{"id":216,"date":"2011-09-29T23:14:34","date_gmt":"2011-09-29T21:14:34","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/?p=216"},"modified":"2011-10-07T13:49:44","modified_gmt":"2011-10-07T11:49:44","slug":"was-die-wilden-kerle-spielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/2011\/09\/29\/was-die-wilden-kerle-spielen\/","title":{"rendered":"Was die wilden Kerle spielen"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #333333\">Dass ich schon frueh morgens das ein oder andere hupende Auto von meinem Zimmer aus wahrnehme, ist nun wirklich keine Seltenheit. Als ich vor wenigen Wochen jedoch noch im Halbschlaf neben den, um Fahrg\u00e4ste werbenden, Taxifahrern auch ununterbrochen freudig schreiende Kinder und Frauen wahrnahm wusste ich, dass ich es mit einem besonderen Tag zu tun hatte. Schlie\u00dflich an der Strasse stehend wurde mir schnell klar, was es mit dem bunten Treiben vor meiner Haust\u00fcre auf sich hatte. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333\">S\u00fcdafrika-Fahnen an jedem vorbeifahrenden Auto gepaart mit \u201cSpringboks!\u201d oder\u00a0 \u201cGo Bokke!\u201d \u2013 Rufen erinnerten mich daran, dass heute ein L\u00e4nderspiel auf dem Programm stand. Nein, das w\u00e4re leicht untertrieben, es muss DAS L\u00e4nderspiel hei\u00dfen. Und wer jetzt spontan an Fu\u00dfball denkt, geht sich bitte eingraben, wei\u00df doch nach der WM jeder Freund oder entfernte Bekannte des Runden Leders, dass die Nationalelf \u201cBafana Bafana\u201d gerufen wird. Die Freude ging an diesem Tag vielmehr von den Freunden des elliptischen Leders aus und richtete sich an die Nationalfuenfzehn. So pilgerten bereits ab dem fr\u00fchen Morgen die gr\u00fcn-goldenen Massen gen Stadion, um sich dort am Abend das seit Monaten ausverkaufte Testspiel gegen Neuseeland anzuschauen. Doch diese Begegnung war aus verschiedenen Gr\u00fcnden von weit gr\u00f6\u00dferer Bedeutung, als es das Wort \u201cTestspiel\u201d vermuten l\u00e4sst. Zum einen ist es f\u00fcr P.E. keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, L\u00e4nderspiele dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung beherbergen zu d\u00fcrfen, werden f\u00fcr solche doch in der Regel Johannesburg oder Kapstadt bevorzugt. Zum anderen gibt es in der Rugbywelt wohl keine interessantere Begegnung als S\u00fcdafrika gegen Neuseeland. Der Klassiker Springboks vs. All Blacks ist sowohl sportlich* als auch vor dem geschichtlichen Hintergrund das Duell schlechthin und die Tatsache, dass es das letzte Spiel vor der Weltmeisterschaft war, die wiederum in Neuseeland stattfindet, machte die Sache nicht weniger spannend. Grund genug also, mal einen Blick auf die interessante Geschichte des Rugby in S\u00fcdafrika zu werfen.\u00a0\u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333\">Der Legende nach ist der englische Sch\u00fcler William Webb Ellis f\u00fcr die Entstehung des Sports verantwortlich. So soll er w\u00e4hrend eines Fu\u00dfballspiels in der Stadt Rugby, frustriert \u00fcber dessen Verlauf, den Ball in die H\u00e4nde genommen haben, losgest\u00fcrmt sein um ihn schlie\u00dflich ins gegnerische Tor zu legen. Wie es Legenden so an sich haben, l\u00e4sst sich die Geschichte zwar nicht eindeutig best\u00e4tigen, jedoch wurde einige Jahre sp\u00e4ter beim Versuch, die Fu\u00dfballregeln zu vereinheitlichen neben der F.A. (Football Association) aus Meinungsverschiedenheiten auch etwas sp\u00e4ter die \u201cRugby Football Union\u201d gegr\u00fcndet. Selbst einige heutige Vereine der deutschen Fu\u00dfball-Bundesliga wurden Ende des 19. Jahrhunderts als Rugby-Clubs gegr\u00fcndet, jedoch erfreute sich nach und nach der Fu\u00dfball gr\u00f6\u00dferer Beliebtheit und dessen Siegeszug stellte den Rugby in Deutschland schlie\u00dflich in den Schatten. Ganz anders entwickelte sich die Geschichte in S\u00fcdafrika. Eine Fr\u00fchform des Rugby wurde bereits 1861 von einem Lehrer nach Kapstadt gebracht, von wo aus sie sich weiterentwickelte und im ganzen Land ausbreitete. Doch der Sport war nicht nur bei den britischen Kolonisten popul\u00e4r und bald nahmen ihn auch die niederl\u00e4ndisch-st\u00e4mmigen Buren in ihre Kultur auf. W\u00e4hrend des zweiten Burenkriegs sollen sogar die Kriegshandlungen f\u00fcr einige Zeit unterbrochen worden sein, damit Briten und Buren, welche sich in diesem Krieg eigentlich feindselig gegen\u00fcber standen, ein Rugbyspiel gegeneinander austragen konnten. Dass viele Buren nach dem Krieg schlie\u00dflich in britische Gefangenschaft gerieten und auch in den Gef\u00e4ngnissen Spiele gegen Briten stattfanden, trug\u00a0 dazu bei, dass sich Rugby unter der wei\u00dfen Bev\u00f6lkerung S\u00fcdafrikas schlie\u00dflich zur popul\u00e4rsten Sportart entwickelte.\u00a0\u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333\">Wie auch auf viele andere Teile des Lebens in S\u00fcdafrika, wirft die Zeit der Apartheid einen gro\u00dfen Schatten auf die Geschichte des Rugby. Bereits vor deren Einf\u00fchrung 1948 hielten immer wieder verschiedene L\u00e4nder die Spieler in ihren Reihen mit \u201cnicht wei\u00dfem\u201d Hintergrund von Spielen gegen S\u00fcdafrika fern. Durch die konsequente Rassentrennung kamen die Springboks in den Folgejahren schlie\u00dflich kaum zu Spielpraxis, da sie international nahezu komplett isoliert waren. Als die Neuseel\u00e4nder trotz alledem 1976 einreisten, um ein Spiel gegen die S\u00fcdafrikaner auszutragen, schlug das so gro\u00dfe Wellen, dass im selben Jahr 16 afrikanische L\u00e4nder die Olympischen Spiele in Montreal boykottierten da deren Forderung, Neuseeland in Folge der Ereignisse auszuschlie\u00dfen, vom IOC abgelehnt wurde. Im Jahr darauf wurde mit der sogenannten \u201cGleneagles-Vereinbarung\u201d, die von allen Commonwealth-Staaten unterzeichnet wurde, jeglicher sportliche Kontakt zu S\u00fcdafrika untersagt. Dadurch sollte die internationale Kampagne gegen die Apartheid zus\u00e4tzlich unterst\u00fctzt werden, woran, neben den Auswahlmannschaften, auch die Einzelsportler des Landes zu leiden hatten. Doch damit nicht genug. Vier Jahre sp\u00e4ter verbannte auch das \u201dInternational Rugby Board\u201d den s\u00fcdafrikanischen Verband offiziell von jeglichem Spielbetrieb bis zum Ende der Apartheid. Durch all diese Ereignisse wandten sich viele Fans der Springboks von der eigenen Mannschaft ab und unterst\u00fctzten in diesen schwierigen Jahren stattdessen die All-Blacks.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333\">Mit dem Ende der Apartheid 1992 und der Wiederaufnahme der Boks in den Spielbetrieb kehrte die Unterst\u00fctzung langsam wieder zur\u00fcck um p\u00fcnktlich 1995 WM- reif zu sein. Dass diese Weltmeisterschaft sogar in S\u00fcdafrika ausgetragen wurde, hatte man zu recht als eine gro\u00dfe Chance f\u00fcr das Land gesehen, das sich zu diesem Zeitpunkt mitten in einer der richtungsweisendsten Phasen seiner Geschichte befand.\u00a0 \u201eOne Team, One Nation\u201c lautete der Slogan, der die Hoffnung von Millionen von Menschen, allen voran eines Mannes, in vier Worten ausdr\u00fcckte. Und als w\u00e4re die Geschichte des Landes auf Wiedergutmachung f\u00fcr ihre dunklen letzten Jahrzehnte gesinnt gewesen, \u00fcberraschten die Springboks die Rugby-Welt und entschieden die Weltmeisterschaft im Finale gegen Neuseeland tats\u00e4chlich f\u00fcr sich. Auch wenn es mehr als abwegig erschien, die Schmerzen von \u00fcber 40 Jahren Apartheid durch einen Sport lindern zu wollen, lieferte diese Weltmeisterschaft einen der symboltr\u00e4chtigsten Momente der Sportgeschichte. Das Springbok-Trikot wurde stets als Symbol der wei\u00dfen Bev\u00f6lkerung des Landes gesehen, doch ein einzelner schwarzer Mann, welcher 26 Jahre seines Lebens im Gef\u00e4ngnis verbrachte, \u00e4nderte dies mit einer einzigen Geste. Als Nelson Mandela den Siegern den Pokal \u00fcberreichte, trug er sichtlich stolz das gr\u00fcn-goldene Trikot, dessen R\u00fccken die Nummer des wei\u00dfen Mannschaftskapit\u00e4ns zierte.*\u00a0<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_220\" style=\"width: 190px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/09\/1995_rwc_nelson_mandela_fpienaar.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-220\" class=\"size-full wp-image-220 \" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/09\/1995_rwc_nelson_mandela_fpienaar.jpg\" alt=\"Pokal\u00fcberage 1995 \" width=\"180\" height=\"244\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/09\/1995_rwc_nelson_mandela_fpienaar.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/wakay\/files\/2011\/09\/1995_rwc_nelson_mandela_fpienaar-221x300.jpg 221w\" sizes=\"(max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-220\" class=\"wp-caption-text\">Pokal\u00fcberage 1995<\/p><\/div>\n<p><span style=\"color: #333333\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333\">Die, morgens vor meiner Haust\u00fcre gesichteten, Springbok-Fans konnten sich \u00fcbrigens gl\u00fccklich wieder auf den Weg nach Hause machen, nachdem der Haka** der All-Blacks an diesem Tag wohl nicht Furcht einfl\u00f6\u00dfend genug war und S\u00fcdafrika einen ungef\u00e4hrdeten Sieg einfahren konnte. Auch in die, inzwischen laufende, WM sind die Boks problemlos gestartet, weshalb Tr\u00e4umereien von der Titelverteidigung durch einen Final-Sieg gegen Neuseeland durchaus gestattet sind.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Aber sp\u00e4testens am 23. Oktober wird sich zeigen, was der Rugby diesmal mit S\u00fcdafrika vor hat.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000\">_______________________________________________________________________________________________________________________________________________________________<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000\">* Wer tats\u00e4chlich bis hierhin gelesen hat, dem soll der Film \u201eInvictus\u201c empfohlen sein, welcher letztes Jahr im Kino zu sehen war und die Zeit von Mandelas Amtsantritt bis hin zum Titelgewinn mit Matt Damon als Mannschaftskapit\u00e4n und dem herausragenden Morgan Freeman als Mandela gro\u00dfartig darstellt. (<a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=kCgjOY0eWNc\"><span style=\"color: #800000\"> &#8222;Invictus &#8211; Trailer&#8220;)<\/span><\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000\">** Der Haka ist ein Kriegstanz der Maori, der traditionell vor jedem Spiel von der Neuseel\u00e4ndischen Nationalmannschaft zum Besten gegeben wird. Urspr\u00fcnglich sollte dieser dem Gegen\u00fcber die eigene St\u00e4rke verdeutlichen und noch vor dem Kampf zum Aufgeben bringen um ein friedliches Ende herbeizuf\u00fchren. Ich mache das inzwischen jeden Morgen nach dem Aufstehen um mich auf meine Sch\u00fcler vorzubereiten (<a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Q6TZHzdNddE&amp;feature=related\"><span style=\"color: #800000\">Haka vs. Japan<\/span><\/a>)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000\">Die Rugby-WM in Neuseeland l\u00e4uft noch bis zum 23. Oktober und kann von Deutschland aus \u00fcber Sport1 verfolgt werden. Reinschauen lohnt sich! Wer sich vorher noch in Sachen Regeln fit machen will, dem sei dieser kleine Crash-Kurs empfohlen: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=aiOpAvEdHQo\"><span style=\"color: #800000\">Rugby Rules for Beginners<\/span><\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass ich schon frueh morgens das ein oder andere hupende Auto von meinem Zimmer aus wahrnehme, ist nun wirklich keine Seltenheit. 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