost! (in translation)"},"content":{"rendered":"<p>H\u00e4tte mir vor wenigen Monaten jemand erz\u00e4hlt, meine erste eigene Wohnung w\u00fcrde ich in S\u00fcdafrika beziehen, h\u00e4tte ich ihm wahrscheinlich von weiteren Voraussagungen abgeraten. Inzwischen ist aber genau das eingetreten und w\u00e4hrend ich diese Zeilen schreibe, sitze ich auf dem Balkon meiner neuen Bleibe und schaue aufs Meer. Ein beruhigendes Gef\u00fchl war es eben, als ich die letzten Sachen endlich in den Kleiderschrank packen konnte.<\/p>\n<p>Dass es w\u00e4hrend der, am Ende auch nervenaufreibenden, Suche dann pl\u00f6tzlich doch ganz schnell und spontan klappte, ist in einer gewissen Weise auch bezeichnend f\u00fcr den Alltag im allgemeinen, den ich bisher erlebt habe.<\/p>\n<p>Nach einem weiteren Tag der erfolglosen Suche dr\u00fcckte mir eine Mitarbeiterin der Lodge eine Nummer in die Hand, dort k\u00f6nne ich es noch wegen einer Wohnung versuchen. Doch ich kam nicht einmal dazu, dort anzurufen denn kurze Zeit sp\u00e4ter stand die Besitzerin der Telefonnummer in meiner Hand schon neben mir in der Lodge und sprach mich an. So machten wir uns gleich auf den Weg, sie zeigte mir die Wohnung und nach einer Nacht Bedenkzeit sagte ich dann auch zu. Auch da ich bevor ich den Vertrag unterschreibe noch ein Wochenende zum \u201eTestwohnen\u201c h\u00e4tte, bis meine zuk\u00fcnftige Vermieterin wieder in der Stadt sei. Mittlerweile ist eine Woche ohne Unterschrift und Vertrag vergangen aber daf\u00fcr hatte ich auch gen\u00fcgend Zeit, die M\u00e4ngel ausfindig zu machen, die bisher aber auch alle zu verkraften sind. Das h\u00e4tte ich jetzt nicht schreiben sollen, denn in diesem Moment gibt das Licht in der K\u00fcche hinter mir den Geist auf\u2026 Ansonsten ist es nat\u00fcrlich ein merkw\u00fcrdiges Gef\u00fchl, eine Wohnung so zu \u00fcbernehmen, wie sie hinterlassen wurde. Der VfB-Schal an der Wand muss da aber f\u00fcrs erste helfen.<\/p>\n<p>Apropos Fu\u00dfball: Die Bundesliga wird hier im Bezahlfernsehen \u00fcbertragen. So pilgere ich,\u00a0 wenn sich die Gelegenheit bietet, in die Restaurants und Bars im Umkreis, in welchen ununterbrochen Sport gezeigt wird, wenn auch nicht immer der richtige. So machte ich mich gleich bei den Einheimischen beliebt, als ich w\u00e4hrend der \u00dcbertragung eines Spiels der Cricket-WM (welche momentan in SA stattfindet) einen schwarzen Kellner freundlich fragte, ob er nicht auf Fu\u00dfball umschalten k\u00f6nne. Dieser schien nur auf diesen Moment gewartet zu haben und wir vergn\u00fcgten uns zu zweit mit dem VfB-Spiel, w\u00e4hrend die Cricket Fans murrend eine Bar weiter zogen. Der Sport spielt im allgemeinen eine gro\u00dfe Rolle in S\u00fcdafrika. Nicht nur durch die Dauerpr\u00e4senz im Fernsehen, sondern auch durch Cricket, Rugby und Fu\u00dfball als einen st\u00e4ndig verfolgende Gespr\u00e4chsthemen.<\/p>\n<p>Als ich neulich einem Jungen meiner Schule erz\u00e4hlte, dass in Deutschland kaum einer Cricket oder Rugby spiele, schaute der mich verwirrt an und meinte nur trocken \u201eseems to be a weird place where you come from\u201c.<\/p>\n<p>Am letzten Wochenende ging es dann raus aus PE, um das erste mal etwas au\u00dferhalb der Stadt zu sehen. So machten wir uns auf in Richtung Jeffreys Bay, einem der angesagtesten Surfspots der Welt, um welchen sich in den letzten 30 Jahren ein kleines St\u00e4dtchen gebildet hat. Anschlie\u00dfend ging es in einen kleinen Nationalpark, den Lions Park, in dem ich zum ersten Mal das sah, was der Europ\u00e4er als erstes mit Afrika verbindet.<\/p>\n<p>Mein erstes kleines Abenteuer erlebte ich dann aber doch an einem ganz anderen Ort: Im Stra\u00dfenverkehr von Port Elizabeth. Als ich am gestrigen Nachmittag etwas fr\u00fcher in der Schule fertig war als die Deutschlehrerin, die mich normalerweise immer in ihrem alten VW-K\u00e4fer mit zur Schule nimmt, dachte ich mir, diesmal doch einfach eines der Minitaxen zu nehmen, welche das wichtigste Fortbewegungsmittel der schwarzen Bev\u00f6lkerung in S\u00fcdafrika darstellen. Dabei ist der Name aber etwas irref\u00fchrend. Die sogenannten Minitaxis sind alte Toyota-Minibusse, die zwar feste Routen fahren, auf welchen man jedoch aus- und zusteigen kann wann man m\u00f6chte. Man sieht diese wei\u00dfen Busse in etwa so h\u00e4ufig wie gelbe Taxis in New York und dazu genie\u00dfen sie eine Art Narrenfreiheit, hei\u00dft Verkehrsregeln sind eher zweitrangig. F\u00fcr eine Fahrt bezahlt man dabei immer 7Rand (etwa 70cent), ganz egal wo man zu- oder wieder aussteigt. Wei\u00dfe benutzen diese Busse in der Regel nicht, raten teilweise auch von deren Nutzung ab.<\/p>\n<p>Ich f\u00fcr meinen Teil wollte an besagtem Nachmittag jedoch auf eigene Faust nach Hause kommen und da ich mir vorgenommen habe, den Alltag hier von m\u00f6glichst vielen Seiten kennenzulernen, wollte ich hier einen Anfang machen. So machte ich mich auf zum zentralen Minibusbahnhof, der etwa 10 Minuten entfernt von der Schule im Zentrum zu finden ist. Als ich mich schlie\u00dflich mitten im bunten und, aus der Sicht eines Au\u00dfenstehenden, chaotischen Treiben dieses kleinen Platzes wiederfand, \u00fcberkam mich ein absolut neues Gef\u00fchl. Das erste Mal in meinem Leben fiel ich durch meine Hautfarbe auf, da weit und breit kein Wei\u00dfer mehr zu finden war. Kein unbedingt bedr\u00fcckendes Gef\u00fchl, aber dann doch sehr fremd f\u00fcr jemanden, der bisher in keinem Moment seines Lebens aufgrund seiner Hautfarbe ein Au\u00dfenseiter war.<\/p>\n<p>Entschlossen fragte ich einen Mann in Warnweste, in welchen Bus ich denn steigen m\u00fcsse um in meinen Ort zu kommen. Dieser erkl\u00e4rte mir in gebrochenem Englisch, dass keiner direkt dorthin fahre und ich zwischendurch umsteigen m\u00fcsse. Schlie\u00dflich zeigte er mir einen der un\u00fcberschaubar vielen Busse und ich setzte mich auf den letzten freien Platz in dem mit \u00fcber 20 Leuten (aus deutscher Sicht) v\u00f6llig \u00fcberf\u00fcllten Wagen, bei einer gef\u00fchlten Temperatur von 50 Grad. An der \u201eFirestation\u201c m\u00fcsse ich umsteigen, so hatte ich es zumindest verstanden. Nach 10 Minuten wagte ich es dann den Beifahrer anzusprechen, der eifrig mit dem Z\u00e4hlen des Geldes der vielen Mitfahrer besch\u00e4ftigt war. Dieser ignorierte mich jedoch gekonnt und ich wollte ihn nat\u00fcrlich nicht davon ablenken, jedem der Leute im Nachhinein das passende R\u00fcckgeld auszuh\u00e4ndigen. Als ich dann aber feststellte, dass keiner meiner Sitznachbarn Englisch verstand und sich der Bus immer weiter der gef\u00fchlt richtigen Richtung entfernte, beschloss ich, es noch mal zu versuchen. Statt mit Schweigen wurde ich nun jedoch mit Beschimpfungen bestraft, da der Beifahrer immer noch damit besch\u00e4ftigt war, die Scheine und M\u00fcnzen in seinen H\u00e4nden zu ordnen.<\/p>\n<p>So sa\u00df ich da also.<\/p>\n<p>In einem vollgestopften Minibus mit Menschen die meine Sprache nicht sprechen und ohne jegliche Ahnung wo ich bin oder hinfahre. Wie sollte ich beschreiben wo ich bin wenn ich aussteige und jemanden anrufe? So fuhr ich weiter und weiter in der Hoffnung irgendwann einen Ort wiederzuerkennen und machte mir Gedanken \u00fcber mein neues Leben irgendwo in Afrika w\u00e4hrend nach und nach alle Fahrg\u00e4ste ausstiegen. Nun startete ich den letzten Versuch und sprach ein weiteres Mal den Beifahrer an, der mittlerweile kein Geld mehr zu z\u00e4hlen hatte, da auch niemand mehr au\u00dfer mir hinten im Bus sa\u00df. Als er diesmal kein Wort von dem verstand, was ich von mir gab, versuchte ich meinen Wohnort mit allen m\u00f6glichen Betonungen auszusprechen, wobei mir bei \u201eHumewood\u201c bald keine Varianten mehr einfielen. Beim etwa 8 Versuch grinste er schlie\u00dflich und meinte, (so glaube ich) er gebe Bescheid, wann ich aussteigen solle. Beruhigend dabei war, dass der Bus mittlerweile den gleichen Weg zur\u00fcckfuhr. So hielt er schlie\u00dflich an einer Ampel an, machte die T\u00fcr auf und zeigte nach drau\u00dfen. Ich sprang raus, konnte seit \u00fcber einer Stunde mal wieder durchatmen und, siehe da, ich erkannte die Stra\u00dfe wieder, die direkt auf den Hafen zuf\u00fchrt. Ich war also \u00fcber eine Stunde durch die Gegend gefahren, 15 Minuten von der Schule entfernt wieder auszusteigen. Ich beschloss, den Weg nun zu Fu\u00df zu gehen, immer am Meer entlang, da k\u00f6nne nichts schief gehen. So war es dann auch und ich kam erleichtert und einige Liter Schwei\u00df \u00e4rmer dort an, wo ich vor mittlerweile 2 Stunden schon hinwollte.<\/p>\n<p>Wer mich f\u00fcr bescheuert h\u00e4lt, wenn ich erz\u00e4hle, dass ich heute um zum n\u00e4chsten Supermarkt zu kommen wieder in einen solchen Bus stieg, darf dies gerne tun. Ich konnte diese Erfahrung so nicht stehen lassen. Ich musste mir beweisen, dass ich einfach nur Pech hatte. Und siehe da: Es funktionierte problemlos. Und es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.<\/p>\n<p>Bis demn\u00e4chst!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>H\u00e4tte mir vor wenigen Monaten jemand erz\u00e4hlt, meine erste eigene Wohnung w\u00fcrde ich in S\u00fcdafrika beziehen, h\u00e4tte ich ihm wahrscheinlich von weiteren Voraussagungen abgeraten. Inzwischen ist aber genau das eingetreten und w\u00e4hrend ich diese Zeilen schreibe, sitze ich auf dem Balkon meiner neuen Bleibe und schaue aufs Meer. 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