{"id":31,"date":"2015-11-19T10:18:31","date_gmt":"2015-11-19T09:18:31","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/thedelhishow\/?p=31"},"modified":"2015-11-19T10:29:58","modified_gmt":"2015-11-19T09:29:58","slug":"ueber-das-deutschsein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/thedelhishow\/2015\/11\/19\/ueber-das-deutschsein\/","title":{"rendered":"\u00dcber Privilegien."},"content":{"rendered":"<p>Ich bin gerade Gast in einem Land. Ich war schon oft Gast in L\u00e4ndern, wurde in Familien aufgenommen und an gedeckte Tische gesetzt. Meine Freunde und ich, wir schultern selbstverst\u00e4ndlich unseren Rucksack und betreten fremde Welten. Wir m\u00fcssen vor keinen T\u00fcren verharren, sie werden ge\u00f6ffnet, wir m\u00fcssen in keine Kofferr\u00e4ume, sondern strecken die Beine in Flugzeugen aus, wir schlemmen und pennen und ruhen im Warmen, im Trockenen, im verlockend Fremden.<\/p>\n<p>Ich bin gerade Gast in einem Land. Und ich sehe anders aus. Meine Haut ist wei\u00df. Kinder zeigen auf mich, M\u00e4nner pfeifen mir hinterher, Frauen streichen \u00fcber meine Haare. Zu Anfang f\u00fchlte ich mich wie ein Fremdk\u00f6rper, meine Andersartigkeit steckte in meinen Poren. Mein westlicher Reichtum klebte an meiner Haut und ich sch\u00e4mte mich, obwohl ich mich bedeckte, entbl\u00f6\u00dfte mich meine Hautfarbe. Doch irgendwann l\u00f6sen sich Farben auf und werden zu Gesichtern.<\/p>\n<p>Ich bin gerade Gast in einem Land. Und erz\u00e4hle gerne von meiner Heimat. Man h\u00f6rt mir zu, wenn ich davon erz\u00e4hle, hakt nach und wundert sich zuweilen. Mein Deutschsein kommt in Kulturkollisionen zum Vorschein, wenn Indien an Deutschland prallt und sich beide Parteien verwirrt betrachten. Ich kann meine Kultur dehnen und ver\u00e4ndern, sie ausschm\u00fccken und vermischen. Aber ein Kern bleibt gleich, irgendetwas tief vergraben in mir gibt mir Orientierung. Oh, deutsche Sprache, du seltsamste von allen. Du bist immer bei mir.<\/p>\n<p>Doch in den vergangenen Wochen hadere ich. In was f\u00fcr ein Deutschland werde ich in drei Monaten zur\u00fcckkehren?<\/p>\n<p>Ich verfolge in virtuellen Welten, dass sich Lager bilden. Dass hysterische Untert\u00f6ne sich in Kommentare und Diskussionen schmuggeln. Dass Halbwahrheiten die Unklarheiten \u00fcbert\u00f6nen. Gefl\u00fcstertes \u00fcber Menschen, die wie ich in Indien, optisch als Fremdk\u00f6rper wahrgenommen werden. Doch ihnen werden keine Komplimente hinterhergerufen. Menschen, die ihre Familie verloren haben und im neuen Land keine finden. Die nicht an gedeckte Tische eingeladen werden, sondern deren Essen kritisch be\u00e4ugt wird.<\/p>\n<p>Wir suhlen uns in Privilegien. Deutsche Auswanderer sind Abenteurer und werden mit Reality Soaps belohnt. Wir nehmen uns Sabbaticals und reisen um die Welt. Wir markieren auf Karten die L\u00e4nder, in denen wir schon waren.<\/p>\n<p>Studieren bis tief in unsere 20er-Jahre hinein, schnabulieren Wissen und fabulieren Geschichten.<\/p>\n<p>Vor 400 Jahren kam mein Urahn aus der T\u00fcrkei nach Deutschland und schlug dort Wurzeln, die sich bis in meinen heutigen Nachnamen weiterranken. Das Familienwappen wird zuweilen stolz herumgezeigt, ach, was f\u00fcr eine exotische Geschichte doch durch unsere Adern flie\u00dft!<\/p>\n<p>Und ich sitze 400 Jahre sp\u00e4ter mit Privilegien behangen an einem Schreibtisch in einem anderen Land.<\/p>\n<p>Ich habe keine Angst, dass sie mir genommen werden. Sondern hoffe, sie so einzusetzen, dass sie sich vermehren und auf Andere ausbreiten. Eine Ansteckungshoffnung. Mein Deutschsein schenkt mir M\u00f6glichkeiten. Freiheiten, die ich seit 25 Jahren gierig nutze. Wandernd, studierend, erlebend. Und die Zeit ist nun gekommen, bei der ich sie auch f\u00fcr andere nutzen kann. Helfend. Einladend. Ein Versuch zu verstehen.<\/p>\n<p>In drei Monaten kehre ich nach Deutschland zur\u00fcck. Mit einem frischen K\u00e4sebrot in der Hand werde ich aus dem Flughafen treten. Den Kopf aufrichten (der voll von Erinnerungen der letzten sechs Monate sein wird.) Das Herz beruhigen (gef\u00fcllt von Wiedersehensfreude und Abschiedsschmerz). Die Privilegien nutzen.<\/p>\n<p>Denn was sollen wir sonst unseren <a href=\"http:\/\/www.lyrikline.org\/de\/gedichte\/die-nachgeborenen#.Vk2GJG7-lSE\">Nachgeborenen<\/a> berichten?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-31-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/thedelhishow\/files\/2015\/11\/Was_der_Bauer_nich_kennt.mp3?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/thedelhishow\/files\/2015\/11\/Was_der_Bauer_nich_kennt.mp3\">https:\/\/kulturweit.blog\/thedelhishow\/files\/2015\/11\/Was_der_Bauer_nich_kennt.mp3<\/a><\/audio>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin gerade Gast in einem Land. Ich war schon oft Gast in L\u00e4ndern, wurde in Familien aufgenommen und an gedeckte Tische gesetzt. 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