{"id":593,"date":"2010-06-22T10:47:31","date_gmt":"2010-06-22T13:47:31","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/timon\/2010\/06\/22\/nicht-so-schnes\/"},"modified":"2010-06-22T10:47:31","modified_gmt":"2010-06-22T13:47:31","slug":"nicht-so-schnes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/timon\/2010\/06\/22\/nicht-so-schnes\/","title":{"rendered":"Nicht so Sch&ouml;nes"},"content":{"rendered":"<p>In Argentinien herrscht Ausnahmezustand. In Bariloche ganz besonders. <\/p>\n<p>Das ganze Land (das ganze Land? Nein, ein wackerer junger Deutscher in einem kleinen Dorf am Rande der Anden\u2026) ist dem Fu\u00dfballfieber verfallen. Leere Stra\u00dfen, nichts geht mehr, man guckt Fussball. An Unterricht ist nicht zu denken. W\u00e4hrenddessen r\u00e4umen ein paar Findige in Buenos Aires Wohnungen aus, deren Eigent\u00fcmer bei Freunden gucken.<\/p>\n<p>Will sagen: Es liegt eine deutliche <em>onda <\/em>in der Luft, man kann es fast riechen. Der Argentinier an und f\u00fcr sich legt jetzt besonders viel Leidenschaft an den Tag.<\/p>\n<p>In ausgerechnet diese Atmosph\u00e4re platzt am Donnerstag um 5 Uhr nachts ein Mord bzw. \u201cein Unfall\u201d, je nach Lesart.<\/p>\n<p>Unweit der Kindertagesst\u00e4tte in einem der sozial schwachen Viertel hier wo wir jeden Donnerstag Kinder bespa\u00dfen (gotitas de esfuerzo) hat ein 15-j\u00e4hriger Junge ein Haus beklaut. Diversen Ger\u00fcchten zufolge war er grade dabei, einen Fernseher aus dem Haus zu tragen, als die Polizei ihn in flagranti ertappt. <\/p>\n<p>Soviel wiederum ist verb\u00fcrgt: Der Junge f\u00e4ngt an zu rennen und wird dabei von einem Polizisten erschossen. Kopfschuss.<\/p>\n<p>Die Nachricht breitet sich nat\u00fcrlich wie ein Lauffeuer aus und im Laufe der Nacht geht unter anderem die Aussenstelle der Polizei in der Gegend in Flammen auf. Der Vater des Get\u00f6teten gibt sich alle M\u00fche, den Mob zu beschwichtigen.<\/p>\n<p>Am Abend des n\u00e4chsten Tages wird die Nachricht \u00fcber Radio etc. verbreitet und es tritt ein, was manche bereits bef\u00fcrchtet haben: Es kommen Leute zu Wort, die den Tod des Jungen nicht nur als bedauerlich, aber notwendig, sondern als \u201crichtig\u201d bezeichnen: \u201cEiner weniger!\u201d<\/p>\n<p>In der Zwischenzeit gab es zwei weitere Tote, ein 28j\u00e4hriger Familienvater und der 16j\u00e4hrige Kumpel des ermordeten 15j\u00e4hrigen. <\/p>\n<p>Das nat\u00fcrlich heizt die Atmosph\u00e4re noch weiter auf. Am n\u00e4chsten Tag, also am Freitag, gibt es mittags auf dem Dorfplatz eine Demo. Besorgte Eltern holen ihre Kinder fr\u00fcher aus der Schule ab oder schicken sie gar nicht erst hin. Vor allem die Grundschule leert sich ziemlich schnell. Etwa eine halbe Stunde nachdem die Demo angefangen hatte war ich mit Lotte dort einmal die Lage auschecken. War so ungef\u00e4hr die friedlichste Demo die ich je erlebt habe. <\/p>\n<p>Etwa eine Stunde sp\u00e4ter hingegen lieferten sich dort Polizei und Randalierer Stra\u00dfenk\u00e4mpfe. Molotowcocktails, eingeschmissene Schaufenster, Pl\u00fcnderungen, Tr\u00e4nengas, Ziegelsteine, Gummigeschosse, das ganze Programm halt.<\/p>\n<p>Am Freitagabend hatten dann auch schon alle Gesch\u00e4fte auf unserer Hauptstra\u00dfe geschlossen, manche Ladeninhaber hatten ihre L\u00e4den regelrecht verbarrikadiert. Auch der Mexikaner, zu dem ich mit Lotte noch hin bin um ein Bierchen zu trinken, schloss nach jedem Gast die T\u00fcr ab(!). Damit ja keiner von den b\u00f6sen Menschen neikommt.<\/p>\n<p>Was ja an sich schon traurig genug ist. Aber viele Menschen begehen jetzt den klassischen Fehler, die Welt in schwarz und wei\u00df zu malen und sind der \u00dcberzeugung, alle Demonstranten seien \u201cSchei\u00dfdelinquenten\u201d. Wobei es diversen Augenzeugenberichten zufolge nur etwa 20 gewesen seien, die Stress gemacht h\u00e4tten und meiner Sch\u00e4tzung nach ungef\u00e4hr das zehn mal so viele Leute an der Demo teilnahmen.<\/p>\n<p>Was mich jedoch besonders betroffen macht ist das teilweise sogar mir pers\u00f6nlich bekannte Jugendliche(!) im Alter von 15-18(!!) bei dieser Vorverurteilung einer bestimmten Bev\u00f6lkerungsschicht mitmachen. Es ist ja so, dass in dem Viertel, wo der junge Mensch umgebracht wurde, vornehmlich arme Leute leben. Die oftmals eine etwas dunklere Hautfarbe haben. Jetzt h\u00f6re ich \u201cman sollte sie alle umbringen\u201d, \u201cnegros* de mierda\u201d, \u201cdiese leute haben keine kultur\u201d und so weiter. Ich bin doch ein wenig schockiert.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es auch Viele, die sich energisch gegen dieses Verhalten zur Wehr setzen und Aufkl\u00e4rung betreiben. Und mein Umfeld besteht nun einmal in erster Linie aus dem Nachwuchs von Eltern, die es sich leisten k\u00f6nnen ihr Kind auf eine Privatschule zu schicken. Klar dass die zu Hause von ihren Eltern andere Werte \u00fcbernehmen als ich es eventuell gew\u00f6hnt bin. Ich bin nur so \u00fcberrascht, weil mir immer noch die Worte meines alten Biolehrers im Kopf klingen: \u201cWer als er jung war nicht links war, der hat nicht gelebt. Wer allerdings mit 50 immer noch links ist, der hat was nicht verstanden.\u201d War allerdings auch eher ein Scherz.<\/p>\n<p>Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die \u00d6ffentlichkeit hier (und es ist \u00dcBERALL Thema, egal wo man hingeht) ist ziemlich genau in der Mitte gespalten. Es gibt diejenigen, die meinen man sollte \u201cdiese Menschen\u201d in eine Grube werfen und t\u00f6ten und diejenigen, die das Ganze etwas differenzierter sehen, aber vor allem erst einmal den Mord an einem 15j\u00e4hrigen (egal welcher Herkunft und Biographie) verurteilen. Und alles andere dazwischen, daneben und dadr\u00fcber\/drunter auch. <\/p>\n<p>Die Menschliche ist eben eine bunte Gesellschaft. Und das soll sie bittesch\u00f6n auch bleiben.<\/p>\n<p>* w\u00f6rtlich: Schei\u00dfschwarze. In einem Land wie Argentinien, in dem <em>political correctness<\/em> ungef\u00e4hr eine so lange Tradition hat wie Vuvuzelas in S\u00fcdafrika hat das wahrscheinlich auch nicht die gleiche Bedeutung wie in Deutschland. Schlie\u00dflich nannte man hier auch einen Pr\u00e4sidenten liebevoll \u201cel turco\u201d, der T\u00fcrke, weil sein Vater aus Syrien (damals noch zum Osmanischen Reich geh\u00f6rend) kam.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Argentinien herrscht Ausnahmezustand. In Bariloche ganz besonders. Das ganze Land (das ganze Land? Nein, ein wackerer junger Deutscher in einem kleinen Dorf am Rande der Anden\u2026) ist dem Fu\u00dfballfieber verfallen. Leere Stra\u00dfen, nichts geht mehr, man guckt Fussball. 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