{"id":48,"date":"2022-10-06T12:38:28","date_gmt":"2022-10-06T04:38:28","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/ulaanbaatar\/?p=48"},"modified":"2022-10-06T12:59:26","modified_gmt":"2022-10-06T04:59:26","slug":"vor-dem-sprung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/ulaanbaatar\/2022\/10\/06\/vor-dem-sprung\/","title":{"rendered":"Vor dem Sprung"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-weight: 400\">Bevor wir alle in die Flieger gestiegen sind und uns in Richtung unserer Einsatzl\u00e4nder aufgemacht haben, hatten wir alle gemeinsam ein 10-t\u00e4giges Vorbereitungsseminar am Werbellinsee in Berlin. Angeblich, um zu vermeiden, dass sich in uns das Gef\u00fchl breitmacht, g\u00e4nzlich ins kalte Wasser geworfen zu werden, wenn wir denn dann sp\u00e4ter in alle Welt aufbrechen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Wir hatten etwas \u00fcber eine Woche voller Theorie bez\u00fcglich Kolonialismus, Rassismus, interkultureller Sensibilisierung und \u00fcber die Importanz Geschichten auf eine \u201cfaire\u201d Art und Weise zu erz\u00e4hlen. Aber wie wir Seiten \u00fcber Seiten an Informationen geh\u00e4ndigt bekommen haben, begannen die Tage sich zu strecken, wurden immer l\u00e4nger. Die Zeit schien, falls \u00fcberhaupt, dann nur unendlich langsam zu verstreichen.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Jeden Morgen drei Stunden lang \u00fcber Massenmorde und alles \u00dcbel in der Welt zu lernen und dann nach einer kurzen Mittagspause voller Kraft und Energie zu sein, um diese Themen nochmals auseinanderzunehmen und zu diskutieren, ist nicht mehr als eine Wunschvorstellung. Eine \u00dcbersch\u00e4tzung des eigenen, menschlichen Potenzials und Leistung. Dies sind keine Themen, die man leichtfertig verkraftet. Es braucht Zeit, um Informationen wie diese zu verarbeiten, da sie einem sonst irgendwann einen zu gro\u00dfen Tribut abverlangen.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Und so kam es dazu, dass als die Bar auf dem Seminargel\u00e4nde aufmachte, sich ein monotoner Beigeschmack an die Tage anhaftete. Die meisten von uns wachten kurz vor neun auf, ausgelaugt und \u00fcberm\u00fcdet von den zu kurzen N\u00e4chten, manche noch leicht verkatert. Gerade noch rechtzeitig, um die \u00dcberbleibsel vom Fr\u00fchst\u00fcck einzusammeln. Die Vormittage begannen zu verschwimmen, nahtlos ineinander \u00fcberzugehen. Die meisten von uns zu m\u00fcde und ersch\u00f6pft, um den Seminarinhalten noch volle Aufmerksamkeit zu schenken.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Dann begann das Mittagessen, eine Kombination aus 50% vegetarischem und 50% veganem Essen. Ein Segen f\u00fcr manche und gleichzeitig Grund f\u00fcr einen Aufschrei von vielen anderen. Ich pers\u00f6nlich geh\u00f6rte zu den Personen, die am Essen nicht viel zu beanstanden fanden und allgemein damit zufrieden waren. Aber nach zwei Jahren Internatsessen k\u00f6nnte man mir wahrscheinlich auch alles m\u00f6gliche vorlegen und solange es nicht in \u00d6l schwimmt und zumindest etwas Geschmack hat, w\u00fcrde ich gl\u00fccklich sein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Die Nachmittage bestanden meistens aus einer Vielzahl von Workshops, wobei die Themen selbst bei weitem nicht vielf\u00e4ltig waren. Waren doch die Inhalte letztendlich alle nahezu identisch, lediglich getarnt durch leichte Unterschiede in der Namensgebung der Workshops. Lediglich ein paar grenzten sich von der Mehrheit ab: Workshops f\u00fcr BiPoc Leute (Black, Indigenous, People of Color) und Menschen aus sozial schw\u00e4cheren Familien. Sie stachen vor allem dadurch aus der Masse heraus, dass von den Aush\u00e4ngen f\u00fcr besagte Workshops kaum Zettel zur Teilnahme abgerissen wurden. Von wem sollten sie das denn auch? Obwohl wir \u00fcber 300 Seminarteilnehmer waren, war ich in der Lage, s\u00e4mtliche BiPoc Leute an einer Hand aufzuz\u00e4hlen und praktisch jede Person, mit der ich w\u00e4hrend des Seminars gesprochen habe, hatte gerade ihr Abitur abgeschlossen oder war bereits im Studium. Es stimmt zwar, kulturweit verlangt von seinen Teilnehmern keine Hochschulzulassung, aber es ist nun mal nichtsdestotrotz auf eine bestimmte Personengruppe ausgelegt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Dies wurde auch den meisten anderen Teilnehmern nach einem sogenannten Diskussionsabend bewusst. Es ging um verschiedene Perspektiven bez\u00fcglich der Kritik an kulturweit. Das Problem mit den verschiedenen Perspektiven war, dass sie eigentlich gar nicht so verschieden waren. Waren doch s\u00e4mtliche Podiumsteilnehmer Mitarbeiter von kulturweit. So wurden dann also verschiedene Artikel, in welchen kulturweit kritisiert wird, vorgelesen, nur um dann einstimmig entkr\u00e4ftet zu werden. Das Konzept, sich mit der Kritik auseinanderzusetzen, an sich eigentlich ein nobles, nur wirkte die gesamte Diskussion zu scheinheilig, zu sehr wie eine Predigt, in welcher eigentlich nur die eigenen Interessen gest\u00e4rkt werden sollen. So ist etwas, dass vom Prinzip her eigentlich gar keine schlechte Idee war zum kleinen seminareigenen Skandal geworden. Ich selbst bin zwiegespalten und kenne mich, um ehrlich zu sein, auch gar nicht genug mit der Thematik aus, um ein reflektiertes Statement abzugeben. Was ich allerdings im\u00a0 Vergleich zu vielen anderen habe, ist meine lange Erfahrung im Ausland. Mein Aufwachsen in zwei g\u00e4nzlich verschiedenen Welten. Um ehrlich zu sein, ich glaube nicht, dass das, was wir hier tun, verwerflich ist. Ist kulturweit perfekt? Bei weitem nicht, aber wer sich selbst als Verbreiter von Kolonialismus sieht, weil er an einem Programm wie diesem teilnimmt, mutet sich meiner Ansicht nach selbst zu viel Bedeutung zu. Die meisten von uns sind gerade mal ein halbes Jahr im Ausland und auch wenn manche von uns beim Deutschunterricht helfen, ist unsere Pr\u00e4senz an den Schulen kaum lang genug, um einen bleibenden Eindruck im Land zu hinterlassen. Wenn du an einem Programm wie diesem teilnimmst, wirst du f\u00fcr etwas Abwechslung im Leben der Sch\u00fcler sorgen und vielleicht ein paar Lehrkr\u00e4fte entlasten. Wobei selber Unterrichten, d\u00fcrfen wir ja auch sowieso gar nicht. Aber wie gesagt, ich bin eigentlich gar nicht befugt, Themen wie diese zu kommentieren, schlie\u00dflich ist mein eigenes Wissen auch mehr als l\u00fcckenhaft.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Wobei ich durchaus viel auf dem Seminar gelernt habe. Das einzige Problem mit meinem neuen Wissen ist, dass es nahezu komplett aus Theorie besteht. Aus Dingen, die gut zu wissen, aber schwer auf die reale Welt zu \u00fcbertragen sind. Wir haben uns etwa viel Wissen \u00fcber interkulturelle Sensibilit\u00e4t angeeignet, ohne tats\u00e4chlich irgendetwas \u00fcber die Kulturen in unseren Einsatzl\u00e4ndern zu lernen. Und wie kann man Missverst\u00e4ndnisse oder Statements, welche eine starke emotionale Reaktion bei bestimmten V\u00f6lkern hervorrufen, vermeiden, wenn man nichts \u00fcber besagte V\u00f6lker lernt?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Und so wurden wir letztendlich trotz allem ins eiskalte Wasser geworfen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Aber ich kann euch einen kleinen, fl\u00fcchtigen Blick in die Zukunft geben: Obwohl manche von uns verzweifelt versuchen, ihren Kopf \u00fcber Wasser zu halten, w\u00e4hrend andere von uns mit Leichtigkeit hindurch schwimmen, ist noch niemand gesunken.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_53\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/ulaanbaatar\/files\/2022\/10\/sik5.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-53\" class=\"wp-image-53 size-full\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/ulaanbaatar\/files\/2022\/10\/sik5.jpg\" 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\/><\/a><p id=\"caption-attachment-52\" class=\"wp-caption-text\">Ausblick auf den Werbellinsee 4<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_50\" style=\"width: 778px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/ulaanbaatar\/files\/2022\/10\/sik.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-50\" class=\"wp-image-50 size-full\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/ulaanbaatar\/files\/2022\/10\/sik.jpg\" alt=\"\" width=\"768\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/ulaanbaatar\/files\/2022\/10\/sik.jpg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/ulaanbaatar\/files\/2022\/10\/sik-300x400.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/ulaanbaatar\/files\/2022\/10\/sik-624x832.jpg 624w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-50\" class=\"wp-caption-text\">Zusammen mit Jola in Laurins H\u00e4ngematte am letzten Tag<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bevor wir alle in die Flieger 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