Tag 145 – Mein kulturweit-Projekt

Liebe Leser_innen,

mein Projekt ist jetzt endlich fertig! Es ist ein Video mit dem Titel „14 deutsche Wörter, die wörtlich eigentlich sinnlos sind“. Anschauen könnt ihr euch es hier:

Die konkrete Idee zu diesem Projekt kam mir ein paar Wochen nach meiner Ankunft in Ufa, aber die Inspiration war schon vorher da. Ich hatte mich nämlich auf dem Vorbereitungsseminar mit einer Freiwilligen aus meiner Homezone, Eléna Mayer, unterhalten, die ihren Freiwilligendienst in der Mongolei macht. Sie hatte schon angefangen, Mongolisch zu lernen und ihr war aufgefallen, dass es in dieser Sprache viele Wörter gibt, die auf einfachen Beobachtungen basieren. Dann stellten wir fest, dass es im Deutschen auch einige solcher Wörter gibt, wie zum Beispiel Stinktier, Vielfraß oder Grashüpfer. Ich dachte noch einige Zeit darüber nach, bevor mir einige Wörter einfielen, die eben keinen Sinn ergeben, wenn man sie wörtlich nimmt. Das erste, was mir einfiel, war „Maulwurf“. In den nächsten Wochen schrieb ich alle Wörter auf, die mir einfielen oder die ich in Büchern fand. Als ich dann 15 zusammen hatte, überlegte ich, was ich jetzt damit machen könnte, und schnell kam mir die Idee, die Einzelbestandteile sowie die „fertigen“ Wörter von Schülern malen zu lassen und in einem Video zu zeigen, um bildlich veranschaulichen zu können, wie unlogisch die Wörter sind. Natürlich sind nicht alle total sinnlos – mir ist die Etymologie der meisten Wörter durchaus bewusst, und ich finde auch persönlich nicht alle gleich gut und lustig. Trotzdem fand ich, dass es sich lohnte, dieses Projekt durchzuführen, auch deshalb, weil ich zu diesem Thema so gut wie nichts im Internet gefunden habe.

Ich habe mich übrigens nicht vertippt – ursprünglich waren es tatsächlich 15 Wörter (Hexenschuss wäre das letzte gewesen), aber leider hat mich die dafür zuständige Schülerin immer vertröstet, hat mir aber nie die Bilder gegeben, und ich konnte auch niemanden mehr finden, der mir diese Bilder noch gemalt hätte. Ich bin auch selbst wirklich gar nicht zeichnerisch begabt, sonst hätte ich mich wahrscheinlich noch selber hingesetzt und die Bilder gemalt.

Die Konzeption dieses Projektes eignete sich auch perfekt für die Zeit meiner schulischen Beschäftigung hier – es musste etwas sein, bei dem die Arbeit der Schüler innerhalb der Schulzeit, also bis Ende Mai, abgeschlossen wäre. So konnten die Schüler mir bis Ende Mai ihre Bilder geben, und in den Sommerferien konnte ich alleine arbeiten, also die ganze Arbeit am Video erledigen.
Falls ihr euch jetzt fragt, warum ich denn dann nicht gleich alleine ein Projekt gemacht habe: ich möchte dieses Projekt beim PASCH-Projektwettbewerb einreichen, und da ist die Voraussetzung, dass mindestens fünf Schüler_innen an dem Projekt beteiligt sind. (Was ist denn jetzt PASCH schon wieder?)

Ich hoffe jedenfalls, dass euch das Video gefällt und dass ihr das ein oder andere Wort erraten könnt 😉

Tag 55 – Kurzes Projekt-Update

Liebe Leser_innen,

ein kurzes Update zu meinem Projekt: es sind heute tatsächlich 15 Schüler_innen zu meinem zweiten Versuch eines Projekttreffens gekommen! Zwar nicht alle von denen, die sich eingetragen und angemeldet hatten, aber es tauchten plötzlich noch 7 Schülerinnen aus der 6. Klasse auf, denen ich mein Projekt gar nicht vorgestellt hatte (und niemand wollte mir verraten, wer ihnen Bescheid gesagt hatte 😉 ). Ich dachte nämlich, es wird zu schwierig, ihnen das Projekt zu erklären, weil sie noch nicht so gut Deutsch sprechen. Aber die älteren Schülerinnen haben, wenn es nötig war, übersetzt – und es sind jetzt tatsächlich alle Aufgaben verteilt und es sieht gut aus, dass die Arbeit von den Schülern vor den Ferien fertig wird. Die restliche Arbeit am Projekt ist dann meine Aufgabe – während die Schüler Ferien haben, werde ich alles zusammensetzen und etwas daraus machen, was sich (hoffentlich) sehen lassen kann! Wer jetzt neugierig ist, was denn eigentlich das Projekt ist, den muss ich leider so lange vertrösten, bis das Endergebnis fertig ist…

Und was habe ich heute gelernt?
1. Man muss die Leute wirklich mehrmals persönlich und schriftlich an einen Termin erinnern, und selbst dann gibt es noch welche, die es vergessen.
2. Nach einem gescheiterten Versuch darf man nicht gleich aufgeben. Beim zweiten Mal hat es ja doch geklappt.
3. Ich sollte nicht alles persönlich nehmen. Die Schüler hatten letzte Woche tatsächlich Unterricht und Prüfungen und haben halt vergessen, mir das vorher zu sagen. Aber trotz aller Verpeiltheit habe ich heute gemerkt, dass sie (fast) alle wirklich mitmachen wollen.
4. Vielleicht sollte ich wirklich Lehramt studieren. Heute hatte ich wieder einen dieser Momente, wo ich mich vor den Schülern absolut wohl und am richtigen Platz gefühlt habe. Und in den nächsten zwei Wochen wird diese Entscheidung hoffentlich mal vorankommen, denn da habe ich zwei Deutschklassen jeweils 5 Stunden die Woche, also 20 Stunden Deutschunterricht alleine.

Ich bin jedenfalls gerade vollkommen glücklich mit allem und meine Motivation, die sich letzte Woche einige Male schmollend unter dem Bett verkrochen hatte, ist jetzt mit einem großen Sprung wieder rausgekommen und hüpft fröhlich um mich herum. Um mal ein bisschen bildhafte Sprache in diesen Blog reinzubringen…

Tag 53 – Frühling?

Liebe Leser_innen,

jetzt ist endlich der Moment gekommen, dass hier besseres Wetter ist als in Deutschland. Geschneit hat es schon länger nicht mehr, und manchmal hat es sogar über 10 Grad. Aprilwetter haben wir hier trotzdem: am Mittwoch hatte es 3 Grad mit Regen, am Donnerstag 17 Grad bei strahlendem Sonnenschein, und gestern 2 Grad mit sehr starkem Wind. Sowieso ist es meistens sehr windig, und jetzt, da der ganze Schnee geschmolzen ist, kommt der ganze Dreck zum Vorschein, der im Schnee überwintert hatte und der jetzt als Sand und Staub über die Straßen weht. Jetzt wird auch wieder viel gebaut und die Straßen müssen repariert werden, also kommt der Baustaub noch dazu. Vorher ist mir nie aufgefallen, dass in Deutschland der Baustellendreck gleich weggewaschen wird (s. Svetlanas Kindheitserinnerungen). Jetzt weiß ich das sehr zu schätzen…

Heute war außerdem Subbotnik (letzte Woche ist das wegen Regen ausgefallen) und die Schüler ab der 7. Klasse haben draußen die Gehwege gekehrt, den restlichen Schnee weggeschaufelt, Laub von den Wiesen gekehrt und Müll aufgesammelt. Bei vielen Schülern sah das so aus: die Mädchen standen kichernd in Grüppchen zusammen und haben hin und wieder mal etwas aufgehoben und die Jungs haben sich mit Schnee und Blättern beworfen… aber größtenteils ist doch alles ziemlich sauber jetzt. Nur, den Staub und Sand wegzukehren, sah nach einer ziemlichen Sisyphusarbeit aus, weil der Wind die fein säuberlich zusammengekehrten Häufchen immer wieder über die Straße verteilt hat. Trotzdem waren wahrscheinlich alle Schüler froh, dass sie keinen Unterricht hatten (und ich auch!). So ein freier Samstag ist schon ein Luxus!

Letzte Woche habe ich entdeckt, dass ich, obwohl ich in einer großen Hochhaussiedlung wohne, in 5 Minuten zu Fuß in der Natur sein kann, weil ich ganz am Rand von Djoma wohne.

Das ist das Haus, in dem ich wohne.

 

5 Minuten davon entfernt beginnt ein Fahrradweg.

 

Und wenn man die Siedlung und die Baustellen hinter sich lässt…

 

…kommt man auf ein großes, endlos scheinendes Feld.

 

Und wenn man dem Fahrradweg eine Weile folgt, ist die Siedlung plötzlich ganz klein.

Mehr Fotos mache ich, wenn das Wetter schöner ist und mir beim Fotografieren nicht mehr die Hände einfrieren. Und über den Fortschritt meines Projekts werde ich nächste Woche berichten, wenn feststeht, ob das Projekt stattfinden kann. Letzte Woche ist nämlich niemand zum Treffen gekommen, weil plötzlich doch niemand Zeit hatte, obwohl mir die allermeisten gesagt hatten, dass sie auf jeden Fall kommen. Am Montag gibt es einen zweiten Versuch (diesmal sage ich tatsächlich jeder Person vorher mehrmals persönlich und über WhatsApp und über VKontakte Bescheid, weil offenbar niemand einen Kalender oder sowas besitzt), und wenn dann wieder keiner kommt, dann mache ich ein Projekt, das ich alleine durchführen kann, denn so viel Geduld habe ich nicht und auch nicht die Zeit, um mich ewig mit einem Projekt aufzuhalten, bei dem ich auf Schüler angewiesen bin, die sich nicht an Termine halten. Damit entspreche ich jetzt natürlich total dem Klischee der pünktlichen, strengen Deutschen, aber russische Spontaneität kann ich bei einem Projekt mit mehreren Schülern aus mehreren Klassen wirklich nicht gebrauchen…
Die Hoffnung, dass alle am Montag kommen, habe ich sowieso schon aufgegeben, aber vielleicht kommen ja zumindest so viele, dass man das Projekt noch durchführen kann.

Ich bleibe optimistisch!

Tag 24 – Grau mit Aussicht auf Schnee

Liebe Leser_innen,

heute hat es zum ersten Mal, seit ich hier bin, geschneit. Aber nicht so puderzucker-märchenwald-zauberhaft-mäßig, sondern mehr so „Och nööö, es liegt doch schon genug Schnee!“ Es hat zwar nur wenig geschneit, aber trotzdem war der Himmel grau und zugezogen. Bis jetzt war es immer trocken und meistens sonnig. Meine Stimmung und die der anderen Lehrer war entsprechend gedrückt und obwohl es der letzte Schultag vor den Frühlingsferien war, herrschte eine gereizte und gestresste Stimmung, weil in den Ferien die mündlichen DSD2-Prüfungen stattfinden. Irgendwie alles grau heute.

Noch dazu kam ich zu spät in meine erste Stunde, weil die Stunden heute jeweils zehn Minuten kürzer waren, damit man nach Schulschluss noch genug Zeit hat, die Schule für die Ferien aufzuräumen und zu putzen. Das habe ich aber erst erfahren, als ich um fünf vor neun im Lehrerzimmer stand und auf die Lehrerin gewartet habe, in deren Unterricht ich gehen sollte. Eine andere Lehrerin schaute mich ganz erstaunt an und fragte: „Willst du zu N.? Die hat schon längst angefangen, heute sind doch die Stunden kürzer!“ Wieder was gelernt. Aber – eigentlich gar keine schlechte Methode, um am letzten Schultag weniger Unterricht zu haben, ohne dass ganze Fächer ausfallen müssen.

Ich bin jedenfalls froh über die Ferien, denn die ersten zwei Wochen waren ziemlich anstrengend und diese gestresste Prüfungsstimmung macht es auch nicht besser… In den Ferien werde ich dann meine ersten Russischstunden bei einer Privatlehrerin haben, die auch meinem Vorgänger Unterricht gegeben hat. Einige Schüler haben mir angeboten, mir die Stadt zu zeigen und am Wochenende werde ich mit der Tochter der Schulleiterin und ihren Freunden eine Wanderung im Taganay-Nationalpark machen. Den Fotos nach zu urteilen ist das ein echtes Winter-Wonderland… Ich hoffe, dass dort das Wetter besser ist als in der Stadt, damit ich auch schöne Fotos machen kann, auf denen man mehr sieht als Schnee und Nebel und Wolken.

Es war allerdings gar nicht so leicht, sich passende Ausrüstung zu besorgen. Zuhause hätte ich alles gehabt, gute Bergschuhe, eine wasserdichte Schneehose und einen Wanderrucksack. Hier habe ich schon Schwierigkeiten, jemanden zu finden, der Schuhgröße 40 hat (und mir dann auch noch geeignete Schuhe ausleihen kann). Hoffnungsfroh habe ich die Schuhe einer Lehrerin entgegengenommen, die mir gestern noch versichert hatte, dass diese Schuhe sehr gut für diese Wanderung sein werden – und es sind Ugg-Boots. Warm ja, aber von wasserdicht weit entfernt. Die Alternative: meine Wanderschuhe, ziemlich wasserdicht, mit gutem Profil, aber nur knöchelhoch. Eine Schneehose habe ich auch aufgetrieben, aber auch die ist leider nicht wasserdicht. Den Rucksack werde ich bei der Organisation, die diesen Ausflug veranstaltet, ausleihen.

Und jetzt ärgere ich mich natürlich wahnsinnig, dass ich mich vor meiner Abreise nicht gut genug über das Wetter informiert habe – dann hätte ich zumindest die Bergschuhe eingepackt. Und über den Rucksack habe ich auch ernsthaft nachgedacht, ich weiß gar nicht mehr, warum ich mich dagegen entschieden habe, ihn mitzunehmen…

Aber nachher weiß man es immer besser als vorher und an der Situation kann ich jetzt auch nichts mehr ändern. Ich kann nur hoffen, dass es nicht regnet oder schneit und dass wir vielleicht nicht durch meterhohen Tiefschnee stapfen müssen. Wenigstens habe ich in den Ferien außer Russischlernen und jeweils einmal Zusatzunterricht für die 7. und 9. Klasse nicht allzu viel vor, also wäre es auch nicht allzu tragisch, wenn ich mich erkälte.

Trotzdem freue ich mich natürlich sehr auf diese Wanderung, weil ich wieder einmal neue Leute kennenlernen werde und überhaupt mal ein bisschen Natur zu sehen bekomme. Ufa ist zwar sehr grün, aber in unserem Bezirk Djoma sehe ich zumindest auf dem Schulweg nur Hochhäuser und graue Straßen. Außerdem gibt es in der Unterkunft beim Nationalpark eine echte russische Sauna (баня/Banja), darauf freue ich mich schon sehr.

Ich werde also berichten und hoffentlich schöne Fotos hochladen.

Und wie geht es nach den Ferien weiter? Ich werde wohl immer mehr Unterricht selbst übernehmen, allerdings wird das größtenteils so ablaufen, dass die eigentliche Lehrerin auch im Raum ist. Dass ich alleine unterrichten muss, bleibt hoffentlich die Ausnahme, das ist nämlich doch ganz schön anstrengend, vor allem wenn die Schüler meine Arbeitsanweisungen nicht verstehen. Außerdem werde ich zwei- bis dreimal in der Woche Zusatzunterricht für verschiedene Klassen anbieten, hauptsächlich zur DSD-Vorbereitung (mündliche Kommunikation, Schreibtraining usw.). Im April findet auch noch im Rahmen der „Deutschen Woche“ das republikanische Festival der deutschen Lieder in Ufa statt, bei dem Schüler aus ganz Baschkortostan nach Ufa kommen, um deutsche Lieder bei einem Wettbewerb aufzuführen. Für diesen Wettbewerb werde ich auch ein Lied mit mehreren Schülerinnen einstudieren. Die Erwartungen sind hoch – wir sollen diesen Wettbewerb doch bitte gewinnen, damit sich die Schule von dem Preisgeld neue Möbel kaufen kann! Naja, ich werde schon nicht nachhause geschickt werden, wenn wir nicht gewinnen…

Und dann werde ich irgendwann mein Freiwilligenprojekt durchführen – der Plan steht schon, aber ich werde nichts verraten, bis es tatsächlich durchgeführt wird! Wenn dann in den Restferien nach den Prüfungen ein bisschen Zeit ist, werde ich das Projekt der Schulleiterin vorstellen. Bis jetzt hatte sie nämlich kaum mehr als fünf Minuten am Stück Zeit, da war es mir zu stressig, zumal der Plan auch erst seit gestern so weit ausgearbeitet ist, dass man ihn präsentieren kann. Wenn die Schulleitung einverstanden ist und ich genügend Leute finde, die mitmachen, dann wird es sicherlich sehr cool!

Frag doch mal in Russland #1 Kindheitserinnerungen

Liebe Leser_innen,

vor kurzem kontaktierte mich die Freiwillige Jule W. aus Kolumbien. Ihr Freiwilligen-Projekt besteht darin, dass sie jeden Monat ein Thema vorgibt, zu dem möglichst viele Einheimische aus möglichst vielen Ländern befragt werden sollen und dass sie die Antworten dann in einem eigenen Blog sammelt. Das Thema im März lautete „Kindheitserinnerungen und was sich im Land seit der Kindheit verändert hat“. Hier ist mein Beitrag dazu.
Die befragte Person ist Svetlana Malikova, 65, eine ehemalige Deutschlehrerin meiner Einsatzschule, bei der ich während meines Freiwilligendienstes wohne. Wir haben das „Interview“ auf Deutsch gemacht und ich habe zur besseren Lesbarkeit und Verständlichkeit kleinere Fehler korrigiert. Svetlana hat mir aber nach dem Durchlesen des Textes versichert, dass alles so geschrieben ist, wie sie es gemeint hat. Also: viel Spaß beim Lesen, vielleicht werdet ihr auch ein bisschen zum Nachdenken angeregt…

Sophia: Das Thema lautet „Kindheitserinnerungen. Was hat sich seit Ihrer Kindheit in Russland verändert“?

Svetlana: Das erste, woran ich mich erinnere, ist ein Bild aus meiner Kindheit. Das Bild ist so: ich stehe in einer Schlange, um Brot zu kaufen. Die Schlange ist so, so, so lang, so viele Menschen stehen an. Und ich bin so klein, ich muss wie alle anderen Menschen stehen und dann Brot kaufen. Es gab eine Zeit, als wir nicht so viel Brot hatten in unserem Land – wir mussten so in den Schlangen stehen, um Brot zu kaufen. Wir kauften es, und dann gingen wir nach Hause. Das war weißes Brot und das war auch schwarzes Brot. Ich weiß nicht warum, aber wir fütterten – das ist paradox – mit diesem Brot fütterten wir auch die Haustiere. Ich weiß nicht warum, vielleicht gab es kein Korn, wir fütterten die Schweine, die Kühe, es gab vielleicht wenig Heu – jetzt kann ich das nicht genau sagen. Ja, wir hatten solch eine Zeit in unserem Land. Natürlich halfen wir Kinder unseren Eltern. Wir hatten kein Wasser, zum Beispiel, im Haus, kein Gas hatten wir. Elektrizität – ja, das hatten wir, es war hell, aber kein Wasser im Haus, kein Gas, und wir Kinder, was machten wir? Unser Vater war sehr beschäftigt, er arbeitete sehr, sehr viel, von früh bis spät. Er war der Vorsitzende eines Kolchos [Kollektivwirtschaft, landwirtschaftlicher Großbetrieb in der Sowjetunion] – sie pflegen gemeinsam die Haustiere in einer Firma, und die Pflanzen, und pflegen auch das Korn, Gemüse usw. Und alle schwere Arbeit zuhause machten wir Kinder. Wir sägten sogar Bäume – sie liegen auf der Erde, ohne Blätter, wir mussten sie sägen, und der Bruder meiner Mutter hackte sie. Und was machten wir noch? Wir trugen auf unseren Schultern zwei Eimer, es gab solche Gestelle aus Holz, gebogen, mit zwei Krücken und zwei Eimer, und wir trugen diese Eimer auf unseren Schultern. Wir waren nicht so groß, aber die Eimer waren nicht klein. Wir wurden gezwungen – sagt man das so? Wir machten das, es war normal.

Wie viele Geschwister haben Sie denn?

Wir waren vier, unsere Familie: drei Schwestern und der letzte war ein Junge. Und jetzt, natürlich, das heutige Leben in unserem Land ist ganz anders. Wir hatten auch eine sehr lange Periode, als wir ein totales Defizit hatten. Wir hatten fast nichts. Es gab das in den Geschäften, aber zu wenig, um allen Leuten etwas zu verkaufen. Um das alles zu kaufen, musste man auch in den Schlangen stehen, aber das hieß nichts. Man konnte Schlange stehen, sehr lange, und nichts bekommen, weil es zu wenig Waren gab. Zum Beispiel Kinderkleidung oder – alles! Fast alles, nicht nur die Kleidung, auch die Möbel, die Wurst hatten wir nicht. Jetzt ist ein totaler Überfluss. Es gibt von allem viel, sogar zu viel, das ist fantastisch [unglaublich, nicht unbedingt positiv!]. Meine Mutter, sie ist vor 20 Jahren gestorben – solchen Überfluss hat sie nicht mehr gesehen. Das alles haben wir später bekommen, gesehen.

Seit wann gibt es diesen Überfluss, die großen Supermärkte etc.?

Eine gute Frage. Seit 2000, dem Beginn des neuen Jahrtausends. Aber mit diesem Überfluss bekamen wir in unserem Leben auch die negative Seite eines solchen Lebens mit. In der Zeit meiner Kindheit war alles ruhig. Wir hatten nicht so viele Waren, aber unser Leben war ohne Krimis, ohne… ich weiß nicht. Die Kinder gingen spazieren und die Eltern waren ganz ruhig. Wir konnten z.B. mit 6 Jahren in den Wald gehen, ja wir konnten den ganzen Tag irgendwo verbringen, und unsere Eltern waren ganz ruhig. Sie wussten: nichts geschieht, alles wird gut sein. Zur Zeit ist das nicht so. Es gibt so viele Gefahren in unserem Leben, besonders für die Kinder, und das freut uns nicht, natürlich.

Und noch eine Seite: die Lebensmittel hatten einen anderen Geschmack. Sie waren ganz natürlich: Brot, Milch, Butter, alles hatte seinen eigenen Geschmack. Keine Chemie. Wir hatten nicht so viel Wurst, aber da hatten wir in der Wurst Fleisch, Salz, Pfeffer und nichts mehr. Und zur Zeit gibt es in diesen Würstchen, in der Wurst usw. so viele verschiedene Konservierungsmittel, Aromastoffe, Geschmacksverstärker [wörtlich russisch Geschmacksverbesserer]. Und das Wasser ist ganz anders zur Zeit. Wir wussten nicht, was Allergie heißt. In meiner Kindheit kannten wir solche Krankheiten nicht. Wir wussten nicht, was Drogen sind. Überhaupt war das ganz unbekannt, wir haben davon nie gehört, nie! Wir Kinder zumindest, die Erwachsenen vielleicht, irgendwo, irgendwann, aber das war so weit von uns, also die Drogen.
Die Betrunkenen, die Alkohol tranken, die gab es. Es war die sowjetische Periode, als unsere Menschen zu viel Alkohol tranken, das war eine lange Zeit. Und die heutige Zeit ist viel besser. Früher war es so: du gehst z.B. nach Hause, aus der Schule, es ist schon Wochenende, und was siehst du? Solche: (steht auf und imitiert einen schwankenden Betrunkenen). Das war so peinlich, aber das war ein typisches Bild. Einige lagen sogar auf der Erde, das war peinlich für unser Land, für mich, für unsere Leute, alle. Das war sehr schlecht, und zur Zeit sehen wir solche Bilder nicht mehr. Wenn das geschieht, ist das sehr, sehr selten. Das ist sehr gut für das heutige Leben. Besonders die jungen Leute, sehr viele junge Leute sorgen für ihre Gesundheit. Sie trainieren, sie besuchen Fitnessstudios, Mädchen und Jungen, und das gefällt mir sehr.

Und, was natürlich neu ist: das Ausland war in meiner Kindheit wie ein Kosmos. Das Ausland war unmöglich zu erreichen. Es gab den Eisernen Vorhang, und alles, das hinter dem Eisernen Vorhang war, schien uns wie ein Kosmos. Wir wussten nichts, aber es gab natürlich die Leute, die im Ausland waren, unsere Journalisten, unsere Diplomaten. Aber die einfachen Leute hatten keine Möglichkeit, ins Ausland zu reisen. Und als ich das erste Mal, 1995, nach Deutschland gereist bin, habe ich zwei Monate im Goethe-Institut gelernt. Dort sah ich, wie klein unsere Erde ist. Neben mir studierten Menschen aus der Schweiz, aus Österreich, aus Australien, aus Mexiko, aus Japan, aus Afrika, und alle waren zusammen. Alle waren hier, alle bekamen Briefe, alle telefonierten, und ich habe verstanden: unsere Erde ist so klein, und wir müssen für sie sorgen. Wir müssen nachdenken, sie schützen, und keinen Krieg sollen wir haben auf dieser Erde. Sie ist so klein, und so viele gute Menschen leben auf ihr, warum muss man Kriege haben, wozu? Ich habe das verstanden, und für mich war das eine Entdeckung. Als ich hier mit meinen Eltern lebte, in meinem Haus wohnte, dachte ich immer, dass die Welt so groß ist, dass sie wie ein Kosmos ist, unendlich, nein – unsere Erde hat Grenzen, und die Natur kann auch leiden wie wir Menschen. Das Wasser kann auch nicht immer sauber sein, es kann ganz schmutzig werden, und das ist sehr schlecht für die Erde, für uns.

Haben Sie schon immer in Ufa gelebt oder haben Sie als Kind woanders gewohnt?

Natürlich! In einer Arbeitersiedlung, da wohnten und arbeiteten die Erdölarbeiter. Das ist 200km von Ufa. Jetzt gibt es dort keine Erdölbetriebe mehr. Vieles hat sich verändert in dieser Umgebung [in Djoma, Vorort von Ufa, Svetlanas jetziger Wohnort]. Wer wohnt hier zur Zeit? Die Rentner, die Kinder, es gibt drei Mittelschulen, ein Krankenhaus und viele Geschäfte, aber die jungen Leute, die noch arbeiten müssen, die fahren mit dem Zug oder fliegen mit dem Flugzeug nach Norden, sie arbeiten da, um Geld zu verdienen und ihre Familien zu ernähren.

Seit wann wohnen Sie in Ufa?

Seit wann? Oh, das ist eine sehr interessante Geschichte! Mein Opa war Lehrer, meine Eltern waren Lehrer, meine älteste und zweite Schwester sind auch Lehrerinnen, und was sollte ich sein? Ja, natürlich auch Lehrerin! Und 100km von unserer Siedlung gibt es eine kleine Stadt, und da ist ein
pädagogisches Institut. Da studierten auch meine Schwestern, und da ging ich auch hin, um zu studieren. Nach dem ersten Studienjahr habe ich meinen zukünftigen Mann kennengelernt. Er studierte hier in Ufa, und ich in dieser Stadt Birsk, 100km zwischen uns. Einmal kam er zu mir mit dem Bus, beim zweiten Mal fuhr ich zu ihm usw. Das dauerte zwei Jahre. Dann wurden wir ganz müde davon, und wir dachten: „Vielleicht werden wir uns verheiraten, dann wird das viel leichter.“
Er war Student, aber er war ein sehr aktiver Student. Er leitete eine Studentenbewegung „Baugruppen“. Im Sommer trafen sich die Studenten, eine große Gruppe, 30 Studenten, oder 40, und sie fuhren nach Osten, um etwas zu bauen, fuhren nach Norden oder in den Süden oder hier, nicht weit von Ufa. Und mein Mann leitete solche Gruppen, er hatte ein Lastauto, um seine Studenten zu besuchen, denn sie arbeiteten in vielen verschiedenen Gebieten der Republik [Baschkortostan]. Wir haben uns verheiratet, und dann bekam er sogar eine Zweizimmerwohnung im Studentenwohnheim. Er hat selbst mit seinen Freunden alles repariert, renoviert usw. Unsere Hochzeit war nach dem dritten Studienjahr, das war eine sehr lustige Hochzeit mit vielen Studenten und Studentinnen, und dann nach einem Jahr ist Ina geboren. Das war in der Mitte des fünften Studienjahrs, und ein halbes Jahr studierten wir zu dritt, mein Mann, ich und unsere Tochter Ina.
Wir machten alles selbst. Zum ersten Mal ist meine Mutter nach 6 Monaten gekommen. Ich hatte staatliche Prüfungen, und um mir zu helfen, kam sie zu uns, um sich um Ina zu sorgen. Und dann sind wir hier in der Stadt geblieben. Früher bekamen alle Studenten, nachdem sie die Hochschule beendet hatten, ein Papier, auf dem stand, wo sie arbeiten werden, Beruf, Platz, Stadt usw. Zur Zeit haben wir solche Papiere überhaupt nicht mehr. Keine Papiere, jeder Absolvent wählt selbst seinen zukünftigen Arbeitsplatz. Und er bekam einen Platz hier in Ufa und wir haben ein Zimmer gemietet, das war ein kleines Holzhaus in der Vorstadt, hier in Djoma, aber weit von hier. Aber das war kein Haus, nur ein Anbau. Da gab es einen Ofen mit Holz, ein Bett, einen Fernseher, einen Schrank, und nichts mehr. Sogar einen Tisch hatten wir nicht. Und wenn meine Mutter zu uns kam, sagte sie: „Wie schlecht wohnen sie, sie haben sogar keinen Tisch, und sie denken, dass sie in einer Stadt wohnen?“ (lacht) Aber das war für uns nicht so dramatisch, das war für uns keine Tragödie. Ja, wir hatten keinen Tisch, aber wir hatten einen Korb, darauf lag eine Tischdecke. Und wir wussten, dass wir nach einigen Jahren eine Wohnung bekommen werden, wir waren sicher, wir glaubten das. Man hat uns versprochen, dass wir nach einem Jahr die Wohnung bekommen werden. Wir haben sechs Jahre gewartet.
Ina ist gewachsen, dann ist Regina geboren. Zuerst warteten wir auf eine Zweizimmerwohnung. Wir hatten ein Kind, Vater und Mutter, also eine Familie aus drei Menschen, und wir hatten das Recht auf eine Zweizimmerwohnung. Aber nicht kaufen – früher bekamen wir das kostenlos von unserem Staat. Und ich hatte meinem Mann gesagt: „Wir haben keine Wohnung und die Zeit vergeht, vielleicht wollen wir noch ein Kind?“ (lacht) „Und dann werden wir das Recht haben nicht auf zwei Zimmer, sondern auf eine Dreizimmerwohnung!“ Und das geschah, und wir haben das geschafft.
Aber die Geschichte, wie wir uns kennengelernt haben, ist sehr romantisch. Auf Deutsch kann ich das nicht erzählen, unsere Freunde und Verwandte kennen die Geschichte, ja, wir waren sehr, sehr interessant, unvergesslich. Und ich habe mit ihm 40 glückliche Jahre gelebt. Und meine Freundin sagte mir immer: „Sveta, du hast so einen Mann, die gibt es überhaupt nicht mehr!“ Ich hab gesagt: „Er ist wie alle anderen, warum sagst du das?“ Ich verstand das nicht, aber als ich allein geblieben bin, verstand ich, was für einen Mann ich diese 40 Jahre lang hatte.

Ich sagte vorhin, dass es früher ein Defizit an Kleidung, Nahrungsmitteln usw. gab. Heute haben wir ein Defizit an Gutherzigkeit und Liebe. Die Autofahrer zum Beispiel, die können sich streiten. Früher war das eine unmögliche Situation. Früher half jeder dem anderen, und jetzt haben wir etwas
anderes. Die Autofahrer können sich auf der Straße streiten, sie können sogar schießen – ja, bei uns gibt es solche. Und sehr viele Ehepaare, die nicht so glücklich sind, die lassen sich scheiden. Dafür gibt es einen objektiven Grund: die Frauen wurden unabhängig. Sehr oft verdienen sie nicht weniger als die Männer oder sie verdienen sogar mehr, sie wurden selbstständig und wozu brauchen sie dann einen Mann, der zu viel Alkohol trinkt oder nicht so sorgfältig ist, warum sollen sie einen solchen Mann neben sich haben? In meiner Kindheit kannten wir solche Situationen nicht. Die Frauen ehrten ihre Männer, sie warteten immer und machten alles. Aber das ist normal. Nichts bleibt stabil. Das Leben geht weiter, alles verändert sich, das ist ein Gesetz, kann man sagen.

Waren die Leute früher aus Liebe verheiratet oder war es eher eine Zweckgemeinschaft?

Meine Generation natürlich aus Liebe. Aber unsere Eltern – z.B. meine Mutter hat meinen Vater geheiratet ohne Liebe. Sie hat uns das gesagt, sie liebte einen anderen Mann, aber es gab Gründe dafür, um nicht mit ihm zusammen zu sein. Die Mutter meines Vaters hat unsere Mutter ausgewählt, als sie noch ein Mädchen war. Sie hat sie auf dem Markt gesehen und meine Mutter hat seiner Mutter sehr gut gefallen und sie hat ihrem Sohn gesagt: „Du sollst dieses Mädchen wählen.“ Du sollst, nicht du musst, aber du sollst, hat sie gesagt. Er hat es so gemacht und war glücklich. Er war glücklich, aber vielleicht nicht bis zum Ende. Er tat alles, um sich ihre Liebe zu verdienen. Meine Mutter liebte ihn vielleicht nicht von ganzem Herzen, aber sie hat ihn geehrt, er hatte Autorität, er war sehr klug, er war sehr sorgfältig und er war ein guter Mann, ein guter Vater, und dafür ehrte sie ihn.

Wie hat sich die Stadt Ufa im Stadtbild und in der Größe und überhaupt verändert, seitdem Sie hier wohnen?

Auch eine gute Frage! Ich habe schon gesagt, ich mietete mit meinem Mann einen Anbau, und wir begannen da zu wohnen. Und was hatten wir hier im Zentrum [von Djoma]? Es gibt viel Wasser hier, und unser Grundwasser ist sehr hoch. Und im Zentrum wuchs Schilf und die Enten schwammen. Da gab es eine Straße, die haben wir immer noch, und nicht so viele Häuser natürlich, viel weniger, und natürlich gab es nicht so viele Schulen. Die Hochhäuser hatten wir überhaupt nicht, wir hatten nur fünfstöckige Häuser. Vielleicht nicht so saubere Straßen – aber jetzt sind sie auch nicht sauber, besonders jetzt in unserem Stadtviertel, denn wir haben einen Neubau. Und ich habe in Deutschland gesehen, wenn ein Gebäude gebaut wird, dann wird die Straße neben der Baustelle gewaschen, damit der Schmutz sich nicht verbreitet, und bei uns macht man das leider nicht, darum gibt es so viel Schmutz, vor allem in den neuen Vierteln.
Was noch? Wir hatten z.B. kein Schwimmbad, wir warteten sehr lange auf dieses Schwimmbad. Man hat uns immer versprochen: „In diesem Jahr wird das Schwimmbad gebaut.“ Wir warteten, dass das Jahr vergeht, und im nächsten Jahr sagten sie wieder: „Im nächsten Jahr wird das Schwimmbad gebaut.“ und so weiter und so fort. Endlich wurde das Schwimmbad gebaut, ein gutes Schwimmbad.

In welchem Jahr wurde das Schwimmbad gebaut? Ungefähr?

Ungefähr? Also, ich wohne hier in Djoma seit 1975 und vielleicht warteten wir auf dieses Schwimmbad 15 Jahre, 20 Jahre. Ein gutes Schwimmbad, es ist heute sehr beliebt, Kinder, Rentner und die jungen Leute besuchen es. Es gab nicht so viele Kindergärten. Bei uns, als viele Kinder geboren wurden, brauchten sie natürlich Kindergartenplätze. Es gab sehr wenig Kindergärten und Plätze. Und unsere Regierung hat eine Aufgabe gestellt: jede Region soll diese Kindergärten bauen, das war eine sehr wichtige Aufgabe für den Staat. Diese Aufgabe wurde erfüllt und zur Zeit haben wir genug Plätze, z.B. in unserem Hof wird ein Kindergarten mit Schwimmbad gebaut, das ist untypisch für Kindergärten. Ein bisschen weiter gibt es auch einen neuen, jetzt haben wir genug Platz für die Kinder und das ist sehr gut für die jungen Mütter. Sie haben die Möglichkeit zu arbeiten und unsere Kindergärten sind im Vergleich zu den ausländischen Kindergärten besser, meiner Meinung nach. Warum? Sie bekommen da alles, sie essen gut, sie schlafen da, sie bekommen eine gute Entwicklung, gute Spiele und Unterricht zur Entwicklung der Kinder. Man sorgt für ihre Gesundheit, es gibt da einen Arzt, eine Krankenschwester, oder nicht nur eine, es gibt Erzieherinnen. Aber in meiner Jugend konnte man die Kinder sogar mit zwei, drei Monaten in den
Kindergarten geben. Zur Zeit – nein, mit drei Jahren, das ist normal. Und drei Jahre sorgen die Mütter für ihre Kinder, natürlich bekommen sie nicht so viel Geld vom Staat, aber sie bekommen Geld. Und die Kinder können dort sein von 8:00 bis 18:00 Uhr, den ganzen Tag. Erst am Abend holen die Eltern sie wieder ab.

Gibt es genug Erzieher_innen?

Es gibt genug, aber das Problem ist, dass sie nicht so gut bezahlt sind. Aber wenn es keine andere Arbeit gibt, macht man auch diese Arbeit.

Würden Sie sagen, dass Sie es in der heutigen Zeit in Ihrem Alter, in Ihrer Generation eher leichter oder schwerer haben? War es schwierig, sich umzugewöhnen?

Für mich ist es nicht schwierig. Das freut mich sehr, das ist super, dass wir solche Möglichkeiten bekommen haben. In meiner Generation gibt es Leute, die vermissen die frühere Zeit. Natürlich, die Menschen, die älter sind als ich, nicht viel älter, aber es gibt solche Leute, die schimpfen und sagen: „Früher hatten wir ein glückliches Leben, wir hatten keine Arbeitslosigkeit, wir bekamen immer Geld…“, aber alle hatten ein gleiches Niveau des Lebens. Alle wohnten wie Zwillinge. Jetzt haben wir so viele Möglichkeiten, um unsere Begabungen auszudrücken und ich bin nicht damit einverstanden, dass es heute unmöglich ist, eine Arbeit zu finden. Es gibt Arbeit! Vielleicht nicht so gut bezahlt, vielleicht nicht so leicht, wie du willst, aber wenn du etwas verdienen willst, dann hast du immer solche Möglichkeiten. Du kannst einen anderen Beruf erlernen, aber wenn du liegen wirst und träumen, und nichts mehr, natürlich fällt nichts in deinen Mund vom Himmel! Man muss sich bemühen.
Diese Zeit ist sehr interessant, ist sehr schön. Natürlich gibt es Probleme, natürlich gibt es einige dunkle Seiten, aber es gab das früher auch. Nicht alles war so hell, so fantastisch usw. Früher gab es auch Probleme, aber solche Möglichkeiten wie heute hatten wir nicht. Und daher gefällt mir diese Zeit besonders.