{"id":85,"date":"2018-12-30T23:22:55","date_gmt":"2018-12-30T22:22:55","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/tudobem\/?p=85"},"modified":"2018-12-30T23:22:55","modified_gmt":"2018-12-30T22:22:55","slug":"irgendwo-zwischen-den-laendern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/tudobem\/2018\/12\/30\/irgendwo-zwischen-den-laendern\/","title":{"rendered":"Irgendwo zwischen den L\u00e4ndern"},"content":{"rendered":"<p>Schon seit Stunden sitze ich auf dem selben Platz. Nr.1 im zweiten Geschoss direkt \u00fcber dem Fahrer ganz vorne links im Flechabus von Florianopolis, Santa Catarina nach Santa Fe, Argentinien. Hier kann man am Besten rausgucken: vor mir eine gro\u00dfe Scheibe, links gehen die Fenster weiter, wenn nur die Gardinen nicht w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Langsam arbeiten wir uns auf der endlos langen Stra\u00dfe fort.<\/p>\n<p>Erst entlang der brasilianischen K\u00fcste immer weiter nach S\u00fcden. W\u00e4hrend es langsam immer dunkler wird sieht man manchmal noch das blaue Meer aufblitzen.\u00a0 Hoch und runter, immer wieder eine Kurve. Die Autobahn ist dreispurig, der Bus zu breit f\u00fcr nur eine Spur und so f\u00e4hrt er einfach in der Mitte. Ich bin m\u00fcde, aber noch ist die Sonne noch nicht ganz untergegangen. Links und rechts der Stra\u00dfe sind so viele Dinge zu sehen, die ich nicht verpassen will.<\/p>\n<p>Es ist eiskalt, die Klimaanlage l\u00e4uft auf Hochtouren. Warum versucht der Busfahrer uns erfrieren zu lassen?<\/p>\n<p>Endlich ist es 22 Uhr , drau\u00dfen ist es schwarz. Die Nacht wird nur unterbrochen durch die Lichter der Laternen und Autos. Also klappe ich meinen Sitz noch weiter nach hinten und lehne meinen Kopf an das Fenster.<\/p>\n<p>Irgendwann um 2 Uhr schrecke ich auf. Wir halten kurz vor Porto Alegre, Rio Grande do Sul an einer riesigen Rastst\u00e4tte, auf der mehrere Busse aufgereiht stehen um weitere Passagiere aufzusammeln. Auf den Platz neben mir setzt sich eine \u00e4ltere Dame. Ich drehe mich um und bin schon wieder eingeschlafen als der Bus wieder auf die Autobahn f\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Irgendwann zwischen 6 und 9 Uhr wache ich endg\u00fcltig auf. Auf GoogleMaps sehe ich, dass wir uns am \u00e4u\u00dfersten Zipfel von Rio Grande do Sul befinden. Dem s\u00fcdlichsten Bundesstaat Brasiliens, direkt angrenzend an Argentinien und Uruguay. Seit gestern Abend hat sich die Landschaft ver\u00e4ndert. Das Land ist flach, weniger gr\u00fcn. Immer wieder \u00fcberholen wir LKW\u00b4s, immer wieder \u00fcberholen uns Autos. Aus jedem Bus, der uns entgegenkommt winkt jemand. Einmal wedelt ein anderer Busfahrer freudig aufgeregt sein wei\u00dfes Stofftaschentuch. Wir kommen der Grenze immer n\u00e4her. Imm wieder muss an mich an meinen Reisepass denken, den der Busfahrer mir abgenommen hat, als ich eingestiegen bin. Hoffentlich f\u00e4llt der kleine Zettel der Receita Federal wegen meines Visums nicht raus. Wahrscheinlich h\u00e4tte ich ihn doch mit einem Tacker befestigen sollen.<\/p>\n<p>Trotzdem gl\u00fccklich sitze ich auf meinem Platz, freue mich \u00fcber jede Kuh, an der wir vorbei fahren. Abwechselnd h\u00f6re ich Podcasts und Musik. Das Lesen gebe ich schnell wieder auf, weil ich mich dann auf den Bildschirm meines Kindle konzentriere und verpasse woran ich vorbeifahre. Jetzt w\u00fcrde nur ein Kaffee die Situation perfektionieren. Meine Sitznachbarin l\u00f6st abwechselnd Kreuzwortr\u00e4tsel und Sudoku, ab und zu schreibt sie Nachrichten. Irgendwann nach 10 Uhr kommen wir an der brasilianischen Grenze an, endlich bekomme ich meinen Reisepass mit dem Papierschnitzel wieder. Nur um ihn gleich darauf an der argentinischen Grenze wieder zu verlieren. Der Stempel mit dem ich ihn sp\u00e4ter wiederbekomme ist entt\u00e4uschend einfallslos. Aber hier kann ich mir endlich einen Kaffe und eine Packung Kekse kaufen.<\/p>\n<p>Mit einer Packung Kekse und Kaffee an der Grenze. Ich sitze auf dem B\u00fcrgersteig im Schatten vor dem Imbissverkauf und beobachte die Autoschlange, die sich langsam von Brasilien nach Argentinien schiebt. Nach einer gef\u00fchlten Ewigkeit kommt der Bus wieder. Endlich kann ich mich wieder auf meinen Platz hinsetzen. Nachdem ich jetzt wirklich lange die endlos weite argentinische Landschaft beschaut habe, wird es mir jetzt doch etwas langweilig und ich schlage mein rotes Kindle auf. Mit Buch und Keksen schwinden die Stunden nur so vor sich hin.<\/p>\n<p>Irgendwann werde ich das Lesen leid, aber mein Handy hat inzwischen geladen. Um ein bisschen Abwechslung zu erzeugen g\u00f6nne ich meinen Ohren ein bisschen Musik.<\/p>\n<p>Das brasilianische M\u00e4dchen neben mir verbessert mit Hilfe ihrer Sitznachbarin ihr spanisch. F\u00fcr ihren Freund, den sie das erste Mal in seiner Heimat Argentinien besuchen f\u00e4hrt.\u00a0 Die \u00e4ltere Dame packt ihre Cuia aus und sch\u00fcttet etwas Erva hinein. Dann gie\u00dft sie das ganze mit Wasser auf. Gen\u00fc\u00dflich genie\u00dft sie ihr Chimarrao. Wir fahren vorbei an kleinen und gro\u00dfen Seen, an einem steht eine Ansammlung von Autos. Eine Gruppe von Menschen hat ein gro\u00dfes Zelt aufgebaut, unter dem sich jetzt alle vor der Sonne verstecken.<\/p>\n<p>Minutenlang versuche ich irgendwie Netz zu bekommen. Wenn wir an einer Ansammlung von H\u00e4usern vorbeifahren scheint das Netz zu funktionieren und ich gebe meinen Aufenthaltsort durch. \u201eAccording to Google Maps it will take two more hours.\u201c Unsere eigentliche Ankunftszeit ist schon l\u00e4ngst vergangen.<\/p>\n<p>Aber fast wie in einem Traum fahren wir pl\u00f6tzlich in eine gr\u00f6\u00dfere Stadt ein. \u00dcberall Menschen, ein richtiges Stra\u00dfennetz. Wir fahren nicht mehr nur noch gerade aus sondern biegen ab. Mal nach links, mal nach rechts.<\/p>\n<p>Viel zu schnell erreichen wir den Busbahnhof von Santa Fe. Ich will doch noch nicht aussteigen! Aber erleichtert, dass ich wieder alle meine Sachen im Blick habe, nehme ich meinen Backpack entgegen.<\/p>\n<p>Voll bepackt laufe ich ins Geb\u00e4ude. Wo soll ich jetzt hin? Wo werde ich abgeholt? Nach wenigen Minuten unsicheren Wartens l\u00e4uft strahlend ein Mann auf mich zu.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon seit Stunden sitze ich auf dem selben Platz. Nr.1 im zweiten Geschoss direkt \u00fcber dem Fahrer ganz vorne links im Flechabus von Florianopolis, Santa Catarina nach Santa Fe, Argentinien. Hier kann man am Besten rausgucken: vor mir eine gro\u00dfe Scheibe, links gehen die Fenster weiter, wenn nur die Gardinen nicht w\u00e4ren. 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