Poetische Versuche: Adela Zamudio.

Dieser Beitrag entbehrt leider jeglichen Kontextes, obwohl ich fest überzeugt davon war, dass er perfekt zum gestrigen Datum passen würde. Leider habe ich mich allerdings um einen Monat vertan, wollte euch allerdings ein kurzes Porträt einer bedeutenden bolivianischen Schriftstellerin des vergangenen Jahrhunderts nicht vorenthalten. Gestern vor einem Monat jährte sich der Geburtstag von Adela Zamudio, einer der ersten erfolgreichen Schriftstellerinnen Boliviens, welche auch eine maßgebliche Rolle in der bolivianischen Frauenbewegung spielte.

Adela Zamudio gegen Ende ihres Lebens.

Adela Zamudio wurde am 11. Oktober 1854 in Cochabamba geboren und starb ebenda am 2. Juni 1928. Sie besuchte hier die „Escuela San Alberto“, eine katholische Schule, an der Frauen damals nur bis einschließlich der dritten Klasse der Primaria, äquivalent zur deutschen Grundschule, unterrichtet wurden. Diese doch sehr kurze Periode der Beschulung war damals Normalität.

 

Doch nach dem Ende ihrer kurzen Schullaufbahn bildete Adela sich selbst fot, indem sie beispielsweise viele bedeutende literarische Werke las. Sie gründete im Erwachsenenalter die erste Malschule der Stadt für Frauen und Kinder und wurde später in ihrem Leben zur Schulleiterin der „Escuela Fiscal de Senoritas“ (hier bitte ein „ene“ lesen, ich verfluche die deutsche Tastatur…) berufen. Diese wurde bald danach in „Liceo de Senoritas Adela Zamudio“ umbenannt.

 

Adela arbeitete gleichzeitig als Lehrerin und Schriftstellerin. In ihren Werken thematisierte sie unter anderem die kulturelle Einbindung von Frauen in die Gesellschaft, wollte also weibliche Intellektuelle dazu ermutigen, sich ebenso offen wie die Männer kulturell zu betätigen. Adela Zamudio verfasste sowohl Prosa-Texte als auch Gedichte, welche häufig Gefühl und Natur zum Thema haben. Sie veröffentlichte ihre Werke zunächst unter dem Pseudonym „Soledad“, Einsamkeit, bevor sie zunehmend an die Öffentlichkeit trat.

 

Ebenfalls war sie journalistisch tätig und veröffentlichte einige Artikel in der Tageszeitung „El Heraldo“. In diesen zeigten sich einige ihrer progressiven Ideen, so zum Beispiel die Gleichberechtigung der Geschlechter. Allgemein war Zamudio stets eine sozial engagierte Schriftstellerin, die häufig die Position der Frau innerhalb der Gesellschaft zum Thema in ihren Werken machte. Sie gilt als eine wichtige Person innerhalb der lateinamerikanischen Frauenbewegung. Sie zeigte durch ihr eigenes Leben das, was sie auch in ihren Werken zum Ausdruck bringen wollte: nämlich dass Frauen in der Lage sind, sowohl sozial als auch intellektuell das Gleiche zu leisten wie Männer. Für ihr Werk „Ensayos Poéticos“ erhielt sie den wichtigsten bolivianischen Buchpreis.

 

Ihr Geburtstag am 11. Oktober wird in Bolivien jedes Jahr als „Tag der bolivianischen Frau“ gefeiert. Hier in Cochabamba ist auch ein Theater nach Adela Zamudio benannt.

 

 

Illustrationen: Todos Santos.

Hier noch ein kleiner Nachtrag zu meinem letzten Beitrag: Am Sonntag nach dem Día de los Muertos und Todos Santos war ich in einer benachbarten Gemeinde auf einer „Jornada Socio-Cultural“, einem Kulturfest im Kontext dieser beiden besondern Tage. Ein Freund hat den Tag über wirklich tolle Fotos gemacht und ich würde euch dieses für mich sehr schöne Erlebnis gern mit einigen davon illustrieren.

Ein beliebtes Spiel: Ziel ist es, mit den Füßen so viele Körbe wie möglich von der Leine zu fischen. Dabei bekommst du Anschwung durch Taue von beiden Seiten!

Dieser Herr trinkt wahrscheinlich gerade Chibcha aus seiner Schale, ein alkoholhaltiges Getränk aus Mais, dessen Produktion früher involvierte, dass eine Person durch Kauen des Mais‘ einen Fermentationsprozess in Gang setzte.

Kleine Belohnung, falls ihr diesen Artikel lest: Ich bevor…

…und während ich mich frage, warum zur Hölle ich mich dem hier gerade aussetze. Aber ich bin jetzt stolze Besitzerin eines dieser Körbe!

 

Los muertos regresan. – Die Toten kehren zurück.

Viel zu viel Zeit ist vergangen und wieder gibt ein besonderer Tag mir Anlass dazu, einen Blogeintrag zu verfassen. Denn an den ersten beiden Tagen des Novembers kehren nach Glauben vieler Bolivianer*innen die Geister ihrer verstorbenen Verwandten zurück auf die Erde. Die Feier ihrer Rückkehr spielt sich an zwei Tagen ab:

Der 1. November oder auch Todos Santos, Allerheiligen zu Deutsch, spielt sich noch im Haus der Familie ab, bevor es dann am nächsten Tag mit der ganzen Familie auf den Friedhof geht. Bei ihrer Rückkehr ins Erdenreich müssen die Toten natürlich auch in den Genuss irdischer Genüsse kommen. Deshalb wird groß aufgekocht. Teilweise steht ab 5 Uhr morgens jemand in der Küche, um die umfangreiche Mahlzeit für und mit den Verstorbenen vorzubereiten. Es wird ein selbst für bolivianische Verhältnisse umfangreiches Mittagsessen aufgetischt. An der reich gedeckten Tafel werden stets Plätze für die toten Verwandten freigehalten, selbstverständlich auch mit ihrer eigenen Portion der leckeren Speisen. Auch eine Art Schrein wird für die Toten errichtet, um dafür zu sorgen, dass ihre Präsenz nicht zu übersehen ist. Ganz wichtig sind auf diesem ein Foto der verstorbenen Person sowie aus Brot geformte Figuren, die es im Vorfeld überall und in riesigen Mengen zu kaufen gibt. Diese sogenannten T’anta Wawas sollen Diener*innen für die Toten symbolisieren, die diese mit ins Jenseits nehmen können, um sich dort ein entspannteres Leben bereiten lassen zu können.

Nach einem erholsamen Verdauungsschlaf geht es am nächsten Tag, dem 2. November, hier auch Día de los Muertos genannt, gleich weiter mit den Feierlichkeiten, mit viel Essen und vor allem vielviel Brot! Die Familien strömen heute auf die Friedhöfe, um dort erneut ihre wiedergekehrten Verwandten mit Nahrung zu versorgen und ihre Anwesenheit zu feiern. Die Gräber werden aufwendig geschmückt und das mitgebrachte Essen ausgebreitet (auch hier dürfen die T’anta Wawas nicht fehlen). Dieser Tag ist (zumindest hier in Cochabamba) Feiertag, weshalb er komplett auf dem Friedhof verbracht werden kann, die Zeit mit den Zurückgekehrten maximal ausgenutzt werden kann.

Der Tod wird von vielen Familien hier in Bolivien also nicht als das Ende, sondern als eine anders beschaffene Fortsetzung des Lebens angesehen. Eine Reise, von der einmal im Jahr zurückgekehrt werden kann, um Zeit mit seinen Lieben zu verbringen, wieder mit ihnen vereint zu sein.

 

Ich möchte aus Respekt vor den Persönlichkeitsrechten und der Privatsphäre der Toten und derer Angehörigen keine Bilder veröffentlichen. Aber sucht unbedingt im Internet! Vor allem der ohnehin schon beeindruckend riesige Friedhof in La Paz verwandelt sich am Día de los Muertos in ein Menschenmeer!

Wenn eine ganze Stadt zum Stehen kommt.

Die letzen zwei Tage fand an meiner Schule in Cochabamba kein Unterricht statt. Heute, am Donnerstag, den 11. Oktober, begeht Bolivien den sogenannten „Día de la mujer“, den Tag der bolivianischen Frau. Unser Kollegium besteht zum Großteil aus Frauen, ebenso die Schüler*innenschaft, also beschloss die Schulleitung, den Unterricht an diesem Tag nicht stattfinden zu lassen. Und gestern? Gestern war keiner dieser hier oft stattfindenden „Themenfeiertage“, wie der Tag des Schülers, Tag des Lehrers und so weiter. Stattdessen legten in der ganzen Stadt Menschen ihre Arbeit nieder: In Cochabamba, La Paz, ja in ganz Bolivien war zu einem sogenannten „paro ciudadano“ aufgerufen worden, einem Streik der Bürgerschaft.

In Cochabamba äußerte sich das Ganze folgendermaßen: Es fuhren keine öffentlichen Verkehrsmittel, Geschäfte und Restaurants hatten nicht geöffnet, Schulen blieben geschlossen (so zum Beispiel meine). Große Zufahrtsstraßen und Hauptverkehrsadern wurden von Demonstrant*innen blockiert. Bei solchen „bloqueos“ wird mit großen Steinen und Absperrband verhindert, dass Autos und Busse die Straßen befahren können. Ausstände dieser Art finden in Bolivien mehr oder weniger regelmäßig statt. In Cochabamba kam es beispielsweise im Jahr 2000 im Rahmen des „Wasserkriegs von Cochabamba“ zu einem Generalstreik, mit dem die Bevölkerung die angestrebte Privatisierung der Wasserversorgung und die damit einhergehende Verdreifachung des Wasserpreises verhindern wollte. Tatsächlich fühlte sich die Regierung von den protestierenden Bürger*innen so stark unter Druck, dass die geplante Privatisierung gestoppt wurde.

Der Streik gestern lässt sich mit den im Jahr 2019 auf nationaler Ebene anstehenden Wahlen in Verbindung bringen. Hier in der Stadt kam es gestern zu Demonstrationszügen zweier Gruppen mit entgegengesetzten politischen Ausrichtungen: Zunächst zogen die sogenannten MASsistas, die Anhänger*innen der Regierungspartei MAS, der auch der momentane Präsident Boliviens, Evo Morales, ein ehemaliger Koka-Bauer, angehört. Viele seiner Anhänger*innen gehören indigenen Bevölkerungsgruppen an.

So oder so ähnlich könne Proteste gegen eine erneute Kandidatur Morales‘ aussehen. Das Bild stammt nicht von mir, doch die Urheberschaft wurde nirgendwo kenntlich gemacht.

Später am Tag demonstrierte eine beeindruckende Masse an Menschen, die mit der Bewegung „Bolivia dijo No“, zu Deutsch „Bolivien hat Nein gesagt“, sympathisieren. Diese Gruppe engagiert sich gegen eine erneute Kandidatur von Evo Morales für das Präsidentenamt bei den Wahlen im kommenden Jahr – es wäre seine dritte. Doch laut der bolivianischen Verfassung, die unter Evo Morales selbst in Kraft trat, sind einer Person nur zwei Amtszeiten als Präsident*in erlaubt.

Die Anhänger*innen sehen durch Morales angestrebte dritte offizielle Amtszeit die Demokratie im Land in Gefahr; Noch dazu kommt, dass im Jahr 2016 in Bolivien von der Regierung ein Referendum durchgeführt wurde, um eine Abschaffung des Paragraphen der Verfassung, der die Anzahl von Amtszeiten auf zwei beschränkt, zu legitimieren. Doch die Mehrheit der Bevölkerung sprach sich, wenn auch knapp, gegen die Verfassungsänderung aus. Dennoch hat Evo Morales vor kurzem seine erneute Kandidatur für das Präsident*innenamt bekannt gegeben. Gewählt wird nächstes Jahr, einmal im Januar, einmal im Oktober. Warum genau zweimal gewählt werden wird, ist mir bisher noch nicht klar. Weiß das zufällig jemand von euch?

Ich möchte noch hinzufügen, dass meiner Meinung nach die Verfassungswidrigkeit einer erneuten Kandidatur Morales‘ nicht der einzige Grund ist, warum Leute für „Bolivia dijo No“ auf die Straße gehen. Evo Morales‘ Politik hat in den vergangenen Jahren sehr stark auf die Verbesserung der Lage von Gruppen abgezielt, denen bisher wenig politischer Einfluss zugestanden wurde. Vor allem wohlhabendere Bevölkerungsschichten haben von den Veränderungen im Land nicht ausschließlich profitiert und teilen mit „Bolivia dijo No“ das Interesse daran, eine erneute Regierungsperiode unter Eva Morales zu verhindern.

Der gestrige Tag war ein Vorgeschmack auf die Proteste, die mit den immer näher rückenden Wahlen einhergehen werden. Meinem auf jeden Fall bisher noch recht oberflächlichem Eindruck nach sind Land und Bevölkerung gespalten: Einige verehren Evo für seine von sozialen Maßnahmen geprägte Politik, die vor allem bisher marginalisierten Bevölkerungsgruppen zu Gute kommt,  Andere sehen Bolivien an der Schwelle zur Diktatur. Zwischen den unterschiedlichen „Meinungsgruppen“ kommt zu Spannungen und wird es auch weiterhin zu Spannungen kommen.

Atempause.

Hier folgt nun nicht wie angekündigt etwas mehr zu der wirklich schönen Stadt, in der ich jetzt sein fast drei Wochen lebe, sondern ein mit einem Lächeln auf den Lippen verfasster Bericht über einen der schönsten Tage, die ich bisher in Bolivien verbringen durfte. Ich muss dieses Erlebnis teilen!

Am Sonntag morgen machten meine Mitbewohnerin und ich uns gnadenlos früh auf den Weg, um an einem von ihrem Studiengang, ihrer Universität aus organisiertem „Ausflug“ teilzunehmen. Doch Ausflug ist hier ein absolut unpassendes Wort, es war mehr eine Lieferung. Und zwar wurde innerhalb der Universität meiner Mitbewohnerin fleißig gesammelt, alles, was an Kleidung, Spielzeug und Essen aufzutreiben war. Damit machten wir uns dann in einer kleinen Gruppe Student*innen auf den Weg Richtung Oruro, einer anderen großen Stadt Boliviens, die ungefähr 4 Stunden entfernt und um einiges höher liegt, um in einigen Dörfern, die an der vielbefahrenen Straße nach Oruro liegen, die Spenden zu verteilen.

Doch auf den Weg gemacht haben wir uns nicht – wie von mir angenommen – in einem kleinen Bus, sondern auf der Ladefläche eines Pick-Ups, eingekeilt zwischen Haufen gespendeter Kleidung, einem Sack mit Brot für Straßenhunde und einem riesigen Topf Kartoffelsuppe, unserem Mittagessen. Ich genoss unsäglich das Gefühl, für längere Zeit unter freiem Himmel zu sein, die frischer werdende Luft einsaugend und die sich um uns herum erhebenden Bergketten bewundernd.

In den Dörfern verteilten wir dann Spielzeug und Kleidung an die Familien. Scheinbar waren ihnen Lieferungen dieser Art schon bekannten, denn kaum hielten wir auf einem der größeren Plätze in den Dörfern, waren wir sogleich von Müttern und Vätern mit ihren wuselnden Kindern umgeben. Obwohl wir eine riesige Menge an Sachen mitgebracht hatten, glich das Verteilen einer Art Kampf. Alle Eltern wünschten sich für ihre Kinder nur die schönsten Spielsachen, die wärmste Kleidung. Doch egal welches Spielzeug wir einem der Kinder in die Hand drückten, die Freude und Faszination war groß.

Ich möchte eigentlich nur noch Bilder sprechen lassen. Aber lasst mich noch eines festhalten: Was diesen Tag für mich so besonders gemacht hat, was das Gefühl, dem Land so nah zu kommen, wie in meinem Kosmos aus Privatschule und europäisch geprägter Großstadt noch nie zuvor. Ein Tag, der mir lange im Gedächtnis bleiben wird. Vielleicht auch, weil ich einen herrlichen Sonnenbrand von meiner Fahrt unter der brennenden Bergsonne davongetragen habe…



Arbeitsweisen.

Seit nunmehr zwei Wochen gehöre ich zum arbeitenden Teil der Bevölkerung. Jeden Morgen, von Montag bis Freitag, führt mich mein Weg um kurz nach 07:00 Uhr die Treppe unseres Apartmentblocks herunter, an unseren freundlich grüßenden porteros vorbei (viele vergleichsweise teure Unterkünfte in Cochabamba habe Portiere oder Portierinnen, die kontrollieren, wer das Gelände betritt) auf die vielbefahrenen Straße, an der unser Gebäude liegt. Von da an geht es immer weiter in den Norden Cochabambas, immer weiter den Berg hoch, näher an die gut über der Stadt sichtbaren Bergketten heran. Nach ungefähr einer halben Stunde, in der ich die noch frische Luft und sanfte Morgensonne genieße, zwischendurch aber auch immer wieder dicht befahrene Straßen kreuzen muss (ein wahres Abenteuer im morgendlichen Berufsverkehr!), erreiche ich mein Ziel, meinen Arbeitsplatz: das Colegio Alemán Federico Froebel, eine Privatschule, an der Kinder und Jugendliche im Alter von 4 bis 18 Jahren lernen.

Genauso lang lernen die Schüler*innen an der Froebel auch Deutsch. Bereits im Kindergarten, hier lustiger Weise nur „Kinder“ gennant, singen die Kinder einige Male in der Woche Lieder auf Deutsch, sagen laut Tiernamen oder Farben auf. Mit sechs Jahren beginnt dann die sogenannte „primaria“, also die Unterstufe. Ab der 7. Klasse gehören die Jugendlichen der „secundaria“ an. Mit dem Ende der 12. Klasse erhalten die Schüler*innen das bolivianische Pendant zum deutschen Abitur. Zusätzlich bietet die Schule die Möglichkeit, mit dem Bestehen einer der zwei DSD-Prüfungen (Deutsches Sprach-Diplom) ein Studium an einer deutschen Universität zu beginnen. Ein Studium an einer deutschen Hochschule ist für einige der Schüler*innen, mit denen ich arbeite, das ganz große Ziel. Sie wollen nach Aachen, Marburg oder Berlin, um dort eine ihrer Meinung nach bessere Ausbildung und mit einem deutschen Abschluss bessere Zukunftsmöglichkeiten, sowohl in Bolivien als auch anderswo, zu haben. Doch nicht allen Schüler*innen steht diese Möglichkeit offen, da nicht alle in der 11. oder 12. Klasse bereits das notwendige Niveau erreicht haben, um die doch sehr anspruchsvollen Prüfungen zu bestehen.

Da wären wir auch schon bei meinen „Aufgabenbereichen“ angekommen, wenn ich überhaupt von so etwas sprechen kann – eigentlich mache ich nämlich von allem ein wenig! Ich bin hauptsächlich mit der Unterstützung schwächerer Schüler*innen betraut; jeden Tag betreue ich mit einer deutschen Praktikantin gemeinsam eine kleine Gruppe aus einer bestimmten Jahrgangsstufe. Wir üben das Konjugieren von trennbaren Verben, exerzieren „müssen, sollen, dürfen“ rauf und runter oder spielen Galgenmännchen. Wichtig ist auch, zu versuchen, die Kinder zum Sprechen zu bewegen: Vielen ist es unangenehm, zu zeigen, dass sie auf viele Fragen nicht die richtige Antwort geben können. Deshalb schweigen sie lieber. Doch da wir zu zweit für meistens nicht mehr als zehn Schüler*innen zuständig sind, bietet sich oft die Gelegenheit, in noch kleineren Gruppen zu arbeiten – in denen fällt es dann gleich leichter!

Ansonsten gleicht im Colegio kein Tag dem anderen: Ich betrete morgens völlig unbedarft und ohne genauen Plan davon, wie der Vormittag verlaufen wird, das gemütliche Lehrer*innenzimmer der Deutsch-Abteilung. Vielleicht werde ich bis zur Nachhilfe um 12:00 keinen „Termin“ haben und die Zeit dafür nutzen, an Projekten, wie zum Beispiel einer Collage aus selbstgestalteten Mauerstücken für den Tag der deutschen Einheit oder einer deutschen Wandzeitung, zu arbeiten. Vielleicht werde ich aber auch von meiner Chefin oder einer meiner Kolleginnen mit „Hast du ein bisschen Zeit?“ begrüßt, was bedeutet, dass ich entweder eine Kollegin in ihrer Klasse unterstütze, eingesammelte Texte korrigiere oder nachschreibende Kinder beaufsichtige. Meine Tage sind bunt und intensiv, allerdings habe ich auch reichlich Zeit um mich eben in Projekte zu vertiefen, ein Pläuschchen mit den Lehrerinnen zu halten oder sogar an meinem Spanisch zu arbeiten.

Das also ist meine Arbeit. Ich bin weiterhin gespannt, was kommen wird: welche Projekte sich ergeben, wie sich die Dynamiken innerhalb des Kollegiums verändern werden (zwei Lehrerinnen gehen für zwei Monate an Schulen in Deutschland und wir bekommen Vertretungen dazu) und ob ich bis Weihnachten wohl im Stande sein werde, die Nachhilfeklassen allein, nicht wie bisher in Zusammenarbeit mit einer Praktikantin, zu leiten – bei solchen Rasselbanden gar nicht so einfach…

Leider kann ich diesem Beitrag keine Fotos anfügen: Innerhalb meiner Schule gibt es eine recht strenge Datenschutzrichtlinie, mit der ich mich noch nicht genau genug beschäftigt habe, um hier guten Gewissens Bilder zu teilen. Bei meinem nächsten Beitrag wird sich das allerdings ändern: Ich möchte mit euch eine virtuelle Tour durch meine Stadt unternehmen! Auf bald, meine Lieben.

Spurwechsel!

Gleich zu Beginn eine Absage an alle meine Tübinger Freund*innen, die den Titel dieses Beitrags gleich mit einem vor kurzen in der „Zeit“ erschienen Artikel zur deutschen Flüchtlingspolitik verbinden: Nein, heute soll es nicht um den allseits bekannten und beliebten Tübinger Bürgermeister Boris Palmer gehen, sondern darum, wie sich Bewegung und Transport für mich im Zuge meines Umzugs hierher verändert haben.

Ich bin geboren und aufgewachsen in Berlin, einer großen Stadt, in der bestimmt auch an der ein oder anderen Ecke die ein oder andere Gefahr lauert. Dennoch habe ich mich dort stets mit einem Gefühl der Sicherheit durch die Straßen bewegt, habe mir im Vornherein keine Gedanken darum gemacht, wie ich nach einem Barbesuch im Dunkeln und allein nachhause komme – ich bin einfach gefahren. Hier verhält sich das anders.

„Cochabamba ist gefährlich“, hieß es für mich gleich mehrfach in den ersten Tagen. Es gibt hier verschiedenstes zu beachten: So soll ich nicht nach Einbruch der Dunkelheit allein zu Fuß unterwegs sein, was dazu geführt hat, dass ich während meiner ersten Tage bei Einbruch der Dämmerung (was hier gegen 18 Uhr bedeutet) zügig unser Apartment-Gebäude, den sicheren Hafen, ansteuerte. Inzwischen hat sich das Ganze relativiert, „im Dunkeln nicht allein“ bedeutet möglichst nicht nach 22 Uhr die Straßen durchstreifen, davor ist das kein Problem. Ansonsten nehme ich einfach ein Taxi.

Einfach? Taxi? Nein, leider nicht. Zumindest nicht wenn ich verschiedensten wahren Geschichten über schreckliche Ereignisse Gehör schenke, die Leuten, Cochabambinos und Cochabambinas genauso wie Ausländer*innen, zugestoßen sind, welche sich nicht vergewissert haben, in ein lizensiertes Taxi zu steigen und daraufhin ausgeraubt wurden. Deshalb habe ich mir auf den Rat meiner lieben Mitbewohnerinnen eine Telefonnummer in meinem Telefon eingespeichert, die zu einem stadtbekannten Taxi-Unternehmen gehört – ich rufe mir also ein Taxi, wenn ich nachts nachhause gefahren werden möchte.

Warum ich nicht die öffentlichen Verkehrsmittel nutze, fragt ihr euch vielleicht. Tja. Auch das funktioniert hier anders: Es gibt keine Haltestellen, ich winke mir das jeweilige Gefährt (wovon es wirklich beeindruckend viele verschiedene gibt, doch dazu an anderer Stelle mehr!) an den Straßenrand und schwinge mich mehr hinein als dass ich einsteige – denn nur selten möchten die Fahrer*innen Zeit damit verschwenden, auf wenig geschickte Einsteiger*innen wie meine Wenigkeit zu warten. Doch das eigentliche „Problem“ (wenn ich überhaupt von einem Problem sprechen kann…) ist, dass es in meinem eigenen Ermessen liegt, wann ich denn das Kraftfahrzeug wieder verlassen möchte. Mit einem lauten „Voy abajar, por favor!“ muss ich mich bemerkbar machen, damit die Fahrer*innen verlangsamen. Das bedeutet, dass ich wissen muss, wie die Ecke aussieht, an der ich abgesetzt werde. DOCH DAS TUE ICH NICHT! Deshalb scheue ich oft noch davor zurück, die Trufis (so heißen die Minibusse hier) zu benutzen, wenn ich eigentlich  auch laufen kann.

Doch warum lasse ich mich jetzt hier so ausgiebig darüber aus, wie ich ich hier fortbewegen kann und vor welche Schwierigkeiten mich ebendiese Fortbewegung stellt? Weil ich mich hier in Cochabamba in einer mir bisher unbekannten Situation befinde: Ich bin auf gewisse Weise in meiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Diese Einschränkung betrifft mein tägliches Leben so sehr wie kaum eine andere Veränderung, die mein Umzug nach Bolivien mit sich brachte: Ich muss mich umstellen. Dieser Umstellung war ich mir im Vornherein bewusst; sie hat mir so einige Gedanken bereitet. Doch jetzt, wo ich hier bin, fällt mir die Anpassung nicht schwer: Ich kann ja doch machen, was ich möchte. Ich muss es nur eben anders machen. Bildlich gesprochen, fahre ich immer noch auf derselben Straße, aber auf einer anderen Spur. WAS FÜR EINEN BOGEN ICH HIER ZU MEINER ÜBERSCHRIFT SCHLAGE, ICH BIN STOLZ WIE BOLLE!

Vamos a ver. – Wir werden sehen.

„Vamos a ver“ oder „Wir werden sehen“ – Hiermit lässt sich meine Einstellung  für die kommenden zwölf Monate, für meine Zeit in Bolivien, kurz und knackig zusammenfassen, weshalb auch mein Blog diesen Titel trägt.

Dazu ein kurzer Schwenk in die Vergangenheit: Mit meiner Zusage an kulturweit, ab September 2018 für 12 Monate den Deutsch-Unterricht am Colegio Alemán Federico Froebel in Cochabamba, Bolivien zu unterstützen, war für mich bei Weitem noch nicht alles in trockenen Tüchern. Ich habe in der vergangenen Monaten hin und her überlegt, ob ich Deutschland verlassen soll oder nicht, jeden Gedanken wie ein besonders dickes Buch (Tolstoi?) hin und her gewälzt. Habe mir die verschiedensten Szenarien ausgemalt, von himmelhochjauchzendend bis zu solchen, die mir ziemliche Bauchschmerzen bereitet haben.

Doch warum habe ich mich so entschieden, wie ich mich entschieden habe? Warum sitze ich heute, Sonntag, den 16. September 2018, an meinem Schreibtisch in der Sonne Cochabamba, von dem aus sich mir über den Smog der Stadt hinweg der Blick über die von Wolken verhangenen Gipfel des naheliegenden Gebirges offenbart? Warum habe ich mich für dieses Jahr voller Unwägbarkeiten entschieden, voller Ereignisse, die ich nicht voraussehen geschweige denn planen kann? Genau deswegen.

Auf meinem ebenso intensiven wie inspirierenden Vorbereitungsseminar habe ich eine Gruppe von Leuten kennengelernt, denen ich eben diese Ängste, die Angst vor dem Kontrollverlust, die Angst vor der Orientierungslosigkeit, schildern konnte. Ihre Antwort darauf war zugleich eine ganze Einstellung: „Das wird schon werden“, sagten sie. Oder, so ähnlich, auf Spanisch: „Vamos a ver“, „Wir werden sehen“.

Ich kann nicht wissen, was kommt. Doch ich bin von Vorfreude erfüllt und sehr froh darüber, dort zu stehen, wo ich gerade stehe: Morgen beginnt meine Arbeit in meiner Einsatzstelle. Ich bin gespannt!

Auf diesem Blog hoffe ich, mir Frust und (bestimmt viel mehr!) Freude von der Seele schreiben zu können. Und ich hoffe, dass meine zukünftigen Ergüsse einige von euch da draußen interessieren und vielleicht sogar inspirieren. Auf bald!