{"id":126,"date":"2024-11-28T17:09:42","date_gmt":"2024-11-28T16:09:42","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/?p=126"},"modified":"2025-09-02T13:42:21","modified_gmt":"2025-09-02T11:42:21","slug":"zwischen-stillstand-und-fortschritt-ein-land-im-umbruch-oder-doch-aufbruch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/2024\/11\/28\/zwischen-stillstand-und-fortschritt-ein-land-im-umbruch-oder-doch-aufbruch\/","title":{"rendered":"Zwischen Stillstand und Fortschritt: Ein Land im Umbruch \u2013 oder doch Aufbruch?"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"p1\"><span class=\"s1\">Georgien vor, w\u00e4hrend und nach den Parlamentswahlen 2024<\/span><\/h2>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Ein Drittel der Bev\u00f6lkerung Georgiens lebt in Tbilisi, der Hauptstadt. Fast 60 % der Menschen wohnen in modernen St\u00e4dten \u2013 mal gr\u00f6\u00dfer, mal kleiner. Der Rest lebt auf dem Land, weit entfernt von den georgischen Ballungszentren, oft in Abgeschiedenheit und auf Selbstversorgung angewiesen &#8211; oder in der Hoffnung auf Touristen, die es in die abgelegenen Gegenden verschl\u00e4gt. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Wenn man durch die Stra\u00dfen Georgiens l\u00e4uft, dann sp\u00fcrt man f\u00f6rmlich die Spannungen, die in der Luft liegen. In den St\u00e4dten scheint der Fortschritt fast greifbar, w\u00e4hrend sich die l\u00e4ndlichen Gebiete von dieser Entwicklung immer weiter entfernen. Eine tiefe wirtschaftliche Kluft tut sich zwischen den st\u00e4dtischen und l\u00e4ndlichen Regionen auf. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Aber auch in den gro\u00dfen St\u00e4dten existiert trotz des sichtbaren Wohlstands ein wirtschaftliches und gesellschaftliches Gef\u00e4lle. In Tbilisi sieht man immer wieder Menschen, die in sch\u00e4bigen Wohnungen leben, in kleinen Caf\u00e9s arbeiten oder an Stra\u00dfenecken betteln, um \u00fcber die Runden zu kommen. Gleichzeitig sind die st\u00e4dtischen Eliten, die oft \u00fcber Gesch\u00e4ftsbeziehungen zu internationalen Unternehmen und Investoren verf\u00fcgen, in der Lage, sich (westliche) Luxusprodukte zu leisten. Doch das Bild ist nicht so einheitlich. Es gibt viele Menschen, die sich bem\u00fchen, in einer Welt des schnellen Wandels, ihren Platz zu finden.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Diese skizzierten Ph\u00e4nomene spielen eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, die politischen Meinungen, Entscheidungen und Geschehnisse in diesem Land verstehen zu wollen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Es ist nun fast genau einen Monat her, dass am 26. Oktober 2024 die Parlamentswahlen in Georgien stattfanden. Sowohl die pro-russische Regierungspartei \u201eGeorgischer Traum\u201c als auch die pro-europ\u00e4ischen Oppositionsparteien beanspruchten den Wahlsieg f\u00fcr sich. Die offizielle Wahlkommission best\u00e4tigte den Sieg der Regierungspartei mit weniger als 54 % der Stimmen. Es wurde von Wahlbetrug gesprochen. Die Deutsche Botschaft in Tbilisi und das Ausw\u00e4rtige Amt warnten vor bald anstehenden Demonstrationen. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Die Hauptstadt und das ganze Land hielt den Atem an &#8211; aber nicht nur sie. Auch die gro\u00dfen Weltm\u00e4chte wie die USA, Deutschland, Russland und die Europ\u00e4ische Union schauten gespannt auf das kleine Land Georgien, das zu all diesen L\u00e4ndern enge wirtschaftliche (Handels-)Beziehungen pflegt. Seit Dezember 2023 f\u00fchrte die EU Beitrittsverhandlungen mit Georgien. Doch nachdem im Juni 2024 Gesetze verabschiedet wurden, die denen Russlands \u00e4hneln \u2013 wie das Agentengesetz und das Gesetz zum \u201eSchutz von Familienwerten und Minderj\u00e4hrigen\u201c, das gleichgeschlechtliche Beziehungen unter Strafe stellt, \u2013 <\/span><span class=\"s1\">wurden die Verhandlungen auf Eis gelegt. Die Lage und die diplomatischen Beziehungen sind angespannt. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Nach den Wahlen hatte man vieles erwartet. Man hatte sich auf das Schlimmste vorbereitet \u2013 nur nicht auf die Stille, das Vakuum, das dann tats\u00e4chlich entstand. Oder war gerade das das Schlimmste?<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_131\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_7583.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-131\" class=\"wp-image-131 size-medium\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_7583-e1733653487509-300x191.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"191\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_7583-e1733653487509-300x191.jpeg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_7583-e1733653487509-768x488.jpeg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_7583-e1733653487509-624x397.jpeg 624w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_7583-e1733653487509.jpeg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-131\" class=\"wp-caption-text\">Alarmierend ruhig und gespenstisch leer ist der Platz vor dem Parlament am Wahl-Abend.<\/p><\/div>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Eine gespenstische Stille legte sich \u00fcber Georgiens Hauptstadt. An diesem Sonntag war noch weniger los, als es bereits an den \u00fcblichen Sonntagen der Fall war. Nichts auf den Stra\u00dfen, nichts auf den gro\u00dfen Hauptpl\u00e4tzen der Stadt, nichts vor dem Parlament. Einzelne Demonstranten mischten sich mit wenigen Polizisten und Journalisten. Ich erkannte Reporter vom ORF aus \u00d6sterreich. An den Ecken des Parlaments standen wei\u00dfe, verdunkelte Limousinen. Meine Verwunderung war gro\u00df. Zu diesem Zeitpunkt besuchte mich mein Vater aus Deutschland und wir hatten bereits um unsere Sightseeing-Tour durch Tbilisi gebangt, weil ich gro\u00dfe Proteste erwartet hatte. Doch es kam alles anders. Es schien, als w\u00fcrde die gr\u00f6\u00dfte Stadt Georgiens stillstehen. Wie Bet\u00e4ubt. Zu geschockt.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_144\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/59409b77-c5c1-4317-9659-6a17ec950234-e1733653199577.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-144\" class=\"size-medium wp-image-144\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/59409b77-c5c1-4317-9659-6a17ec950234-e1733653199577-300x318.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"318\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/59409b77-c5c1-4317-9659-6a17ec950234-e1733653199577-300x318.jpeg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/59409b77-c5c1-4317-9659-6a17ec950234-e1733653199577-624x661.jpeg 624w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/59409b77-c5c1-4317-9659-6a17ec950234-e1733653199577.jpeg 768w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-144\" class=\"wp-caption-text\">Wo am Sonntag niemand stand, stehen am Montag Tausende.<\/p><\/div>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Erst ganze drei Tage sp\u00e4ter, am Tag seiner Abreise, rief die pro-europ\u00e4ische Pr\u00e4sidentin Salome Surabischwili, die in Paris aufgewachsen ist und dort Politikwissenschaften studiert hat, \u00fcber die sozialen Medien zum Protest auf. Tausende gingen abends auf die Stra\u00dfe, um f\u00fcr Europa und ein freies Georgien zu k\u00e4mpfen. Die Europa-Hymne \u201eFreude sch\u00f6ner G\u00f6tterfunke\u201c von Beethoven erklang. Georgien-, EU-, USA-, Ukraine- und NATO-Flaggen wurden geschwenkt. Der Himmel erstrahlte in den Farben eines Regenbogens als Feuerwerke in den Himmel schossen. Aus allen Stra\u00dfen str\u00f6mten die Menschen ins Stadtzentrum und es war ein \u00fcberw\u00e4ltigender Anblick, als sie sich alle auf den Stra\u00dfen versammelten.<\/span><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/540b7468-6eb3-42e1-8bc6-27bca7499fd5-e1733651828588.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-142 size-full\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/540b7468-6eb3-42e1-8bc6-27bca7499fd5-e1733651828588.jpeg\" alt=\"\" width=\"768\" height=\"414\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/540b7468-6eb3-42e1-8bc6-27bca7499fd5-e1733651828588.jpeg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/540b7468-6eb3-42e1-8bc6-27bca7499fd5-e1733651828588-300x162.jpeg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/540b7468-6eb3-42e1-8bc6-27bca7499fd5-e1733651828588-624x336.jpeg 624w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/ea45d458-2665-4545-88b0-981bdd0aa9ea.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-148 size-full\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/ea45d458-2665-4545-88b0-981bdd0aa9ea-e1733653230189.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"708\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/ea45d458-2665-4545-88b0-981bdd0aa9ea-e1733653230189.jpeg 1024w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/ea45d458-2665-4545-88b0-981bdd0aa9ea-e1733653230189-300x207.jpeg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/ea45d458-2665-4545-88b0-981bdd0aa9ea-e1733653230189-768x531.jpeg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/ea45d458-2665-4545-88b0-981bdd0aa9ea-e1733653230189-624x431.jpeg 624w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_137\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4059.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-137\" class=\"wp-image-137 size-medium\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4059-300x200.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4059-300x200.jpeg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4059-768x513.jpeg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4059-624x417.jpeg 624w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4059.jpeg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-137\" class=\"wp-caption-text\">Heutzutage ist der Einfluss von Social Media auf Protestbewegungen nicht mehr wegzudenken.<\/p><\/div>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">In den sozialen Medien wurde viel gepostet, geliked, geteilt. Auch gro\u00dfe Nachrichtenquellen wie die \u201eTagesschau\u201c und der \u201eGuardian\u201c berichteten \u00fcber die Wahlen und Demonstrationen. Ein Bild, das auf Instagram die Runde machte, zeigte einen jungen Mann vor dem Parlament, der ein Schild hielt mit der Aufschrift: \u201eINTERNATIONAL SOCIETY, DON\u2019T LEAVE US ALONE\u201c. Ich sprach mit einigen der demonstrierenden Studenten und erz\u00e4hlte ihnen, dass die Unterst\u00fctzung in den Medien Europas, vor allem in Deutschland, sehr gro\u00df sei. Einer von ihnen meinte, dass der internationale Beistand das Wichtigste und Einzige sei, das sie h\u00e4tten. Die Georgier wollen nicht vergessen, nicht zur\u00fcckgelassen werden. Diese Worte trafen mich tief. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Am n\u00e4chsten Tag war alles wie vorher. Auf dem Weg zur Arbeit sah alles gleich aus. \u201eWarum sollte es auch nicht?\u201c, fragte ich mich. Nur die vermehrten Polizeiautos lie\u00dfen ansatzweise erahnen, was am Abend zuvor auf den Stra\u00dfen Tbilisis los war. Einen Tag sp\u00e4ter fragte mich einer meiner Sch\u00fcler aus der 11. Klasse, was es Neues aus Georgien g\u00e4be. Ich \u2013 \u00fcberfordert mit der Frage \u2013 stellte ihm die Gegenfrage. Er war der Einzige, der mir bis zu diesem Zeitpunkt von dem politischen Chaos und der Verwirrung im Land erz\u00e4hlte. Vielleicht auch nur, weil ich ihn explizit danach gefragt hatte. Oder er mich.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Als Freiwillige aus Deutschland bekomme ich neben den Demonstrationen auf den Stra\u00dfen nicht viel von den politischen Einstellungen und \u00c4ngsten der Menschen mit. Die Schule ist der einzige Ort, an dem ich mit den lokalen Menschen in Kontakt komme, die mir von ihren Eindr\u00fccken und Erfahrungen erz\u00e4hlen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">In Georgien ist die Schule ein politisch neutraler Raum. Im Gegensatz zu Deutschland gibt es hier das Fach \u201ePolitik und Wirtschaft\u201c nicht, das sich mit den politischen Verh\u00e4ltnissen im In- und Ausland auseinandersetzt und das Argumentieren sowie das kritische Hinterfragen f\u00f6rdert. Die Lehrer sprechen nicht viel \u00fcber die nationale Politik. Au\u00dferdem d\u00fcrfen sie sich nicht gegen die Regierungspartei \u00e4u\u00dfern. An meiner Schule gibt es seit diesem Jahr eine neue Schulleiterin. Die vorherige Schulleiterin war mehr als sieben Jahre an dieser Schule t\u00e4tig, bis sie gegen die Regierungspartei Stellung nahm und sich auf der Seite der Oppositionsparteien positionierte. Daraufhin wurde sie durch die jetzige neue Schulleiterin ausgetauscht. Damit ist die Entscheidung, die Schule als einen politikfreien Raum zu gestalten, letztendlich auch nur eine politische Entscheidung gewesen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Es gibt eine Sache, die ich mir vor meiner Reise nach Georgien bereits ansatzweise vorgestellt, jedoch weit untersch\u00e4tzt habe: der starke Einfluss der georgisch-orthodoxen Kirche. Sie stellt eine der gr\u00f6\u00dften Gegenpole zu der fortschrittlichen Bewegung der Jugend und Studenten dar &#8211; besonders, wenn es um die sexuelle Freiheit und Geschlechter-Identit\u00e4t geht. Ich sehe, wie Dekollet\u00e9s mit Kreuz-Ketten geschm\u00fcckt werden. Orthodoxe Feiertage pr\u00e4gen den georgischen Jahreskalender. Viele Menschen gehen immer noch regelm\u00e4\u00dfig in die Kirche. Das wird ihnen von Grund auf durch die Eltern beigebracht und ist ein fester Bestandteil der georgischen Kultur. Viele Menschen machen dreimal das Kreuzzeichen, wenn sie Kirchen passieren. Auf dem Land gibt es viele Kl\u00f6ster, doch auch in der Stadt findet man zahlreiche orthodoxe Kirchen, deren Innenr\u00e4ume mit Heiligenbildern verziert sind.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_7814.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-146 size-medium\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_7814-e1734432187807-300x292.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"292\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_7814-e1734432187807-300x292.jpeg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_7814-e1734432187807-768x748.jpeg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_7814-e1734432187807-624x608.jpeg 624w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_7814-e1734432187807.jpeg 896w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Eine zus\u00e4tzliche Sache f\u00e4llt einem besonders ins Auge. Als aufmerksame Beobachterin &#8211; als die ich mich selbst bezeichne, weil sechs Monate lang genug sind, um die Vorg\u00e4nge in diesem Land ansatzweise verstehen zu k\u00f6nnen &#8211; bemerke ich Dinge, die in Deutschland sehr ungew\u00f6hnlich sind. An vielen H\u00e4usern, Hotels, Schulen, Gesch\u00e4ften, Restaurants und Autos wehen georgische Flaggen. Patriotismus. Nationalstolz. Hier in Georgien v\u00f6llig normal und gerne gesehen. Doch nicht nur das: Graffiti-gemalte EU-Flaggen gl\u00e4nzen auf den alten Stadtmauern und mischen sich mit den Bildern von Ukraine- und NATO-Flaggen. <\/span><span style=\"font-size: 1rem\">Auf den W\u00e4nden der gro\u00dfen Rundb\u00f6gen steht schwarz auf wei\u00df: \u201eFUCK PUTIN\u201c. Die Hauptstadt ist politisch aufgeladen &#8211; liberal, fortschrittlich, divers, frei. Man entziffert Aufschriften wie \u201eHEROES DON\u2019T DIE\u201c und \u201eNO RUSSIAN LAW\u201c.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_129\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_3982.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-129\" class=\"wp-image-129 size-full\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_3982-e1734432143949.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"479\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_3982-e1734432143949.jpeg 1024w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_3982-e1734432143949-300x140.jpeg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_3982-e1734432143949-768x359.jpeg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_3982-e1734432143949-624x292.jpeg 624w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-129\" class=\"wp-caption-text\">Die Hauptstadt Georgiens ist politisch aufgeladen. Graffiti-Botschaften wie diese findet man \u00fcberall in Tbilisi.<\/p><\/div>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_9277.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-165 size-full\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_9277-e1734432074571.jpeg\" alt=\"\" width=\"902\" height=\"489\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_9277-e1734432074571.jpeg 902w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_9277-e1734432074571-300x163.jpeg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_9277-e1734432074571-768x416.jpeg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_9277-e1734432074571-624x338.jpeg 624w\" sizes=\"(max-width: 902px) 100vw, 902px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p>Die Russenfeindlichkeit scheint gro\u00df. Noch gr\u00f6\u00dfer seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs, nach dem viele Russen hierher gefl\u00fcchtet sind. Sie werden daf\u00fcr verantwortlich gemacht, dass sich das Leben der Georgier mit dem vielen Geld aus Russland immens verteuert hat \u2013 vor allem in den gro\u00dfen St\u00e4dten wie Tbilisi, Batumi und Kutaissi. Die Preise f\u00fcr Mieten, Lebensmittel, Dienstleistungen und das allt\u00e4gliche Leben sind seitdem in die H\u00f6he geschossen. F\u00fcr den gew\u00f6hnlichen Georgier, der ein durchschnittliches Monatseinkommen von 400 $ erh\u00e4lt, unbezahlbar.<\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Vielleicht verzerren solche Bilder die tats\u00e4chliche politische Stimmung im Land: \u201eEine laute Minderheit kann die leise Mehrheit zum Schweigen bringen\u201c. Der Diskrepanz zwischen Stadt und Land kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu. In l\u00e4ndlichen Gebieten erlangte der \u201eGeorgische Traum\u201c fast 100 % der Stimmen wie in dem abgelegenen Dorf Stepantsminda, auch bekannt als Kazbegi. Die Entfernung von Stepantsminda zur russischen Grenze betr\u00e4gt weniger als 8 km. Da k\u00f6nnte man meinen, dass gerade die N\u00e4he zu Russland ein Faktor daf\u00fcr ist, gegen eine pro-russische Partei zu stimmen \u2013 doch genau das Gegenteil ist der Fall.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Diese Unstimmigkeit hat mich lange besch\u00e4ftigt. Aber sie kl\u00e4rt sich, wenn man sich vor der Parlamentswahl ganz genau in den St\u00e4dten und D\u00f6rfern umgesehen hat. Alle verf\u00fcgbaren Fl\u00e4chen waren von Wahlplakaten bedeckt. Es waren prim\u00e4r Wahlplakate der Nummer 41 \u2013 die Nummer des \u201eGeorgischen Traums\u201c auf dem Wahlzettel. Links des Plakats ist ein gro\u00dfes Schwimmbad zu sehen. Gef\u00fcllt mit Wasser, ausgestattet mit ordentlichen Sprungbrettern und mit gen\u00fcgend Platz f\u00fcr viele Bahnen. Die Farben sind leuchtend und kraftvoll. Rechts ist ein Bild, das genau denselben Bildausschnitt zeigt. Die Farben sind schwarz, wei\u00df und grau. Das Schwimmbad ist zerst\u00f6rt. Unter Tr\u00fcmmern liegt das leere Becken vergraben. Da ist niemand mehr, der schwimmt und niemand mehr, dem das Schwimmbad Freude bereiten kann. Darunter steht etwas auf georgisch geschrieben. Es wird ein Vergleich zwischen dem Konflikt der Ukraine mit Russland und dem Konflikt Georgiens mit Russland gezogen. Der \u201eGeorgische Traum\u201c vertritt die Ansicht, dass nur eine Ann\u00e4herung an Russland verhindert, von Russland angegriffen zu werden, wie es bei der Ukraine der Fall war.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_139\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4057-1.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-139\" class=\"wp-image-139 size-full\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4057-1.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"354\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4057-1.jpeg 1024w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4057-1-300x104.jpeg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4057-1-768x266.jpeg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4057-1-624x216.jpeg 624w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-139\" class=\"wp-caption-text\">Vor der Wahl findet man \u00fcberall in der Stadt Wahlplakate mit der Nummer 41 des \u201eGeorgischen Traums\u201c.<\/p><\/div>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Noch ein Plakat mit der Nummer 41 . \u201eMit W\u00fcrde und Wohlstand aus der EU\u201c. Daneben das Bild einer geteilten Flagge. Auf der linken Seite der Flagge das Zeichen des \u201eGeorgischen Traums\u201c und rechts daneben das der Europ\u00e4ischen Union. Die Teilung der beiden visualisiert so viele Unstimmigkeiten, Gegens\u00e4tze und Diskrepanzen. Das macht doch alles gar keinen Sinn. Und doch &#8211; denke ich mir gleichzeitig &#8211; macht das ganz viel Sinn. Stadt-Land-Gef\u00e4lle, historische Traumata, internationale Einfl\u00fcsse aus den USA, Russland, der EU, Jung und Alt, Tradition und Moderne, Kirche, Wirtschaft, Gesellschaft. All diese Themen spielen eine zentrale Rolle im Leben der Georgier &#8211; und somit auch bei dieser Wahl. Alle haben ihre eigenen Tr\u00e4ume und \u00c4ngste. So nah an Russland &#8211; politisch, gesellschaftlich, territorial &#8211; ist die allt\u00e4gliche Angst, auf einen Schlag \u00fcberrannt zu werden, allgegenw\u00e4rtig. Undenkbar &#8211; aber dennoch nicht unwahrscheinlich. Die Solidarit\u00e4t f\u00fcr die Ukraine ist gro\u00df. Genauso wie die Angst, dass es ihnen genauso ergehen k\u00f6nnte, wenn sie sich f\u00fcr einen westlichen Kurs entscheiden w\u00fcrden. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Die historische Wunde sitzt tief im kollektiven Ged\u00e4chtnis der Georgier und bestimmt nach wie vor Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Infolge des f\u00fcnft\u00e4gigen russisch-georgischen Krieges im Jahr 2008 gerieten die pro-russischen abtr\u00fcnnigen Regionen Abchasien und S\u00fcdossetien unter russische Kontrolle, indem sie von Russland als unabh\u00e4ngige Staaten anerkannt wurden. Vor Ort werden russische P\u00e4sse ausgestellt und in den Schulen ist die Unterrichtssprache Russisch. Von dort existiert seitdem nur noch eine Exilregierung in Tbilisi. Damit verlor Georgien im Jahr 2008 mehr als 20 % seines Staatsgebietes &#8211; was gerade f\u00fcr so ein kleines Land wie Georgien eine unfassbar gro\u00dfe Fl\u00e4che ist.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_156\" style=\"width: 635px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4060.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-156\" class=\"wp-image-156 size-large\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4060-1024x576.png\" alt=\"\" width=\"625\" height=\"352\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4060-1024x576.png 1024w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4060-300x169.png 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4060-768x432.png 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4060-1536x864.png 1536w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4060-624x351.png 624w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4060.png 1920w\" sizes=\"(max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-156\" class=\"wp-caption-text\">Gro\u00dfe Regionen Georgiens sind nur noch formell auf dem Papier ein Teil der Kaukasus-Republik.<br \/>(Quelle: Deutsche Welle)<\/p><\/div>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Dies ist einer der Gr\u00fcnde, warum meine georgischen Sch\u00fcler und viele Jugendliche in Georgien kein Russisch sprechen und lernen wollen. An den T\u00fcren einiger Caf\u00e9s und Restaurants h\u00e4ngen Zettel, auf denen steht, dass sie die \u201eSprache der Kolonisten\u201c (in dem Fall Russland) nicht sprechen und keine Kunden bedienen, die die Souver\u00e4nit\u00e4t und Unabh\u00e4ngigkeit freier L\u00e4nder nicht anerkennen (in Bezug auf den Ukraine-Krieg).<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Schon immer hat sich Georgien f\u00fcr seine Unabh\u00e4ngigkeit gegen andere Gro\u00dfm\u00e4chte durchsetzen m\u00fcssen. Im ganzen Land findet man noch kulturelle, religi\u00f6se, sprachliche, kulinarische und architektonische \u00dcberbleibsel der damaligen Besatzer: das Persische Reich, das Byzantinische Reich, die Mongolen, das Osmanische Reich, das russische Zarenreich, die Sowjetunion.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">In Georgien herrscht trotz der politischen Angespanntheit in den St\u00e4dten eine gro\u00dfe Politik-Verdrossenheit im Rest des Landes. Die Wahlbeteiligung dieses Jahr lag bei ca. 50 %. W\u00e4hrend die Oppositionsparteien f\u00fcr den Verlust der beiden abtr\u00fcnnigen Regionen Abchasien und S\u00fcdossetien 2008 verantwortlich gemacht werden, beschuldigen die Menschen den \u201eGeorgischen Traum\u201c, eine Blockade f\u00fcr den Beitritt zur Europ\u00e4ischen Union darzustellen. Denn 90 % der Georgier fordern den EU-Beitritt \u2013 auch diejenigen, die den \u201eGeorgischen Traum\u201c gew\u00e4hlt haben, dessen Gesetze die EU-Beitrittsverhandlungen auf Eis gelegt haben.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_134\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4058.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-134\" class=\"wp-image-134 size-medium\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4058-300x169.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"169\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4058-300x169.jpeg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4058-768x432.jpeg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4058-624x351.jpeg 624w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_4058.jpeg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-134\" class=\"wp-caption-text\">Gr\u00fcnder des \u201eGeorgischen Traums\u201c und Ex-Premierminister Bidzina Ivanishvili zieht im Hintergrund die F\u00e4den der georgischen Politik.<\/p><\/div>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Eine Person spielt in der politischen Landschaft Georgiens eine essenzielle Rolle. Der reichste und damit einflussreichste Georgier ist Gr\u00fcnder des \u201eGeorgischen Traums\u201c und Ex-Premierminister Bidzina Ivanishvili. Einige bezeichnen ihn als den Mann, \u201eder ein ganzes Land gekauft hat\u201c (POLITICO). Mit einem Verm\u00f6gen von 7,6 Milliarden Dollar ist das fast ein Viertel des georgischen BIPs. Seine russenfreundliche Politik wird damit begr\u00fcndet, dass er sein gesamtes Geld in Russland gemacht hat. Nach dem Zerfall der Sowjetunion etablierte er neue Gesch\u00e4fte in verschiedenen Sektoren wie Banking, \u00d6l und Gas, Metall und Nachrichtentechnik. Die Politik, die er in Georgien betreibt, betreibt er wie die Politik in einem seiner Unternehmen. Im Hintergrund ziehen er und seine Partei die F\u00e4den. Zus\u00e4tzlich verlieren die Oppositions-Parteien an R\u00fcckhalt, indem sie sich zerstreiten und sich nicht auf einen gemeinsamen Kurs einigen k\u00f6nnen. Keine Partei scheint geeignet, um das zerstrittene Land zu vereinen und in eine gemeinsame Zukunft zu steuern. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Inmitten dieser hochkomplexen Lage gibt es einen ausschlaggebenden Indikator f\u00fcr die Zust\u00e4nde in diesem Land. Die georgische Bev\u00f6lkerung schrumpft konstant seit dem Beginn der 90er Jahre &#8211; von 5,5 Millionen Menschen 1989 auf 3,8 Millionen 2023. Das liegt vor allem daran, dass nach der \u00d6ffnung Georgiens f\u00fcr den Westen, viele georgische Studenten &#8211; besonders in den letzten Jahren &#8211; zunehmend nach Europa und in die USA gegangen sind, um dort zu studieren. Im \u201eWesten\u201c erhofft man sich die Chancen und Perspektiven f\u00fcr eine sichere und stabile Zukunft, die einem dieses Land nicht zu bieten scheint. Gleichzeitig bleiben sie auch tief in ihrer georgischen Heimat verwurzelt. In den Gespr\u00e4chen mit meinen Sch\u00fclern und Lehrern wurde mir klar, dass f\u00fcr sie die Frage nach der europ\u00e4ischen Zukunft nicht nur eine politische, sondern auch eine existenzielle ist. Wer sind wir als Georgier? Und wo wollen wir hin?<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_149\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_7829.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-149\" class=\"wp-image-149 size-medium\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_7829-300x400.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_7829-300x400.jpeg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_7829-624x832.jpeg 624w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_7829.jpeg 768w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-149\" class=\"wp-caption-text\">F\u00fcr die Georgier ist der Beitritt zur EU nicht nur eine politische Entscheidung, sondern auch eine existenzielle. Im Vordergrund stehen die Bewahrung der Unabh\u00e4ngigkeit und der eigenen Kultur. Zu den EU-Flaggen werden deswegen immer auch georgische Flaggen geschwenkt.<\/p><\/div>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Georgien ist ein gespaltenes Land. Die Entscheidung f\u00fcr die Zukunft Georgiens &#8211; sie liegt am Scheideweg. Durch die Wahlen ist die Entscheidung gefallen. Die Regierungspartei will nach dem Sieg die Oppositionsparteien verbieten lassen, da sie dem Vaterland schaden w\u00fcrden. Die Zukunft Georgiens &#8211; sie ist ungewiss. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Bei all den politischen Spannungen und Unsicherheiten gibt es viele Georgier, die sich Hoffnungen auf eine bessere Zukunft machen. Eine Zukunft, die mit dem Beitritt zur EU und einer verst\u00e4rkten westlichen Orientierung verbunden sein k\u00f6nnte. Doch die Realit\u00e4t ist nicht so einfach. In den Gespr\u00e4chen, die ich in Georgien f\u00fchre, spiegelt sich immer wieder eine tiefe Sehnsucht nach Frieden und Stabilit\u00e4t wider. Viele Georgier w\u00fcnschen sich eine Zukunft ohne die st\u00e4ndige Bedrohung durch \u00e4u\u00dfere M\u00e4chte &#8211; sei es Russland oder der Westen. Diese Haltung scheint in vielen Teilen der Gesellschaft verbreitet zu sein \u2013 nicht nur bei den politischen Entscheidungstr\u00e4gern, sondern auch in den allt\u00e4glichen Gespr\u00e4chen, die ich mit den Menschen f\u00fchre. Die geopolitischen Interessen kollidieren mit den historischen Erfahrungen und der tief verwurzelten Kultur des Landes, die ein starkes Streben nach Unabh\u00e4ngigkeit mit sich bringt. <\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">In dieser Gemengelage zeigt sich die politische Landschaft Georgiens als ein st\u00e4ndiger Balanceakt zwischen dem Wunsch nach europ\u00e4ischen Werten und der tiefen Angst vor einer R\u00fcckkehr unter den Einfluss Russlands. Der politische Aufschwung der letzten Jahre wurde von einer Vielzahl von Initiativen begleitet, die das Land f\u00fcr westliche Investitionen \u00f6ffnen wollten \u2013 w\u00e4hrend gleichzeitig die traditionelleren Kr\u00e4fte die alte russische Verbindung bewahrten. Diese ambivalente Haltung gegen\u00fcber Russland und dem Westen zeigt sich nach wie vor &#8211; und gerade in dieser Zeit des Umbruchs &#8211; nicht nur auf politischer Ebene, sondern auch im Alltagsleben der Menschen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Georgien bleibt ein Land zwischen den Welten. Einerseits strebt es nach Integration in den westlichen Raum und nach einer engen Bindung an die europ\u00e4ische Gemeinschaft, andererseits ist sich das Land uneinig \u00fcber das zuk\u00fcnftige gemeinsame Vorgehen sowohl in Bezug auf den Westen als auch auf Russland. Die Herausforderung f\u00fcr die kommenden Jahre wird darin bestehen, diese beiden Welten miteinander zu vers\u00f6hnen und eine politische Stabilit\u00e4t zu erreichen, die es dem Land erm\u00f6glicht, sowohl im Inneren als auch nach au\u00dfen hin als unabh\u00e4ngige, souver\u00e4ne Nation zu bestehen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Es gibt keine einfache L\u00f6sung f\u00fcr die Herausforderungen, vor denen Georgien steht. Aber es gibt eine tiefe \u00dcberzeugung, dass das Land in der Lage ist, seine Zukunft selbst zu gestalten. Das Streben nach Unabh\u00e4ngigkeit, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und der Glaube an den Fortschritt sind st\u00e4rker als je zuvor. Die Georgier stehen an einem Wendepunkt, an dem die Wahl, welchen Weg sie einschlagen wollen, von entscheidender Bedeutung sein wird \u2013 sowohl f\u00fcr das Land selbst als auch f\u00fcr seine Position in der Weltpolitik.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">In Georgien stehe ich mitten in der Geschichte, in der das Streben nach mehr Demokratie auf die Tendenz zu autorit\u00e4ren Strukturen trifft, die die Gesellschaft spalten. Demokratie kommt nicht von selbst \u2013 man muss f\u00fcr sie k\u00e4mpfen. Wenn man nicht selbst die Initiative ergreift, wird es jemand anderes f\u00fcr einen tun. Schlussendlich ist Georgien auch ein Exempel f\u00fcr die Weltgeschichte. Das, was sich hier abspielt, spielt sich auch in anderen L\u00e4ndern ab. An diese Erfahrungen und Eindr\u00fccke werde ich zuk\u00fcnftig noch lange zur\u00fcckdenken und davon erz\u00e4hlen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Was wird aus Georgien, dieser Br\u00fccke zwischen Europa und Asien, zwischen Europa und Russland, zwischen einer Welt voller Einfl\u00fcsse? Wird Georgien Teil Europas oder zieht es auf lange Sicht zu seinem Nachbarn Russland?<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Am Ende bleibt Georgien ein Land, das zwischen der Vergangenheit und der Zukunft steht \u2013 ein Land, das sowohl stolz auf seine Geschichte als auch voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist. Wie es weitergeht, bleibt abzuwarten. Aber eines ist sicher: Die politische Landschaft Georgiens wird sich weiter ver\u00e4ndern und die Menschen werden sich weiterhin bem\u00fchen, einen Weg zu finden, der sowohl ihre Unabh\u00e4ngigkeit wahrt als auch den Herausforderungen des globalen Wettbewerbs standh\u00e4lt.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Georgien zwischen Stillstand und Fortschritt \u2013 Ein Land auf der Suche nach seiner Zukunft.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_151\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_8250.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-151\" class=\"wp-image-151 size-medium\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_8250-300x400.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_8250-300x400.jpeg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_8250-624x832.jpeg 624w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_8250.jpeg 768w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-151\" class=\"wp-caption-text\">Der Alltag f\u00fcr die Georgier in den Wochen nach der Wahl ist gepr\u00e4gt von Stra\u00dfenblockaden und gro\u00dfem Polizei-Aufmarsch.<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_152\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_8270.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-152\" class=\"wp-image-152 size-medium\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_8270-300x400.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_8270-300x400.jpeg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_8270-624x832.jpeg 624w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_8270.jpeg 768w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-152\" class=\"wp-caption-text\">Die Massendemonstrationen versperren den Weg f\u00fcr Busse und Autos. Oft kommen die Sch\u00fcler nicht mehr zur Schule.<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_154\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_8273-1.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-154\" class=\"wp-image-154 size-full\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_8273-1.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"601\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_8273-1.jpeg 1024w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_8273-1-300x176.jpeg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_8273-1-768x451.jpeg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/tdsf\/files\/2024\/11\/IMG_8273-1-624x366.jpeg 624w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-154\" class=\"wp-caption-text\">Bilder wie diese pr\u00e4gen die Zukunft Georgiens. Sie werden in die georgische und internationale Geschichte eingehen.<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Georgien vor, w\u00e4hrend und nach den Parlamentswahlen 2024 Ein Drittel der Bev\u00f6lkerung Georgiens lebt in Tbilisi, der Hauptstadt. Fast 60 % der Menschen wohnen in modernen St\u00e4dten \u2013 mal gr\u00f6\u00dfer, mal kleiner. 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