{"id":12,"date":"2015-09-17T07:06:52","date_gmt":"2015-09-17T05:06:52","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/thedelhishow\/?p=12"},"modified":"2015-09-17T10:12:35","modified_gmt":"2015-09-17T08:12:35","slug":"die-zwei-welten-theorie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/thedelhishow\/2015\/09\/17\/die-zwei-welten-theorie\/","title":{"rendered":"Die Zwei-Welten-Theorie"},"content":{"rendered":"<p><em>\u201eWelcome to India\u201c<\/em> sagte mein Sitznachbar, was ich mit einem hysterischen Lachen quittierte. Der Gedanke an die 240 kulturweit-Freiwilligen, mit denen ich 10 Tage verbracht habe, mit denen ich Weingl\u00e4ser geschwenkt und Vorurteile aufgedr\u00f6selt habe, half. 240 Rucks\u00e4cke werden grade umgeschnallt, Herzen beruhigt, Abenteuer begonnen.<\/p>\n<p>Mein Abenteuer schlug mir sofort in die Magengrube, Indien attackierte meine Sinne wie ein tr\u00e4ges Tier das mich in seinen Verdauungstrakt bef\u00f6rdert hatte. Es riecht anders (w\u00fcrzig? fruchtig? tief?) und ist so schw\u00fcl, dass meine stete Schwei\u00dfschicht Salzkristalle auf meinen Poren bildet. Ich lag in der ersten Nacht im Bett und lauerte auf das Heimweh, das mich damals, mit 16, in einem Holzhaus in Amerika liegen lie\u00df und mir die Kehle zuschn\u00fcrte. Es musste irgendwo sein, in den steten Hupger\u00e4uschen, den n\u00e4chtlichen Stra\u00dfenk\u00e4mpfen streunender Hunde, in den Rotierger\u00e4uschen meines Ventilators. Es starrte mich sicher an, bereit in der Fremde mit Gedanken an Lieblingsmenschen loszuschlagen und mich auch aus den Augen schwitzen zu lassen. Doch nichts. Stille. Weiteres Hupen. Das Heimweh blieb still, so wie es in allen St\u00e4dten in denen ich nach dem Abi meine Zelte aufschlug still blieb, als h\u00e4tte ich es 16j\u00e4hrig wie eine einmalige Krankheit \u00fcberwunden und wurde nun mit lebenslanger Immunit\u00e4t belohnt. Fast trauerte ich ihm ein bisschen hinterher (denn die Lieblingsmenschen fehlen doch. Immer.)<\/p>\n<p>Es ist alles so sehr anders als ich es gewohnt bin, dass ich dem Ganzen mit einer seltsamen Entspanntheit gegen\u00fcberstehe. Kaffee am Morgen spare ich mir, die Fahrt in der Autorickshaw tut es auch. W\u00e4hrend ich mich beim ersten Mal an die St\u00e4be klammerte und flehentlichen Blickkontakt mit dem Bild eines hinduistischen Gottes aufnahm, das in der Front auf einem kleinen Altar thronte, sitze ich mittlerweile l\u00e4ssig da und strecke die F\u00fc\u00dfe von mir (w\u00e4hrend ich in Gedanken immer wieder ein beruhigendes Mantra wiederhole). Die Hupe f\u00e4hrt stets mit, man muss nicht bremsen, blinken, ranfahren, wie ein emp\u00f6rter L\u00f6wenschrei reitet sie voran und macht den Weg frei. Meine aufgerissenen Augen fahren hinterher.<\/p>\n<p>Und so bin ich in den letzten Tagen in zwei Welten angekommen. Warme indische Wohnung, staubige Stra\u00dfen, gr\u00fcne Gew\u00e4chse ist die erste Welt. Voll mit Regeln die ich nicht kenne, W\u00f6rtern die ich nicht wei\u00df, Aufgaben die an Banalit\u00e4t kaum zu \u00fcbertreffen sind (Welcher Obsth\u00e4ndler ist okay? Wie viel ist ein Bund Bananen wert? Wo zur H\u00f6lle bin ich grade?). Die zweite Welt umschlie\u00dft mich wenn mein Arbeitstag beginnt, ich die klimatisierte Bibliothek des Goethe Instituts betrete und an Deutschlernenden vorbei zu meinem Computer schlendere. H\u00e4nde werden gesch\u00fcttelt. Deutsch wird gewechselt. Kafka und Frau Sibylle blinzeln mich aus den Regalen an. Ich blinzle zur\u00fcck. \u201eIhr ollen Haudegen\u201c, fl\u00fcstere ich. \u201eAuch hier?\u201c Sie schweigen (aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden).<\/p>\n<p><em>\u201eWelcome to India\u201c<\/em> sagte meine Vermieterin und reicht mit einen Chai. Ob ich denn schon etwas in der Hindi-Stunde gelernt habe? \u201eAber ja\u201c, sage ich und nicke eifrig. \u201e(ich kraxel mich durch ein paar Laute und schaue sie stolz an).\u201c Meine S\u00e4tze: \u201eMein Name ist Ariane. Ich bin gl\u00fccklich.\u201c<\/p>\n<p>Mal schauen was ich in der zweiten Stunde lerne.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWelcome to India\u201c sagte mein Sitznachbar, was ich mit einem hysterischen Lachen quittierte. Der Gedanke an die 240 kulturweit-Freiwilligen, mit denen ich 10 Tage verbracht habe, mit denen ich Weingl\u00e4ser geschwenkt und Vorurteile aufgedr\u00f6selt habe, half. 240 Rucks\u00e4cke werden grade &hellip; <a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/thedelhishow\/2015\/09\/17\/die-zwei-welten-theorie\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1640,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[576,332],"tags":[],"class_list":["post-12","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kulturweitblog","category-goethe"],"amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/thedelhishow\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/thedelhishow\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/thedelhishow\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/thedelhishow\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1640"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/thedelhishow\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/thedelhishow\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/thedelhishow\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12\/revisions\/15"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/thedelhishow\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/thedelhishow\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/thedelhishow\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}