die chicago boys in chile

„Wir sind im Krieg mit einem mächtigen Feind“,

sagte Piñera im Oktober vergangenen Jahres. Mit dieser Aussage meinte der Präsident die Millionen Chilenen, die überwiegend friedlich gegen das Regime protestieren. Bis weit in diverse Nebenstraßen stehen, trommeln, singen und tanzen sie. Einige sieht man mit der Fahne von Chile, andere mit der Flagge der Mapuche, des größten indigenen Volks in Chile, in der Hand.

Zunächst wunderte mich, dass gerade dort, wo in Lateinamerika so ein großer Wohlstand herrscht, die politische Unruhe auf der extremen Seite des Spektrums ist. Anfang Januar, als ich eine Gruppe von Schülern zusammen mit anderen Freiwilligen bei einem Surfcamp in Chile begleiten durfte, erlebte ich diese hautnah. Ich schlenderte durch die Straßen von Santiago und sah beinahe überall politische Graffitis mit unterschiedlichen Andeutungen, spürte das Tränengas in der Luft und begegnete sogar Panzer, die seit dem Ende der Militärdiktatur von 1990 zum ersten Mal wieder auf den Straßen rollen.

Angefangen hat all dies mit einer Preiserhöhung auf U-Bahn-Tickets um 30 Pesos. Da stellt man sich schnell die Frage, wie eine Erhöhung von umgerechnet vier Cent solche Massen-Demos auslösen können. Sobald man sich mit Chilenen vor Ort unterhält, bemerkt man, dass diese Demonstrationen noch andere, viel tiefgreifendere Gründe haben.

Es geht prinzipiell um die vorherrschende ökonomische Ungleichheit. Laut der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und der Karibik ist die Ungleichheit so groß wie fast in keinem Land auf der Welt. Das reichste 1% der Bevölkerung besitzt mehr als ein Viertel des nationalen Vermögens. Der Hälfte aller Chilenen gehören dagegen etwa 2,1 Prozent des Vermögens. Wenn dann die U-Bahn- und zusätzlich auch Strompreise steigen, kann das für gewisse Teile der Bevölkerung zu einem großen Problem werden. Wenn man dann noch bedenkt, dass die Hälfte aller Chilenen nicht mehr als 400.000 Pesos (ca. 500 Euro) im Monat verdienen und die Lebensmittel in den Supermärkten etwa so viel wie in Europa kosten, kann man die Frustration schnell nachvollziehen. 

„Wir wollen einfach ein gerechteres Land, mit Chancen für alle“, sagte eine Protestierende. „Meine Tochter hat studiert. Und jetzt ist sie auf die nächsten 20 Jahre verschuldet.“

Ein Studium in Chile kostet des Weiteren pro Jahr um die 5000 Euro und Stipendien gibt es kaum. So kommt es dazu, dass sich nur die oberen Schichten einen höheren Bildungsabschluss leisten können und somit die neue Oberschicht bilden. Aufgrund dieser geringen sozialen Mobilität sind die  gesellschaftlichen Aufstiegsmöglichkeiten also stark begrenzt.

„Und manche müssen mit winzigen Renten leben, die Mindestrente hier in Chile liegt knapp über 100 Dollar. Was soll man damit machen?“ 

Das Rentensystem in Chile basiert auf Anleihen, also Wertpapieren. Deren Wert schwankt relativ häufig, was dazu führt, dass die Rente kein konstanter Faktor ist. Sobald der Kurs sinkt, bekommt man eben weniger Rente. Dazu kommt, dass es keine gesetzliche Krankenversicherung gibt, sodass finanzielle Schwierigkeiten schnell zu gesundheitlichen Problemen werden können.

All diese Strukturen lassen sich Zurückführen auf die Handlungen des ehemaligen Diktators Augusto José Ramón Pinochet und den sogenannten Chicago Boys. Sie waren eine Gruppe chilenischer Wirtschaftswissenschaftler, die in den 50er und 60er Jahren in Chicago oder in anderen Großstädten in den USA studiert haben. Wenn man das im Hinterkopf hat, ist deren Idealvorstellung von der Wirtschaft leicht zu erraten, da sie von dem der vereinigten Staaten inspiriert ist. Da es zu Beginn der Diktatur eine wirtschaftliche Krise in Chile gab, ließ Pinochet sich von den Chicago Boys beraten. Er öffnete die chilenische Wirtschaft für den Weltmarkt, senkte Zölle und Unternehmenssteuern und schaffte den Mindestlohn, sowie diverse Gewerkschaften ab. Zusätzlich zu diesen liberalisierenden Maßnahmen, wurden viele staatliche Unternehmen privatisiert. Chile erzielte mit diesen Maßnahmen einen wirtschaftlichen Erfolg, der dazu führte, dass Chile zu einem der reichsten Länder Lateinamerikas wurde.Aus diesem Grund wurden viele der Maßnahmen bis heute nicht rückgängig gemacht. Das grundlegende Problem, dass zu den heutigen Unruhen führt ist jedoch, dass die Chicago Boys keine soziale Sicherungssysteme aufgebaut haben und sich somit allein auf die Produzenten- und nicht auf die Konsumentenseite konzentrierten. 

Die Reaktion des momentanen Präsidenten auf die Situation war die Rückgängigmachung der U-Bahn-Preiserhöhungen, eine öffentliche Entschuldigung und eine Ankündigung neuer Gesetze, die beispielsweise einen höheren Mindestlohn und eine bessere Mindestrente sichern sollen. 

„Mein Eindruck ist, dass die Leute keine Ruhe geben werden, bis es konkrete Antworten auf die hier vorgetragenen Forderungen gibt“, meint einer der Protestierenden.

Erkennbar an den immer noch stattfindenden Demonstrationen ist jedoch, dass sich die Bevölkerung noch viel tiefergehende Maßnahmen, im Grunde genommen eine neue demokratische Verfassung, wünscht. Dieses Kapitel der chilenischen Geschichte wird also noch nicht zum Ende gekommen sein.

Wenn euch das Thema interessieren sollte, hier einmal einige meiner Quellen und weitere Links:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/chiles-wutprobe-revolution-im-traenengas.979.de.html?dram:article_id=464496

https://www.deutschlandfunkkultur.de/theatermacher-guillermo-calderon-zur-lage-in-chile-wir.2159.de.html?dram:article_id=469298

https://www.dw.com/de/wieder-krawalle-bei-studentenprotesten-in-santiago-de-chile/a-52726486

https://www.tagesschau.de/ausland/chile-proteste-121.html

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