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Heimat im fremden Kaukasus

Um 6 in der Früh ziehen Anastasia und ich mit unseren Rucksäcken los, froh der Hitze des anbrechenden Tages und den geschäftigen Menschenmassen zuvorzukommen. Vier Stationen mit der Metro und wir sind am Didube Busbahnhof. Die Marshrutka nach Stepantsminda fährt erst um 8, sagt ein zuverlässig aussehender Mann, der selbst wartet. Da kommt es diesmal gerade recht, dass die Privatbus- und Taxifahrer von sich aus auf die Menschen hier zugehen. Wir ergattern Plätze in einem Taxi, das wir uns mit nur zwei anderen Passagieren teilen, nicht mit 22 wie in der Marshrutka. Außerdem hält es an den schönen Orten auf der Strecke an. Das alles nach Verhandlung für nur 2 Euro mehr als die Marshrutka gekostet hätte – von unserem Sonderpreis dürfen die anderen beiden Mitfahrer nichts wissen, denn sie zahlen mehr.

Los geht es, Richtung Norden in die Berge!

Die Fahrt alleine ist atemberaubend schön, die Berge und Flüsse ziehen an uns vorbei. Wir fahren durch sommerliche Skigebiete, in Serpentinen nach oben. In der Ferne der schneebedeckte Gipfel des Mt. Kazbek, daneben grüne und rötliche Berge. Tief atme ich durch. Wie sehr mir die Natur gefehlt hat! Wieder einmal wird mir mit ganzer Wucht bewusst, dass die Stadt nicht mein Platz ist. Er ist hier, in der Schönheit, Einfachheit und Weite der Natur! Wir kommen an in Stepantsminda, der kleinen Stadt im Norden von Georgien, in den Bergen nahe der russischen Grenze. Ich bin glücklich und fühle mich rundum wohl, großen Anteil daran hat die Luft hier. Wir setzen uns in ein Café, frühstücken und genießen dort die perfekte Temperatur und den angenehmen Wind ein bisschen länger als wir vielleicht gedacht hatten. Dreimal frage ich den Kellner nach dem Brot, das ich bestellt hatte, nach einer Stunde kommt es dann doch. Gut, dass wir Zeit haben…

Gestärkt machen wir uns auf zu unserem Guesthouse, von dem ich gleich sehr angetan bin! Das Haus hat einen tollen Ausblick über die Stadt und die Berge gegenüber, unser Zimmer ist wie eine Art eigenes Apartement, mit privatem Bad. Und das Beste: vom bequemen (!) Bett mit weicher, kuschliger Decke habe ich direkten Bergblick! Nachdem ich den Ausblick vom Balkon aus erstmal angemessen genossen habe, geht es los. Auf zur Gergeti Trinity Church oben in den Bergen! Der Weg ist steil und schön, es ist heiß, aber angenehm wegen der guten Luft, der Wind rettet uns. Oben angekommen setzen wir uns erstmal in die Wies, lassen den Ort auf uns wirken und staunen. Wahnsinn! Wir beschließen, den Sonnenuntergang von hier oben anzusehen und freuen uns beide wie zwei Schnitzel, hier zu sein. Später schnappe ich mir den Rucksack, ich will nur den nächsten kleinen Hügel hoch. Doch die Berge dahinter sehen so wundervoll aus, dass ich einfach weitergehen muss. Also gehe ich, immer weiter und als ich auf dem nächsten kleinen Gipfel bin, will ich auch noch zu dem dahinter. Mit Blick auf grüne Hügel, schroffe rote Felswände, den Gletscher in der Ferne und Mt. Kazbek wandere ich, bis ich an Anastasia denke und wie lange ich wohl schon weg bin. Auf der für mich endgültig letzten Anhöhe mache ich Halt, bewundere den Bach unten in der tiefen Schlucht der steil abfallenden Bergwände und das weiße Glitzern des Gletschers darüber in der Ferne.

Der Wind ist aufgefrischt und Anastasia ist kalt, deswegen beeile ich mich auf dem Rückweg und gehe direkt runter zur Kirche, wo sie auf mich wartet. Von hier ist der Blick rundum gigantisch, die Kirche an sich typisch georgisch. Schön anzusehen, aber nicht halb so beeindruckend wie die Lage. Wir setzen uns zusammen in die Wiese, jetzt ziehe auch ich meine lange Bluse an. Der Wind rüttelt an unseren Kleidern und Haaren, als wir unsere Brotzeit auspacken, wie es sich auf dem Berg gehört. Die Sonne sinkt tiefer und wirft neue Schatten. Das Relief der Felswände, plötzlich ist es gestochen scharf. Ein Wolfshund leistet uns Gesellschaft, bis die Sonne langsam hinter dem Mt. Kazbek verschwindet und wir ihn allein zurücklassen. Im Dämmerlicht treten wir den Rückweg an, es zaubert eine märchenhafte Landschaft. Müde, erschöpft und zufrieden lege ich mich nach der Dusche ins weiche Bett, gucke nach draußen und sehe die Berge. Kuschle mich glücklich in die Decke, denn hier ist es angenehm kühl, in der Nacht wird es mir sogar zu kalt und ich schließe die Fenster. Dankbar wache ich am nächsten Morgen auf, erholt und frisch, die Berge strahlen in der Morgensonne. Ich kann mir keinen besseren Start in den Tag vorstellen.

Am Nachmittag würden wir zurück nach Tbilisi fahren, bis dahin haben wir noch keine Pläne. Erstmal gehen wir zum Frühstück bei uns im Guesthouse. Das Essen ist nicht besonders, aber trotzdem hätten wir es nicht besser treffen können: wir lernen ein sehr liebes und aufgeschlossenes Pärchen aus Holland kennen. Sie haben einen Mietwagen und verschieben ihre Wanderung hoch zur Kirche auf später, um spontan mit uns zu Wasserfällen in der Region zu fahren, die ihnen empfohlen wurden. Beseelt von der netten Bekanntschaft packen wir unsere sieben Sachen zusammen, eine halbe Stunde später sitzen wir zu viert im 4WD. Die Szenerie während der Fahrt erscheint surreal. Wir parken das Auto und wandern los, zuerst zum kleinen, dann zum großen Wasserfall. Es ist heißer als gestern, der Weg zieht sich. Vor allem gegen Ende wird es nochmal steil, meine Beine sind erschöpft von gestern – anstrengend!

Doch der Weg lohnt sich, der große Wasserfall ist wirklich relativ hoch. Wir machen Pause und Fotos, genießen die Aussicht in jede Richtung, reden und freuen uns auf ein gemeinsames kühles Getränk danach. Auf der Fahrt zurück ins Dorf überlege ich schon, was ich nehmen werde. Iced coffee oder homemade lemonade? Das Restaurant / Café ist sehr gemütlich, bequeme gepolsterte Bänke in einem Garten, ein kleiner Bach fließt zwischen den Tischen durch. Ich bestelle einen Saft, wir unterhalten uns. Meine Muskeln genießen die Entspannung und ich vor allem den Wind, die Luft und die Gesellschaft.

Dann trennen sich unsere Wege, Anastasia und ich gehen zum Marshrutka-Halteplatz und erfahren, dass der letzte Wagen um 15:30 Uhr fährt, nicht wie gedacht um 17 Uhr. Wir haben Glück und kriegen noch Plätze ganz hinten. Es ist sehr eng und je näher wir Tbilisi kommen, desto heißer wird es. Als wir nach knapp 3 Stunden aussteigen, bin ich extrem erschöpft. Nichts wie heim, duschen und ausruhen. Lina kommt noch kurz vorbei und wir essen Wassermelone – so lecker und erfrischend! Eins ist sicher, morgen werden wir uns nicht bewegen. Darin sind Anastasia und ich uns einig. Und auch darin, dass wir zwei unglaublich schöne Tage hatten. Perplex und dankbar für all das Glück und die Orte, an die mich das Leben führt, liege ich in der nächsten tropischen Nacht schlaflos in meinem unbequemen, zu kurzen Bett in Tbilisi und grinse.

Das hier wird vielleicht mein letzter Blogeintrag sein, den ich von Tbilisi aus schreibe. Morgen Nacht und am Samstag kommen drei meiner besten Freundinnen für zwei Wochen zu Besuch und ich werde meine Zeit nicht mit Blogschreiben verbringen, soviel kann ich sagen. Mein Zimmer ist so sauber wie nie zuvor, ausgestattet mit vier Liegemöglichkeiten, der Boden ist gekehrt, mit der Vermieterin alles abgeklärt. Alles ist bereit.

Tbilisi wartet auf euch, Mary, Kathi und Lotti!

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