{"id":181,"date":"2025-02-17T14:29:30","date_gmt":"2025-02-17T13:29:30","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/?p=181"},"modified":"2025-02-17T19:45:23","modified_gmt":"2025-02-17T18:45:23","slug":"wie-bitte-ein-freiwilligendienst-in-georgien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/2025\/02\/17\/wie-bitte-ein-freiwilligendienst-in-georgien\/","title":{"rendered":"\u201eWie bitte?! Ein Freiwilligendienst in Georgien?\u201c"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"p1\"><span class=\"s1\">Von anf\u00e4nglicher Skepsis zur endg\u00fcltigen Begeisterung <\/span><span class=\"s1\" style=\"font-size: 1rem\">\u2013 <\/span><span style=\"font-size: 1.285714rem\">Meine pers\u00f6nliche innere Reise nach Georgien<\/span><\/h2>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">An einem bereits sp\u00e4ten Morgen laufe ich zur Schule. Entlang der gro\u00dfen Hauptstra\u00dfe tummeln sich im Stau befindende Autos, sich hetzende Busse und zwischendrin sich beeilende Menschen. Man h\u00f6rt Musik, es wird gesungen, die Autos hupen, die Menschen reden. Einige Menschen bleiben gegen\u00fcber einer Kirche stehen und bekreuzigen sich dreimal. Ich schaue ihnen bei ihren allt\u00e4glichen Errungenschaften zu. Von hier in der Innenstadt kann ich zwischen den hohen T\u00fcrmen der Hotels die prunkvolle Sameba-Kathedrale erkennen, die weit entfernt im S\u00fcdosten auf einer Erhebung \u00fcber der Stadt thront. Die Sonne erleuchtet sie und die vergoldeten Elemente auf dem warmen Sandstein reflektieren die Sonnenstrahlen. Ich f\u00fchle die W\u00e4rme der Sonne auf meinem Gesicht. Es ist mitten im Januar und daf\u00fcr recht kalt, aber die Luft ist klar und frisch. Die Helligkeit und W\u00e4rme der Sonne zaubern mir dennoch ein L\u00e4cheln ins Gesicht. Das ist etwas, das ich in Deutschland definitiv missen werde. Ich setze meinen Weg Richtung Schule fort \u2013 immer ein wenig zu sp\u00e4t dran, aber nichtsdestotrotz immer p\u00fcnktlich.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Ich freue mich sehr \u00fcber die M\u00f6glichkeit, f\u00fcr sechs Monate in Tiflis, der Hauptstadt Georgiens, leben zu k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Das kann ich jetzt, nach fast f\u00fcnf Monaten in dieser Stadt, mit hoher Sicherheit sagen. Ganz zu Beginn, vor meiner Reise hierher, sah das noch ganz anders aus.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Nachdem ich die Zusage von \u201ekulturweit\u201c f\u00fcr Tiflis an einer schulischen Einsatzstelle des P\u00e4dagogischen Austauschdienstes (PAD) der Deutschen Kultusministerkonferenz erhalten habe, wusste ich noch nicht einmal, wo Georgien liegt. Insgesamt war ich eher skeptisch \u2013 schlie\u00dflich sollte ich f\u00fcr ein halbes Jahr in ein Land ziehen, das ich vorher kaum kannte, in<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>dem ich aber leben und arbeiten w\u00fcrde.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Aber wie das Sprichwort sagt: \u201eWas lange w\u00e4hrt, wird endlich gut.\u201c Denn je mehr Zeit verstrich, je mehr ich mich mit meinem Einsatzland besch\u00e4ftigte, desto mehr Freude bereitete mir der Gedanke, nach Georgien zu gehen. Ganz nach dem Motto: \u201eVorfreude ist die sch\u00f6nste Freude.\u201c Und obwohl das nat\u00fcrlich stimmt, muss ich zugeben, dass die gr\u00f6\u00dfte Freude tats\u00e4chlich darin besteht, nun endlich hier zu sein.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Denn ich stellte mir die Frage: Was sollte schon passieren?<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Zu Beginn hatte ich Bedenken bez\u00fcglich der politischen Lage in Georgien. Zu der Zeit gingen die georgischen Proteste im April und Mai 2024 durch s\u00e4mtliche deutsche Medien. Einige Tage nach dem Lesen der Schlagzeilen erhielt ich die Zusage f\u00fcr Georgien. Es muss ein Wink des Schicksals gewesen sein.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Anlass f\u00fcr die Proteste war die Verabschiedung von Gesetzen, die denen in Russland \u00e4hneln. Darunter war das sogenannte \u201eAgentengesetz\u201c \u2013 das \u201eGesetz \u00fcber die Transparenz ausl\u00e4ndischer Einflussnahme\u201c. Es sieht vor, dass sich Nichtregierungsorganisationen und Medien, die mehr als 20 Prozent ihrer Mittel aus dem Ausland erhalten, als Einrichtungen registrieren m\u00fcssen, die \u201edie Interessen einer ausl\u00e4ndischen Macht verfolgen\u201c (Georgia Insight). Die Regierung argumentiert, dass das Gesetz f\u00fcr mehr Transparenz sorgen solle, w\u00e4hrend Kritiker klare Parallelen zum russischen Gesetz gegen sogenannte \u201eausl\u00e4ndische Agenten\u201c sehen. Dieses Gesetz hat vor allem die Opposition und die unabh\u00e4ngigen Medien stark eingeschr\u00e4nkt. Betroffen sind alle zivilgesellschaftlichen Organisationen, darunter nichtstaatliche Medien, unabh\u00e4ngige Wahlbeobachter sowie karitative, soziale und kulturelle Organisationen. In einem wirtschaftlich schwachen Land wie Georgien, wo solche Organisationen keine staatliche Unterst\u00fctzung erhalten, sind sie auf Zusch\u00fcsse aus dem Ausland angewiesen. Ein weiteres Gesetz, das den \u201eSchutz von Familienwerten und Minderj\u00e4hrigen\u201c betrifft, bestraft gleichgeschlechtliche Beziehungen und schr\u00e4nkt die Rechte der LGBTQI+-Community ein. Dieses Gesetz kam vor allem der georgisch-orthodoxen Kirche zugute, die nach wie vor einen starken Einfluss auf die georgische Gesellschaft hat.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Meine Eltern hatten Bedenken, dass mein FSJ aufgrund der Unruhen vor und nach den Parlamentswahlen im Oktober 2024 kurzfristig abgebrochen werden k\u00f6nnte. Ich jedoch glaubte nicht daran. Etwas naiv, aber felsenfest davon \u00fcberzeugt, glaubte ich \u2013 nein \u2013 wusste ich, dass Georgien f\u00fcr mich genau der richtige Ort sein w\u00fcrde.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Auf der Landkarte musste ich erst einmal nach diesem Land suchen. Georgien liegt an der Schnittstelle von Europa und Asien, entlang der Gebirgskette des Kaukasus. Im Norden grenzt es an Russland, weit im Osten liegt das Kaspische Meer, im S\u00fcden grenzt es an die T\u00fcrkei, Armenien und Aserbaidschan und im Westen an das Schwarze Meer. Ich hatte keine Ahnung, was mich dort erwarten w\u00fcrde. Wie leben die Menschen dort? Was ist typisch f\u00fcr die georgische Kultur? Welche Sprache wird gesprochen? Wie schmeckt das Essen? Wie ist das Klima? Wie funktioniert das Schulsystem? Ich hatte zuvor keinerlei Ber\u00fchrungspunkte mit Georgien oder seinen Menschen, seiner Kultur, Sprache, Kulinarik oder Geschichte. Lediglich w\u00e4hrend der Europameisterschaft 2024 in Deutschland hatte ich vom Sieg Georgiens gegen Portugal (und damit gegen einen der besten Fu\u00dfballspieler, Cristiano Ronaldo) geh\u00f6rt. Es f\u00fchlte sich an, als ob ich mit Georgien ins kalte Wasser geworfen wurde.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Ins kalte Wasser geworfen\u2026 \u2013 aber nicht falsch verstehen: Genau so f\u00fchlte es sich f\u00fcr mich richtig an. Genau das war doch der Grund, warum ich gerade \u201ekulturweit\u201c als meine Entsendeorganisation gew\u00e4hlt hatte.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Ein FSJ im Ausland sollte eine einzigartige Erfahrung werden. Nach dem Abitur wollte ich mir bewusst ein Jahr Zeit nehmen, um meine Komfortzone zu verlassen und etwas Neues zu wagen, das normalerweise nicht meiner planerischen Art entspricht. Zum ersten Mal in meinem Leben wollte ich etwas tun, was ich nicht von vorne bis hinten durchgeplant hatte. Ich hatte die M\u00f6glichkeit, mich im Ausland v\u00f6llig selbstst\u00e4ndig zu entwickeln. Dabei kann ich fremde Menschen kennenlernen und ein neues Land entdecken \u2013 ein Land, das ganz sicher nicht ganz oben auf meiner Wunschliste stand. Umso mehr habe ich im Nachhinein verstanden, dass Georgien gerade deswegen genau der richtige Ort f\u00fcr mich gewesen ist.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Und so ging es nach dem Vorbereitungsseminar Anfang September 2024 am Werbellinsee in der N\u00e4he von Berlin nach Tiflis \u2013 \u201eTbilisi\u201c, wie es die Einheimischen nennen. Mit insgesamt sieben \u201ekulturweit\u201c-Freiwilligen allein in Tbilisi und drei weiteren in anderen St\u00e4dten Georgiens \u2013 Batumi, Kutaissi und Telavi \u2013 sind wir dieses Jahr vergleichsweise viele. Das liegt daran, dass Osteuropa 2024 eine Schwerpunktregion bei \u201ekulturweit\u201c ist und aus diesem Grund mehr Freiwillige in diese Region entsendet wurden.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">\u201eWarum ausgerechnet Georgien?\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">So oder so \u00e4hnlich lauteten die Reaktionen vieler, als ich ihnen erz\u00e4hlte, was ich nach dem Abitur vorhatte. Warum ausgerechnet ein Land, das viele nur vom H\u00f6rensagen kennen und das in den K\u00f6pfen vieler eher mit Klischees als mit konkreten Vorstellungen verbunden ist? Diese Reaktion \u00fcberraschte mich nicht wirklich \u2013 mich selbst hatte Georgien am meisten \u00fcberrascht! Das Land im Kaukasus war f\u00fcr viele ein Land, das in den Hintergrund des Bewusstseins geraten war \u2013 zwischen Russland, der T\u00fcrkei und dem Kaukasus, irgendwo im Nebel geopolitischer Fragen und ferner Landschaften. Doch f\u00fcr mich war es der n\u00e4chste Schritt auf einer Reise, die ich nicht wirklich geplant hatte, aber die sich pl\u00f6tzlich so richtig anf\u00fchlte.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Also antwortete ich: \u201eJa, richtig geh\u00f6rt: Georgien.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Ein Land, das ich erstmal auf der Landkarte finden musste.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Was gibt es Besseres f\u00fcr ein FSJ im Ausland, um \u00fcber den eigenen Tellerrand hinauszuschauen? Ein Land mit einer v\u00f6llig fremden Kultur und Sprache. Mein erstes richtiges Arbeitsverh\u00e4ltnis. Sich darauf voll und ganz einzulassen, war nat\u00fcrlich eine \u00dcberwindung. Aber wenn man diese Herausforderung als Chance begreift, den eigenen Horizont erweitern zu k\u00f6nnen, dann erscheint Georgien als Tor zu einer neuen Welt. Zu einer neuen Weltsicht. Zu einer neuen Lebenseinstellung.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Urspr\u00fcnglich hatte ich mich bei \u201ekulturweit\u201c f\u00fcr den journalistischen Bereich bei der \u201eDeutschen Welle\u201c beworben. Schlussendlich wurde ich jedoch f\u00fcr den schulisch-kulturellen Bereich ausgew\u00e4hlt, wo ich im Deutschunterricht assistiere. Au\u00dferdem habe ich durch zus\u00e4tzliche Eigeninitiative erreichen k\u00f6nnen, viele Unterrichtsstunden selbstst\u00e4ndig vorbereiten und durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen. Ich unterrichte alle Klassenstufen, von der sechsten bis zur zw\u00f6lften, um die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler auf das Deutsche Sprachdiplom (Niveau B1 und C1) vorzubereiten. Auf diesem Weg m\u00f6chten viele von ihnen sp\u00e4ter in Deutschland studieren und erhoffen sich so eine bessere und chancenreichere Zukunft, die sie in Georgien und der aktuellen politischen Lage nicht sehen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Das Erlernen der Fremdsprache Deutsch bedeutet nicht nur, die Sprache zu beherrschen, sondern auch ein aktuelles Bild von Deutschland vermittelt zu bekommen. Einige kommen vielleicht das erste und einzige Mal in ihrem Leben im Rahmen des Deutschunterrichts mit aktuellen und spezifisch deutschen Themen in Ber\u00fchrung. Dazu z\u00e4hlt die intensive Auseinandersetzung mit Themen wie Klimawandel, Umweltschutz, M\u00fclltrennung, Nachhaltigkeit, aber auch ehrenamtliches Engagement bei der \u00f6rtlichen Tafel, der Freiwilligen Jugendfeuerwehr, dem DLRG oder den Pfadfindern. Die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler setzen sich auch mit Themen auseinander, die Jugendliche weltweit betreffen, wie soziale Medien, Handys, Handyverbote an Schulen, die Aktualit\u00e4t von Noten, Freundschaften und Cliquen, Eltern und Familien, Meinungsfreiheit und Demokratie.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Insgesamt verstehe ich meinen Freiwilligendienst als Teil eines gr\u00f6\u00dferen Ganzen. \u00dcbergeordnet bietet mir das FSJ mit \u201ekulturweit\u201c die M\u00f6glichkeit, mit den Menschen zusammen \u2013 und nicht \u00fcber sie hinweg \u2013 an wichtigen und aktuellen Themen zu arbeiten. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Das k\u00f6nnte man als einen aktiven Beitrag zur V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung verstehen. Wie Maria B\u00f6hmer, Pr\u00e4sidentin der Deutschen UNESCO-Kommission, sagt: \u201eUnsere internationale Kulturarbeit m\u00f6chte Freir\u00e4ume f\u00fcr Dialog schaffen.\u201c In Zeiten der Globalisierung, in denen sich die L\u00e4nder der Welt noch nie n\u00e4her schienen und gleichzeitig viele Vorg\u00e4nge zu ihrer Verfremdung f\u00fchren, ist die Verst\u00e4ndigung der V\u00f6lker wichtiger denn je. \u201ekulturweit\u201c schreibt selbst: \u201eMit kulturweit f\u00f6rdern wir junge Menschen und eine Kultur der gegenseitigen Verst\u00e4ndigung \u00fcber Grenzen hinweg.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Beim Vorbereitungsseminar haben wir uns intensiv mit der Kritik an Freiwilligendiensten im Allgemeinen und an \u201ekulturweit\u201c im Besonderen auseinandergesetzt. Was berechtigt uns, das Leben der Menschen in einem anderen Land so ver\u00e4ndern zu wollen, dass es unseren eigenen, westlich gepr\u00e4gten Ma\u00dfst\u00e4ben entspricht? Warum sollte das Leben der Menschen, auch wenn es uns fremd erscheint, nicht genauso gut sein, wie es ist? Die Menschen hier und dort leben ihr allt\u00e4gliches Leben mit all seinen Sch\u00f6nheiten genauso wie wir in Deutschland. Wenn wir unser Leben betrachten, stellt sich heraus, dass es sich gar nicht so sehr von dem Leben in anderen L\u00e4ndern unterscheidet, wie wir vielleicht annehmen. Dabei spielen auch immer Klischees, Stereotype und Vorurteile eine ausschlaggebende Rolle. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Also ja, man wird das System eines Landes nicht \u00e4ndern k\u00f6nnen. Aber vielleicht geht es auch gar nicht darum, gleich ein ganzes System zu ver\u00e4ndern. Vielleicht geht es eigentlich darum, einen Unterschied zu machen \u2013 auch wenn es nur ein kleiner ist. Einen Unterschied im Leben von mir selbst, meiner WG-Mitbewohnerin, den anderen Freiwilligen, meinen Sch\u00fclern \u2013 die mir sagen, dass sie sich wohler dabei f\u00fchlen, Deutsch zu sprechen, wenn ich dabei bin \u2013, den Lehrern, der netten Frau an der Supermarktkasse und dem alten Herrn im Caf\u00e9, mit dem ich ein Gespr\u00e4ch beginne \u2013 genau diesen Unterschied m\u00f6chte ich bewirken. Vielleicht geht es nicht um die gro\u00dfen Unterschiede, sondern um die kleinen. Im Leben der Menschen, die ich kennenlerne und die mich w\u00e4hrend meines Aufenthalts begleiten und f\u00fcr mich da sind \u2013 und f\u00fcr die ich auch da sein m\u00f6chte. Schlussendlich bin nicht nur ich es, die einen Einfluss auf meine Mitmenschen hat, sondern meine Mitmenschen, die auch mich beeinflussen. Ich lerne von ihnen und entwickle mich durch sie weiter. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">In diesen sechs Monaten habe ich unfassbar viele Menschen innerhalb kurzer Zeit kennengelernt. Das liegt vor allem an den vielen Veranstaltungen und Projekten meiner Schule, des Goethe Instituts, der Deutschen Botschaft Tiflis und den Seminaren, bei denen ich bei der Planung und Organisation mitgeholfen habe. Aber auch daran, dass ich mich neu ge\u00f6ffnet habe. Einmal mehr \u00fcber meinen Schatten gesprungen bin. Mich selbst neu kennengelernt habe. Mich kennengelernt habe als jemanden, der auf die Menschen zugeht und mit ihnen ins Gespr\u00e4ch kommt. Dabei findet man immer wieder witzige und interessante Parallelen oder Anekdoten, die einem in Erinnerung bleiben.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Ein Beispiel f\u00e4llt mir immer wieder ein, wenn ich an eine zuf\u00e4llige sowie witzige Begegnung zur\u00fcckdenke:<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span style=\"font-size: 1rem\">W\u00e4hrend meines FSJ arbeite ich an einem pers\u00f6nlichen Projekt. Ich m\u00f6chte f\u00fcr meine Schule eine Schulwebseite mit einer deutschsprachigen Sch\u00fclerzeitung erstellen, damit die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler ihre Deutschkenntnisse praktisch anwenden und ihre journalistischen F\u00e4higkeiten verbessern k\u00f6nnen. Dabei lernte ich auf dem \u201eDeutschlehrer-Tag in Georgien\u201c im Goethe-Institut Tiflis einen deutschen Lehrer kennen, der f\u00fcr die georgische deutschsprachige Zeitung \u201eKaukasische Post\u201c arbeitet und die Fotos schie\u00dft. Er hatte einfach 20 Jahre lang in derselben Stadt gewohnt wie ich! Au\u00dferdem engagiert er sich freiwillig als Journalist und so fand ich einen direkten und konkreten Ansprechpartner f\u00fcr mein Projekt. Die unerwartete, aber lehrreiche Begegnung ist mir sehr positiv in Erinnerung geblieben.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Der Wunsch, das teilweise unfaire Schulsystem ver\u00e4ndern zu wollen, kann schnell \u00fcberw\u00e4ltigend wirken, besonders wenn man sich die riesigen Strukturen ansieht, die einen manchmal so machtlos erscheinen lassen. Aber um das System geht es meiner Meinung nach auch nicht. Die wirklichen, nachhaltigen Ver\u00e4nderungen beginnen oft auf der kleinen, pers\u00f6nlichen Ebene. Jeder kleine Unterschied, den ich im Leben meiner Mitmenschen mache, sei es durch ein nettes Wort, ein offenes Ohr oder eine Geste der Hilfe, tr\u00e4gt zu einem gr\u00f6\u00dferen Ganzen bei.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Indem ich in meinem Alltag eine positive Ver\u00e4nderung bewirken kann, schaffe ich ein Umfeld, in dem andere angeregt werden, ebenfalls achtsamer miteinander umzugehen. Diese kleinen Ver\u00e4nderungen, die vielleicht zun\u00e4chst unbedeutend erscheinen, k\u00f6nnen sich \u00fcber die Zeit summieren und zu einer breiten Welle von Ver\u00e4nderung f\u00fchren \u2013 in einer Art, die sich oft gar nicht so direkt messen l\u00e4sst, aber dennoch eine tiefgreifende Wirkung hat. Das ist die Art von Ver\u00e4nderung, die in der Tiefe wirkt, weil sie den Alltag der Menschen ber\u00fchrt und den zwischenmenschlichen Austausch f\u00f6rdert. Diese kleinen, individuellen Ver\u00e4nderungen sind wahrscheinlich der effektivste Weg, um etwas zu bewirken. Das sind die Unterschiede, die bleiben und die vielleicht auch andere inspirieren, nachzuziehen. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Das ist meine tiefe \u00dcberzeugung in diesem Freiwilligendienst. Ich hoffe, im Kleinen etwas bewirken zu k\u00f6nnen. Ich hoffe, das Leben der Menschen in meinem Umfeld positiv beeinflussen zu k\u00f6nnen und einen Teil meiner Weltsicht weiterzugeben und gleichzeitig ihre zu erfahren. Das macht f\u00fcr mich wahre V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung aus. Die Kommunikation \u00fcber Grenzen hinweg, die so unterschiedlich und spaltend zu sein scheinen. Aber wenn man erkennt, dass uns diese Vielf\u00e4ltigkeit ausmacht und dass uns das alle besonders auf ihre eigene Art und Weise macht, dann wird die Pluralit\u00e4t nicht mehr als Trennung, sondern als Bereicherung wahrgenommen werden. Es entsteht ein gegenseitiges Verst\u00e4ndnis, das \u00fcber kulturelle oder sprachliche Barrieren hinausgeht und auf einer tieferen, menschlichen Ebene miteinander verbindet. In dieser Anerkennung der Unterschiede liegt die wahre St\u00e4rke, denn sie erlaubt es uns, voneinander zu lernen, uns zu respektieren und einander in unserer Einzigartigkeit zu sch\u00e4tzen. So wird die V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung zu einem Dialog, der nicht nur Wissen, sondern auch Empathie und Mitgef\u00fchl f\u00f6rdert.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Ein Langzeitaufenthalt von sechs oder zw\u00f6lf Monaten erm\u00f6glicht dies viel mehr als ein Kurzaufenthalt von drei Wochen. Deshalb beh\u00e4lt \u201ekulturweit\u201c f\u00fcr mich absolut recht, wenn sie schreiben, dass \u201ef\u00fcr viele unserer Freiwilligen [\u2026] kulturweit die erste Chance \u00fcberhaupt [ist], intensivere Auslandserfahrungen zu sammeln.\u201c<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Und jeder kann ein Teil dieser Gemeinschaft werden!<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_183\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2025\/02\/IMG_7275.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-183\" class=\"wp-image-183 size-medium\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2025\/02\/IMG_7275-300x400.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2025\/02\/IMG_7275-300x400.jpeg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2025\/02\/IMG_7275-624x832.jpeg 624w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2025\/02\/IMG_7275.jpeg 768w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-183\" class=\"wp-caption-text\">Meine Einsatzstelle f\u00fcr sechs Monate in Tiflis, Georgien \u2013 die 21. \u00d6ffentliche Schule Tbilisi.<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von anf\u00e4nglicher Skepsis zur endg\u00fcltigen Begeisterung \u2013 Meine pers\u00f6nliche innere Reise nach Georgien An einem bereits sp\u00e4ten Morgen laufe ich zur Schule. 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