{"id":243,"date":"2011-11-07T20:53:07","date_gmt":"2011-11-07T18:53:07","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/?p=243"},"modified":"2011-11-08T10:11:15","modified_gmt":"2011-11-08T08:11:15","slug":"vom-hunger-hahnchen-und-der-hoffnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/2011\/11\/07\/vom-hunger-hahnchen-und-der-hoffnung\/","title":{"rendered":"Vom Hunger, H\u00e4hnchen und der Hoffnung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Part 2 des Shosholoza-Zweiteilers<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abenteuerlich w\u00fcrden sie werden, die n\u00e4chsten Tage. Soviel wusste ich, als ich voller Vorfreude in den Tag startete, an dem ich Johannesburg schon wieder den R\u00fccken kehrte. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste war, was es mit dem Wort Abenteuer eigentlich auf sich hat. Aber manchmal lernt man Dinge fr\u00fcher, als man glaubt.<\/p>\n<p>Etwas Essbares f\u00fcr die 27 Stunden Fahrt wollte ich noch besorgen, bevor der Taxifahrer kommen und mich zum Bahnhof bringen sollte. Der Geldautomat im Backpackers hatte was dagegen und zwang mich, seinen Kollegen in Chinatown aufzusuchen. Eigentlich keine schlechte Idee, sich noch ein bisschen zu bewegen, bevor ich meinen Hintern im Zug platt sitzen werde, dachte ich, und joggte in den n\u00e4chstgelegenen Stadtteil. Es rennt sich leichter ohne Kreditkarte im Schuh und Regen macht auch nur manchmal Spa\u00df, aber Zeit sich aufzuregen war nicht und meine Vorfreude auf die anstehende Weiterreise h\u00e4tte das auch gar nicht erst gestattet. Dennoch unternahm dieser Morgen kurz darauf den n\u00e4chsten Versuch, meine Laune zu kippen. \u201eNo funds available\u201c, sagte der Geldautomat und k\u00f6nnten solche Maschinen fies grinsen, h\u00e4tte dieser es wohl getan. Aber was war dran, an dem was er mir mitteilte? Viel Geld hatte ich nicht mehr, als ich zwei Tage zuvor aufgebrochen war, aber sp\u00e4testens heute m\u00fcsste ich doch Gehalt auf meinem Konto haben, dachte ich mir und beschloss, dass es nicht an mir liegen k\u00f6nne. \u201eAch ja, das zeigt der manchmal an. Da muss man einfach kurz warten\u201c, antwortete der, rein gar nicht chinesisch aussehende, Kerl an der Kasse nebenan auf meine Frage. Ob er damit meinte, dass man so lange warten m\u00fcsse, bis man wieder Geld auf seinem Konto habe oder bis der Automat sich zusammengerissen hat, lie\u00df er allerdings offen. Ich war trotzdem etwas erleichtert, auch wenn das W\u00f6rtchen \u201ewarten\u201c mir gerade gar nicht passte, m\u00fcsste doch der Taxifahrer in 10 Minuten vor dem Backpackers stehen, zu dem ich auch erst noch zur\u00fcck joggen musste. Ich z\u00f6gerte solange ich konnte, bevor ich die Karte ein finales Mal in den Automaten schob. Dass er in bereits gewohnter Weise reagierte, f\u00fchlte sich an wie ein Schlag ins Gesicht. Vielleicht stimmte es ja doch, dass ich schlichtweg kein Geld mehr hatte. Aber was dann?<\/p>\n<p>Viele M\u00f6glichkeiten und Zeit zum Nachdenken blieben mir nicht, also hie\u00df es, Beine in die Hand nehmen und zur\u00fcck zum Backpackers. Vielleicht hatte der dortige Automat ja doch noch Erbarmen mit mir und w\u00fcrde mir zumindest erm\u00f6glichen, den Taxifahrer zu bezahlen. Au\u00dfer Atem und bis aufs letzte durchn\u00e4sst stand ich nun vor der hauseigenen Maschine, die mir mit ihrer Antwort nichts anderes \u00fcbrig lie\u00df, als sie aufs heftigste zu beleidigen. Manchmal tut es einfach gut, Dinge zu beleidigen um von der eigenen Unf\u00e4higkeit abzulenken. Aber war diese wirklich die Ursache des Ganzen und ich hatte mich bei meiner Reiseplanung schlichtweg verrechnet? Die Antwort darauf k\u00f6nnte mir nur die Bank meines Vertrauens geben. Nachdem ich den, mittlerweile freundlich genervten, Taxifahrer ermutigen konnte, noch ein paar weitere Minuten auf mich zu warten, investierte ich mein letztes Handy-Guthaben, um der Sache auf den Grund zu gehen. Doch anstatt die ganze Geschichte aufzudecken, erkl\u00e4rte mir die unpassend sanfte Stimme auf der anderen Seite der Leitung, dass ihr die vielen verschiedenen Nummern, die ich ihr anbot, nicht helfen, solange die eine bestimmte nicht dabei sei, die sie br\u00e4uchte, um ein Blick auf mein Konto werfen zu k\u00f6nnen. \u201eSch\u00f6nen Tag trotzdem\u201c, sagte sie noch, kurz bevor mein Guthaben komplett verflogen war. \u201eDen hab ich!\u201c, antwortete ich mit vergleichsweise nicht ganz so sanfter Stimme.<\/p>\n<p>Der Taxifahrer war in der Zwischenzeit fluchend von dannen gezogen aber die Hoffnung, doch noch Geld aufzutreiben, um die Fahrt zum Bahnhof bezahlen zu k\u00f6nnen, war inzwischen ohnehin verflogen. Es gibt Momente, in welchen ich nicht nur darauf warte, dass jemand die erl\u00f6senden Worte \u201eversteckte Kamera\u201c schreit, sondern inst\u00e4ndig darauf hoffe. Eine halbe Stunde Zeit blieb noch, um an das andere Ende der Stadt zu kommen und in den Zug zu steigen, der mich ans andere Ende des Landes bringen sollte. Ich teilte meine Geschichte mit der Besitzerin des Backpackers, die anhand der Szenen vor ihrer Rezeption aber zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon bestens Bescheid wusste. Kurzerhand erkl\u00e4rte sie sich bereit, mich zum Bahnhof zu fahren, w\u00fcrde ich irgendwann einmal ein gutes Wort f\u00fcr sie einlegen. Das werde ich auch bestimmt machen, wenn ich auch nicht wei\u00df wo, denn schlie\u00dflich hat sie das zu diesem Zeitpunkt gr\u00f6\u00dfte Problem gel\u00f6st. So fuhr sie mich einmal quer durch die Johannesburger Innenstadt und erz\u00e4hlte dabei auch noch Geschichten von damals, als man dort noch unbeschwert im Park sitzen konnte. Das war aber auch das einzige, was ich mitbekam, w\u00e4hrend sich meine Gedanken weiterhin um meine Finanzen drehten.<\/p>\n<p>Jetzt ging es aber erst einmal darum, in den richtigen Zug zu steigen, wenn auch ohne einen Cent, geschweige denn etwas zu Essen meinen Taschen. In einer der Bahnhofshallen sollte ich mich in eine nicht enden wollende Schlange stellen, wie mir eine Dame in Warnweste erkl\u00e4rte. Ich reihte mich ein und verga\u00df f\u00fcr einen Moment meine Geldsorgen, als ich damit besch\u00e4ftigt war, die Kraft und das Geschick schwarzer, korpulenter M\u00fctter zu bewundern, von denen vor mir nicht wenige warteten. Das schreiende Kind auf dem einen Arm, den Koffer unter dem anderen, eine zu platzen drohende Reisetasche auf dem Kopf balancierend und mit dem Fu\u00df einen Karton vor sich herschiebend. Muss wohl am Pap* liegen. Ich stellte \u00fcber die gesamte Wartezeit das wei\u00dfe Ende der un\u00fcberschaubaren Schlange dar, was von au\u00dfen betrachtet mehr als komisch ausgesehen haben muss. In etwa so komisch muss auch mein Gesichtsausdruck gewesen sein, als mir die Platzanweiserin vor dem stehenden Zug zu erkl\u00e4ren versuchte, dass mein Name nicht auf ihrer Liste stehe. Sie h\u00e4tte aber einen Platz f\u00fcr eine \u201eMiss K. Schmeider\u201c anzubieten. \u201et.i.a.\u201c**, dachte ich mir und versprach ihr, mich im Frauenabteil auch zu benehmen. Das quittierte sie jedoch nur mit einem breiten Grinsen und verfrachtete mich notgedrungen ins wahrscheinlich kleinste Abteil des Zuges.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Zug.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-254\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Zug-640x480.jpg\" alt=\"\" width=\"384\" height=\"288\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Zug-640x480.jpg 640w, https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Zug-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Zug.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 384px) 100vw, 384px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>P\u00fcnktlich nach afrikanischer Zeit (halbe Stunde sp\u00e4ter als Fahrplan) machte der Zug einen ungem\u00fctlichen Ruck und rollte los. Zwei Stunden lang versuchte ich, mit meinem Platz f\u00fcr die n\u00e4chsten eineinhalb Tage warm zu werden, im \u00fcbertragenen und w\u00f6rtlichen Sinne, da der Regen nicht daran dachte nachzugeben. Ein weiterer Ruck und der Zug stand. Aber nicht etwa im ersten Bahnhof auf der Strecke, sondern im tristen Niemandsland. Ungewissheit machte sich breit bei den Fahrg\u00e4sten, die nach und nach fragend ihre K\u00f6pfe aus den Abteilen streckten. Auf eine Ansage des Zugf\u00fchrers wartete ich vergeblich, bis ich nach einer guten Stunde schlie\u00dflich feststellte, dass es gar keine Lautsprecher f\u00fcr eine solche gibt. Die Wartezeit bot genug Raum f\u00fcr Vermutungen und von kaputtem Zug bis Hindernisse auf der Strecke war alles dabei. Meine Theorie der vor dem Zug stehenden Okapi-Herde wurde vom Rentnerpaar im Abteil nebenan als \u201eeher unwahrscheinlich\u201c eingestuft.\u00a0 Schlie\u00dflich erbarmte sich die Managerin des Zuges, die L\u00f6sung des R\u00e4tsels zu verbreiten. Das Anhaltende Gewitter h\u00e4tte f\u00fcr einen Stromausfall auf der Strecke gesorgt und wann es weiter gehen k\u00f6nne, wisse niemand. Mein Magen knurrte in der Zwischenzeit so laut, dass die anderen Fahrg\u00e4ste problemlos h\u00e4tten denken k\u00f6nnen, dass der Zug wieder f\u00e4hrt. Fast zehn Stunden hatte ich schon nichts mehr gegessen und die Aussicht auf zwanzig weitere brachte mich langsam aber sicher zum Verzweifeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Sonnenuntergang-Zug.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-250\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Sonnenuntergang-Zug-640x480.jpg\" alt=\"\" width=\"384\" height=\"288\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Sonnenuntergang-Zug-640x480.jpg 640w, https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Sonnenuntergang-Zug-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Sonnenuntergang-Zug.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 384px) 100vw, 384px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als die D\u00e4mmerung einsetzte, bewegte sich der Zug zur Erleichterung aller wieder. Nachdem er im ersten Bahnhof auf der Strecke in einem kleinen Dorf irgendwo im Nirgendwo gehalten hatte, klopfte es pl\u00f6tzlich an meiner T\u00fcr. Ein junger, wei\u00dfer Kerl steckte seinen Kopf in das Abteil und fragte mich, mit einem sehr starken Afrikaans-Akzent, ob hier noch Platz sei. Theoretisch war das der Fall, da die winzige Kabine mit einem Hochbett ausgestattet war und ein bisschen Unterhaltung auf den verbleibenden zwanzig Stunden k\u00f6nnte auch nicht schaden. So sa\u00df er dann neben mir, ein etwas bleicher, schlaksiger Typ im Bauarbeiter-Style, der sichtlich darum bem\u00fcht war, freundlich auszusehen. Ich tat ihm gleich und versuchte, ein Gespr\u00e4ch zu beginnen. \u201eWohin f\u00e4hrst du?\u201c \u201eWorcester\u201c \u201eWie weit ist das?\u201c \u201eKeine Ahnung\u201c. Als das Gespr\u00e4ch ins Stocken geriet, wandte ich mich wieder meinem Buch zu und als ich einige Zeit sp\u00e4ter wieder aufschaute, war er verschwunden und w\u00fcrde auch nicht wieder auftauchen. Vielleicht war ich auch mittlerweile durch meinen Hunger und die K\u00e4lte schon so durch den Wind, dass ich mir diesen mysteri\u00f6sen Besuch nur eingebildet hatte.<\/p>\n<p>Irgendwie musste ich mich bei Laune halten, was immer schwieriger wurde da es inzwischen dunkel war und die abwechslungsreichen Landschaften vor meinem Fenster keine Ablenkung mehr boten. Nach einiger Zeit klopfte es wieder an meiner T\u00fcr. Die Bordmanagerin, die mich konsequent auf Afrikaans ansprach, stand vor der T\u00fcr. Inzwischen hatte ich es aufgegeben, sie darum zu bitten, Englisch mit mir zu sprechen und versuchte, mir anhand einzelner deutsch-\u00e4hnlicher Worte den Sinn zu erschlie\u00dfen. Sie war dabei, Bettzeug f\u00fcr die Nacht zu verteilen aber die Tatsache, f\u00fcr diese extra bezahlen zu m\u00fcssen, gefiel mir ganz und gar nicht. Ich erkl\u00e4rte ihr meine Situation und sie h\u00f6rte gespannt zu, um am Ende meiner Erz\u00e4hlung mit einem nicht allzu glaubw\u00fcrdigen \u201eShame!\u201c zum n\u00e4chsten Abteil zu gehen. \u201eDankie!\u201c, rief ich durch die geschlossene T\u00fcr und freute mich auf eine Nacht ohne Bett.<\/p>\n<p>Die Ank\u00fcndigung der Schaffnerin, dass es nachts sehr kalt werden w\u00fcrde, bewahrheitete sich zu meiner Freude, denn inzwischen konnte ich meinen eigenen Atem sehen. So fror ich auf meiner Bank sitzend vor mich und das schwarze Loch in meinem Bauch machte die Sache nicht besser. Meine Konzentration lie\u00df immer weiter nach und an Lesen war irgendwann nicht mehr zu denken. Die Hoffnung, einigerma\u00dfen die Nacht zu \u00fcberstehen, beruhte auf meinem mp3-Spieler. Die Zuf\u00e4llige Wiedergabe schlug die Kaiser Chiefs vor. \u201eOh my god I can\u00b4t believe it, I\u00b4ve never been this far away from home\u201c. Die sollten sich aufs Fu\u00dfballspielen*** konzentrieren, dachte ich mir und hoffte auf den n\u00e4chsten Titel. Nun sang mir Thees Uhlmann ins Ohr. \u201eHinter den Bergen, den St\u00e4dten, den Fl\u00fcssen und Str\u00f6men, den Fotos und dem letzten Geld. Mit deinen Narben, den Platten, deiner Hoffnung, diesem T-Shirt, am anderen Ende der Welt.\u201c Es sollte meine pers\u00f6nliche Hymne dieser Reise werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Music-Train.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-248  aligncenter\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Music-Train-640x480.jpg\" alt=\"\" width=\"384\" height=\"288\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Music-Train-640x480.jpg 640w, https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Music-Train-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Music-Train.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 384px) 100vw, 384px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn man nicht schlafen kann, keine Ablenkung und viel Zeit hat, f\u00e4ngt man an, \u00fcber die verschiedensten Dinge nachzudenken. Wenn man dazu seit etwa 15 Stunden nichts gegessen hat und nur mit gr\u00f6\u00dfter M\u00fche einen klaren Gedanken fassen kann, entwickelt sich das auch mal in die komischsten Richtungen. So sa\u00df ich da also, in einem Zug im tiefsten S\u00fcdafrika und verbachte die Nacht damit, \u00fcber mein Leben nachzudenken, alles infrage zu stellen und auf Erkenntnis zu warten.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Morgen begann, wie die Nacht aufgeh\u00f6rt hatte, nur dass das Spektakel auf der anderen Seite des Fensters nun wieder f\u00fcr etwas Ablenkung sorgte. Zum Hunger hatte sich inzwischen ein Gef\u00fchl der Schw\u00e4che gesellt was, noch verst\u00e4rkt durch meine Schlaflosigkeit, eine grandiose Kombination darstellte. W\u00e4hrend der Zug an einem weiteren Township vorbeifuhr, war ich mir sicher, in meinem bisherigen Leben bis zu diesem Zeitpunkt noch nie wirklich Hunger gehabt zu haben. Ich schleppte ich mich in den Speisewagen, um die Kellnerin ein weiteres Mal mit meiner Bitte nach Wasser zu nerven. Doch diesmal war ihre Reaktion eine andere. \u201eBist du der Kerl ohne Geld?\u201c, fragte sie und ich nickte. Die Managerin musste von mir erz\u00e4hlt haben. Als ich mit meinem gew\u00fcnschten Wasser in der Hand wieder in mein Abteil wollte, stoppte mich einer der K\u00f6che, der gerade selbst am Essen war. \u201eSetz dich!\u201c, befahl er mir und ich nahm an einem der Tische platz. Wenige Minuten sp\u00e4ter stand ein Teller mit einem H\u00e4hnchenschl\u00e4gel und etwas Reis vor mir und manchmal muss man auch die tiefste \u00dcberzeugung f\u00fcr einen kurzen Moment vergessen k\u00f6nnen. Ich wusste nicht, wann ich wieder die Gelegenheit bekommen w\u00fcrde, etwas zu Essen, denn ich hatte zwar inzwischen eine Vermutung, weshalb ich kein Geld mehr hatte, aber Sicherheit dar\u00fcber w\u00fcrde ich so schnell nicht haben. Jeder Bissen brachte sp\u00fcrbar etwas mehr Kraft und der R\u00fcckweg zu meinem Abteil fiel deutlich leichter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Feld-Zug.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-251\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Feld-Zug-640x480.jpg\" alt=\"\" width=\"384\" height=\"288\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Feld-Zug-640x480.jpg 640w, https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Feld-Zug-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Feld-Zug.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 384px) 100vw, 384px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war Mittagszeit, zwei Stunden vor geplanter Ankunft, als die Managerin Bescheid gab, dass wir inzwischen f\u00fcnf Stunden Versp\u00e4tung h\u00e4tten. So hie\u00df es weiter warten, nachdenken, lesen und versuchen, die atemberaubenden Landschaften festzuhalten. Vor den Augen die wundersch\u00f6nen Winelands im S\u00fcdwesten des Landes, in den Gedanken die Hoffnung, in Kapstadt wieder an Geld zu kommen. Noch eine Stunde bis Cape Town, sagte meine Uhr und ich schien einer der letzten Leute im Zug zu sein, was zu einer leicht gespenstischen Atmosph\u00e4re f\u00fchrte, denn es war mittlerweile wieder dunkel. Drau\u00dfen zogen immer mehr Lichter vorbei und endlich sah ich den vertrauten Kapstadter Bahnhof.<\/p>\n<p>Die Anspannung war gro\u00df, als ich mit meinem Rucksack auf dem R\u00fccken durch die leeren Bahnhofshallen in Richtung Geldautomat lief. Ich erschrak, als mir jemand auf die Schulter tippte. Einen kurzen Moment brauchte ich, um das Gesicht zuzuordnen. Es war der Koch des Zuges der mir die Hand sch\u00fcttelte und mir alles Gute w\u00fcnschte, nachdem ich mich noch mal bei ihm bedankt hatte. Meine Hand zitterte etwas, als ich meine Kreditkarte in den Automaten schob, denn ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte, w\u00fcrde es immer noch nicht funktionieren. Es ging nicht mehr \u201enur\u201c um etwas zu essen. Jetzt ging es auch um ein Dach \u00fcber dem Kopf. Das erste Mal auf meiner Reise f\u00fchlte ich mich komplett verloren, als die Maschine zwar meine Karte, nicht jedoch einen einzigen Rand ausspuckte. Mit meinen Taschen durchs n\u00e4chtliche Kapstadt zu irren war keine M\u00f6glichkeit und mit dem letzten bisschen Akku meines Handys rief ich im Backpackers an, um ein weiteres Mal meine Geschichte zu erz\u00e4hlen. \u201eWenn du jetzt kein Geld hast um den Taxifahrer zu bezahlen, wirst du morgen doch auch keines haben, um uns zu bezahlen\u201c, war die logische Schlussfolgerung des dortigen Mitarbeiters. Es folgte ein langes Gespr\u00e4ch zwischen Mitarbeiter und Chef des Backpackers und auf mein Versprechen hin, am n\u00e4chsten Tag alles bezahlen zu k\u00f6nnen, schickten sie mir ein Taxi. Dankbar daf\u00fcr, die Nacht nicht im Bahnhof verbringen zu m\u00fcssen, aber des Risikos bewusst, was ich durch mein Versprechen einging, stieg ich ein. Im Hostel angekommen, fiel ich ohne Umwege kraftlos und v\u00f6llig \u00fcberm\u00fcdet ins Bett, und hoffte, dass der n\u00e4chste Tag ein besserer werden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Sonne \u00fcber Kapstadt war es, die mich am n\u00e4chsten Morgen weckte und ich war \u00fcberzeugt davon, dass dies ein gutes Zeichen war. Um die Sch\u00f6nheit der Stadt ein weiteres Mal zu bewundern, sollte ich hoffentlich noch Gelegenheit haben, denn bevor ich auch nur an irgendetwas anderes denken konnte, machte ich mich auf den alles entscheidenden Weg zur n\u00e4chsten Bank. Und siehe da, ich konnte das unangenehme Gef\u00fchl, komplett auf andere angewiesen sein, endlich hinter mir lassen. Ich kam wieder an Geld, was sowohl eine mehr als gro\u00dfe Erleichterung, als auch der entscheidende Hinweis auf die vermutete L\u00f6sung des Problems war. Wie sehr ich es vermisste hatte, entspannt zu sein.<\/p>\n<p>Die Schulden zu begleichen sollte meine erste Tat sein. Kaum hatte ich das Geb\u00e4ude verlassen, sprach mich jemand von der Seite an. Ein Kerl in meinem Alter, der mir vielleicht sogar etwas \u00e4hnlich sah, bat mich um ein paar Rand. Als ich zu ihm meinte, grunds\u00e4tzlich niemandem auf der Stra\u00dfe Geld zu geben, begann er, mir seine Geschichte zu erz\u00e4hlen. Er sei aus Pretoria, auf seiner Reise nach Kapstadt sei ihm das Geld ausgegangen und er h\u00e4tte keinen Schimmer, wie das passieren konnte. Falls der Herr (\/die Dame\/der Rosa Elefant) dort oben wirklich Pr\u00fcfungen f\u00fcr uns bereit h\u00e4lt, ist dieser Moment mit Sicherheit eine gewesen. Ich dr\u00fcckte ihm ein paar Rand in die Hand und w\u00fcnschte ihm nur das Beste. Ich wisse, wie sich das anf\u00fchlt, versicherte ich ihm, vielleicht sogar etwas zu gut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Table-Mountain.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-252\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Table-Mountain-640x480.jpg\" alt=\"\" width=\"384\" height=\"288\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Table-Mountain-640x480.jpg 640w, https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Table-Mountain-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/11\/Table-Mountain.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 384px) 100vw, 384px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einen gro\u00dfen Teil des restlichen Tages verbrachte ich im ersten All-you-can-eat-Restaurant, das ich finden konnte und f\u00fchlte mich sehr gut dabei. Zwei ruhige, aber wundersch\u00f6ne Tage verbachte ich noch in Kapstadt. Zwar war mir nicht danach, Geld f\u00fcr Dinge auszugeben, die nicht unmittelbar zur Erhaltung meiner Existenz beitrugen, aber ich machte das beste aus der verbleibenden Zeit in dieser bildsch\u00f6nen Stadt (\u00fcber die noch ein eigener Artikel folgt). Am Abschlussabend besuchte ich noch ein Konzert der britischen Nachwuchsband \u201eColdplay\u201c in gem\u00fctlicher Atmosph\u00e4re. Die <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=0C401nPl5sY\">Stimmung<\/a> war bestens, auch wenn die Jungs noch etwas an ihrer B\u00fchnenpr\u00e4senz arbeiten m\u00fcssen. Am morgen darauf musste ich die \u201eMother City\u201c **** leider schon wieder verlassen und machte mich mit dem g\u00fcnstigsten Busunternehmen, das ich finden konnte, auf den R\u00fcckweg nach P.E. Nun war ich in bester Verfassung, die Landschaften auf dem Weg zu bestaunen und ich genoss die Freiheit, wenn auch nicht die Beinfreiheit.<\/p>\n<p>In meiner pers\u00f6nlichen Rangliste \u201eGeschichten, die ich mal meinen Kindern erz\u00e4hlen werde\u201c, steht diese f\u00fcrs erste ganz oben. Ich bin mir sehr sicher, in keiner Woche meines bisherigen Lebens so viel gelernt zu haben, wie in dieser. \u00dcber mich selbst, die Menschen um mich herum und vor allem dar\u00fcber, dass es immer anders kommt. Es w\u00e4re vermessen zu behaupten, ich wisse aufgrund dieser Woche, wie es sich anf\u00fchlt, arm und auf das Mitgef\u00fchl anderer angewiesen zu sein. Aber vielleicht werde ich diesem Gef\u00fchl nie mehr in meinem Leben so nah sein.<\/p>\n<p>Ach ja, und fast h\u00e4tte ich es vergessen: Ich habe gelernt, in Zukunft darauf zu achten, ob der Zahltag auf einen Sonntag f\u00e4llt.<\/p>\n<p><span style=\"color: #800000\">______________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000\">* traditioneller Getreidebrei aus Maismehl<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000\">** &#8222;this is africa&#8220; &#8211; \u00fcblicher, selbstironischer Spruch, falls etwas nicht klappt, l\u00e4nger dauert als normal oder irgendetwas anderes auf typisch afrikanische Weise schief geht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000\">*** Der Name der Band &#8222;Kaiser Chiefs&#8220; lehnt sich an den fr\u00fcheren Verein des Leeds United Spielers Lucas Radebe an, die &#8222;Kaizer Chiefs&#8220; aus Soweto.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000\">**** Da Kapstadt die erste Stadtgr\u00fcndung der s\u00fcdafrikanischen Kolonialzeit war, wird sie von den S\u00fcdafrikanern gerne als &#8222;Mother City&#8220; bezeichnet. Nicht zu verwechseln mit der deutschen Version der<\/span> <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=3WE2EhLCcks\">Mutterstadt<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/vimeo.com\/30977324\">Die sch\u00f6nsten Bilder auf der anderen Seite des Zugfensters zusammen mit meiner pers\u00f6nlichen Hymne dieses Abenteuers.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Part 2 des Shosholoza-Zweiteilers &nbsp; Abenteuerlich w\u00fcrden sie werden, die n\u00e4chsten Tage. Soviel wusste ich, als ich voller Vorfreude in den Tag startete, an dem ich Johannesburg schon wieder den R\u00fccken kehrte. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste war, was es mit dem Wort Abenteuer eigentlich auf sich hat. Aber manchmal lernt man Dinge [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":429,"featured_media":254,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[],"class_list":["post-243","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein"],"amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/243"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/wp-json\/wp\/v2\/users\/429"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=243"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/243\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":258,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/243\/revisions\/258"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/wp-json\/wp\/v2\/media\/254"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=243"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=243"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=243"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}