Tag 110 – Und das Hähnchen macht Kikerikiki…

Liebe Leser_innen,

nach zwei Wochen Kinderlager kann ich mehrere Dinge feststellen:

1. Die Kinder wachsen mir mit jedem Tag mehr ans Herz, weil sie sich jeden Tag mehr trauen, mit uns zu sprechen und uns auszufragen. Inzwischen können Theresa und ich nicht mehr an einer Gruppe vorbeigehen, ohne von mindestens fünf Kindern umarmt zu werden (auch wenn wir die Gruppe in den letzten fünf Minuten zweimal gesehen haben und beide Male umarmt wurden). Und wenn unsere Stunde beginnt, kommen die meisten Kinder begeistert in den Raum gestürmt und begrüßen uns mit „THEREEEEEESAAAAAAA!!! SOOOOOPHIIIIIIIAAAAAAA!!! GUTEN MORGEN!“.

2. Die Organisation ist etwas fragwürdig. Es gibt zwar einen Plan, aber dass dieser Plan eingehalten wurde, ist noch nicht so oft vorgekommen. Und die Gruppen sind sehr ungleichmäßig verteilt – damit meine ich, dass Gruppe 5 schon sechsmal bei uns war und die meisten anderen nur dreimal. Gut, dass ich immer noch mindestens ein „Reserve“-Lied dabeihatte, für den Fall, dass eine Gruppe noch einmal kommt (Es kam auch schon vor, dass eine Gruppe zweimal an einem Tag kam…).

3. Dafür lernen wir umso mehr, spontan zu sein. Bis jetzt hatte ich mich daran gewöhnt, Unterricht zu halten, wenn jemand sagte „Kannst du in fünf Minuten die 6. Klasse übernehmen?“ – aber ich wusste, wo, wer, wann und was ich machen sollte. Jetzt wissen wir zwar wo und theoretisch wann, aber meistens nicht, wer und damit auch nicht, was wir machen sollen. Da müssen wir dann erstmal die Gruppe fragen, welche Gruppe sie denn eigentlich sind, und dann können wir entscheiden, welches Lied wir mit ihnen singen. Kleines Selbstlob: es war eine gute Entscheidung, jeden Tag aufzuschreiben, welche Gruppen da waren und was sie gemacht haben. Sonst würden wir jetzt heillos im Chaos versinken… Oft passiert es auch, dass wir aus verschiedensten Gründen unterbrochen werden und die Kinder jetzt irgendwo anders hingehen müssen. Und während der Stunde werde ich oft von den Betreuer_innen der Gruppe unterbrochen, meistens während ich gerade ein Lied vorsinge. Denn wenn auch nur zwei Kinder leise tuscheln, wird sofort die ganze Gruppe von den Betreuer_innen angebrüllt, dass sie endlich leise sein sollen. Oh the irony…
Übrigens, die Lieder, die wir singen, sind folgende: Was müssen das für Bäume sein, Lied vom Wecken, Auf einem Baum ein Kuckuck saß, Die Vogelhochzeit, Das Auto von Lucio und Zwei kleine Wölfe. Meine Favoriten sind definitiv Nr. 2 und 3, denn die Kinder finden diese Lieder super und es ist schon ein tolles Gefühl, wenn alle mitmachen und 25 Kinderstimmen laut singen „UND DAS HÄÄÄÄHNCHEN MACHT KIKERIKIKIIIIIIIIIIIIII!“ oder „SIMSALADIMBAMBASALADUSALADIM!“.

4. Die Kinder werden bei manchen Veranstaltungen ziemlich überfordert, so ist zumindest mein Eindruck. Es fanden oft Theaterstücke oder Musikvorstellungen in der Aula statt, bei denen völlig überdrehte Moderatoren die Kinder zu guter Laune animierten. Manche Kinder saßen selbst in der letzten Reihe noch mit zugehaltenen Ohren da, denn die Mikrofone werden grundsätzlich sehr laut eingestellt, und die Schauspieler und Sänger haben nun mal sehr laute Stimmen.
Bei einem Theaterstück wurden verschiedene Länder repräsentiert – die meisten waren nachvollziehbar, aber für England stand ein Mann auf der Bühne, der eine orangene Perücke, meiner Meinung nach viel zu enge Sportkleidung und Fahrradhandschuhe trug, und er sang ein Lied über London, während im Hintergrund Bilder von Sehenswürdigkeiten aus Ufa gezeigt wurden. Er leitete dann auch ein Spiel an, das so ähnlich wie Reise nach Jerusalem funktionierte, nur dass die Kinder, wenn die Musik ausging, Gegenstände vom Boden aufheben mussten. Die Verlierer wurden schnell mehr oder weniger unsanft von der Bühne befördert, während der „Engländer“ den Gewinnern begeistert die Arme zur Siegerpose hochriss, sodass die kleinen Kinder auf Zehenspitzen standen, um nicht in der Luft zu hängen. Und inzwischen glaube ich tatsächlich, dass unsere Stunden die einzigen sind, bei denen kein Wettbewerb stattfindet und die Kinder einfach nur zum Spaß Lieder singen. Selbst in den Malstunden suchen die Betreuer_innen das schönste Bild aus.

Natürlich bin ich mir bewusst, dass in anderen Ländern vieles anders läuft als in Deutschland. Und einige Dinge laufen hier meiner Meinung nach besser als in Deutschland. Aber andere Dinge schockieren mich wirklich, und die Art, wie die Kinder auch von den Betreuer_innen manchmal behandelt werden, ist eines davon. Ich kann das auch nicht einfach ignorieren oder an mir abprallen lassen, denn durch meine Erziehung und kulturelle Prägung finde ich solche Verhaltensweisen unangenehm. Und ich lege Wert darauf, dass mein Blog nicht nur zeigt, was ich für tolle Sachen erlebe und dass alles supertoll und mein Freiwilligendienst eine einzige Party ist, sondern dass ich auch schreibe, was nicht so toll läuft und was mich im Einsatzland und in der Einsatzstelle nervt.

So, aber abgesehen davon gab es diese Woche wieder einige Veranstaltungen in der Stadt. Am Montag war Feiertag (Tag Russlands) und seitdem gab es jeden Tag ein Open-Air-Konzert von verschiedenen Gruppen. Am Montag gab es überall in der Stadt verschiedene Angebote, von denen ich sehr viele auch interessant fand, aber die Stadt ist leider so groß, dass es schwer ist, alles zu sehen, was einen interessiert. Das Wetter war leider nicht besonders feierlich, denn es regnete fast die ganze Zeit, aber daran habe ich mich schon gewöhnt und habe inzwischen fast immer einen Schirm dabei. Wir sind jedenfalls zum zentralen Veranstaltungsort gefahren, nämlich zum Leninplatz, wo sich das Regierungsgebäude und ein großes Theater befindet. Unter dem Vordach dieses Theaters fand ein internationales Festival der Kulturen statt, bei dem Gruppen aus Südkorea, Mexiko, Iran, Kasachstan, Sri Lanka, Indien, Estland, Kolumbien, Serbien, Südafrika, China und natürlich Baschkortostan entweder Volkstänze oder traditionelle Musik oder beides vorstellten. Am Schluss wurden Stühle aufgebaut und alle beteiligten Musiker (ca. 20) sollten zusammen musizieren. Das klappte auch sehr schnell sehr gut – jeder durfte mal ein Solo spielen und es entstand ein ganz besonderer Klang mit Instrumenten aus ganz verschiedenen Kulturen, und am Schluss stimmte einer der estnischen Musiker noch einen Gesang mit dem Text „Ufa Festival“ an, bei dem natürlich auch das Publikum begeistert mitsang.

Indien

Mexiko

Mexiko

Musiker aus allen Ländern

Gestern waren wir dann bei einem Konzert des Baschkirischen Staatsorchesters und heute bei einem Konzert von traditionellen baschkirischen Musikern. Wobei, so traditionell war das meiste gar nicht… eigentlich waren es hauptsächlich Pop- und Rockbands, die baschkirische Flöten (kurai) in ihre Musik einbauten. Eine Gruppe spielte z.B. ein Cover von Smells Like Teen Spirit, bei dem der Gesang durch die Flöte ersetzt wurde. Die Lage der Bühne ist aber wirklich perfekt: sie ist auf einem Platz aufgebaut, der von Hügeln umgeben ist, d.h. man sitzt auf der schrägen Wiese, hat von überall eine gute Sicht auf die Bühne und dazu noch einen schönen Ausblick ins Tal.

Tag 103 – Du hast einen deutschen Akzent!

Liebe Leser_innen,

seit Montag läuft in der Schule jetzt das Kinderlager. Kurz erklärt: ca. 120 Erst- bis Viertklässler unserer Schule kommen montags bis freitags von 8:30 bis 15:00 Uhr in die Schule und bekommen dort ein Ferienprogramm. In der Schule gibt es Malstunden, Tanzen, Musik, Sport und andere Indoor-Aktivitäten und oft gibt es Ausflüge, z.B. in den Zoo, ins Theater, ins Schwimmbad usw.
Am Donnerstag gab es außerdem einen Sportwettbewerb, bei dem alle Gruppen gegeneinander angetreten sind, indem sie in der Sporthalle vom Rand bis zur Mittellinie und zurück rennen mussten, in verschiedenen Schwierigkeitsgraden. In einer Runde z.B. musste der erste Läufer auf dem Weg einen Staffelstab in einen Hula-Hoop-Reifen legen, der zweite Läufer musste ihn aufheben und dem dritten Läufer übergeben, der ihn wiederum in den Reifen legte usw. Zum Zuschauen war es lustig, aber auch sehr anstrengend, denn die Sporthalle hallt ganz fürchterlich (no pun intended), es läuft laut Musik und 120 Kinder schreien aus vollem Hals, um sich gegenseitig anzufeuern…

Meine Aufgabe ist aber, Musikstunden zu halten, allerdings mache ich keinen normalen Unterricht, sondern ich singe mit den Kindern deutsche Lieder. Dabei habe ich seit Mittwoch auch eine große Unterstützung, nämlich Theresa aus Berlin – sie ist eigentlich mehr Freiwillige als ich, denn sie ist wirklich ganz freiwillig und ohne Organisation hier und bekommt auch kein Geld dafür. Sie ist für vier Wochen in Ufa, wo sie anstelle von mir im Sprachlager arbeiten wird (ich habe in der Zeit Urlaub genommen, allerdings ohne zu wissen, dass das Sprachlager genau in der Zeit liegt, shame on me) und arbeitet danach noch in einem Sprachlager in Sochi, was von einer anderen Schule organisiert wird. In den Musikstunden arbeiten wir allerdings weniger zusammen als dass wir uns vielmehr abwechseln, denn dadurch, dass immer drei Gruppen hintereinander kommen, machen wir dreimal hintereinander das gleiche Programm, und das ist auch mental anstrengend, wenn man dreimal das gleiche Lied einstudiert. Immerhin hat diejenige, die gerade nicht mit den Kindern arbeitet, die verantwortungsvolle Aufgabe, die Powerpoint-Präsentation weiterzuklicken, auf der der Text zu sehen ist.

Die Gruppen (es gibt insgesamt 7) sind alle ganz unterschiedlich. Manche haben das Lied nach fünf Minuten drauf und wir müssen uns spontan überlegen, wie man die Kinder die restlichen 25 Minuten bespaßen kann. In manchen Gruppen singen nur wenige Kinder überhaupt mit und der Rest langweilt sich und wird unruhig. Und eine Gruppe kam sowohl in meiner als auch in Theresas ersten Stunde am Ende nach vorne gestürmt, alle mit Handys bewaffnet: „Können wir ein Foto zusammen machen?“
Und fast alle stellen viele Fragen – natürlich auf Russisch und nicht auf Deutsch, denn die deutsch- und englischlernenden Schüler_innen sind in den Gruppen durchmischt und sprechen auch nur sehr wenig Deutsch oder Englisch. Für uns ist das aber gar nicht schlecht, denn so können wir unsere Russischkenntnisse verbessern (vor allem ich – Theresa spricht um einiges besser Russisch als ich, sie hat das aber auch in der Schule gelernt…). Ein Mädchen hat uns beide nacheinander gefragt, wie alt wir sind, und nach meiner Antwort stellte sie (offenbar mit großer Zufriedenheit) fest: „Немецкий акцент есть!“ (Du hast einen deutschen Akzent!)

Ich muss sagen, es ist so schön, noch jemanden hier zu kennen, mit der ich Deutsch sprechen kann und die in meinem Alter ist. Außerdem ist es das erste Mal, dass ich jemandem Ufa zeigen kann oder zumindest das, was ich kenne. Da fühle ich mich gleich noch ein Stückchen mehr zuhause, denn jetzt habe ich jemandem meine Stadt gezeigt. Und jetzt habe ich noch mehr Lust, noch mehr von der Stadt zu entdecken. Morgen fahren wir zusammen in die Stadt und werden uns einige Veranstaltungen anschauen, denn morgen wird das Stadtfest gefeiert. Am 12. Juni ist nämlich der Tag Russlands UND der Geburtstag des baschkirischen Nationalhelden Salavat Yulaev. Ich bin sehr gespannt, was Ufa wieder an Feierlichkeiten zu bieten hat…

Tag 46 – Von Füchsen und Schlagerpartys

Liebe Leser_innen,

gestern ging die Woche der deutschen Sprache zu Ende, und obwohl ich nur an zwei Tagen dabei war, habe ich viel zu erzählen.

Es haben sich zwei Dinge wieder komplett geändert – wie gesagt, inzwischen gehe ich jeder Verabredung mit Skepsis entgegen und nehme nichts „for granted“ (die deutsche Formulierung fällt mir grade nicht ein…). Svetlana sagt, es gibt ein russisches Sprichwort: „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen.“ Bei den Lesefüchsen saß ich doch in der Jury, weil die Bücher plötzlich noch aufgetaucht sind, und beim Liederfestival haben wir doch nicht teilgenommen, weil wir das Originallied mit Gesang nicht verwenden durften und die Stimme nicht rausschneiden konnten und weil eine Klavierbegleitung zu wenig gewesen wäre. Dafür durfte ich dort auch in der Jury sitzen.

Am Montag fand erst einmal der Wettbewerb „Lesefüchse international“ für die Region Ural statt. Und zwar im Gymnasium 86, das am anderen Ende der Stadt liegt. Schaut euch Ufa mal auf der Karte an. Meine Schule und meine Wohnung liegen in Djoma, ganz im Süden der Stadt, und das Gymnasium 86 ist ganz im Norden, im Viertel Tschernikowka. Und da Ufa ganz lang gestreckt ist, sind das 26 Kilometer durch die Stadt, was mit dem Bus eine Stunde dauert. Das Problem ist nur: diesen Bus gibt es offenbar nicht.

Das wusste ich aber noch nicht, als ich um 7:45 an der Bushaltestelle stand und etwas naiv auf diesen Bus wartete. Immerhin hatte die sonst sehr zuverlässige App 2GIS behauptet, dass der Bus 216 von meiner Schule bis zum Gymnasium 86 durchfährt. Nach einer erfolglosen halben Stunde bin ich dann in einen Bus eingestiegen, der ins Zentrum fuhr, dort wollte ich dann umsteigen, in der Hoffnung, dass ich einen passenden Bus finden würde. Leider hatte ich den Montagmorgen-Stau nicht mit eingerechnet, wodurch der Bus fast 20 Minuten länger brauchte und meine Zeit langsam knapp wurde. Schließlich sollte ich mich um 9:30 mit den anderen Jurymitgliedern treffen. Im Zentrum gab es natürlich auch keinen Bus, der in meine gewünschte Richtung fuhr, deshalb rief ich den Fachschaftsberater an, der mir freundlicherweise ein Taxi bestellte. Am Ende kam ich um 10:20 Uhr in der Schule an, aber die Verspätung war nicht weiter schlimm.

In der Jury zu sitzen, war eine ganz neue Erfahrung. In Prüfungen war ich ja schon dabei, aber diesmal durfte ich selbst mitreden und meine Meinung äußern und nicht nur zuhören.

Das Prinzip funktioniert übrigens so: die Schüler_innen haben sich seit Beginn des Schuljahres mit vier deutschen Jugendbüchern beschäftigt, die für jedes Jahr neu ausgewählt werden. Dieses Jahr sind das folgende:

1. Herbert Günther: Zeit der großen Worte
2. Christoph Scheuring: Echt
3. Lukas Erler: Brennendes Wasser
4. Thomas Feibel: Like me. Jeder Klick zählt
(Das ist auch meine persönliche Ranking-Reihenfolge…)

Dann gibt es eine ca. zweistündige Podiumsdiskussion (auf Deutsch) zwischen den Schüler_innen, bei denen Fragen und Thesen zu den Büchern besprochen werden. Bewertet wird dann, wie gut der/die Einzelne die Bücher kennt, wie gut er Deutsch spricht und wie er sich im Gespräch verhält. Wer mehr über das Projekt wissen möchte, kann sich hier informieren.

Anschließend gab es für die 8 Schüler_innen und deren Lehrer_innen, die aus der ganzen Republik angereist waren, eine Stadtführung, bei der ich auch mitkommen durfte. Das war sehr interessant, weil ich ja selbst noch nicht so viel von der Stadt gesehen habe und man auch nicht mal eben so ans andere Ende der Stadt fahren kann, wie ich jetzt weiß… Die Bilder gibt es später in einem anderen Blogeintrag, in Verbindung mit Informationen über die Geschichte Ufas. Da habe ich auch viele andere Deutsche kennengelernt, denn einige der Lehrer_innen waren Deutsche, die mit der ZfA im Ausland arbeiten (was ist das denn jetzt wieder?).

Außerdem habe ich einige Mitarbeiterinnen der Deutschen Botschaft Jekaterinburg kennengelernt. Abends wurde dann das deutsche Kinofestival eröffnet, bei dem jeden Tag ein deutscher Film mit russischen Untertiteln gezeigt wird. Eigentlich wollte ich den Film am Montagabend auch sehen, aber es gab noch einen „kleinen“ Empfang, der ebenso lange dauerte wie der Film, aber das war auch ganz lustig. Und die Kinobesucher waren größtenteils nicht besonders begeistert von dem Film. Ich habe also nichts verpasst, außerdem war ich am Mittwoch mit der 5. Klasse und gestern mit der 8. Klasse im Kino. Nicht ganz meine Altersklasse („Rico, Oskar und die Tieferschatten“ und „Ostwind“), aber trotzdem eine willkommene Abwechslung zum Schulalltag.

Am Donnerstag war ich dann beim Liederfestival, das glücklicherweise in einem Saal stattfand, den ich zu Fuß in 15 Minuten erreichen konnte. Die Veranstaltung begann 15 Minuten zu spät, unter anderem, weil die restlichen Jurymitglieder 10 Minuten zu spät kamen. Im Programm musste ich vorher 5 Beiträge ausbessern und die Reihenfolge ändern, und bei der tatsächlichen Vorführung ist noch ein weiterer Beitrag ausgefallen. Aber trotz der vielen Planänderungen hat es Spaß gemacht, die meisten Beiträge waren auch ziemlich gut. Und ich hatte Glück – dieses Jahr war der Wettbewerb mit 16 teilnehmenden Gruppen ziemlich klein. In den letzten Jahren waren es wohl bis zu 40 Beiträge… Die Entscheidung fiel auch nicht besonders schwer, weil vier Siegerplätze und sieben Nominierungen zu vergeben waren (Bestes Kostüm, Bestes Arrangement usw., die Trostpreise halt). Die Nominierungen waren nicht schwer zu entscheiden, und die vier Sieger waren auch eindeutig, weil es vier wirklich beeindruckende Beiträge gab. Die Liedauswahl war allerdings…interessant, man könnte die Veranstaltung vielleicht in Schlagerparty umbenennen? Von romantischen Tränendrüsenliedern wie „Endlich sehe ich das Licht“ bis zu Skikursliedern wie „Das rote Pferd“ oder „Das Fliegerlied“ war alles dabei…
Danach gab es noch ein „Galakonzert“, bei dem alle 11 Gewinner des Wettbewerbs und einige Gruppen von den verschiedenen Fakultäten der Baschkirischen Staatlichen Universität aufgetreten sind. Die Studenten hatten sehr unterschiedliche, aber allesamt sehr kreative Beiträge (dass es 20 Minuten später als geplant begonnen hat, hat mich gar nicht mehr überrascht…).

Obwohl die Woche nicht besonders anstrengend war, war ich doch oft lang unterwegs und spät zuhause. Deshalb war es gar nicht schlecht, dass ich gestern überraschend erfahren habe, dass ich heute frei habe, weil heute Subbotnik ist (eine Art Frühjahrsputz, bei dem ein Teil der Schüler die Straßen saubermacht und aufräumt) und alle Klassen, die ich gehabt hätte, beim Subbotnik beteiligt waren.

Heute hat es übrigens tatsächlich mal geregnet – normalerweise ist es hier sehr trocken. Wie trocken? In den vier Wochen, in denen ich jetzt hier bin, hat es an genau drei Tagen Niederschlag gegeben, sonst war es immer trocken, zwar meistens bewölkt, aber trocken. Das ist auch der Grund, weshalb ich ungefähr dreimal so viel Cremes und Bodylotion und Labello brauche wie zuhause, und weshalb ich mich immer total freue, wenn ich endlich wieder Wäsche waschen kann, damit ich in meinem Zimmer nicht vertrockne (Zentralheizung und so, außerdem hat mein Zimmer drei Heizungen und ist ziemlich gut isoliert, deshalb schlafe ich meistens mit offenem Fenster. Nicht besonders umweltfreundlich, ich weiß, ich schäme mich sehr…).

Das war’s erstmal über die deutsche Woche. Es wird in der nächsten Zeit wie gesagt einen Artikel über die Geschichte Ufas geben, und ich versuche mal, daran zu denken, die Schule und meine Umgebung zu fotografieren, dann seht ihr auch mal, wie es in Djoma aussieht.

P.S.: Falls ich Dinge doppelt erwähne, tut mir das leid, aber ich habe inzwischen keinen Überblick mehr, ob etwas schon auf meinem Blog steht oder ob ich das nur mehreren Leuten erzählt habe… Also, falls ich mich wiederhole, dürft ihr mich gerne darauf hinweisen.

Tag 36 – Lange Tage

Liebe Leser_innen,

es ist erst Mittwoch und trotzdem habe ich das dringende Bedürfnis nach Wochenende! Seit Montag war ich jeden Tag 8 Stunden oder länger in der Schule. Jetzt werdet ihr euch denken: ist doch ganz normal bei einer 40-Stunden-Woche… nur muss ich samstags ja auch in die Schule, deshalb ist 8 Stunden jeden Tag dann doch etwas zu viel. Die langen Arbeitstage hatten verschiedene Gründe. Montag – ganz normal, da bin ich regulär 8 Stunden in der Schule. Dienstag ist echt blöd, weil ich morgens um 9 eine Stunde habe, mittags um 1 eine Stunde und dann nochmal von 16:40 bis 18:05. Normalerweise gehe ich vormittags nochmal nachhause, kaufe ein und bereite das Essen vor, gehe dann nochmal in die Schule und verbringe die restlichen Freistunden dort – meistens findet sich etwas, das ich tun kann. Und mittwochs bin ich gewöhnlich von 9:55 bis 15:35 in der Schule.

Woher kamen dann die vielen restlichen Stunden, die ich noch in der Schule verbracht habe? Gestern haben wir Probeprüfungen mit den Neuntklässlerinnen gemacht, die am Samstag die DSD1-Prüfung ablegen. Das hat wie erwartet länger gedauert – bis 19:00, und bis wir dann alles fertig besprochen hatten, war es auch schon 19:45. Bei dieser Besprechung haben wir auch festgestellt, dass niemand weiß, wo die Bücher für den Lesefüchse-Wettbewerb sind, die die Schule bekommen hat. Dass ich dort in der Jury sitze, hat sich damit auch erledigt, sofern die Bücher nicht sofort wieder auftauchen – denn sonst schaffe ich es nicht, bis nächsten Montag noch zwei Bücher zu lesen. Und ohne die Bücher zu kennen, kann ich ja wohl schlecht in der Jury sitzen…

Heute wäre ich dann wie gesagt um halb vier fertig gewesen. Aber nächste Woche findet in Ufa die „Woche der deutschen Sprache“ statt. Da findet z.B. der Lesefüchse-Ausscheid statt, es werden in den Kinos deutsche Filme gezeigt und es gibt ein Liederfestival, bei dem Schüler aus der ganzen Republik Baschkortostan deutsche Lieder vortragen. Wir machen da auch mit und es muss natürlich geprobt werden! Ich bin gespannt, ob es auf die „russische Art“ auch klappt – nämlich sich eine Woche vor dem Auftritt das erste Mal zusammen treffen und proben. Das haben wir heute getan, und es war gar nicht so leicht, 14 pubertierende Jugendliche dazu zu bringen, mir zuzuhören, nicht wild in der Gegend rumzuhüpfen und nicht Klavier zu spielen. Nach knapp 2 Stunden anstrengender Probe haben sie es aber ganz gut hinbekommen. Zum Glück konnte ich sie davon überzeugen, dass nur die drei Schülerinnen singen, die auch singen können, und der Rest sind quasi die Background-Tänzer. Sonst wäre das ein heilloses Rumgegröle gewesen, und gleichzeitig singen und tanzen hätte wahrscheinlich auch nicht geklappt.

Jetzt wollt ihr bestimmt wissen, was wir denn eigentlich singen. Auf Wunsch der Schulleiterin singen wir „Ich bin wie Du“, ein Lied, das sich an Flüchtlingskinder in Deutschland richtet und davon handelt, dass wir doch eigentlich alle gleich sind. Etwas kitschig, entspricht nicht wirklich meinen viel zu hohen musikalischen Ansprüchen, aber hat auf jeden Fall eine gute Wirkung und die Schüler machen das auch echt schön. Anspruchsvolle Sachen könnte man sowieso nicht aufführen, weil es leider nur wenige Schüler_innen gibt, die gut singen können und es auch keine festen Ensembles an der Schule gibt.

Ihr seht schon, es wird immer weniger, was ich zu berichten habe. Aber ich bin natürlich ständig auf der Suche nach neuen Fun Facts und lustigen, peinlichen oder interessanten Anekdoten. Bis dahin könnt ihr euch hier noch das Lied „Ich bin wie Du“ anhören.