{"id":76,"date":"2022-11-04T11:03:30","date_gmt":"2022-11-04T03:03:30","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/ulaanbaatar\/?p=76"},"modified":"2022-11-04T11:04:14","modified_gmt":"2022-11-04T03:04:14","slug":"erste-arbeitstage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/ulaanbaatar\/2022\/11\/04\/erste-arbeitstage\/","title":{"rendered":"Erste Arbeitstage"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-weight: 400\">Ich habe zw\u00f6lf Jahre meines Lebens damit verbracht zu hoffen und beten, dass meine Zeit in der Schule endlich ein Ende findet, nur um mich jetzt &#8211; nicht einmal ein halbes Jahr nach Erhalt meines Abschlusszeugnisses &#8211; erneut in einer Schule wiederzufinden. Irgendwie schon ein bisschen ironisch, oder?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Um ehrlich zu sein, wollte ich eigentlich auch gar nicht an einer Schule arbeiten. W\u00e4hrend meiner Bewerbung habe ich so ziemlich alles, was nicht in die Kategorie Schule f\u00e4llt, als Erstwahl angegeben. Selbst ins Arch\u00e4ologische Institut in der Mitte vom nirgendwo w\u00e4re ich lieber gegangen und das obwohl ich Geschichte bereits vor drei Jahren abgew\u00e4hlt habe.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Es ist nicht einmal so, dass ich irgendwie eine Abneigung gegen\u00fcber Kindern habe, ganz im Gegenteil, ich spiele gerne mit ihnen. Ich bin nur nicht einmal ansatzweise hierf\u00fcr qualifiziert. Meine geheime Hoffnung war, mein FSJ wie ein Praktikum zu behandeln und bei einer Einsatzstelle wie der Deutschen Welle praktische Erfahrungen zu sammeln, anstatt selbst in die Rolle einer Lehrenden zu schl\u00fcpfen. Ich habe mich schlie\u00dflich die letzten zwei Jahre nahezu g\u00e4nzlich auf Englisch verst\u00e4ndigt und au\u00dferdem kann ich auch, egal in welcher Sprache, immer noch keine Kommas richtig setzen. Klar bin ich deutsche Muttersprachlerin, aber ausgebildet um anderen beim Erlernen der Sprache zu helfen, bin ich trotzdem nicht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Aber andererseits frage ich mich manchmal, wer \u00fcberhaupt f\u00fcr seinen jetzigen Beruf qualifiziert ist. Dies ist keineswegs abwertend gemeint, aber welcher Student erinnert sich zum Zeitpunkt seiner Bachelorarbeit noch an die Kursinhalte seines ersten Semesters an der Uni? Mein Vater hat eigentlich einen Doktor in Meeresbiologie, aber arbeitet jetzt f\u00fcr das Deutsche Zentrum f\u00fcr Luft- und Raumfahrt in Bonn im Bereich des Projektmanagements in Zusammenarbeit mit Afrika. Mit seinem eigentlichen Studium hat das also eigentlich eher weniger zu tun und nichtsdestotrotz funktioniert es und zwar gut.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Ich glaube, mit der richtigen Unterweisung kann man vermutlich alles m\u00f6gliche hinkriegen, selbst ohne die n\u00f6tigen Qualifikationen auf Papier. Das einzige was wirklich z\u00e4hlt ist den richtigen Eindruck zu hinterlassen und dem Gegen\u00fcber irgendwie zu vermitteln, dass man genau wei\u00df was man tut, selbst wenn dies nicht ferner von der Realit\u00e4t sein k\u00f6nnte. Und so habe ich die ersten paar Tage auf Arbeit damit verbracht s\u00e4mtliches Allgemeinwissen, was ich mir in meinen 18. Lebensjahren angeeignet habe, darauf zu verwenden, ein nahezu makelloses Bild meiner selbst zu kreieren oder es zumindest zu versuchen.<\/span><\/p>\n<p><strong>Schritt Nr. 1: Professionell aussehen<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Ihr habt vermutlich alle schon mal die Redewendung \u201eKleider machen Leute\u201d geh\u00f6rt und ich geh\u00f6re zu den Leuten, die der festen Ansicht sind, dass das stimmt. An dieser Stelle an die Leute die ich kenne: Bevor ihr alle heimlich anfangt zu schmunzeln, mir ist durchaus bewusst, dass ich einen bedeutenden Teil meiner Zeit in Jogginghosen und irgendwelchen zu gro\u00dfen T-Shirts verbringe, aber man kann ja zumindest versuchen sein Verhalten zu \u00e4ndern. Denn die vermutlich erste Sache, die mir in Ulaanbaatar aufgefallen ist, ist, dass ausnahmslos alle und zwar wirklich alle schick angezogen sind. Selbst die Leute im Supermarkt wirken dank Make Up und immerzu gestylten Haaren auf eine m\u00fchelose und nat\u00fcrliche Art elegant. Also habe ich beschlossen, Teil von ihnen zu werden oder zumindest genug Arbeit in mein Erscheinungsbild zu stecken, um nicht allzu sehr aus der Masse herauszustechen. Schlie\u00dflich ist als 18. J\u00e4hrige ernst genommen zu werden auch ohne Leggings und \u00fcbergro\u00dfe Pullis schon schwierig genug. Und zumindest f\u00fcr die ersten paar Tage hat meine Motivation, mich etwas schicker anzuziehen, auch gehalten und schlie\u00dflich ist es letztendlich ja auch vor allem der erste Eindruck, der z\u00e4hlt.<\/span><\/p>\n<p><strong>Schritt Nr. 2: L\u00e4cheln, l\u00e4cheln und noch mehr l\u00e4cheln<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Ich habe mich ja eben bereits einer Redewendung bedient und genau dasselbe werde ich jetzt wieder tun, wobei der Ausdruck \u201eStur l\u00e4cheln und winken\u201d nicht ganz so eine alteingesessenen gesellschaftliche Herkunft hat, sondern aus der Zeichentrick Serie \u201cDie Pinguine aus Madagascar\u201d f\u00fcr kleine Kinder kommt. L\u00e4cheln und Winken ist jedenfalls genau das, was ich an meinem ersten Tag als Lehrerinnenassistentin getan habe oder wie auch immer man meinen Job jetzt letztendlich nennen will. Ich glaube, ich habe es so letztendlich auch geschafft, ganz nett zu wirken.<\/span><\/p>\n<p><strong>Schritt Nr. 3: Einfach nur zuh\u00f6ren<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Wenn du selbst absolut nichts wei\u00dft, dann willst du vermutlich auch nicht in einer Position sein, wo du auch nur ansatzweise etwas erkl\u00e4ren musst und deshalb ist Tipp Nr. 3 zuh\u00f6ren und andere Leute das Reden \u00fcbernehmen lassen. Alles was du tun musst ist so lange warten, bis sie irgendetwas erw\u00e4hnen wovon du auch nur ansatzweise Ahnung hast und es als Anker benutzen, um dann schnell eine einfache Nachfrage stellen und meistens hast du sie dann dazu gebracht weiterzureden und wirkst trotz minimalem Aufwand nicht g\u00e4nzlich dumm.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Das ist jetzt zwar nur eine sehr stark vereinfachte Theorie und nat\u00fcrlich gibt es im echten Leben zig tausend Variablen, aber trotz allem ist mein erster Tag in der Schule au\u00dferordentlich gut verlaufen. So gut, dass ich am Ende vor mich hin grinsend mit einem Blumenstrau\u00df in der Hand nach Hause gelaufen bin. Die Blumen stehen \u00fcbrigens, obwohl schon lange verwelkt, immer noch in meinem Zimmer rum. Das liegt allerdings weniger an ihrer emotionalen Bedeutung, sondern vor allem an einer gewissen Tr\u00e4gheit meinerseits<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Montag verlief deutlich ereignisloser und ich habe letztendlich den gesamten Tag damit verbracht, der Lehrerin von einem Klassenzimmer zum n\u00e4chsten hinterherzulaufen, nur um dann ganz hinten im Zimmer zu sitzen und auf das Ende des Tages zu warten. Mehr als ein paar Worte habe ich an dem Tag mit den Sch\u00fclern nicht gewechselt. Aber ein langweiliger Tag ohne Katastrophen ist immernoch ein erfolgreicher Tag.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Dann begann am Dienstag mein erster richtiger Arbeitstag. Da eine aktive Mithilfe meinerseits am Unterricht wohl nicht effektiv gewesen w\u00e4re, hat die Lehrerin ein Konzept entwickelt, welchem zufolge immer eine kleine Gruppe Sch\u00fcler von der eigentlichen Klasse getrennt wird und mit mir gemeinsam spielerisch Deutsch \u00fcbt. Ziel dahinter war ihr zufolge vor allem, dass die Sch\u00fcler auf Deutsch sprechen \u00fcben, da dies im sonstigen Frontalunterricht oft zu kurz kommt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">In Bezug auf irgendwie so wirken, als ob man auch nur die geringste Ahnung von irgendwas hat, war dies definitiv der schwerste Tag. Denn essentiell bestand er eigentlich nur aus auf der Stelle improvisieren, aber somit war er auch der interessanteste Tag, was Erfahrungen angeht. Ich habe n\u00e4mlich zum ersten Mal meine Beobachterrolle verlassen und direkt mit den Sch\u00fclern zusammengearbeitet.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Die Sch\u00fcler selbst sind unglaublich. Sie sind neugierig, motiviert, aufgeschlossen und tierisch intelligent. Sie haben mir ein traditionelles mongolisches Spiel beigebracht, bei welchem Knochen \u00fcber den Boden geschnipst werden und obwohl ich die Regeln noch nicht g\u00e4nzlich verstehe, bin ich dennoch unglaublich gl\u00fccklich und erleichtert, dass sie mich so schnell in ihre Gemeinschaft aufgenommen haben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Es ist vielleicht ein selbsts\u00fcchtiger und egoistischer Gedanke, aber ich bin froh nicht die Person zu sein, welche allzu sehr aus der Masse heraussticht, sondern auf gewisse Weise Teil der Gruppe geworden zu sein, insbesondere da ich hier als Ausl\u00e4nderin mit blonden Haaren auch so schon genug auffalle.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_77\" style=\"width: 1135px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/ulaanbaatar\/files\/2022\/11\/ea.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-77\" class=\"size-full wp-image-77\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/ulaanbaatar\/files\/2022\/11\/ea.jpg\" alt=\"\" width=\"1125\" height=\"845\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/ulaanbaatar\/files\/2022\/11\/ea.jpg 1125w, https:\/\/kulturweit.blog\/ulaanbaatar\/files\/2022\/11\/ea-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/ulaanbaatar\/files\/2022\/11\/ea-1024x769.jpg 1024w, https:\/\/kulturweit.blog\/ulaanbaatar\/files\/2022\/11\/ea-768x577.jpg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/ulaanbaatar\/files\/2022\/11\/ea-624x469.jpg 624w\" sizes=\"(max-width: 1125px) 100vw, 1125px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-77\" class=\"wp-caption-text\">Selfie mit den Sch\u00fclern der 8. Klasse<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe zw\u00f6lf Jahre meines Lebens damit verbracht zu hoffen und beten, dass meine Zeit in der Schule endlich ein Ende findet, nur um mich jetzt &#8211; nicht einmal ein halbes Jahr nach Erhalt meines Abschlusszeugnisses &#8211; erneut in einer Schule wiederzufinden. Irgendwie schon ein bisschen ironisch, oder? 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