Tag 166 – Just random stuff

Liebe Leser_innen,

da mir heute nichts einfällt, was ich schreiben könnte, habe ich mal wieder mein Tagebuch aufgeschlagen, darin herumgeblättert und einige Situationen gefunden, die bis jetzt thematisch nicht gepasst haben oder nicht relevant genug waren, um es in den Blog zu schaffen. Daher folgt jetzt eine total zufällige, planlose und nicht chronologische Zusammenstellung von Situationen und Beobachtungen aller Art in meinem Freiwilligendienst.


Die Lehrerin bringt der sechsten Klasse neue Vokabeln bei. Sie fragt, was das Wort „Teller“ auf Russisch heißt, keiner weiß es. Als ich die richtige russische Übersetzung sage, drehen sich alle mit großen Augen zu mir um und applaudieren mir begeistert. Danach gibt es großes Getuschel in der Klasse – „Sie kann ja Russisch sprechen!“.

Auf dem Schulweg fährt ein etwa achtjähriger, stark übergewichtiger Junge im Trainingsanzug auf seinem Mountainbike langsam an mir vorbei und ruft alle paar Sekunden laut „Motherfucker!“.

Ein Schüler möchte zum Thema „Sommerferien“ sagen, dass im Sommer alles grün ist und sagt stattdessen: „Wir haben sehr viel Gras“.

Im Sprachlager gibt es ebenso wie in der Schule aus Sicherheitsgründen keine Messer beim Essen. Meistens gibt es sogar nur Löffel, weshalb ich zum ersten Mal in meinem Leben nur mit einem Löffel einen Fisch (mit Gräten) zerlege oder ein Brot mit Butter bestreiche.

Im Flugzeug von Ufa nach Moskau heißt es in der Durchsage: „Das Wetter in Moskau ist gut“. Wir kommen an – es hat 10 Grad und regnet in Strömen.

Ich erlebe beim Busfahren gleich drei Überraschungen.
1. Der Bus ist ganz neu, hat vorne eine Leuchtanzeige und innen eine Lautsprecherdurchsage, die die nächsten Stationen ansagt. Das gibt es hier normalerweise nicht.
2. Der Bus wird von einer Busfahrerin gefahren.
3. Diese Busfahrerin ist das Gegenteil von dem, wie man sich eine Busfahrerin normalerweise vorstellt: sie ist sehr jung, unglaublich hübsch und sehr gepflegt gekleidet.

Im Supermarkt kennt mich eine der Kassiererinnen schon: ich bin die Ausländerin, die immer keine Plastiktüten will. Bis jetzt war es immer so, dass ich das Gemüse und Obst bewusst nicht in Plastiktüten gepackt habe, und an der Kasse haben die Kassiererinnen trotz meines Protests jede Obst- und Gemüsesorte in einzelne Tüten gesteckt. Dadurch bin ich entgegen meiner guten Vorsätze dann doch mit fünf Plastiktüten aus dem Supermarkt gegangen. (Immerhin lassen sie sich ganz gut als Gefrierbeutel verwenden). Diese eine Kassiererin kennt mich aber inzwischen und verzichtet nicht nur auf die Tüten, sondern gibt mir auch die Produkte einzeln in die Hand und wartet immer, bis ich mit dem Einpacken fertig bin.

Genau wie es mir alle vorhergesagt haben: als ich für ein paar Tage in Kasan bin, merke ich, dass Ufa wirklich keine besonders schöne Stadt ist. Kasan ist zwar kaum größer als Ufa, hat aber viel mehr Sehenswürdigkeiten und ist im Allgemeinen viel moderner. Da ist es z.B. Standard, dass es in Bussen digitale Anzeigen und Lautsprecherdurchsagen gibt 😉

Ich wundere mich, dass über Ufa nicht längst eine große Smogwolke hängt. Überall gibt es nur große, breite Straßen mit viel Verkehr und es bricht mir jedes Mal das Herz, wenn ich sehe, wie fast jeder zweite Bus eine dunkelgraue bis pechschwarze Abgaswolke ausstößt, die noch einige Sekunden über der Straße steht, bevor sie sich verzieht. Und da die Busse und Marschrutkas gefühlt ein Drittel des Straßenverkehrs ausmachen, passiert das ganz schön oft. Nervige Situation: der Bus steht an der Ampel, der Busfahrer lässt durchgehend den Motor aufheulen und die Abgase gelangen durch die geöffneten Fenster ins Innere. Da die Ampel aber noch eine Minute lang rot ist, hat man keine andere Wahl, als das Zeug irgendwann einzuatmen. Die Krönung davon ist dann nur noch, wenn neben einem ein (nicht mal unbedingt alter) Mann sitzt, der nach Schweiß und/oder Alkohol und/oder Urin und/oder Zigaretten riecht. Kommt leider sehr viel öfter vor, als man sich das wünschen würde.

In Kasan gehe ich in das tatarische Nationalmuseum. Es gibt Studentenrabatte, deshalb zeige ich probehalber mal meinen Freiwilligenausweis und hoffe, dass ich damit auch einen Rabatt bekomme. Zu meiner Überraschung drückt die Frau mir einfach eine Freikarte in die Hand. Naja, so geht’s auch!

An der Autobahn gibt es einen Rastplatz, der aussieht wie ein großer Markt. Es werden Kuchen, Eis, Gebäck, Räucherfisch und jede Menge tatarischer Spezialitäten verkauft und überall laufen alte Frauen herum, die Beeren und Blumen verkaufen.

„Krawatte“ heißt auf Russisch „galstuk“. Stimmt, ist ja quasi ein Halstuch.

Fast jedes Mal, wenn ich laufen gehe, bekomme ich blöde Kommentare von Männern. Dabei ist es nicht mal unüblich, dass Frauen in der Öffentlichkeit Sport machen. Und ich trage auch keine Kleidung, die unbedingt provozierend ist – lange Jogginghose und ein normales T-Shirt… Einmal hat mir sogar ein Mann den Mittelfinger gezeigt. Ich frage mich immer noch, ob ich etwas dazu beigetragen habe oder ob das einfach nur ein Depp war. Gerne versperren mir pubertierende Jugendliche auch den Weg oder joggen ein Stück neben mir her, um mir zu zeigen, dass sie schneller sind als ich. Herzlichen Glückwunsch!

Als Ergänzung zu Germann Gesse und Geinrich Geine: Es gibt natürlich noch E.T.A. Goffmann 🙂

Frag doch mal in Russland #3: Die Rolle der Frau in der Gesellschaft

Liebe Leser_innen,

diese Woche gibt es wieder ein Interview aus der Reihe „Frag doch mal in…“. Ich habe mich diesmal mit Danija Asfandijarova unterhalten. Sie ist 53 und arbeitet als Deutschlehrerin in einer Waldorfschule und im Goethe-Sprachlernzentrum in Ufa. Für mich war dieses Gespräch sehr interessant und einige Antworten haben mich auch überrascht. Viel Spaß beim Lesen!

Gibt es in Russland ein typisches oder ideales Bild der Frau?

Ich würde sagen, das ist alles sehr persönlich. Erstens: das Thema ist bei uns nicht so thematisiert wie bei euch in Deutschland, und daher hat jeder seine persönliche Meinung und eigentlich sprechen wir nicht so viel darüber, würde ich sagen. Vielleicht kommt das noch mit der nächsten Generation, aber eigentlich wirken da eher alte Stereotype. Und wir sprechen mehr über die Frauen als diejenigen, die es zuhause gemütlich machen, aber natürlich können sie auch arbeiten. Aber die Orientierung für die Mädchen und Frauen ist vor allem die Familie, glaube ich, trotzdem, immer noch.

Ich habe bisher noch kaum junge Frauen mit Kurzhaarfrisur gesehen. Was für ein Schönheitsideal wird jungen Mädchen und Frauen vermittelt?

Ich glaube, es wandelt sich mit der Zeit und ändert sich immer wieder. Jetzt ist es eher Mode, lange Haare zu haben. Ich habe zwar einen kurzen Schnitt, aber mein Sohn, der ist jetzt 15, der hat gesagt: „Nööö, das gefällt mir nicht!“. Es ist einfach im Trend gerade jetzt.

Also ist das nicht grundsätzlich so?

Nein, du kannst auch Mädchen mit Kahlkopf treffen, die gibt es auch. Und bei mir in der Schule – ich arbeite in der zweiten Klasse – da hat eine Mutter sich rasieren lassen, überhaupt kein Haar, und ihr kleiner Junge, der hat sie gemalt, immer mit langen Zöpfen, und macht das immer noch.

Kann man bei Berufen eine typische Männer-Frauen-Verteilung feststellen?

Ja, natürlich, es gibt typische Männerberufe, vielleicht die, die irgendwie körperlich anstrengend sind. Und typische Frauenberufe, wo man sich nicht so anstrengen sollte oder mit Schönheit mehr zu tun hat. Aber ansonsten – so richtig, dass wir sagen, diese Berufe sind nur für Männer und diese nur für Frauen – nein. Lastkraftwagenfahrer, das sind eher Männer, aber Frauen kann man da vielleicht auch treffen. Und es nicht so, dass es fatal ist, es gibt eigentlich keinen Wunsch bei den Frauen, da zu arbeiten.

Gibt es Initiativen, dass mehr Frauen z.B. naturwissenschaftliche oder technische Berufe lernen sollen?

Da meinst du bestimmt diese feministische Bewegung oder sonstwas – das gibt es bei uns nicht, irgendwie grundsätzlich nicht, und wir sind im Moment einfach nicht interessiert, solche Diskussionen zu führen.

Wie sieht es mit der Bezahlung aus in den Berufen, in denen sowohl Männer als auch Frauen arbeiten? Werden Frauen gleich gut bezahlt?

Ich glaube, es gibt irgendeinen Standard für Gehälter, und das wird bezahlt, egal ob das ein Mann oder eine Frau macht. Und vielleicht gibt es Bereiche, wo man sehr wenig Männer hat, aber man möchte sie haben, dann wird man denen natürlich etwas mehr bezahlen als den Frauen, damit sie kommen. Aber ansonsten, grundsätzlich, werden Frauen nicht schlechter bezahlt.

Sind Familie und Beruf in Russland gut vereinbar?

Ich arbeite in der Waldorfschule, und da fragen die Ehemänner von unseren Lehrerinnen: Ist eigentlich die Schule familienfreundlich oder nicht? – in dem Sinne, dass man sehr viel zu tun hat. Es ist immer verschieden, je nachdem, was für ein Beruf es ist. Eine Lehrerin hat immer viel zu tun, und dann noch zuhause viel zu tun. Je nachdem, es gibt Ehemänner, die sehr viel helfen, und dann klappt es sehr gut in der Familie, und es gibt solche, die meckern – mein Sohn sagt zum Beispiel immer wieder: „Bitte, lieber Gott, nie im Leben soll meine Ehefrau eine Lehrerin sein!“

Aber gibt es genug Angebote an Kindergärten, damit die Kinder während der Arbeit gut versorgt sind?

Also, extra macht keiner etwas für die Frauen. Das heißt, du musst immer selber schauen, wie machst du das, wie kommst du über die Runden? Ich hätte gerne viel mehr Angebote gehabt, die billiger sind für eine Frau, die voll beschäftigt ist, aber ich hatte das nie. Aber früher, in der Sowjetunion, da gab es das immer. Für meine Mutter z.B., da gab es immer irgendwelche Ermäßigungen. Für Mehrkinderfamilien, da gibt es etwas, aber nicht so viel, und das Kindergeld ist auch sehr wenig. In Deutschland konnte ich davon meine Wohnung bezahlen, ich habe dort auch Kindergeld bekommen, ich habe meinen Sohn in Deutschland bekommen. Und da konnte ich die Wohnung richtig bezahlen, allein vom Kindergeld, und hier nicht. Hier ist es eher symbolisch, das ist eine sehr kleine Summe.

Hat die Zeit der Gleichberechtigung der Frauen in der Sowjetunion Auswirkungen auf die heutige Situation der Frauen?

Die Frauen waren damals sooo sehr gleichberechtigt und mussten immer sooo viel arbeiten, hatten keinen Mutterurlaub und so weiter – das heißt, sie mussten genauso viel machen wie die Männer – dass der Wind eher in die andere Richtung weht. Man möchte nicht so viel arbeiten wie die Männer. Man möchte die Männer arbeiten lassen und mehr Zeit zuhause haben. Wir haben schon genug von der Arbeit. Meine Mutter hat so viel gearbeitet, wir haben uns immer gewünscht, dass sie zuhause ist. Und jetzt sind wir eher neidisch auf diejenigen, die es sich leisten können, zuhause zu bleiben. Würde ich vielleicht auch gerne…

Gab es schon Situationen, in denen du dich als Frau benachteiligt gefühlt hast?

Ich habe immer anders gedacht: Warum soll ich genau solche Leistungen bringen wie die Männer? Ich möchte nicht wie die Männer jetzt hier dastehen, ich möchte eher als Frau behandelt werden.

Hast du dir nie gedacht: Wenn ich jetzt ein Mann wäre, hätte ich es in dieser Situation jetzt leichter?

Nein. Wenn, dann waren das Situationen, wo die Männer viel leisten müssen, körperlich vielleicht, und natürlich müssen sie dann besser bezahlt werden als ich. Ansonsten nicht.

Tag 110 – Und das Hähnchen macht Kikerikiki…

Liebe Leser_innen,

nach zwei Wochen Kinderlager kann ich mehrere Dinge feststellen:

1. Die Kinder wachsen mir mit jedem Tag mehr ans Herz, weil sie sich jeden Tag mehr trauen, mit uns zu sprechen und uns auszufragen. Inzwischen können Theresa und ich nicht mehr an einer Gruppe vorbeigehen, ohne von mindestens fünf Kindern umarmt zu werden (auch wenn wir die Gruppe in den letzten fünf Minuten zweimal gesehen haben und beide Male umarmt wurden). Und wenn unsere Stunde beginnt, kommen die meisten Kinder begeistert in den Raum gestürmt und begrüßen uns mit „THEREEEEEESAAAAAAA!!! SOOOOOPHIIIIIIIAAAAAAA!!! GUTEN MORGEN!“.

2. Die Organisation ist etwas fragwürdig. Es gibt zwar einen Plan, aber dass dieser Plan eingehalten wurde, ist noch nicht so oft vorgekommen. Und die Gruppen sind sehr ungleichmäßig verteilt – damit meine ich, dass Gruppe 5 schon sechsmal bei uns war und die meisten anderen nur dreimal. Gut, dass ich immer noch mindestens ein „Reserve“-Lied dabeihatte, für den Fall, dass eine Gruppe noch einmal kommt (Es kam auch schon vor, dass eine Gruppe zweimal an einem Tag kam…).

3. Dafür lernen wir umso mehr, spontan zu sein. Bis jetzt hatte ich mich daran gewöhnt, Unterricht zu halten, wenn jemand sagte „Kannst du in fünf Minuten die 6. Klasse übernehmen?“ – aber ich wusste, wo, wer, wann und was ich machen sollte. Jetzt wissen wir zwar wo und theoretisch wann, aber meistens nicht, wer und damit auch nicht, was wir machen sollen. Da müssen wir dann erstmal die Gruppe fragen, welche Gruppe sie denn eigentlich sind, und dann können wir entscheiden, welches Lied wir mit ihnen singen. Kleines Selbstlob: es war eine gute Entscheidung, jeden Tag aufzuschreiben, welche Gruppen da waren und was sie gemacht haben. Sonst würden wir jetzt heillos im Chaos versinken… Oft passiert es auch, dass wir aus verschiedensten Gründen unterbrochen werden und die Kinder jetzt irgendwo anders hingehen müssen. Und während der Stunde werde ich oft von den Betreuer_innen der Gruppe unterbrochen, meistens während ich gerade ein Lied vorsinge. Denn wenn auch nur zwei Kinder leise tuscheln, wird sofort die ganze Gruppe von den Betreuer_innen angebrüllt, dass sie endlich leise sein sollen. Oh the irony…
Übrigens, die Lieder, die wir singen, sind folgende: Was müssen das für Bäume sein, Lied vom Wecken, Auf einem Baum ein Kuckuck saß, Die Vogelhochzeit, Das Auto von Lucio und Zwei kleine Wölfe. Meine Favoriten sind definitiv Nr. 2 und 3, denn die Kinder finden diese Lieder super und es ist schon ein tolles Gefühl, wenn alle mitmachen und 25 Kinderstimmen laut singen „UND DAS HÄÄÄÄHNCHEN MACHT KIKERIKIKIIIIIIIIIIIIII!“ oder „SIMSALADIMBAMBASALADUSALADIM!“.

4. Die Kinder werden bei manchen Veranstaltungen ziemlich überfordert, so ist zumindest mein Eindruck. Es fanden oft Theaterstücke oder Musikvorstellungen in der Aula statt, bei denen völlig überdrehte Moderatoren die Kinder zu guter Laune animierten. Manche Kinder saßen selbst in der letzten Reihe noch mit zugehaltenen Ohren da, denn die Mikrofone werden grundsätzlich sehr laut eingestellt, und die Schauspieler und Sänger haben nun mal sehr laute Stimmen.
Bei einem Theaterstück wurden verschiedene Länder repräsentiert – die meisten waren nachvollziehbar, aber für England stand ein Mann auf der Bühne, der eine orangene Perücke, meiner Meinung nach viel zu enge Sportkleidung und Fahrradhandschuhe trug, und er sang ein Lied über London, während im Hintergrund Bilder von Sehenswürdigkeiten aus Ufa gezeigt wurden. Er leitete dann auch ein Spiel an, das so ähnlich wie Reise nach Jerusalem funktionierte, nur dass die Kinder, wenn die Musik ausging, Gegenstände vom Boden aufheben mussten. Die Verlierer wurden schnell mehr oder weniger unsanft von der Bühne befördert, während der „Engländer“ den Gewinnern begeistert die Arme zur Siegerpose hochriss, sodass die kleinen Kinder auf Zehenspitzen standen, um nicht in der Luft zu hängen. Und inzwischen glaube ich tatsächlich, dass unsere Stunden die einzigen sind, bei denen kein Wettbewerb stattfindet und die Kinder einfach nur zum Spaß Lieder singen. Selbst in den Malstunden suchen die Betreuer_innen das schönste Bild aus.

Natürlich bin ich mir bewusst, dass in anderen Ländern vieles anders läuft als in Deutschland. Und einige Dinge laufen hier meiner Meinung nach besser als in Deutschland. Aber andere Dinge schockieren mich wirklich, und die Art, wie die Kinder auch von den Betreuer_innen manchmal behandelt werden, ist eines davon. Ich kann das auch nicht einfach ignorieren oder an mir abprallen lassen, denn durch meine Erziehung und kulturelle Prägung finde ich solche Verhaltensweisen unangenehm. Und ich lege Wert darauf, dass mein Blog nicht nur zeigt, was ich für tolle Sachen erlebe und dass alles supertoll und mein Freiwilligendienst eine einzige Party ist, sondern dass ich auch schreibe, was nicht so toll läuft und was mich im Einsatzland und in der Einsatzstelle nervt.

So, aber abgesehen davon gab es diese Woche wieder einige Veranstaltungen in der Stadt. Am Montag war Feiertag (Tag Russlands) und seitdem gab es jeden Tag ein Open-Air-Konzert von verschiedenen Gruppen. Am Montag gab es überall in der Stadt verschiedene Angebote, von denen ich sehr viele auch interessant fand, aber die Stadt ist leider so groß, dass es schwer ist, alles zu sehen, was einen interessiert. Das Wetter war leider nicht besonders feierlich, denn es regnete fast die ganze Zeit, aber daran habe ich mich schon gewöhnt und habe inzwischen fast immer einen Schirm dabei. Wir sind jedenfalls zum zentralen Veranstaltungsort gefahren, nämlich zum Leninplatz, wo sich das Regierungsgebäude und ein großes Theater befindet. Unter dem Vordach dieses Theaters fand ein internationales Festival der Kulturen statt, bei dem Gruppen aus Südkorea, Mexiko, Iran, Kasachstan, Sri Lanka, Indien, Estland, Kolumbien, Serbien, Südafrika, China und natürlich Baschkortostan entweder Volkstänze oder traditionelle Musik oder beides vorstellten. Am Schluss wurden Stühle aufgebaut und alle beteiligten Musiker (ca. 20) sollten zusammen musizieren. Das klappte auch sehr schnell sehr gut – jeder durfte mal ein Solo spielen und es entstand ein ganz besonderer Klang mit Instrumenten aus ganz verschiedenen Kulturen, und am Schluss stimmte einer der estnischen Musiker noch einen Gesang mit dem Text „Ufa Festival“ an, bei dem natürlich auch das Publikum begeistert mitsang.

Indien

Mexiko

Mexiko

Musiker aus allen Ländern

Gestern waren wir dann bei einem Konzert des Baschkirischen Staatsorchesters und heute bei einem Konzert von traditionellen baschkirischen Musikern. Wobei, so traditionell war das meiste gar nicht… eigentlich waren es hauptsächlich Pop- und Rockbands, die baschkirische Flöten (kurai) in ihre Musik einbauten. Eine Gruppe spielte z.B. ein Cover von Smells Like Teen Spirit, bei dem der Gesang durch die Flöte ersetzt wurde. Die Lage der Bühne ist aber wirklich perfekt: sie ist auf einem Platz aufgebaut, der von Hügeln umgeben ist, d.h. man sitzt auf der schrägen Wiese, hat von überall eine gute Sicht auf die Bühne und dazu noch einen schönen Ausblick ins Tal.

Tag 103 – Du hast einen deutschen Akzent!

Liebe Leser_innen,

seit Montag läuft in der Schule jetzt das Kinderlager. Kurz erklärt: ca. 120 Erst- bis Viertklässler unserer Schule kommen montags bis freitags von 8:30 bis 15:00 Uhr in die Schule und bekommen dort ein Ferienprogramm. In der Schule gibt es Malstunden, Tanzen, Musik, Sport und andere Indoor-Aktivitäten und oft gibt es Ausflüge, z.B. in den Zoo, ins Theater, ins Schwimmbad usw.
Am Donnerstag gab es außerdem einen Sportwettbewerb, bei dem alle Gruppen gegeneinander angetreten sind, indem sie in der Sporthalle vom Rand bis zur Mittellinie und zurück rennen mussten, in verschiedenen Schwierigkeitsgraden. In einer Runde z.B. musste der erste Läufer auf dem Weg einen Staffelstab in einen Hula-Hoop-Reifen legen, der zweite Läufer musste ihn aufheben und dem dritten Läufer übergeben, der ihn wiederum in den Reifen legte usw. Zum Zuschauen war es lustig, aber auch sehr anstrengend, denn die Sporthalle hallt ganz fürchterlich (no pun intended), es läuft laut Musik und 120 Kinder schreien aus vollem Hals, um sich gegenseitig anzufeuern…

Meine Aufgabe ist aber, Musikstunden zu halten, allerdings mache ich keinen normalen Unterricht, sondern ich singe mit den Kindern deutsche Lieder. Dabei habe ich seit Mittwoch auch eine große Unterstützung, nämlich Theresa aus Berlin – sie ist eigentlich mehr Freiwillige als ich, denn sie ist wirklich ganz freiwillig und ohne Organisation hier und bekommt auch kein Geld dafür. Sie ist für vier Wochen in Ufa, wo sie anstelle von mir im Sprachlager arbeiten wird (ich habe in der Zeit Urlaub genommen, allerdings ohne zu wissen, dass das Sprachlager genau in der Zeit liegt, shame on me) und arbeitet danach noch in einem Sprachlager in Sochi, was von einer anderen Schule organisiert wird. In den Musikstunden arbeiten wir allerdings weniger zusammen als dass wir uns vielmehr abwechseln, denn dadurch, dass immer drei Gruppen hintereinander kommen, machen wir dreimal hintereinander das gleiche Programm, und das ist auch mental anstrengend, wenn man dreimal das gleiche Lied einstudiert. Immerhin hat diejenige, die gerade nicht mit den Kindern arbeitet, die verantwortungsvolle Aufgabe, die Powerpoint-Präsentation weiterzuklicken, auf der der Text zu sehen ist.

Die Gruppen (es gibt insgesamt 7) sind alle ganz unterschiedlich. Manche haben das Lied nach fünf Minuten drauf und wir müssen uns spontan überlegen, wie man die Kinder die restlichen 25 Minuten bespaßen kann. In manchen Gruppen singen nur wenige Kinder überhaupt mit und der Rest langweilt sich und wird unruhig. Und eine Gruppe kam sowohl in meiner als auch in Theresas ersten Stunde am Ende nach vorne gestürmt, alle mit Handys bewaffnet: „Können wir ein Foto zusammen machen?“
Und fast alle stellen viele Fragen – natürlich auf Russisch und nicht auf Deutsch, denn die deutsch- und englischlernenden Schüler_innen sind in den Gruppen durchmischt und sprechen auch nur sehr wenig Deutsch oder Englisch. Für uns ist das aber gar nicht schlecht, denn so können wir unsere Russischkenntnisse verbessern (vor allem ich – Theresa spricht um einiges besser Russisch als ich, sie hat das aber auch in der Schule gelernt…). Ein Mädchen hat uns beide nacheinander gefragt, wie alt wir sind, und nach meiner Antwort stellte sie (offenbar mit großer Zufriedenheit) fest: „Немецкий акцент есть!“ (Du hast einen deutschen Akzent!)

Ich muss sagen, es ist so schön, noch jemanden hier zu kennen, mit der ich Deutsch sprechen kann und die in meinem Alter ist. Außerdem ist es das erste Mal, dass ich jemandem Ufa zeigen kann oder zumindest das, was ich kenne. Da fühle ich mich gleich noch ein Stückchen mehr zuhause, denn jetzt habe ich jemandem meine Stadt gezeigt. Und jetzt habe ich noch mehr Lust, noch mehr von der Stadt zu entdecken. Morgen fahren wir zusammen in die Stadt und werden uns einige Veranstaltungen anschauen, denn morgen wird das Stadtfest gefeiert. Am 12. Juni ist nämlich der Tag Russlands UND der Geburtstag des baschkirischen Nationalhelden Salavat Yulaev. Ich bin sehr gespannt, was Ufa wieder an Feierlichkeiten zu bieten hat…

Tag 96 – Zwischenseminar

Liebe Leser_innen,

die Ankunft in Ufa gestern Abend war ein kleiner Schock für mich – 5 Grad und Regen. Nachdem ich über eine Woche lang fast nur Sonnenschein und Wärme hatte, war es doch sehr deprimierend, in eine kalte Wohnung zurückzukommen, während der Wind den Regen gegen die Fenster peitschen ließ. In Gedanken bin ich immer noch in der wunderschönen Villa Greta in Polen (als Urlaubsziel übrigens sehr empfehlenswert…), da hat mich die sommerliche Natur sehr fasziniert, nachdem die Sommertage hier doch eher selten waren. Obwohl wir dort unser Zwischenseminar hatten und viel gearbeitet und diskutiert haben, war es für mich wie eine Woche Urlaub. Die Gruppenzusammensetzung hat echt gut gepasst, noch besser als auf dem Vorbereitungsseminar, und alle gruppenpädagogischen Spiele haben wir ziemlich gut gemeistert. Die Trainer_innen waren auch sehr nett und hatten gute Methoden und Spiele für uns dabei. Und die Villa Greta war einfach ein Traum – tolles Essen, wunderschöne Häuser, ein großer Garten und ein sehr liebenswerter Hund. Wir Russland-Freiwilligen haben den Sonnenbrand gerne in Kauf genommen – bis jetzt haben wir ja noch nicht so wahnsinnig viel Sonne abbekommen…

Ein Visum habe ich jetzt auch, nach dem kleinen Schock, dass ich eine neue Einladung von der Schule brauchte, in der explizit drinsteht, dass ich zweimal ein- und ausreisen darf, das stand nämlich vorher nicht drin. Das ging aber sehr schnell, und zum Glück reichte das als Email und ich brauchte kein Original. Die Mitarbeiterin im Visazentrum war auch sehr freundlich und hilfsbereit und so konnte ich vorgestern meinen Pass wieder abholen, mit dem richtigen Visum drin. Leider kann ich mich nicht nur freuen, denn es hat bis jetzt nicht bei allen Russland-Freiwilligen geklappt, ein neues Visum zu bekommen – diese ganze Visageschichte ist einfach viel zu kompliziert.

Morgen geht es dann im Kinderlager los und vielleicht komme ich dann mal dazu, meine musikalischen Fähigkeiten einzusetzen und mit den Kindern zu singen – bis jetzt ist das ja leider eher untergegangen.

Achso, fast hätte ich es vergessen: was haben wir denn auf dem Seminar gemacht? Wir haben über unsere Arbeit in den Einsatzstellen gesprochen und ggf. nach Verbesserungsmöglichkeiten oder Beschäftigungsmöglichkeiten gesprochen, denn erstaunlicherweise sind fast alle Freiwilligen (Goethe-Institut ausgenommen) total unterfordert und haben kaum etwas zu tun. Außerdem haben wir uns mit unseren Projekten beschäftigt und dafür gesorgt, dass jetzt jeder eine Idee und einen groben Plan für die Umsetzung hat. Einen Ausflug haben wir auch gemacht, der war zwar interessant, hat uns aber auch leider einen ganzen Tag der sowieso knappen Seminarzeit gekostet. Wir sind nach Krzyżowa (Kreisau) gefahren und hatten dort eine Führung über das Gelände und haben viel über die Geschichte des Guts Kreisau, die deutsch-polnischen Beziehungen und den Kreisauer Kreis erfahren. Und abgesehen davon haben wir natürlich viele Spiele gemacht, manchmal thematisch passend, manchmal einfach nur als Energizer.

Ich würde sehr gerne Fotos hochladen, aber leider hat sich mein Handy gestern ohne Rücksprache mit mir dazu entschlossen, sämtliche Daten von der Speicherkarte, darunter auch die Kamerabilder, zu löschen. Vielleicht waren ihm die ganzen Länderwechsel auch einfach zu blöd 😉

Frag doch mal in Russland #2 Bildung, Arbeit, Chancen

Liebe Leser_innen,

dieser Beitrag ist das zweite Interview im Rahmen des Projekts „Frag doch mal in…“, diesmal wieder mit Svetlana, meiner Vermieterin und Mitbewohnerin. Sie ist 65 Jahre alt und war früher Deutschlehrerin an meiner Einsatzstelle, der Schule 103. Das Thema lautet dieses Mal „Bildung, Arbeit, Chancen“.

Wie war Ihre Laufbahn von der Schule bis zum Ende Ihrer Arbeit?

Als ich in der Schule lernte, wusste ich nicht, was ich werden will. Ich hatte keinen Traum, ich hatte keine Ziele. Ich war in einer sehr schweren Situation. Aber ich hatte zwei Beispiele vor mir, nämlich meine Schwestern. Ich hatte auch ein Beispiel von meinem Vater, von meiner Mutter, von meinem Großvater sogar. Er war ein Dorflehrer, er war sehr lange der einzige Lehrer in seinem Dorf. Und  sehr viele Generationen von Kindern hat er unterrichtet. Und mein Vater hat auch die pädagogische Fachschule beendet, aber als Lehrer arbeitete er nicht. Warum? Er war Mitglied der Kommunistischen Partei, und die Partei hat ihm gesagt: „Sie sollen in der Landwirtschaft arbeiten.“ Die Landwirtschaft war schlecht, man brauchte sehr viele Kräfte, um sie zu verbessern. Und sehr viele Jahre, 30 oder 40 Jahre, arbeitete er als Vorsitzender eines Kolchos. Aber meine ältere Schwester hat ihren Beruf ganz zielstrebig gewählt. Sie wusste schon in der Schule, dass sie Lehrerin werden will, und sie bereitete sich selbst auf diesen Beruf vor. Und sie wollte Russischlehrerin werden, aber als sie in die pädagogische Hochschule in Birsk gekommen ist, hat die Prüfungskommission ihre Fremdsprachenkenntnisse geprüft, in Deutsch, und sie haben ein paar Fragen auf Deutsch gestellt, Luise hat geantwortet, und das hat ihnen gefallen, und sie haben gefragt: „Warum wollen Sie Russischlehrerin werden? Bitte arbeiten Sie lieber als Deutschlehrerin! Das ist viel interessanter, hat mehr Prestige, und Sie haben gute Kenntnisse. Bitte schreiben Sie sich an unserer Fakultät ein!“ Das ist die Fakultät der Fremdsprachen, Deutsch und Französisch.
Nach Luise ist meine zweite Schwester in diese Stadt, in diese Fachschule gegangen, und sie wurde auch Studentin dort. Mir blieb also nichts anderes übrig, ich ging auch in diese Schule. Die zweite Schwester wurde Russischlehrerin, Luise Deutsch- und Französischlehrerin, und ich wollte nur Fremdsprachen lernen, Russisch wollte ich nicht. Aber in der Schule lernte ich sehr gut, besonders gut waren für mich Literatur, Geschichte und Fremdsprachen. Mathematik war schwerer, bis zur 9. Klasse waren alle meine Noten nur 5 [beste Note in Russland], aber in der 10. Klasse, 11. Klasse, war ich in Mathematik nicht mehr gut, und Physik war besonders schwer für mich. Aber Chemie war viel besser.
Ich war schon verheiratet, ich hatte schon Kinder, aber in meinem Traum sah ich solche Bilder: ich stehe an der Tafel in der Physikstunde, und soll eine physikalische Aufgabe lösen, das war schrecklich! Und als ich verstand, dass das ein Traum war, war ich so glücklich.

Was für eine Schule haben Sie besucht?

Bei uns hatten wir nur eine einzige Schulart, eine Mittelschule von der 1. bis zur 11. Klasse.

Wann sind Sie in den Beruf eingestiegen? Haben Sie gleich hier in Ufa gearbeitet?

Als ich Studentin war, hatten wir in unserem Land eine Studentenbewegung, die Baugruppen. Ich wurde auch mit meinen Freundinnen und Mitstudentinnen Mitglied einer solchen Baugruppe. Nach dem 1. Studienjahr ist eine Gruppe von ca. 100 Studenten in die Vorstadt von Ufa gekommen, um in einer Baustelle eine Firma für die Viehfarm zu bauen. Fast 100 Mädchen und nur 3 oder 4 Jungen. Kannst du dir das vorstellen? Wir Mädchen trugen Beton, das war so schwierig. Wir gruben Erde für das Fundament usw. Die Arbeit war sehr schwierig, aber sehr interessant und nach der Arbeit war es sehr lustig. Wir wohnten in Zelten unter den Birken. Rechts war ein Kornfeld, das war eine sehr romantische Atmosphäre, und damals habe ich meinen zukünftigen Mann kennengelernt. Er war auch Student, er leitete eine solche Baugruppe, aber nicht von unserem Institut, sondern von Ufa. Er war Student der landwirtschaftlichen Hochschule. Er sollte Ingenieur werden. Das war nach dem ersten Studienjahr, und zwei Jahre lang haben wir uns getroffen. Er kam in meine Stadt, und dann kam ich nach Ufa, und nach zwei Jahren veranstalteten wir die Hochzeit. Sehr viele Studenten waren bei unserer Hochzeit, das war sehr lustig, aber für meine Mutter war das nicht leicht, denn vieles hat sie selbst gemacht und sie hatte fast keine Helfer. Und es gab Probleme, ich konnte nicht einmal ein Brautkleid kaufen. Es gab das nicht, in den Kaufhäusern gab es überhaupt keine solchen Kleider, und wir suchten, wir schrieben nach Moskau, aus Moskau haben sie uns Stoffe geschickt usw. Das ist eine andere Geschichte, man kann darüber sehr lange sprechen. Aber wir wurden Frau und Mann. Und von der Stadt Birsk bin ich nach Ufa umgezogen. Mein Mann hat viel dafür gemacht, und er hat auch im Studentenwohnheim ein Zimmer für uns organisiert, und er war sehr aktiv in diesem Institut, und darum kamen die Leiter des Instituts ihm entgegen und machten vieles für ihn. Also bekamen wir ein solches Zimmer. Das waren sogar 2 kleine Zimmer, eine Küche und ein Wohnzimmer. Und im 5. Studienjahr ist Ina geboren, im Dezember. Und als wir studierten, damals, bekamen alle Studenten Papiere, wo geschrieben wurde: die Stadt, die Organisation, der Betrieb oder die Schule, wo die Absolventen arbeiten sollten. Weil ich schon verheiratet war, gaben sie mir kein solches Papier. Ich musste oder sollte selbst meine Arbeitsstelle auswählen. Das Studium an der Fakultät der Fremdsprachen hat mir sehr gut gefallen, vieles, die Aussprache usw. Aber Deutsch hat man uns sehr schlecht beigebracht, das war ein junger Professor, wir machten ihm schöne Augen. Er war nicht streng, er hatte keine Erfahrung, er war ein sehr, sehr junger Professor und konnte nichts von uns fordern. Aber ich hatte gute Noten, weil ich Deutsch in der Schule gelernt hatte.

Als Sie angefangen haben, in der Schule zu arbeiten: Wo haben Sie angefangen?

Ich habe mir selbst Arbeit gesucht. Ich ging in eine Schule: „Brauchen Sie eine Deutschlehrerin oder nicht?“ – Nein, sagten sie mir. Endlich, in der Schule 102, hat man mir gesagt: „Ja, wir brauchen eine Deutschlehrerin, weil unsere Deutschlehrerin schwanger ist.“ Und ich begann zu arbeiten. Ich war eine so junge Lehrerin, und meine Schüler waren schon in der 11. Klasse. Und solche großen Jungen saßen da. Und jetzt lachten sie und strahlten mich mit den Augen an wie wir unseren Deutschprofessor.
Die Arbeit war sehr schwierig für mich. Jetzt verstehe ich, die Arbeit des Lehrers ist nicht für mich. Aber ich war sehr tüchtig. Die Disziplin war für mich am Anfang ein Problem. Sogar bei den kleinen Schülern, in der 5., in der 6. Klasse. Ich meinte, ich liebe sie, und darum sollen sie mich auch lieben. Warum muss ich so streng sein? Ich will nicht so streng sein, ich liebe sie, und das ist genug! Aber die Kinder sind nicht so. Eine alte Deutschlehrerin, Galina, sagte mir: „Oh, Svetlana, ich verstehe dich nicht. Sie sind so klein, warum sind sie so undiszipliniert in deiner Stunde? Es ist so leicht, sie dazu zu bringen, sich zu benehmen!“ Nach vielen Jahren habe ich es verstanden, und ich konnte auch eine gute Disziplin in der Stunde haben.

Wie lange haben Sie als Lehrerin gearbeitet, bevor Sie ins Schulamt gegangen sind?

Ich habe in der Schule 102 zwei Jahre gearbeitet, und dann ist diese Lehrerin zurückgekommen, und ich begann wieder, Arbeit zu suchen. Und in der Schule 103 habe ich diese Arbeit gefunden. Da habe ich 25 Jahre gearbeitet. Das war eine sehr interessante Zeit, wir hatten mit den Schülern viele interessante Schulabende. In unseren Schulen gab es die Tradition, dass am Ende des Schuljahres die Schüler mit den Lehrern Ausflüge machten. Diese Ausflüge waren sehr interessant und nicht nur für ein paar Stunden: wir wohnten in Zelten, wir fuhren mit dem Zug, dann gingen wir zu Fuß… Ein Ausflug mit meinen Schülern dauerte eine Woche. Wir waren in interessanten Höhlen in Regionen, die sehr weit von Ufa waren, wo es sogar keine Elektrizität gab. Die Leute wohnten in den Dörfern, aber sie hatten da keine Elektrizität, das kann man sich heute unmöglich vorstellen, aber es war so. Und die Schüler mochten das sehr.

Wie lange haben Sie im Schulamt gearbeitet?

8 Jahre. Und ich habe verstanden, dass das meine Bestimmung war. Das war eine schöpferische Arbeit, ich war für die methodische Arbeit verantwortlich. Aber diese Arbeit war sehr schlecht bezahlt, sogar die Lehrer verdienten mehr als ich. Das ist paradox, meiner Meinung nach. Ich half den Lehrern, ich leitete und koordinierte die Arbeit, aber mein Lohn war so klein. Aber ich litt nicht, weil mein Mann gut verdiente. Die Arbeit war sehr interessant, und eine Richtung – das kann ich ohne Bescheidenheit sagen – habe ich in unserem Bezirk entwickelt, das ist eine wissenschaftliche Arbeit der Schüler. Die Schüler schreiben über verschiedene Projekte, sie bearbeiten eine Frage und schützen ihre Projekte. Das ist sehr interessant, sie machen sehr, sehr viel, um ihr Projekt zu schützen, und die Schüler haben jetzt sehr viele Auszeichnungen für ihre Projekte, zuerst in der Stadt, und dann auch in anderen Regionen.

Welche Berufe sind in Russland am besten bezahlt oder am angesehensten?

Gazprom, die Erdölbetriebe. Aber man muss sagen: die Leiter bekommen sehr viel, aber die Arbeiter nicht. Die Leiter bekommen unmöglich, undenkbar viel.
In der Bank kann man auch viel Geld verdienen. Die Leute, die verkaufen – wenn sie gut verkaufen, bekommen sie viel Geld, und die Direktoren, die Manager auch. Und Richter verdienen auch sehr gut! Meine Rente ist z.B. 15.000 Rubel und die Rente von einem Richter ist 75.000 Rubel, so viel mal größer. Die Stadtangestellten – ihre Rente ist auch gut, mehr als z.B. die Rente der Lehrer, der Ärzte…

Was ist Ihre persönliche Meinung zum russischen Bildungssystem?

Früher war die Bildung sehr gut, meiner Meinung nach. Wir hatten keine Tests, keine einheitlichen staatlichen Tests für alle Schüler im ganzen Land. Warum ist das schlecht? Ihr Denken entwickelt sich nicht, sie sollen nur viele Fakten wissen. Und dann: Plus, Minus, Plus, Minus…
Wir hatten früher andere Prüfungen: die Schüler sollten eine Frage beantworten, mündlich, sie sollten z.B. eine Theorie beweisen, sie sollten ihre Position beweisen. Natürlich war das nicht leicht. Wir hatten Abschlussprüfungen, und als wir das Abitur hatten, mussten wir auch Prüfungen bestehen, um in die Hochschule zu kommen. Zweimal – im Juni in der Schule und im August hatten wir Prüfungen in der Hochschule, die wir gewählt hatten. Das war nicht leicht. Sehr viele junge Lehrer wissen schon nichts mehr davon, aber die Lehrer, die schon seit langem arbeiten und die selbst in einem anderen System gelernt hatten – alle schimpfen auf diese Tests. Und die Mitglieder unserer Regierung, unsere Abgeordneten, sie diskutieren viel über die Bildung.

Wie lange studiert man normalerweise?

Normalerweise in einer Hochschule 5 Jahre, aber es gibt jetzt Bachelor und Master. Früher studierten alle 5 Jahre, und manche 6 Jahre. Zur Zeit gibt es die Studenten, die 3 Jahre studieren und dann den Bachelor haben, und nach zwei Jahren den Master. Aber nicht alle Hochschulen sind so.

Soweit ich weiß, muss man immer Russisch, Mathematik und Sport studieren, egal, welches Fach man studiert.

Mathematik, ja. Früher war das nicht so. Ich habe die Fremdsprachenfakultät gewählt, und an unserer Fakultät hatten wir keine Mathematik, wozu? Oder Psychologie, wozu Biologie, wozu Mathematik? Aber jetzt ist Mathematik überall, warum? Fast alle Abiturienten wollen eine Hochbildung haben. Aber das Land braucht nicht so viele Fachmänner mit Hochbildung. Unser Land braucht viele Arbeiter. Und darum ist Mathematik seit einigen Jahren überall. Und alle sind erstaunt, wozu Mathematik? Das ist eine Barriere, und die Universitäten mit hohem Ansehen, z.B. MGU in Moskau, die beste Universität in unserem Land, und die Bauman-Universität, haben begonnen, den Abiturienten ihre eigenen Prüfungen zu stellen. Früher hatten wir sehr viele Fachschulen [Berufsschulen], und die Schüler, die diese Schule absolviert hatten, gingen in die Werke, in die Fabriken, sie wurden gute Fachleute, und zur Zeit braucht unser Land solche Fachleute, aber diese sehr guten Fachschulen waren ganz zerstört, wir haben nur noch sehr wenige. Und unser Land braucht sehr viele solche Leute, Arbeitsmänner, Arbeitshände.

Welche verschiedenen Schularten gibt es in Russland?

Bei uns gibt es Mittelschulen: sie vereinigen Grundschule, Mittelstufe und Oberstufe. Es gibt auch Gymnasien, d.h. Schulen, wo humanistische Fächer sehr gut unterrichtet werden, Literatur, Fremdsprachen, Geschichte. Es gibt auch Lyzeen. Im Lyzeum werden die „genauen“ Wissenschaften, Mathematik, Physik, Chemie sehr gut unterrichtet. Alle diese Schulen haben 11 Klassen.

Welche Möglichkeiten der Weiterbildung hat man, wenn man die Schule beendet hat?

Zur Zeit haben unsere Studenten sehr viele Möglichkeiten. Sie können gleichzeitig zwei Berufe in einer Universität studieren. Und sie können sogar gleichzeitig arbeiten, wir kennen solche Beispiele. Z.B. die Tochter von Inas Freundin, die in St. Petersburg studiert, studiert zwei Berufe und arbeitet. Oder der Sohn meiner Cousine studiert an der Bauman-Universität, er arbeitet und verdient als Student viel mehr als sein Vater.
[…]
Unsere Universität in Ufa ist zur Zeit nicht so beliebt. Jetzt studieren alle in Kasan, da studierte zu seiner Zeit Lenin, aber das hängt nicht davon ab (lacht). Jetzt liegt Kasan in allen Richtungen vorne, Bildung, Straßen, Tourismus usw. Es heißt jetzt immer Moskau, St. Petersburg, Kasan.

Wie groß sind die Chancen, nach dem Universitätsabschluss eine Arbeit zu finden? Welche Studienfächer bieten die besten Chancen?

Früher hatten wir kein Problem. Alle bekamen ein Papier: du wirst in diesem Betrieb, in dieser Stadt, in dieser Organisation, in dieser Schule arbeiten, alle hatten so ein Papier. Jetzt ist alles ganz anders. Natürlich, wenn du Student von der Moskauer Universität warst, hast du mehr Chancen, oder wenn du im Ausland studiert hast. Sehr viele Schüler wollen Jura studieren, aber sehr wenige finden eine Arbeit, weil es zu viele gibt. Oder die Studenten, die Wirtschaft studiert haben, sie können auch keine Arbeit finden. Aber sie alle gehen und gehen, um das zu studieren.

Anmerkung: nach dem Interview (die Aufnahme war schon beendet) sagte Svetlana noch, dass die Kindergärten hier sehr gut seien und die Kinder dort eine gute Bildung und Entwicklung bekämen. Es sei dann geradezu ein Schock für die Kinder, vom Paradies Kindergarten in die Schule zu kommen.

Tag 75 – Himmelherrgottsakramenthallelujamileckstamarsch

Liebe Leser_innen,

ich glaube, langsam pendelt sich ein guter Wochenrhythmus in meinem Blog ein, den ich versuchen werde, zu behalten.
In der letzten Woche ist wieder einiges passiert, also schön der Reihe nach:

Am 8. Mai war Feiertag, als Brückentag zwischen dem Wochenende und dem Tag des Sieges am 9. Mai. Diesen Tag habe ich genutzt, um einen Ausflug zu „Mega“ zu machen. Das ist ein Einkaufszentrum außerhalb der Stadt (also NOCH MEHR außerhalb als Djoma) und macht seinem Namen alle Ehre. Es gibt viele Marschrutka-Linien, die zu Mega fahren, auch eine direkt von Djoma aus, allerdings nur einmal in der Stunde, und da es keinen Fahrplan an der Bushaltestelle gibt, hatte ich halt das Pech, fast eine Stunde warten zu müssen. Diese Busfahrt kostet übrigens mehr als die normalen Fahrten, nämlich 30 statt 25 Rubel, ein halbes Vermögen! 😉 Als wir auf das Gelände fuhren, dachte ich kurz „Oh, cool, da gibt es auch einen Decathlon, da kann ich ja später vielleicht noch reingehen!“. Und dann sind wir von da aus noch ein ganzes Stück bis zu Mega gefahren und ich wusste in diesem Moment, dass ich am Ende nicht mehr genug Energie haben würde, um diese Strecke zu laufen.  Wie gesagt, die Dimensionen sind etwas größer als in Bamberg…
Als ich dann einmal drin war, hat mich die Größe dieses Gebäudes echt umgehauen. Nur mal zum Vergleich: ca. ein Viertel der Fläche bestand aus einem kompletten IKEA. Zum Glück war alles auf einer Ebene, sodass ich zumindest noch ein bisschen Orientierung hatte. Meine Mission habe ich auch erfüllt: ich wollte mir ein Paar Laufschuhe kaufen, weil ich keinen Platz im Koffer hatte, um meine mitzunehmen, und weil ich sowieso schon seit langem nicht mehr die Motivation zum Joggen aufgebracht hatte. Aber hier hab ich plötzlich einen Energieschub bekommen und mir vorgenommen, wieder mehr Sport zu machen. Ich hatte jedenfalls 5000 Rubel in bar dabei (ca. 80 Euro) und habe mir vorgenommen, bei Mega kein Geld abheben oder meine Kreditkarte benutzen zu müssen. Diesen Vorsatz konnte ich tatsächlich einhalten und bin nur mit einem Paar Sportschuhe wieder nachhause gefahren.
Falls ihr euch jetzt fragt, wie ich die Schuhe nachhause bringe, wenn ich schon auf der Hinreise keinen Platz im Koffer hatte: ich werde zwischendurch nachhause fliegen und alles, was ich in den letzten Wochen nicht mehr brauche, zuhause lassen (Anorak, Winterstiefel usw.), damit ich dann genug Platz für Souvenirs und sonstige Mitbringsel habe.
Auf dem Rückweg habe ich dann die Bushaltestelle nicht mehr gefunden und bin mit dem Taxi gefahren. Das ist hier zum Glück eine gute Alternative, weil es echt nicht teuer ist. Natürlich nicht zu vergleichen mit dem Preis für eine Busfahrt, aber trotzdem: für eine 15-minütige Fahrt über ca. 15 Kilometer habe ich nicht mal 4 Euro bezahlt. Und meine Angst vor dem Alleine-Taxifahren habe ich auch schnell verloren, denn bis jetzt waren alle Taxifahrer echt nett und ich kann inzwischen auch gut genug Russisch, um mich mit ihnen ein bisschen zu unterhalten. Apropos: meine neue Taktik im Gespräch mit Einheimischen ist die Offensivattacke: ich rede einfach drauflos und hoffe, dass mir möglichst wenig Fragen gestellt werden. Denn erzählen kann ich ja – selbst mit meinem begrenzten Wortschatz – nur verstehe ich meistens die Fragen nicht. Und klar, wenn ich auf keine Frage antworten kann, denkt der Gesprächspartner natürlich, dass ich kein Wort Russisch kann, obwohl ich eben nur die entscheidenden Schlüsselwörter der Frage nicht kenne.
Der Kauf hat sich übrigens gelohnt, die Schuhe sind super.

Am 9. Mai war dann großer Feiertag. Ich bin in die Stadt gefahren, um mir die Parade anzusehen, aber erstens war ich zu spät, und zweitens glaube ich, dass es gar keine Militärparade gab, sondern nur einen langen Zug von Menschen, die teilweise Uniformen trugen oder Fahnen schwenkten oder wie ich einfach nur mitliefen. Die meisten hatten aber Bilder von den Brüdern, Vätern und Großvätern dabei, die im Krieg gestorben sind. Deshalb hieß die Parade auch „Unsterbliches Regiment“ und diese Geste hat mir wirklich gut gefallen. So ging es an diesem Tag auch darum, der Gefallenen zu gedenken und nicht nur zu feiern, wie toll das eigene Land ist. Denn das war für mich als Deutsche natürlich extrem ungewohnt, zu sehen, wie stolz alle Menschen auf ihr Land sind, darauf, dass sie Russen sind und dass Russland den Zweiten Weltkrieg (hier: den Großen Vaterländischen Krieg) gewonnen hat.
Aber da dieser Blog ein persönlicher und kein politischer ist, möchte ich es gern bei dieser Beobachtung belassen.
Die Parade endete dann am Leninplatz und da bekam ich dann doch noch eine Militärparade zu sehen, denn auf einer großen Leinwand wurde die Parade aus Moskau übertragen.


Und weil ich gerade so sportlich motiviert war, beschloss ich einfach, vom Leninplatz zum Stadtzentrum zurückzulaufen. Das waren zwar knapp 10 Kilometer und es fing irgendwann an, leicht zu regnen, aber ich hatte keinen Termin und konnte etwas von der Stadt sehen. Außerdem hätte ich jederzeit in einen Bus steigen können, da ich neben einer der drei Hauptstraßen Ufas gelaufen bin, nämlich dem Oktoberprospekt. Und da fährt so ziemlich jeder Bus entlang. Aber ich bin gelaufen und gelaufen und habe mir schließlich im Zentrum ein/eine/einen Schawarma gegönnt (ich weiß immer noch nicht den Artikel…). Nach Djoma bin ich dann aber schon mit dem Bus gefahren, keine Sorge 😉

Am Mittwoch fand dann ein einschneidendes Ereignis statt: ein großes Picknick mit ganz vielen Studenten. Der Anlass war folgender: jeden Sommer gibt es einen Studentenaustausch zwischen den Partnerstädten Ufa und Halle (Saale). Und an dem Picknick nahmen sowohl die Austauschstudenten von diesem Jahr teil als auch diejenigen, die den Austausch in den letzten Jahren schon gemacht haben. Meine Russischlehrerin hatte mich dazu eingeladen, denn sie kennt viele Studenten und war selbst vor ein paar Jahren bei dem Austausch dabei. Der Austausch ist allerdings für alle Studenten, nicht nur für diejenigen, die Deutsch sprechen oder Deutsch studieren. Deshalb waren nicht so viele deutschsprachige Leute außer mir da, aber die meisten sprachen ziemlich gut Englisch oder zumindest besser, als ich Russisch spreche. Die diesjährigen Austauschstudenten hatten sogar eine Art Schnitzeljagd organisiert, bei der wir durch den ganzen Park rennen mussten und verschiedene Aufgaben lösen mussten. Meine Lieblingsstation war eine, bei der man aus einem echten deutschen Wort und einem Fantasiewort das echte Wort erraten musste. Außerdem sollte man die richtige Bedeutung erraten. Ich bekam einige erstaunte, bewundernde und auch verwirrte Blicke, als ich das Wort „Himmelherrgottsakramenthallelujamileckstamarsch“ in meinem schönsten Bayrisch aussprach.
An diesem Abend konnte ich gar nicht mehr denken oder reden, weil ich den ganzen Nachmittag abwechselnd oder gleichzeitig Russisch, Englisch und Deutsch gesprochen hatte. Da ich den letzten Bus nachhause verpasst hatte, bin ich wieder mit dem Taxi gefahren und habe wieder meine neue Offensivtaktik im Gespräch verwendet.

Und jetzt kenne ich ganz viele Leute und lerne das kulturelle Leben hier kennen. Gleich am Freitag wurde ich zu einer Theatervorstellung eingeladen, die perfekt für mich war, denn es war eine pantomimische Vorstellung. Heute werde ich noch ein Theaterstück sehen bzw. eine Probe vor Publikum, bei der eine andere Gruppe spielt, die aber einige Mitglieder hat, die auch in der Theatergruppe vom Freitag dabei waren. Mal sehen, wie viel ich von der Musikszene noch mitbekomme, aber im Moment tauche ich erstmal ins Theater ein.

Tag 67 – Eine Kirche und viele Denkmäler

Liebe Leser_innen,

in den letzten Tagen ist die Stadt plötzlich grün geworden. Von einem Tag auf den anderen blühten plötzlich alle Wiesen und Bäume, die Grünstreifen neben den Straßen sind jetzt tatsächlich grün und überall wuchert der Löwenzahn vor sich hin. Ich würde jetzt gerne Fotos hochladen, aber leider ist es jetzt, wo wirklich jeder Baum blüht, wieder kalt, grau und regnerisch geworden, kurz: nicht besonders präsentabel. (In der Wohnung ist es zur Zeit tatsächlich ziemlich kalt, weil die Zentralheizung jetzt aus ist und es draußen nachts wieder um 0°C hat…) Aber in der letzten Woche habe ich schon einen Eindruck davon bekommen, wie der Sommer hier sein wird. Es hatte bis zu 25°C und die Sonne strahlte den ganzen Tag an einem meist wolkenlosen Himmel. Da ist der Wind dann wieder angenehm…

Bei diesem Wetter bin ich dann am Sonntag und am Montag jeweils nachmittags in die Stadt gefahren, um das Zentrum ein bisschen zu Fuß zu erkunden. Die Straßen sind dort alle rechtwinklig und sehr gerade, deshalb hatte ich keine Angst, mich zu verlaufen. Irgendwann stand ich dann an einer Kreuzung, unschlüssig, in welche Richtung ich weiterlaufen soll, und dann habe ich eine Kirche am Ende einer der Straßen entdeckt und habe beschlossen, sie mir anzuschauen. Nur leider habe ich die Entfernungen in dieser Stadt noch nicht ganz verinnerlicht, und deshalb war ich erst nach einer knappen Viertelstunde bei der Kirche, obwohl ich sie die ganze Zeit direkt vor Augen hatte. Dort angekommen hörte ich eine Zeitlang dem Gottesdienst zu und bewunderte die Innengestaltung, die fast nur aus Gold bestand. Ein Foto davon habe ich leider nicht, denn es gab mehrere Schilder, die ausdrücklich auf ein Handyverbot in der Kirche hinwiesen, und daran habe ich mich lieber mal gehalten.

Diese wunderschöne Kirche trägt den langen Namen „Кафедральный соборный храм Рождества Богородицы“. Eine Übersetzung dieses Titels habe ich nicht zustandegebracht.

Ich bin dann noch ein bisschen herumgewandert und habe einige Denkmäler auf den gleichnamigen Straßen entdeckt (Lenina ulitsa, Puschkina ulitsa, Kirova ulitsa, Karla Marksa ulitsa, …).

Ein Denkmal des sowjetischen Schriftstellers Wladimir Wladirimirowitsch Majakowskij.

Lenin von Weitem…

… und nochmal in Nahaufnahme mit besserem Licht.

Eine Gebäudewand der wissenschaftlichen Akademie der Republik Baschkortostan.

Schließlich habe ich mein erstes, wohlverdientes Schawarma gegessen (Der Schawarma? Die Schawarma?) und es war wie erwartet sehr, sehr lecker. Bei dem Stand war außerdem nichts los und deshalb habe ich mich, während der/die/das Schawarma zubereitet wurde, mit der Verkäuferin unterhalten. Sie hatte mich nämlich gefragt, woher ich komme, weil sie meinen Akzent bemerkt hatte (Mist!) und hat sich sehr dafür interessiert, was ich hier mache und wie es mir gefällt. Und das war wirklich ein tolles Erlebnis.

Bis jetzt bin ich nämlich leider hauptsächlich auf Ablehnung und sichtliche Genervtheit gestoßen, wenn ich mich in der Öffentlichkeit als Ausländerin „geoutet“ habe, indem ich etwas nicht verstanden habe. Und bei den Menschen, bei denen mir das bis jetzt passiert ist (Supermarktkassiererinnen, Busfahrer, Friseur), war das auch sicher keine Ausländerfeindlichkeit oder Misstrauen oder sonst irgendwas, sondern sie waren einfach genervt, dass sie mir jetzt etwas nochmal sagen oder gar erklären müssen. Obwohl die Reaktionen in den meisten Situationen verständlich sind und in Deutschland genauso ausfallen würden, ist es für mich trotzdem jedes Mal ein blödes Gefühl. Und dann stelle ich mir jedes Mal die gleichen Fragen: Bin ich jetzt zu empfindlich oder könnten die anderen Leute auch mal ein bisschen freundlicher sein? War die Person vorher schon schlecht gelaunt oder bin ich jetzt der Grund dafür? Wie hätte ich mich verhalten, wenn die Rollen vertauscht gewesen wären? Wie hätte sich eine vergleichbare Person in Deutschland verhalten? …? …? …?

Das einzige, was mir da für meinen Seelenfrieden hilft, ist, das Ganze einfach erstmal zu vergessen und mir nicht zu viele Gedanken zu machen. Außerdem wurde ich neulich netterweise zu einer wöchentlichen Skypekonferenz auf Russisch mit anderen Freiwilligen aus russischsprachigen Ländern eingeladen. Und da merke ich, dass ich eigentlich doch gar nicht so schlecht Russisch spreche. Auch wenn ich wenig Vokabular habe und natürlich nichts verstehe, wenn ich in der Öffentlichkeit etwas gefragt werde, kann ich mich doch, wenn auch beschränkt, über meinen Alltag unterhalten. Und das Skypegespräch ist immer der Punkt in der Woche, an dem ich meinen tatsächlichen Fortschritt bemerke. Jede Woche verstehe ich mehr und kann mehr sagen und das ist für das Selbstbewusstsein und die Motivation wirklich äußerst hilfreich.

Für euren Seelenfrieden gibt es jetzt noch einen einsamen Fun Fact, den ich beim letzten Mal vergessen habe zu erwähnen:

Makkaroni
Alle Nudeln heißen Makkaroni. Egal, ob Spaghetti, Penne, Girandole, Linguine oder wie sie alle heißen, hier heißen sie Makkaroni und man kann einige Sorten zu einem Kilopreis von ca. 50 Cent in Plastiktüten im Supermarkt kaufen. Die schmecken auch gar nicht so schlecht. (Ja, ich habe diese Nudeln mal gekauft…)

Übrigens hatte ich schöne zwei Wochen, in denen ich die 7. und 8. Klasse alleine unterrichtet habe, und im Moment steht mir der Sinn doch wieder sehr danach, Lehramt zu studieren. Diese zwei Klassen sind einfach total nett und bringen mich oft zum Lachen. Neulich sollten sie z.B. Dialoge vorspielen, in denen verschiedene Familienmitglieder sagen, was sie jetzt gerne unternehmen wollen. Der Dialog, der von mir trotz wenig Text einen Extrapunkt für realistische Darstellung bekommen hätte, wenn es Punkte gegeben hätte, verlief so:
Mutter: Ich möchte gerne ins Kino gehen.
Sohn: Ich möchte lieber Tretboot fahren.
Tochter: Bist du dumm?
Sohn: DU bist dumm!

Tag 61 – Sophia, Saphia, Sophie

Liebe Leser_innen,

es ist ein entspannter Sonntagvormittag und alle sind in Feiertagsstimmung. So auch Svetlana und ich – gerade saßen wir noch in aller Ruhe bei Tee und Gebäck in der Küche und haben darüber geredet, ob das gesamte Leben eigentlich vorbestimmt ist oder nicht… Was hier allerdings fehlt, ist die „Oh mein Gott, morgen und übermorgen sind die Geschäfte zu, wir müssen Vorräte für drei Wochen kaufen!“-Samstagnachmittag-Einkaufshektik. Denn hier sind ja alle Geschäfte auch an Sonn- und Feiertagen geöffnet. Und da es jetzt tatsächlich sonnige 18°C hat, herrscht hier eine wohlige, fast sommerliche Sonntagsentspannung. Mein Zimmer wird durch die vielen Fenster wunderschön von der Sonne beleuchtet und ich kann bei schöner Musik in aller Ruhe ein bisschen schreiben.

Morgen ist also der erste Mai. Die meisten Leute, so auch Svetlana, fahren auf ihre Datschen, um diese sommerfertig zu machen. Von meiner Russischlehrerin habe ich aber erfahren, dass es in der Stadt ziemlich viele Veranstaltungen und abends ein Feuerwerk gibt. Das will ich mir natürlich nicht entgehen lassen und werde die Gelegenheit nutzen, nochmal ein bisschen die Stadt zu erkunden und endlich mal Schawarma zu essen. Das ist so ähnlich wie Döner und gibt es an jeder Ecke, aber es hat sich für mich bisher leider noch nicht ergeben…
In Djoma gab es gestern außerdem eine „Jarmarka“ (ja, genau, einen Jahrmarkt), bei der unter anderem frisches Gemüse und Schaschlik verkauft wurde. Dafür wurde die ulitsa Pravdy, eine der Hauptverkehrsstraßen in meiner näheren Umgebung, gesperrt.

Die „Jarmarka“

Bei dem schönen Wetter habe ich auch noch ein paar Bilder gemacht. Ich entschuldige mich übrigens sehr für die schlechte Qualität, die eben entsteht, wenn man mit dem Handy Fotos macht. Aber in den Momenten, wenn mir auffällt, dass man jetzt ein schönes Foto machen könnte, habe ich meine Kamera eben nie dabei. (Wobei die Kamerabilder auch nicht viiiel besser sind…)

Das ist mein Schreibtisch im Büro der stellvertretenden Direktorin.

Und das ist der Blick aus dem Fenster. Leider blühen die Birken noch nicht.

Und durch diesen kleinen Park führt mein Schulweg:

Und hier sind noch ein paar weitere Fun Facts:

Busfahren #2
In den großen Stadtbussen gibt es meistens eine Fahrkartenverkäuferin, die einem während der Fahrt ein Ticket verkauft (das kostet auch da normalerweise 25 Rubel). Und diese Verkäuferin hat einen eigenen Platz im Bus, der manchmal sogar mit Klebeband oder ähnlichem markiert ist. Bei meiner ersten Busfahrt mit einem Stadtbus hab ich Depp mich gleich mal auf diesen Platz gesetzt, aber eine andere Frau hat mich rechtzeitig freundlich darauf aufmerksam gemacht, dass ich doch bitte wieder aufstehen solle. Ich bin mir nicht sicher, ob die Ticketverkäuferin auch so freundlich gewesen wäre… Es hätte mir allerdings auch verdächtig vorkommen müssen, dass dieser eine Platz frei ist und trotzdem mehrere Leute stehen. Übrigens: wenn gerade keine Verkäuferin mitfährt, bezahlt man wie in der Marschrutka beim Aussteigen beim Fahrer.

Handys im Unterricht
… sind ganz normal und offenbar völlig akzeptiert. Ich bekomme immer nur erstaunte Blicke, wenn ich die Schüler bitte, ihre Handys aus der Hand zu legen oder gar in die Tasche zu packen… In der 4. Klasse muss ich es am häufigsten sagen, da passiert es auch regelmäßig, dass ein Handy klingelt und sein Besitzer, anstatt es wegzupacken, seelenruhig aus dem Zimmer geht und telefoniert. Neulich hat mich ein Junge während einer Klassenarbeit sogar gefragt, ob er rausgehen und mit einem Freund telefonieren kann, ich dachte, ich hör nicht richtig. Und ich hab mich auch schon in der einen oder anderen Story auf VKontakte gefunden, wenn die Schüler meinten, den Unterricht dokumentieren zu müssen. Ich weiß nicht, ob ihnen nicht klar ist, dass ich ihre Bilder und Videos sehen kann, oder ob es ihnen egal ist…

Mensa
Das Essen in der Mensa ist, wie schon mal erwähnt, relativ gut. Zwar absolut nicht gesund, das Angebot besteht aus Nudeln, Kartoffeln, Hühnchen und kotlety (Fleischküchla/Fleischpflanzerl/Buletten/…) und diversem Weißmehlgebäck. Ungefähr alle drei Wochen gibt es Salat. Das ist gar nicht so schlimm, aber was richtig nervt, ist, dass es aus Sicherheitsgründen keine Messer gibt. Am ersten Tag habe ich eine der Deutschlehrerinnen gefragt, wo es denn Messer gibt, und sie hat mich erst angeschaut wie ein Auto, dann laut gelacht und gesagt „Aber Sophie, was willst du denn mit einem Messer? Das ist doch gefährlich!“
Wenn man also nicht mit den Händen essen will, fallen die Hähnchenschenkel/-flügel weg, denn mit Löffel und Gabel ist das nahezu unmöglich. Und ganz realistisch gesehen kann man meiner Meinung nach mit den ziemlich spitzen Gabeln noch eher jemanden verletzen als mit einem stumpfen Buttermesser, wie es sie in einer Mensa normalerweise gibt…

Sophie…
Nein, ich habe mich nicht vertippt. Tatsächlich höre ich den Namen Sophia fast nur dann, wenn ich mit Freunden und Familie in Deutschland telefoniere. Am Anfang hat mich das echt genervt, denn auch in Deutschland haben mich viele Leute, vor allem Lehrer, nur Sophie genannt, und so heiße ich eben nicht. Und das zählt meiner Meinung auch nicht mehr als Spitzname, weil Sophie ein eigener, anderer Name ist. Und wenn mich jemand Sophia nennt, dann klingt das Saphia, weil das O unbetont ist und als A gesprochen wird… Dann habe ich aber gemerkt, dass Sophie hier einfach der Kosename für Sophia ist, und das macht es erträglicher. Hier wird Alina auch Alin genannt, Regina heißt Regin, Diana wird zu Dian und Evelina heißt Evelin.

Bis bald, eure Sophie. Ääähhh, Sophia. 😉

Tag 46 – Von Füchsen und Schlagerpartys

Liebe Leser_innen,

gestern ging die Woche der deutschen Sprache zu Ende, und obwohl ich nur an zwei Tagen dabei war, habe ich viel zu erzählen.

Es haben sich zwei Dinge wieder komplett geändert – wie gesagt, inzwischen gehe ich jeder Verabredung mit Skepsis entgegen und nehme nichts „for granted“ (die deutsche Formulierung fällt mir grade nicht ein…). Svetlana sagt, es gibt ein russisches Sprichwort: „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen.“ Bei den Lesefüchsen saß ich doch in der Jury, weil die Bücher plötzlich noch aufgetaucht sind, und beim Liederfestival haben wir doch nicht teilgenommen, weil wir das Originallied mit Gesang nicht verwenden durften und die Stimme nicht rausschneiden konnten und weil eine Klavierbegleitung zu wenig gewesen wäre. Dafür durfte ich dort auch in der Jury sitzen.

Am Montag fand erst einmal der Wettbewerb „Lesefüchse international“ für die Region Ural statt. Und zwar im Gymnasium 86, das am anderen Ende der Stadt liegt. Schaut euch Ufa mal auf der Karte an. Meine Schule und meine Wohnung liegen in Djoma, ganz im Süden der Stadt, und das Gymnasium 86 ist ganz im Norden, im Viertel Tschernikowka. Und da Ufa ganz lang gestreckt ist, sind das 26 Kilometer durch die Stadt, was mit dem Bus eine Stunde dauert. Das Problem ist nur: diesen Bus gibt es offenbar nicht.

Das wusste ich aber noch nicht, als ich um 7:45 an der Bushaltestelle stand und etwas naiv auf diesen Bus wartete. Immerhin hatte die sonst sehr zuverlässige App 2GIS behauptet, dass der Bus 216 von meiner Schule bis zum Gymnasium 86 durchfährt. Nach einer erfolglosen halben Stunde bin ich dann in einen Bus eingestiegen, der ins Zentrum fuhr, dort wollte ich dann umsteigen, in der Hoffnung, dass ich einen passenden Bus finden würde. Leider hatte ich den Montagmorgen-Stau nicht mit eingerechnet, wodurch der Bus fast 20 Minuten länger brauchte und meine Zeit langsam knapp wurde. Schließlich sollte ich mich um 9:30 mit den anderen Jurymitgliedern treffen. Im Zentrum gab es natürlich auch keinen Bus, der in meine gewünschte Richtung fuhr, deshalb rief ich den Fachschaftsberater an, der mir freundlicherweise ein Taxi bestellte. Am Ende kam ich um 10:20 Uhr in der Schule an, aber die Verspätung war nicht weiter schlimm.

In der Jury zu sitzen, war eine ganz neue Erfahrung. In Prüfungen war ich ja schon dabei, aber diesmal durfte ich selbst mitreden und meine Meinung äußern und nicht nur zuhören.

Das Prinzip funktioniert übrigens so: die Schüler_innen haben sich seit Beginn des Schuljahres mit vier deutschen Jugendbüchern beschäftigt, die für jedes Jahr neu ausgewählt werden. Dieses Jahr sind das folgende:

1. Herbert Günther: Zeit der großen Worte
2. Christoph Scheuring: Echt
3. Lukas Erler: Brennendes Wasser
4. Thomas Feibel: Like me. Jeder Klick zählt
(Das ist auch meine persönliche Ranking-Reihenfolge…)

Dann gibt es eine ca. zweistündige Podiumsdiskussion (auf Deutsch) zwischen den Schüler_innen, bei denen Fragen und Thesen zu den Büchern besprochen werden. Bewertet wird dann, wie gut der/die Einzelne die Bücher kennt, wie gut er Deutsch spricht und wie er sich im Gespräch verhält. Wer mehr über das Projekt wissen möchte, kann sich hier informieren.

Anschließend gab es für die 8 Schüler_innen und deren Lehrer_innen, die aus der ganzen Republik angereist waren, eine Stadtführung, bei der ich auch mitkommen durfte. Das war sehr interessant, weil ich ja selbst noch nicht so viel von der Stadt gesehen habe und man auch nicht mal eben so ans andere Ende der Stadt fahren kann, wie ich jetzt weiß… Die Bilder gibt es später in einem anderen Blogeintrag, in Verbindung mit Informationen über die Geschichte Ufas. Da habe ich auch viele andere Deutsche kennengelernt, denn einige der Lehrer_innen waren Deutsche, die mit der ZfA im Ausland arbeiten (was ist das denn jetzt wieder?).

Außerdem habe ich einige Mitarbeiterinnen der Deutschen Botschaft Jekaterinburg kennengelernt. Abends wurde dann das deutsche Kinofestival eröffnet, bei dem jeden Tag ein deutscher Film mit russischen Untertiteln gezeigt wird. Eigentlich wollte ich den Film am Montagabend auch sehen, aber es gab noch einen „kleinen“ Empfang, der ebenso lange dauerte wie der Film, aber das war auch ganz lustig. Und die Kinobesucher waren größtenteils nicht besonders begeistert von dem Film. Ich habe also nichts verpasst, außerdem war ich am Mittwoch mit der 5. Klasse und gestern mit der 8. Klasse im Kino. Nicht ganz meine Altersklasse („Rico, Oskar und die Tieferschatten“ und „Ostwind“), aber trotzdem eine willkommene Abwechslung zum Schulalltag.

Am Donnerstag war ich dann beim Liederfestival, das glücklicherweise in einem Saal stattfand, den ich zu Fuß in 15 Minuten erreichen konnte. Die Veranstaltung begann 15 Minuten zu spät, unter anderem, weil die restlichen Jurymitglieder 10 Minuten zu spät kamen. Im Programm musste ich vorher 5 Beiträge ausbessern und die Reihenfolge ändern, und bei der tatsächlichen Vorführung ist noch ein weiterer Beitrag ausgefallen. Aber trotz der vielen Planänderungen hat es Spaß gemacht, die meisten Beiträge waren auch ziemlich gut. Und ich hatte Glück – dieses Jahr war der Wettbewerb mit 16 teilnehmenden Gruppen ziemlich klein. In den letzten Jahren waren es wohl bis zu 40 Beiträge… Die Entscheidung fiel auch nicht besonders schwer, weil vier Siegerplätze und sieben Nominierungen zu vergeben waren (Bestes Kostüm, Bestes Arrangement usw., die Trostpreise halt). Die Nominierungen waren nicht schwer zu entscheiden, und die vier Sieger waren auch eindeutig, weil es vier wirklich beeindruckende Beiträge gab. Die Liedauswahl war allerdings…interessant, man könnte die Veranstaltung vielleicht in Schlagerparty umbenennen? Von romantischen Tränendrüsenliedern wie „Endlich sehe ich das Licht“ bis zu Skikursliedern wie „Das rote Pferd“ oder „Das Fliegerlied“ war alles dabei…
Danach gab es noch ein „Galakonzert“, bei dem alle 11 Gewinner des Wettbewerbs und einige Gruppen von den verschiedenen Fakultäten der Baschkirischen Staatlichen Universität aufgetreten sind. Die Studenten hatten sehr unterschiedliche, aber allesamt sehr kreative Beiträge (dass es 20 Minuten später als geplant begonnen hat, hat mich gar nicht mehr überrascht…).

Obwohl die Woche nicht besonders anstrengend war, war ich doch oft lang unterwegs und spät zuhause. Deshalb war es gar nicht schlecht, dass ich gestern überraschend erfahren habe, dass ich heute frei habe, weil heute Subbotnik ist (eine Art Frühjahrsputz, bei dem ein Teil der Schüler die Straßen saubermacht und aufräumt) und alle Klassen, die ich gehabt hätte, beim Subbotnik beteiligt waren.

Heute hat es übrigens tatsächlich mal geregnet – normalerweise ist es hier sehr trocken. Wie trocken? In den vier Wochen, in denen ich jetzt hier bin, hat es an genau drei Tagen Niederschlag gegeben, sonst war es immer trocken, zwar meistens bewölkt, aber trocken. Das ist auch der Grund, weshalb ich ungefähr dreimal so viel Cremes und Bodylotion und Labello brauche wie zuhause, und weshalb ich mich immer total freue, wenn ich endlich wieder Wäsche waschen kann, damit ich in meinem Zimmer nicht vertrockne (Zentralheizung und so, außerdem hat mein Zimmer drei Heizungen und ist ziemlich gut isoliert, deshalb schlafe ich meistens mit offenem Fenster. Nicht besonders umweltfreundlich, ich weiß, ich schäme mich sehr…).

Das war’s erstmal über die deutsche Woche. Es wird in der nächsten Zeit wie gesagt einen Artikel über die Geschichte Ufas geben, und ich versuche mal, daran zu denken, die Schule und meine Umgebung zu fotografieren, dann seht ihr auch mal, wie es in Djoma aussieht.

P.S.: Falls ich Dinge doppelt erwähne, tut mir das leid, aber ich habe inzwischen keinen Überblick mehr, ob etwas schon auf meinem Blog steht oder ob ich das nur mehreren Leuten erzählt habe… Also, falls ich mich wiederhole, dürft ihr mich gerne darauf hinweisen.