das zwischenseminar und alles drum herum

Vorfreude: Eine Emotion, die durch die Erwartung eines künftigen, positiven Ereignisses gekennzeichnet ist. Sie wird durch das Eintreffen dieses Ereignisses beendet. Die Vorfreude geht sowohl semantisch als auch zeitlich der Freude voran. Ein Begriff, der zunächst kindliche Erinnerungen, beispielsweise diverser familiärer Festlichkeiten, wecken könnte. Doch was ich Anfang November erlebt habe, fühlte sich dann doch ein wenig anders an. Denn zu diesem Zeitpunkt lag das Zwischenseminar, mein Saltatrip und das Wochenende in Rosario noch vor mir. Und anders, als bei dem zuvor genannten Beispiel, ging es nicht um Familiäres und auch nicht um unkompliziertes Teilnehmen, sondern eben auch um die eigene Organisation. Eine erwachsene Vorfreude also?
In der letzten Zeit reflektiere ich häufiger über das Erwachsenwerden und über zukünftige Pläne und um ehrlich zu sein, würde ich hierbei den Begriff „Vorfreude“ nur bedingt verwenden, da all die Gedanken häufig überwältigend auf mich wirken und dazu führen, dass ich gedanklich vollkommen abdrifte. (Und ob abdriften, was ja schon mit dem Gedanken der Fortbewegung zusammenhängt, das richtige Wort dafür ist?)
Es gibt einfach zu viel, was beschlossen werden muss und wenn ich daran denke, wie viel vor allem meine bevorstehenden Entscheidungen in meinem Leben prädeterminieren werden, scheint es so, als ob die Zeit still stehen und das gesamte Universum einfach nur auf meinen nächsten Schritt warten würde, um mein Schicksal zu justieren. Und in genau solchen Momenten bin ich überglücklich, dass ich einige dieser Entscheidungen zumindest für ein Jahr aufschieben konnte.
Gott sei Dank zog sich die Zeit bis zum Seminar (18.11.19) nicht allzu sehr, sodass ich dann wenigstens für diese Tage durch Freunde und Mitfreiwillige wieder zurück in die Realität geleitet wurde.
Aus diesem Grund denke ich, dass ich von den lang ersehnten persönlichen Begegnungen mehr mitnehmen werde, als von den theoretischen Einheiten, bei denen hauptsächlich Thematiken vom Vorbereitungsseminar wiederholt, aber leider nicht weitergeführt wurden. Des weiteren kam es sowieso eher in der Freizeit zu Besprechungen von persönlichen Erlebnissen, da diese eben in einem fluiden Kontext viel natürlicher scheinen. Hier war es besonders beruhigend zu sehen, dass jede einzelne Person, auch wenn die Erfahrungen und das Umfeld komplett unterschiedlich sind, dann doch ähnliche Dinge fühlen und denken.  Aber nicht nur der Austausch, der zwischen den Freiwilligen stattfand, wird mir in Erinnerung bleiben. Ich durfte nämlich, gemeinsam mit einem weiteren Freiwilligen, über die argentinische Realität mit unseren Gastgebern quatschen. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie offen über eigene Erlebnisse und vor allem Lieblingsbücher erzählten, faszinierte mich sehr. Und nachdem wir unsere E-Mail-Adressen ausgetauscht hatten, erhielt ich quasi direkt die ersten E-Mails mit Links zu den Büchern, Gedanken über die Auswirkung eines gelungenen Buches und zu meiner Überraschung auch ein von der Familie erstelltes Buch mit Rezepten und Briefen zum Anlass des Geburtstages eines Familienmitgliedes. Logischerweise war ich, nachdem die E-Mail ankam, total überwältigt und sprachlos. Nach einigen Überlegungen kam ich dann aber gemeinsam mit einigen anderen Freiwilligen zu dem Schluss, dass wir diese Familie an Weihnachten besuchen müssen!
Eine theoretische Einheit, die ich aber besonders interessant fand, war der Ausflug nach La Perla und der Vortrag, den wir dort hören durften. Über die Militärdiktatur (1976-1983) wusste ich bereits einige Eckdaten, da wir diese in unserer Homezone bereits besprochen haben. Aber vor Ort zu sein und die Menschen, die hinter all diesen Zahlen stehen und denen ihre gesamte Existenz, sowohl körperlich als auch mental, gestohlen wurde, auf Bildern neben Briefen von Verwandten zu sehen, war dann doch ein anderes Erlebnis. Die Tatsache, dass alle Freiwilligen um mich herum genauso still wurden und viel sensibler miteinander umgingen, bestätigte nur meine Vermutung, dass ich wohl nicht die einzige war, die dieses Erlebnis als besonders intensiv einstufte.
Nach dem Zwischenseminar telefonierte ich dann noch mir ein paar Freunden aus Deutschland und erzählte ihnen von genau diesem Ausflug. Und als mir auffiel, dass keiner so richtig was darüber wusste, hatte ich die Idee zumindest hier die Militärdiktatur und ihre Auswirkungen ein wenig zu erläutern:
Die Militärdiktatur begann am 24. März 1976, als eine Gruppe von Militärs, unter der Führung des Generals Jorge Rafael Videla, die damalige Präsidentin Isabel Martinez de Perón verhaftete. Zunächst war die Bevölkerung zuversichtlich, denn sowohl die politische als auch die wirtschaftliche Lage, ließen keine weiteren Hoffnungen zu. Es herrschte politische Gewalt, Terror linker Guerillatruppen und regierungsnaher Paramilitärs und eine marode wirtschaftliche Lage. So erhoffte man sich von der Regierungsübernahme eine Besserung des alltäglichen Lebens.
Diese Hoffnung wurde aber bald enttäuscht, da die Militärjunta ein System der totalen Kontrolle und Überwachung errichtete und den sogenannten „schmutzigen Krieg“ begann. So wurden dann systematisch alle Gegner des Regimes verfolgt und monate-  und teilweise sogar jahrelang ohne Prozess festgehalten, gefoltert und ermordet. Die Leichen der Opfer wurden anschließend an geheimen Orten in Massengräbern untergebracht oder von Flugzeugen aus in den Rio de la Plata geworfen.
Da die Familien teilweise bis heute nicht wissen, was mit ihren Familienmitgliedern geschehen ist, spricht man bei den Opfern von den „desaparecidos“, den Verschwundenen.
Bis heute gehen zahlreiche Menschen auf die Straße und kämpfen für irgendeine Form der Aufklärung und Wiedergutmachung. Laut einigen Argentiniern, mit denen ich bisher gesprochen habe, leider erfolglos. Zusammengefasst war mein November also voller „Ups and Downs“, die mich fürs erste vermutlich nicht loslassen werden…
Vielen lieben Dank fürs Lesen! Ich würde mich auf jeden Fall über Kommentare freuen und hoffe, dass die ein oder andere neue Information dabei war!
Con cariño,
Sofi

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