Vierundzwanzigstes Türchen – Das Highlight

„Das Beste kommt zu Schluss!“

Ja, heute soll das stimmen. Der 24. Dezember, der Tag des heiligen Abends ist das Finale der (Vor-)Weihnachtszeit.

23 Tage lang schrieb ich bis spät in die Nacht – und das ist wirklich keine Übertreibung, an Schlaf mangelt es mir wirklich sehr! – über mein Leben, meine Arbeit, Ausflüge, Traditionen, das Essen und viele besondere Begegnungen und Erfahrungen während meiner Zeit in Vietnam.

Ich habe versucht,
dir einen Einblick zu geben in mein Leben hier,
wollte dich daran teilhaben lassen,
in dir Fernweh für Vietnam entfachen,
meine Begeisterung teilen,
dich informieren.
Und so vieles mehr!

Damit mein Adventskalender mit einem Finale endet – wie es jeder Drehbuchregisseur fordert, möchte ich dir heute (wie sollte es anders auch sein!?) nochmals etwas über Essen erzählen. Besonders dieses Mal ist aber, dass du nicht vor dem Laptop oder Handy sitzen musst und vor Appettit auf dieses Gericht am liebsten gleich den Flieger nach Vietnam besteigen möchtest. Nein, dieses Türchen, das vierundzwanzigste Türchen, soll dir Vietnam in die Küche bringen. Wie das gehen soll? Mit einem ebenso simplen wie auch genialen Rezept.

Bevor es losgeht hier noch meine Reaktion, wenn ich diese Speise esse. Im Disneyfilm „Ratatouille“ wird das wirklich schön dargestellt: Wie ein Feuerwerk durch die tollen, verschiedenen Geschmacksrichtungen. Ich kann dir jetzt schon versichern, dass du dich darauf wirklich sehr freuen kannst, Die Mischung aus süß, etwas salzig, nussig und erfrischend ist einfach herrlich. Für dich führt kein anderer Weg daran vorbei als es auszuprobieren!

Dieses Rezept habe ich von Lua gelernt. Als ich mit Theresa und Nour in Saigon war, haben wir einen wirklich tollen Kochkurs namens „Lua’s Kitchen – Vietnamese Cooking Class“ in kleiner Runde gemacht. In der modernen Küche von Lua, einer äußerst liebenswerten und koch-talentierten Vietnamesin haben wir fünf verschiedene Rezepte lernen dürfen. Innerhalb einiger Stunden haben wir diese Speisen zubereitet und verdrücken dürfen. Ein Genuss sage ich dir. Ich kann diesen Kochkurs wirklich jedem und jeder empfehlen, die vietnamesisches Essen richtig kochen möchten und eine tolle Zeit in Saigon verbringen können.
Alle fünf Gerichte haben wirklich (!!!) sehr lecker geschmeckt haben, aber eben dieses Rezept war schon das absolute Highlight. Es heißt Kem chuối und ist einfach der Burner.

Wie ein Eis am Stiel kann man die Mischung aus Banane, Kokosnuss, Erdnüssen, Limette und einigem mehr genießen. Das besondere daran: Es geht super einfach, aber schmeckt wie ein ganzes Feuerwerk im Gaumen.

Das Sakrileg, welches nie zu verzeihen wäre: dieses Dessert nicht zu probieren!

Kem chuối – ein Feuerwerk im Gaumen

Zutaten:

  • Bananen (je nach Anzahl der gewünschten Eis)
  • geraspeltes Kokosnussfleisch (frisch oder trocken)
  • Kokosnussmilch
  • süße Kondensmilch oder Zucker
  • geröstete Erdnüsse
  • Limettensaft (einige Tropfen)
  • Yoghurt (nach Belieben)
  • eine Prise Salz
  • Schaschlikspieße
  • Gefrierbeutel

 

Und so geht’s:

  • Für die Kokosnusscreme gibst du die Kokosnussmilch, den Yoghurt, die süße Kondensmilch, den Limettensaft und das Salz in eine Schüssel und mischst alles gut durch. Ein kleiner Tipp: Mit dem Limettensaft wird alles schön frisch, also hier nicht zu sehr sparen!
  • Nachdem du die Banane geschält hast, lege sie in einen Gefrierbeutel und drücke sie mithilfe eines großen Messers oder eines Küchenbrettes flach, sodass sie nur noch einen halben bis einen Zentimeter dick ist.
  • Stecke nun den Schaschlikspieß bzw. einen anderen hölzernen Spieß in die Mitte der flachgedrückten Banane. Er wird später als Eisstiel funktionieren, also pass bitte auf, dass er nicht zu locker ist.
  • Gib jetzt ausreichend Kokosnusscreme auf die flache Seite der Banane, garniere alles mit geraspeltem Kokosnussfleisch und den gerösteten Erdnüssen.
  • Diesen Prozess wiederholst du nochmal auf der anderen Seite, damit alles schön mit der Kokosnusscreme bedeckt ist.
  • Nun heißt es nur noch: Ab in den Gefrierschrank und abwarten. Nach 6 Stunden kannst du das Ergebnis aus dem Gefrierschrank holen. Am Holzspieß kannst du das „Eis am Stiel“ aus dem Beutel nehmen und:
  • GENIESSEN!

 

Nun hoffe ich, dass dir mein spezieller Adventskalender gefallen hat. Über einen Kommentar würde ich mich sehr freuen.

Ich wünsche dir eine fröhliche und besinnliche Weihnachtszeit im Kreise deiner Familie, gutes Essen und eine wunderschöne Festzeit!

Alles Liebe und Gute,

dein Weihnachtsengel Sophie

 

Sechszehntes Türchen – Chè is love

Sie sitzt vor mir, sieht mich mit einem riesigen Grinsen im Gesicht an und beginnt damit, zu erklären:
„If this were all foods in Vietnam“ (nun streckt sie mir eine ihrer Hände mit gespreizten Fingern entgegen)
Weiter geht‘s mit „that would be all kinds of Che“ und klappt nun zwei Finger zu.
Man sieht nur noch drei ausgestreckte Finger und sie schaut mich fragend an, ob ich das verstanden habe.
Meinem Blick kann sie Überraschung entnehmen. Damit hätte ich nämlich wirklich nicht gerechnet.

Nun aber mal von Anfang an. Wovon eine meiner Schülerinnen da begeistert spricht und warum sich bei mir ziemlich viel darum dreht, was es mit Weihnachten zu tun hat und vieles mehr findest du im heutigen, sechszehnten Türchen heraus.

Ach, wo soll ich anfangen, ohne gleich ins Schwärmen zu kommen? Vielleicht erst mal bei einer Definition.
Von was denn? Na von Chè, denn darum geht es heute!

Natürlich könnte ich dir jetzt meine recht einfache Definition von Chè liefern: „Chè is love“, aber vermutlich hilft dir das nicht sonderlich weiter.
Erst mal solltest du wissen, dass es sich bei Chè um Nahrung geht – wie in den meisten Türchen, wie mir jetzt aufgefallen ist.
Never mind, jetzt geht‘s wirklich los:
Chè ist ein Begriff für eigentlich jedes Getränk, jede Dessertsuppe und jede Art Pudding. Wichtig dabei ist, dass das Produkt süß schmeckt und eben noch aus Vietnam kommt, was jedoch nicht sonderlich verwunderlich sein sollte.
Varianten von Chè gibt es so viele, dass man sie gar nicht mehr zählen kann. Wie oben schon gesagt: 3 von 5 „Gerichte“ in Vietnam sind Chè.
Bei so vielen Arten ist auch mit vielen verschiedenen Zutaten zu rechnen:
Mungbohnen, Klebreis, Nüsse, Mandeln, Lotuskerne, Tapioka, schwarze Bohnen, Kidneybohnen, Jelly (in allen möglichen Formen und Farben), frische Früchte wie Mango, Durian, Jackfrucht, Litschi oder auch getrocknete Früchte und getoppt wird es oft mit einem Löffel Kokosnussmilch. Im Prinzip kann eigentlich alles in Chè hinein, Hauptsache es schmeckt!
Die wohl wichtigste Zutat ist jedoch mal mehr, mal weniger Zucker, damit es seinen süßlichen Geschmack erhält.

„A kaleidoscopic world of luminous colours, shifting shapes, unfamiliar textures, esoteric ingredients, and rich flavours“

so wird Chè auf einer anderen Website beschrieben. Klingt probierenswert, oder?

 

Vielleicht fragst du dich jetzt, wie du weißt, was in deinem Chè drin sein wird, wenn du einfach nur „Chè“ bestellst. Jede Art von Chè hat zum Glück seinen eigenen Namen. Hinter den generell bedeutungslosen Begriff Chè wird ein beschreibendes Wort oder eine Phrase angehängt. Beispielsweise kann man oft „chè đậu đỏ“ bestellen, was wörtlich soviel wie „Rote Bohnen Chè“ bedeutet und übrigens richtig lecker ist.

Und da sind wir auch schon beim nächsten Thema: der Geschmack.
Nachdem man oft aus einer Vielzahl von verschiedenen Chès auswählen kann und es doch überall verschieden schmeckt, wird das Probieren nie langweilig. Mal heiß aus dem Topf, mal kalt mit Eiswürfeln. Mal als Getränk mit Strohhalm, mal puddingartig zum Löffeln. Mal das perfekte Dessert, mal super für zwischendurch. Mal sehr süß, mal erfrischend fruchtig mit leichter Süße. Aber immer richtig lecker.
Wenn schon die Definition von Chè mir so schwerfällt und für mich immer noch nicht 100% passt (besser kann ich es trotzdem nicht machen), dann kannst du dir bestimmt vorstellen, wie schwierig es ist, den Geschmack wenigstens annähernd zu erklären, bedenkt man die vielen Variationen.

Nun hatte ich angekündigt zu erklären, was Chè für mich mit Weihnachten zu tun hat. Selbst wenn das Fest in Vietnam in religiöser Hinsicht nicht praktiziert wird, sieht man in den Geschäften die Weihnachtsbäume stehen. Man hört Variationen von traditionellen Weihnachtsliedern durch Lautsprecher erklingen und irgendwie stellt sich bei mir doch langsam etwas Weihnachtsstimmung ein. Nur ein Funken, aber der ist genug, dass ich weiß, was ich an Weihnachten besonderes essen will. Es wird kein leckeres drei-oder-vier-oder-fünf-Sterne-und-Gänge-Menü von Mama geben, keinen Weihnachtsgittesdienst und so ziemlich alles wird anders sein. Für dieses kleine bisschen Weihnachten wünsche ich mir aber wie gesagt ein besonderes Essen: Chè Khoai.
An einer schönen spätsommerlichen Mittagspause war ich mit zwei Kolleginnen in einem Restaurant und habe kurzerhand (am Tag zuvor hatte ich mein erstes Chè gegessen) eine Schüssel Chè Khoai bestellt. Serviert wurden mir heiß gedämpfte Süßkartoffeln, die mit Zimt gekocht wurden und nun in warmem Kokosnussmilch-Pudding schwammen. Nach dem ersten Löffel wusste ich, das werde ich an Weihnachten essen! Die Kombination aus den weichen Süßkartoffeln, dem weihnachtlichen Zimt und anderen Gewürzen und die heiße Kokosnussmilch, wer könnte da schon widerstehen?

Meine Passion für Chè verbreite ich übrigens auch außerhalb dieses Blogs ordentlich:
Gestern beispielsweise – es insgesamt so ein schöner Tag – bin ich mit einem 26jährigen Kanadier auf dem Moped eine Stunde auf die Suche nach Chè gegangen. Als Essensexpertin für Vietnam (just kidding, ich kenne lang noch nicht alles. Leider…) habe ich ihm von meinen Erfahrungen mit Chè erzählt und kurzerhand wurde gemeinsam beschlossen, das süße Gericht in Da Nang irgendwo zu finden. Es war schon etwas später und viele Straßenläden hatten schon geschlossen, aber einer war noch geöffnet und hatte drei verschiedene Chès. Kurzerhand wurden alle drei bestellt und das Ergebnis lässt sich sehen:

Drei waren aber dann doch etwas viel. Aber wer würde einfach Chè wegwerfen? Das wäre ein Sakrileg! Mit vielen Pausen haben wir es doch noch geschafft.
Übrigens hat es ihm zu meiner Freude – nach meinem vielen Schwärmen wäre es peinlich gewesen, wenn nicht – super geschmeckt.

Ich bin mir sicher, dass es auch dir schmecken wird! Solltest du also mal nach Vietnam kommen, kann ich dir gerne noch ausführlichere Informationen zu Chè bereitstellen, aber für heute reicht es glaube ich. Genug geschwärmt!

Viele Grüße aus dem Nachtbus zurück nach Hanoi,
die nach-dem-Motto-Chè-is-Love-lebende Sophie

PS: Hier noch ein paar Bilder von Chè. Je komischer es aussieht, desto besser schmeckt es!

Zehntes Türchen – Obamas Liebe

Bestimmt kennst du die große Liebe vom vorherigen Präsidenten der USA: Michelle Obama.
Vielleicht magst du dich jetzt fragen, warum Sophie heute einen Blogeintrag über die ehemalige First Lady schreibt. Aber keine Sorge! Auch wenn der Titel dieses Türchens danach anmuten mag, soll es heute um eine andere Liebe Obamas gehen! Und um meine ebenfalls.

„bún chả“*

Als der damals amtierende Präsident der Vereinigten Staaten nämlich in Vietnam war, verliebte er sich durch ein ganz besonderes Gericht in die vietnamesische Küche. Du magst es schon vermuten, durch eben jene Bun Cha.

Als Sophie damals – naja, vor drei Monaten eben – in Vietnam war, verliebte sie sich unter anderem durch ein ganz besonderes Gericht in die vietnamesische Küche. Du magst es schon vermuten, durch eben jene Bun Cha.

Hanoi ist nicht nur eine Stadt besonderer Sehenswürdigkeiten und Landschaft, sondern auch bekannt als eine Gegend besonderer kulinarischer Genüsse in Vietnam. Dort kannst du so viele verschiedene, leckere Gerichte finden. Ein besonderes, wie du bestimmt schon anhand der ersten Sätze gemerkt hast, ist Bun Cha. Dieses einfache, aber einfach geniale Gericht ist eine tolle Mischung aus herzhaft und frisch. Es hat viele geschmackliche Besonderheiten und begeistert durch die Harmonie von frischem Gemüse und Fleisch.

So genau weiß niemand, wann und von wem Bun Cha „erfunden“ wurde, aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass diese Person ziemlich genial war. Mit der Zeit wurde Bun Cha eines der berühmtesten Gerichte in Vietnam und das zu Recht!

Nun kommen wir aber erst mal dazu, was Bun Cha ist und später zu der Frage, warum sie sogar von Obama geliebt wird.

Was ist Bun Cha?

Auf dem Heimweg von der Schule entdeckt, probiert, geliebt: Bun Cha!
Und so sieht sie aus, lecker, oder?

Bun Cha ist ein lokales Gericht aus der Hauptstadt Vietnams, Hanoi. Man findet zwar über ganz Vietnam verteilt viele Gerichte, die in ihrer Zubereitung an Bun Cha erinnern, wie beispielsweise im Süden Vietnams Bun Thit Nuong. Dennoch muss ich sagen, dass Bun Cha einfach unschlagbar ist. Zumal ich ja in Hanoi lebe, wie könnte ich das dann nicht mögen!?

Das einfache Gericht kann man überall und das ganze Jahr über finden.
Egal, ob du in einem edlen Restaurant auf bequemen Stühlen oder an der Straße auf kleinen blauen, weniger bequemen Stühlchen Bun Cha genießt, sind die Zutaten stets die selben:
Serviert werden ein Teller mit Bun (die weißen dünnen Reisnudeln, du siehst, auch hier ist wieder Reis drin), eine Schüssel mit Brühe und gegrilltem Schweinefleisch und ein Schälchen mit frischen Kräutern.

Die Nudeln, Bun genannt, werden als großer Haufen auf einem Teller serviert. Die Hanoier/Hanoianer/Hanoies (ich hab so gar keine Ahnung, wie man sie nennt…) sind sehr anspruchsvoll beim Thema Essen. Das sieht man schon allein bei der Auswahl ihrer Nudeln für das jeweilige Gericht. Bei Bun Cha haben die Bun dünn, weich und kaufähig zu sein.

Der Fokus bei diesem Essen liegt auf Cha, also dem Fleisch. In einer Schüssel werden zwei verschiedene Kocharten von Schweinefleisch serviert: Cha Vien (eine Art Hackfleisch, das zu „Minifleischküchle“ geformt wird) und Cha Mieng (dünn aufgeschnittenes, gegrilltes Fleisch).

Das Highlight von Bun Cha bleibt jedoch die Brühe, welche das Gericht erst besonders macht. Um eine süße und gleichzeitig etwas sauere Brühe zu kreieren, verwendet der Koch Fischsauce, Essig und braunen Zucker. Obwohl die Zutaten simpel sind, schmeckt jede Sauce verschieden. Das Verhältnis der Elemente macht jede Bun Cha anders. Ob eine Bun Cha gut oder schlecht ist, wird also anhand der Brühe bewertet.
In der Brühe sind meist noch hauchdünn geschnittene Karotten- und Papaya-Stückchen, welche die Geschmacksvielfalt nochmals erweitern.

Ohne ein weiteres Schälchen wären vietnamesische Gerichte nicht komplett. Zu finden darin sind frischer Salat, Thai Basilikum, eine besondere Art Minze, Bananenblume und Koriander.

Wann isst man Bun Cha?

In der Vergangenheit wurde dieses Gericht nur zu Mittag gegessen. Heutzutage, nachdem Läden oft von früh morgens bis spät abends geöffnet haben, kann man Bun Cha zu welcher Mahlzeit auch immer essen.

Wie isst man Bun Cha?

Es gibt eigentlich keinen falschen Weg, das zu essen. Hauptsache ist, dass man Bun Cha isst!
Wie auch immer, es gibt zwei verschiedene Möglichkeiten, das Gericht zu verspeisen: die nördliche und die südliche Variante.

Im Süden Vietnams wird generell alles und zwar wirklich so gut wie alles gerollt und „eingepackt“ wie bei einem Wrap.
Wenn du es also magst, dein Essen kompakt einzurollen, nimmst du ein großes Salatblatt, packst das Fleisch, die Nudeln und die Kräuter darauf und rollst das ganze. Jetzt dippst du das Ganze in die Brühe und nimmst einen großen Bissen.
Der größte Vorteil davon ist definitiv, dass du mit deinen Händen essen kannst und es so egal ist, wie gut du mit Essstäbchen umgehen kannst.

Falls du aber zeigen möchtest, welche Essstäbchen-Ess-Fähigkeiten du (entwickelt) hast, solltest du die Hanoier Variante wählen! Die nördliche Art, Bun Cha zu verzehren ist wesentlich einfacher. Alles, was du zu tun hast, ist, Fleisch, Nudeln und Kräuter in die Brühe zu befördern, ordentlich zu mischen und es dann wie eine Schüssel Pho zu essen.
Nachdem die Nudeln in Kombination mit der Brühe glitschig werden, kann dieser Weg sowohl lustig als auch herausfordernd sein, wenn man kein Esstäbchen-Meister ist.
Nun weißt du, wie Profis also Bun Cha essen.
Das kannst du jetzt gleich machen!
Vorausgesetzt du hast gerade eine Portion Bun Cha vor die stehen…

Warum liebt Obama dieses Gericht?

Bun Cha ist ein sehr simples Essen, das man recht schnell zubereiten kann und auch an Straßenküchen und in Restaurants fix serviert bekommt. Schon allein der Geruch der gegrillten Fleischs und der Brühe lassen mir und mit großer Wahrscheinlichkeit Obama das Wasser im Mund zusammenlaufen. Vermutlich genau so sehr, wie wenn er seine Michelle sieht.
Und dann der Geschmack! Unschlagbar, göttlich und so vielfältig.
Ach je, ich komme ins Schwärmen und unter der Annahme, dass du nicht die Möglichkeit hast, jetzt zu einem Restaurant oder einer Straßenküche zu gehen und eine frische Bun Cha zu genießen, beende ich nun mein Plädoyer für dieses Essen.

Zu sagen bleibt nur noch: Wenn du nach Vietnam und (am besten für Bun Cha) Hanoi kommst, führt kein Weg daran vorbei, das Gericht zu probieren!

Ich habe es gemacht und geliebt.
Obama hat es gemacht und geliebt.
Du wirst es (hoffentlich) machen und lieben!

Alles Liebe von Sophie mit Liebe zu Bun Cha

*Eins darf bei Bun Cha nicht unerwähnt bleiben: Obwohl die Rechtschreibung und das komplette Schriftbild mit den Haken und den Tönen, wie ich es einmal oben verwendet habe, sehr kompliziert aussieht, ist das nicht der Fall. Wenn ich also in der Starßenküche „Bun Tscha“ bestelle, versteht man mich ohne Problem. Wie könnte ich Bun Cha dann nicht lieben!?

Siebtes Türchen – Mein Hut, der hat drei Ecken

Ich gebe dir eine Aufgabe, keine Angst, sie ist nicht schwierig:
Stelle dir einen Timer für eine Minute. Nun schließe eine Minute lang deine Augen und stell dir Vietnam vor! Öffne deine Augen nach dem Signal, komm wieder in der Realität an und lies weiter!

Bestimmt hast du in dieser Minute eine Reise durch Vietnam gemacht.
Vielleicht hast du Reisterrassen gesehen. Vielleicht bist du durch die engen Gässchen Hanois gewandert.
Vielleicht hast du dir einen wunderschönen Strand mit Palmen vorgestellt.
Vielleicht bist du durch die Berglandschaften Vietnams geklettert.
Vielleicht hast du ein Museum besucht oder einen der vielen Tempel oder Pagoden.
Vielleicht hast du an die vielen Höhlen und Grotten gedacht.
Vielleicht hast du auch das leckere Essen in Vietnam vor dir auf einem Tisch stehen sehen.

Und vielleicht hast du an eines der Symbole Vietnams gedacht: den Nón Lá. Einen dreieckigen Hut, wenn man von einer Kinderzeichnung ausgeht (natürlich weiß ich, dass er nicht wirklich drei Ecken hat 😉 ), die den Hut vereinfacht darstellt:

Man könnte nun zu singen beginnen „Mein Hut, der hat drei Ecken. Drei Ecken hat mein Hut. Und hätte er nicht drei Ecken, so wär er nicht mein Hut“. Natürlich kannst du das gerne machen, abhängig davon wie hoch deine Gesangskünste sind und wo du dich befindest.

Aber um deutsche Kinderlieder soll es nun nicht gehen. Dieses „Türchen“ soll von DEM traditionellen Hut Vietnams gehen. Einen konisch geformten Hut aus getrockneten Blättern. Ich habe es vorhin schon erwähnt, er heißt Nón Lá.

Schon auf antiken Gegenständen wie dem Hap Dong Dao Thinh (einem großen Zylinder aus Bronze von Dao Thinh) und der Trong Dong Lu Ngoc (der Ngoc Lu Trommel aus Bronze) kann man den Nón Lá sehen. Da diese Gegenstände ein Alter von 2.500 bis 3.000 Jahre verzeichnen, zeigt es, dass der Hut bereits zu diesem Zeitpunkt, wenn nicht sogar noch früher entstand.
Und tatsächlich findet sich der besondere Hut seit mehreren Tausend Jahren auf dem Kopf der Vietnamesen. Zudem kommt er in vielen, alten Legenden und Märchen vor, die bis heute von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden.

Der Erzählung nach hat der Nón Lá seinen Ursprung, wie er legendenhafter nicht sein könnte:
Während einer langen und heftigen Sintflut kam eine riesige Frau vom Himmel und schützte die Menschen vor dem Regen. Dafür trug sie einen Hut aus vier, runden Blättern, die den Regen abweisen sollten. Nachdem die Sintflut also abgewendet war und die Göttin zurück im Himmel war, wurde ein Tempel gebaut, um der regen-schützenden Göttin zu danken und ihr zu gedenken.
Es wurde dann versucht, den Hut der Göttin mit Palmenblättern nachzubauen. Das Ergebnis davon sieht man bis heute in ganz Vietnam auf den Köpfen vieler Vietnamesen, aber auch Touristen.

Mit dem Nón Lá auf dem Kopf auf dem Fahrrad unterweg.

Die Modernisierung schreitet weiter voran und immer mehr Maschinen vereinfachen auch in Vietnam die Produktion von Gütern, die Herstellung des Nón Lá jedoch bleibt rein handwerklich. Es schafft wohl doch keine Maschine, die über Jahrhunderte entwickelte und ausgebaute Technik, diesen feinen und eleganten Hut herzustellen, zu ersetzen.

Obwohl allein getrocknete Blätter und ein Rahmen in der Form eines Kegels nötig sind, ist die Herstellung des Nón Lá wesentlich komplizierter als man denken mag.
Am besten funktioniert die Herstellung mit getrockneten Bambusblättern und einem aus Bambus gebogenen Rahmen.
Unter der Sonne werden die frischen, grünen Palmenblätter getrocknet. Mithilfe einer heißen Stahlstange werden die Blätter dann von Handwerkern geglättet. Hierbei ist Können gefragt: Ist das Eisen zu kalt, lassen sich die Blätter nicht bearbeiten. Wenn es bei der Berührung der Blätter unkontrolliert abkühlt oder von Beginn an zu kalt ist, kräuseln sich die Blätter und können nicht wieder verwendet werden.
Ist es jedoch zu heiß, entstehen gelbe Flecken auf den Blättern und sie verbrennen.
Wenn der Prozess des Glättens erfolgreich beendet ist, geht es mit dem Benähen des Hutes weiter. Auf den kegelförmigen Rahmen, bestehend aus 16 runden Bambusstücken, werden nun die geglätteten Bambusblätter genäht.
Nach vielen Versuchen hat sich die Anzahl von 16 Bambusstücken als perfekt erwiesen. Mit einer festen Technik werden nun gut sitzende Hüte nach einem bestimmten Schema hergestellt.
Bestimmt merkst du schon, dass die Herstellung eines Nón Lá wesentlich komplizierter ist, als man auf den ersten Blick denken mag. Er bedarf höchster Präzision und dem handwerklichen Geschick eines erfahrenen Handwerkers.
Faszinierend finde ich, dass jede einzelne Naht ohne Lineal – ich frage mich wirklich, wie das geht – in gleichen Abständen genäht wird. Wegen dieser Regelmäßigkeit ist der dünne Nylonfaden kaum mehr zu erkennen.
Nun wirst du dir bestimmt vorstellen können, wie zeitaufwendig die Herstellung eines Nón Lá ist und vor allem wie viel Geduld man dafür braucht.

Obwohl das Grundgerüst und die Form des Nón Lá durch die 16 Bambussegmente feststeht, gibt es viele Varianten, den Hut noch schöner und besonderer zu machen.
Das wohl berühmteste Beispiel ist das sogenannte Muster „Non Bai Tho“, durch welches der Hut zum „poetischen Hut“ wird. Entstanden in der alten Kaiserstadt Hue zeigt dieser Hut Bilder, die für diese Region in Zentralvietnam stehen. Die Muster werden zwischen zwei Blätterschichten eingenäht. Das Besondere: Sichtbar wird die spezielle Verzierung erst, wenn man den Hut gegen die Sonne hält.

Eine einfachere Methode, den Hut zu schmücken, ist das Anheften von Papierblumen. Schön sind aber auch aufgestickte Bilder wie beispielsweise von Reisfeldern oder anderen landschaftlichen Augenweiden Vietnams.

Nun ist der Hut hergestellt und verziert, aber so hält er noch nicht auf dem Kopf. Mit einem farbigen Seidentuch oder -Netz, das an beiden Seiten des Hutes befestigt wird, wird das Verrutschen von eben diesem unterbunden.

Endlich kann der Hut aufgesetzt werden. Aber nein! Es gibt noch viel mehr Möglichkeiten zur Verwendung des Nón Lá!

Natürlich schützt der Hut auf dem Kopf vor den Sonnenstrahlen im Sommer und auch vor der Hitze. Denn während der Trockenzeit kann es gut und gerne mal 40 Grad werden und dann ist man froh über jeden Zentimeter Schatten.
Umfunktioniert zum Fächer, spendet der Hut durch seine Größe Luft. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das wirklich ein toller Nebeneffekt ist.
Aber auch in der Regenzeit muss der Hut nicht im Keller verstauben. Bei dem monatelangen und oft sintflutartigen Regen kann man über seinen Hut froh sein, da er den Kopf trocken hält. Ja, er ist wirklich wasserfest, denn die Herstellung des Hutes mit mehreren Schichten von Blättern lässt so keinen Tropfen Wasser mehr durch.
Aber auch für den Transport von Obst, Essen oder vielen anderen Dingen ist der Hut zu gebrauchen.
Zu beobachten damit sind auch Mütter, die ihre Kinder vor dem Lärm und dem Staub der Straße schützen.
Man sieht lächelnde Händlerinnen auf den Märkten, die den Hut auf dem Kopf tragen.
Die Verkäuferinnen von frischem Obst, ganzen Gerichten und verschiedenen anderen Waren auf den Straßen erkennt man auch an ihrem kegelförmigen Hut.

Auf dem Heimweg gerade: Eine Frau, die mit dem Hut auf dem Kopf BHs auf der Straße verkauft.

Und es gibt Touristen, die damit viele viele Bilder damit machen, ihren Hut mit auf eine Reise in die Heimat nehmen und irgendwo aufhängen.

Und selbst wenn wahrscheinlich jeder Vietnam-Tourist sich vor dem Abflug sorgt, wie sein kegelförmiger Hut den Flug sicher überleben soll und ihn am Ende gut mit in seine Heimat bringt, wird mein Nón Lá mich an meine besondere Begebenheiten mit dem Nón Lá erinnern:

Zum Beispiel an eine zweistündige Bootsfahrt auf dem Tam Coc Fluss, bei der es bis auf die letzte Viertel Stunde ununterbrochen und gewissermaßen sintflutartig geregnet hat. Die Göttin aus der Legende hatte wohl nochmal prüfen wollen, ob ihre Erfindung, der Nón Lá, immer noch gut vor Regen schützt.

Bei einer Bootsfahrt in Ninh Bin, als es gerade nicht mehr regnete.

An eine etwas kürzere Fahrt mit einem kleinen Bötchen im Mekongdelta, bei der jeder Tourist für die Photos einen eben solchen Hut ausgeliehen bekommen hat.

Und als Symbol für meinen Vietnamaufenthalt insgesamt wird er an die Wand gehängt und er wird mich dann zum Träumen bringen:

Vielleicht von Reisterrassen. Vielleicht von den engen Gässchen Hanois. Vielleicht von einem wunderschönen Strand mit Palmen. Vielleicht von Berglandschaften. Vielleicht von Museen und Tempeln und Pagoden. Vielleicht von den vielen Höhlen und Grotten. Vielleicht von dem leckeren Essen in Vietnam.

Aber ganz bestimmt von einer aufregenden und unvergesslichen Zeit!

Alles Liebe,

die stolze Besitzerin eines Nón Lá – Sophie

Nour und ich – stolz wie Oskar mit unseren neuen Hüten.

Fünftes Türchen – Home Sweet Home

„Wann kommst du denn nach Hause?“
„Sollen wir uns Zuhause treffen?“
„Ach, das brauchen wir jetzt nicht zu kaufen, haben wir doch schon daheim“

Das sind einige der Whatsappnachrichten, die ich mit meinen beiden Mitbewohnerinnen Nour und Theresa geschrieben habe.

Ungefähr 3 Monate – ja, es ist schon Halbzeit und ich kann es selbst nicht fassen – bin ich hier und spreche von „meiner“ Wohnung als „Zuhause“. Als mir das zum ersten Mal aufgefallen ist, war ich richtig schockiert.
Mein Zuhause ist doch in Lehrberg, im schönen Frankenland und nirgends sonst!

Irgendwie stimmt das aber doch nicht so ganz. Klar, Lehrberg ist und bleibt mein Zuhause Nummer eins, aber die Wohnung in Hanoi ist ja doch mein temporäres Zuhause.

Heute möchte ich dir vorstellen, wo ich in Hanoi wohne.
Auf Vietnamesisch heißt das: „Toi song o dau Nguyen Thai Hoc“. Ich wohne in der Nguyen Thai Hoc Straße.

Früher haben wir in der Schule oft Traumreisen gemacht, dass man sich entspannt und danach motivierter weiterlernen kann. Ich möchte mit dir heute eine Traumreise durch das Haus, in dem ich wohne, machen:

Du wirst ganz still und entspannst dich. Du atmest tief durch und beginnst deine Reise, indem du deine Augen schließt. Nein Stopp, das ist mit Lesen etwas blöd! Also mach deine Augen bitte wieder auf! Jetzt kann deine Reise beginnen…

Stell dir vor, du bist in Hanoi. Du bist nach einem anstrengenden Arbeitstag 40 Minuten zu (d)einer Wohnung gelaufen (so lang ist mein Arbeitsweg jeden Tag), über holprige Gehwege, hast verschiedene gefährliche Straßen erfolgreich passiert und kommst dann in die Nguyen Thai Hoc Straße kurz vor dein Ziel.

Wenn du vom Gehweg der Nguyen Thai an einer Straßenküche vorbei in eine schmale Gasse einbiegst, kommst du zu einem dreistöckigen Haus. Jeden Tag läufst du an der Straßenküche vorbei. Du grüßt die Leute, die dort arbeiten mit einem freundlichen „xin chao“ und hast dort auch schon einige Male gut gegessen. Trotzdem fühlst du dich etwas schlecht, weil du doch meistens keine My Van Tan Suppe bei deinen Nachbarn isst.

Verriegelt mit einem Eisenvorhang, für den du eine Fernbedienung brauchst, erkennst du den Eingang zu diesem dreistöckigen Haus fast gar nicht.

Da du eine eben solche Fernbedienung hast, rattert der Eisenvorgang langsam nach oben und du kannst nach dem Öffnen der Tür in den Eingangsbereich treten, der zugleich die Küche ist.

Du ziehst deine Schuhe aus und siehst dir die Küche an. Auf der linken Seite direkt neben der Tür steht ein moderner Kühlschrank. Leider ist er meist nicht so toll bis gar nicht gefüllt, wie man sich das wünschen würde. Die Bewohner dieses Hauses, drei kulturweit-Freiwillige namens Nour, Theresa und Sophie, essen einfach zu gern vietnamesisches Essen und dieses selbst zu kochen, wäre mit Sicherheit nicht so lecker wie von einem der vielen Straßenstände in Vietnams Hauptstadt.
Rechts neben dem Kühlschrank befindet sich ein kleiner Raum mit Toilette, die aber nur in den dringendsten Fällen benutzt wird.
Daneben ist die große Küchenanlage in dunkelbraunem Holz. Sie sieht zwar gut aus, aber leider ist sie nicht sonderlich gut bestückt. Hättest du zum Beispiel dran gedacht, zuerst in der nach Aussagen unserer Vermieterin „Fully Equiped Kitchen“ nach Gabeln und Löffeln zu suchen, wenn du spontan für eine ganze Gruppe von Leuten kurz nach dem Einzug Spaghetti kochst? Erstaunlicher- und glücklicherweise lassen sich diese auch gut mit Essstäbchen essen…
Ein großer Esstisch mit Glasplatte und sechs Stühlen lädt dazu ein, sich für einen Filmeabend mit Snacks zu setzen und gemeinsam über die gleichen Witze zu lachen.

Du willst aber nicht in der Küche bleiben, denn du willst weiter in eines der Zimmer. Nachdem du die engen Stufen zum ersten Stock erklommen hast, stehst du vor der Tür zu Theresas Zimmer.
Meiner Meinung nach ist das Zimmer von Sophie aber irgendwie interessanter, also laufe nochmal einige Stufen nach oben.
Im zweiten Stockwerk zu linker Hand siehst du noch eine Tür, die zu Nours Zimmer führt.

Aber wie gesagt – da möchtest du gerade nicht hin. Du nimmst also die Tür geradeaus und trittst in ein ziemlich kleines, aber durchaus nettes Zimmer.
Die Wände sind weiß gestrichen und auch sonst ist das Zimmer schlicht gehalten. Ein großes Kingsizebett, dessen Matratze nicht mal 10 Zentimeter dick ist und by the way dadurch ziemlich unbequem, steht in der einen Ecke des Zimmers. Ein weisses Moskitonetz hängt darüber und wie es da so hängt, denkst du dir, dass es ein bisschen an einen Baldachin oder ein Himmelbett erinnert.
Ein großer weisser Schrank mit aufgedruckten grünen und blauen Fischchen nimmt sehr viel Platz im Zimmer ein, es beinhaltet aber auch einige Kleidung, von daher ist das okay. Dieser Stoffschrank soll dagegen helfen, dass die Kleidung während der feuchten Jahreszeit nicht anfängt zu schimmeln. Ob das so klappt, mal sehen.
Auf dem Schreibtisch steht ein Laptop, der nur darauf wartet, einen neuen Blogartikel eingetippt zu bekommen, Nachrichten zu recherchieren oder E-Mails zu versenden.
Die drei Vietnam-Reiseführer auf dem Schreibtisch sind bereit, dass sie aufgeschlagen werden und das nächste Reiseziel gewählt wird.
Der meist unordentliche Schreibtisch wimmelt außerdem von Erinnerungen an ein Musik-Festival, einen Ausflug nach Ninh Bin, nach Sapa, Saigon oder einen Kochkurs.
Dir fällt eine kleine, unscheinbare Tür auf. Du öffnest sie und stehst in einem kleinen Räumchen. Ein Schritt und du bist bei der Toilette. Ein Waschbecken fehlt. Die Dusche lässt sich nur nach langem Hinsehen definieren, indem du den Duschkopf erkennst. Wenn du dich hier duschst, ist danach der ganze Raum nass, aber so groß ist er ja schließlich nicht.
An der Wand hängt eine Art Plastik Regal, welches verschiedene Hygieneartikel wie Shampoo, Zahnpasta, Lippenpflegestifte und vieles mehr trägt.

Du gehst zurück in den größeren Raum und von diesem aus wieder ins Treppenhaus, wo du nochmal einige Treppenstufen hinaufsteigst. Oben findest du eine Waschmaschine, die zwar wohl Heißwasser haben soll, aber dennoch nicht gut wäscht, und zwei Metalltüren. Hinter jeder Tür verbirgt sich eine Dachterrasse, auf der man gut und gerne entspannen könnte – würde man sich die Zeit dafür nehmen. Praktisch sind die Terrassen aber allenfalls, da man dort die nasse Wäsche aufhängen kann.

Nun kennst du die Räume in dem Haus, in dem ich mit Theresa und Nour wohne.

Aber halt! Das sind noch nicht alle Mitbewohner. Nour und Theresa habe ich ja schon erwähnt. Wir haben in unserem Haus aber noch einige andere unerwünschte Kameraden. Wie wahrscheinlich in jedem südostasiatischen Land dürfen wir eine hohe Zahl von Stechmücken vermelden. Fast noch schlimmer finde ich jedoch Kakerlaken. Bis jetzt war es nur eine und ich wäre froh, wenn es auch bei dieser einen bleiben würde. Theresa hat sie eines Morgens auf dem Rücken liegend entdeckt und todesmutig – wie ich finde – in einem Essschälchen gefangen. Mit einem speziellen Mittel und viel Ekel haben wir das Tier erfolgreich bekämpft und aus dem Haus befördert. Obwohl das Vieh so winzig ist und eigentlich nichts fatales machen kann, war die Furcht unsererseits bestimmt genau so groß wie ihrerseits.
Die aber wohl unangenehmste Mitbewohnerin ist unsere Vermieterin, die trotz ihres stetigen Abstreitens im Gebäudeteil direkt neben uns wohnt und unsere Küche und sogar die Waschmaschine fleißig mitverwendet. Natürlich auf unsere Kosten.

Und doch – so ekelhaft und nervenaufreibend diese Mitbewohner auch sind – fühlt es sich wie mein „Zuhause“ auf Zeit an. Ich bin mir sicher, ich will hier nicht für immer bleiben. Bestimmt nicht. Aber für die Zeit ist es perfekt. Perfekt mit all seinen Besonderheiten, perfekt mit dem leeren Kühlschrank, mit der unausgestatteten Küche, mit dem winzigen Bad ohne Waschbecken, mit den vielen Mitbewohnern und der schlecht waschenden Waschmaschine.
Perfekt für die nächsten knapp drei Monate.

Aber ich kann jetzt schon sagen. Auf mein richtiges Zuhause freue ich mich viel mehr!

Viele Grüße nach Hause sendet
Sophie

Viertes Türchen – Mein Lieblingsplatz in Hanoi

Heute möchte ich dir meinen Lieblingsort in Hanoi vorstellen. Er gilt für die Einwohner Hanois als Seele der Stadt und auch für mich wäre er nicht wegzudenken aus der Altstadt Hanois. Hanoi wäre einfach nicht das selbe ohne diesen Ort.

Die Rede ist vom Hoan Kiem-See. Hier erst mal einige allgemeine Infos zum See:

Früher war er ein Rückstausee, der an den Roten Fluss (Song Hong) anschloss. Im Laufe der Zeit verlagerte der Fluss sich und so trennte sich der Fluss vom See.

Übersetzt bedeutet der Name des 70o Meter langen Sees so viel wie

„Der See des zurückgegebenen Schwertes“.

Dieser Begriff geht auf eine alte Legende zurück. Zur Zeit der chinesischen Belagerung – Mitte des 15. Jahrhunderts – soll der vietnamesische Held Le Loi mit einem magischen Schwert die Chinesen in Vietnam besiegt haben. Dieses Schwert hat er beim Fischen im Hoan Kiem-See in seinem Netz gefunden und damit konnte er einge erfolgreiche Schlachten schlagen. Manch einer mag sogar behaupten, dass dieser Held die Chinesen komplett aus Vietnam vertrieben hat.
Nach zehn Jahren kam er zum See zurück, um den Geist des Sees zu ehren. Als er nun die Dankeszeremonie vorbereitete, erschien ihm unter Blitz und Donner unverhofft eine riesige goldene Schildkröte, wohl eine Verleiblichung der Götter, und nahm das magische Schwert wieder an sich.
Aus Dankbarkeit über den Sieg und als Erinnerung an dieses besondere Ereignis mit der Schildkröte ließ Le Loi einen dreistöckigen Schildkröten-Pavillion (Thap Rua) im Süden des Sees auf einer kleinen Insel errichten. Dieser gilt bis heute als Wahrzeichen der Stadt.

Der dreistöckige Schildkröten-Pavillion bei Nacht

Am 19.01.2016 wurde tatsächlich eine riesige Schildkröte tot aus dem See gezogen. Wer weiß, vielleicht war es ja eben diese magische Schildkröte…

Ein Denkmal von jenem Volkshelden, der später als Herrscher Ly Thai To genannt wurde, findet man am Südufer des Sees. In einem kleinen Skulpturenpark thront eben dieser als Denkmal über den Köpfen der Menschen.

Das Denkmal von Ly Thai To

Auf dem See befindet sich eine weitere Sehenswürdigkeit Hanois. Über eine rote, geschwungene Brücke, die The Huc-Brücke („Brücke der aufgehenden Sonne“), die 1875 errichtet wurde, kommt man zum Jadeberg-Tempel.

Die The Huc-Brücke und der Hoan Kiem-See haben mir am Tag meiner Ankunft in Vietnam bei schönstem Wetter gleich den Atem verschlagen. Verständlich, dass ich den See so sehr mag, oder?

Am Ufer neben der Brücke befindet sich ein 9m hoher Turm, der Thap But. Einheimische nennen ihn den „Schreibpinsel-Turm“. Wie auch der Jadeberg-Tempel werden hier Literatur und Dichter verehrt. Besonders dem taoistische Autor Van Xuong wird hier gedacht.

So, jetzt weg von historischen Fakten hin zum „echten Leben“!

Der Hoan Kiem-See ist ein Ort, an dem man flanieren kann, sich auf ein Eis treffen, ein ganz besonderes Spiel spielen (eine Art Federball wird mit dem Fuß hin und hergekickt und soll in der Luft gehalten werden, wobei das nochmal schwieriger als Fußball ist, weil die Auftrefffläche dieses Spielgeräts viel kleiner ist), als Pärchen verliebt auf den See schauen, Englisch lernen oder in meinem Fall Vietnamesisch kann und so vieles mehr.

Besonders am Wochenende ist viel am See los, weil hier die Straßen um den See für die sogenannte „Walking Street“ gesperrt sind. Am Abend sind hier Musiker und präsentieren ihr Können, Künstler und malen Henna-Tatoos, Kinder und fahren in Autoscootern, Hochzeitspaare und lassen sich ablichten, Touristen und bestaunen den Trubel, alte vietnamesische Frauen und tanzen Zumba und andere Tänze (eine etwas längere Anmerkung: an einem Abend habe ich spontan beschlossen mitzutanzen, irgendwie habe ich mich aber nicht so toll angestellt, weil ich den Tanz einfach nicht verstanden habe. Eine vietnamesische Frau hat für mich dann „mot, hai, ba…“ extra mitgezählt und so konnten wir gemeinsam tanzen. Das war für mich ein wirklich schönes Erlebnis, an das ich sehr gerne zurückdenke.)

Für mich macht keine alte Legende oder bestimmte Denkmäler und Gebäude den See zu dem, was er ist, sondern viel mehr die Begegnungen dort. Zu unterscheiden ist dabei in drei verschiedene Arten von Begegnungen:

  • die eher belanglosen Gespräche, die mit „May I practice my English with you?“ beginnen. Weil man eben nicht wie ein Vietnamese oder eine Vietnamesin aussieht und einem so unterstellt wird, dass man gut Englisch spricht, wird man meist Löcher in den Bauch gefragt. Gegenfragen werden kurzerhand ignoriert und dementsprechend nicht beantwortet.
    Nachdem der Interviewer also meinen Namen, meine Geschichte und fast schon meinen Kontostand erfragt hat, wird mit „Thanks for your praciticing English with me!“ gesagt und die nächste Person fünf Meter weiter befragt.
    Auch belanglos, aber sehr nett war an einem Abend eine Gruppe kleiner Vietnamesinen, bestimmt noch keine zehn Jahre alt, die mit Mappen in den Händen zu uns kamen und uns in die Geschichte des Hoan Kiem-Sees eingeführt haben, indem sie einen recht anspruchsvollen englischen Text aus ihren Mappen vorgelesen haben. Mal besser, mal schlechter. Der Gedanke des gemeinsamen Englischsprechens hat dabei gefehlt, aber die Mädchen waren wirklich sehr süß und die Geschichte und die besondere Legende des Sees ist ja auch sehr interessant, wie du jetzt bestimmt auch gemerkt hast 😉
  • die ziemlich seltsamen Begegnungen: Ein vielleicht 30-Jähriger Vietnamese, der kein Englisch sprechen konnte und mir mit Zeichen, dem Kaufen von Essen und Trinken (was ich höflich abgelehnt habe) und schließlich dem Anlehnen seines Kopfes an meine Schulter zeigen wollte, dass er mich wohl gut findet. Das war dann doch zu viel des Guten und ich habe mich verabschiedet und bin gegangen. Später hat mir jemand erklärt, dies wäre das für ihn einzig mögliche Zeichen der Zuneigung, zumal er meine Sprache nicht beherrscht. An sich nett, aber schon ziemlich seltsam.
  • die Begegnungen der besonderen Art: Ich könnte nun viele dieser Begegnungen nacherzählen, aber das wäre wohl für dich nich sonderlich spannend. Aus diesem Grund beschränke ich mich auf eine davon.
    An einem sonnigen Tag saß ich am See und habe Tagebuch geschrieben. Ein Taxifahrer hat mir „angeboten“, mir Hanoi auf dem Moped zu zeigen. Als ich ihm erklärte, ich wäre schon seit zwei Monaten hier und würde mich in Hanoi recht gut auskennen, weshalb ich keine Tour mehr bräuchte, hat er nicht etwa beleidigt reagiert. Ganz im Gegenteil, er hat mich zu meiner Arbeit und vielen anderen Dingen befragt und am Ende gemeint, dass er sich freut, mich kennen gelernt zu haben und hofft, mich nochmal zu treffen.
    Einige Wochen später habe ich gerade beim Laufen um den See an ihn gedacht, als er mir plötzlich freudig entgegengewunken hat und nach einem weiteren netten Gespräch meinte, dass ich heute nochmal viel hübscher als beim letzten Mal aussehen würde. Nach dieser Begegnung – es war schon wirklich ein toller Zufall, ihn genau dann nochmal zu treffen, als ich an ihn dachte – bin ich lächelnd durch die Straßen gelaufen und habe bei mir gedacht

„Der Hoan Kiem-See ist einfach doch die Seele der Stadt und mein absoluter Lieblingsplatz in Hanoi.“

Die wohl schönste Aussicht auf den See. Man kommt durch ein Seidengeschäft über viele Treppen auf eine Dachterasse und kann über den ganzen See blicken, einen Egg-Coffee genießen und den Menschen am See zusehen.

Viele Grüße und alles Liebe,

deine gerade-vom-Hoan-Kiem-See-gekommene Sophie

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