buenos aires – insert in-Evita-ble pun here

Dass ich bereits nur ein paar Wochen nach meiner Ankunft nach Buenos Aires kommen würde, hätte ich nie gedacht. Natürlich stand es von Anfang an auf meiner Bucket List, denn: Jeder dritte Argentinier, fast 13 Millionen, leben im Großraum der Hauptstadt, davon ca. 3 Millionen Menschen in der eigentlichen Capital Federal Buenos Aires. Da kann man nur neugierig werden und sich die Frage stellen, was so viele Menschen an einen Ort zieht.

Beim Vorbereitungsseminar wurde uns von einer möglichen Einladung der deutsche Botschaft anlässlich der Festlichkeiten des dritten Oktobers erzählt, nur hielt ich dies zunächst für eher unwahrscheinlich. An einem Nachmittag, der anscheinend eine große Welle an Motivation mit sich brachte, beschloss ich dann doch, die Botschaft zu kontaktieren und mein Glück zu versuchen. Schlimmstenfalls erhalte ich eine Absage, dachte ich. Und siehe da: Bereits nach einem Tag erhielt ich eine offizielle Einladung, die ich selbstverständlich der Schulleitung vorzeigte, um den Trip genehmigen lassen zu können. Voller Euphorie wurden dann direkt die Buskarten gebucht, Sitzplätze ausgewählt und und und.

Die Zeit bis zur Abreise verging wie im Flug und bald stand ich, mit diversen Freiwilligen am Telefon, vorm Kleiderschrank, um last minute, ganze zwei Stunden vor Abfahrt, zu packen.  Keine 10 Stunden später befand ich mich um 06:00 am Retiro von Buenos Aires. Und als ich ankam verschlug mir diese unglaubliche Stadt direkt den Atem und ich erinnerte mich ein wenig verwirrt an das, was Jorge Luis Borges einst sagte:

Buenos Aires es horrible de fea. – Jorge Luis Borges

„Buenos Aires ist atemberaubend hässlich.“ Ich las dieses Zitat vermutlich in einem der tausenden Reiseführer und zunächst konnte ich mir ausmalen, was er hiermit andeuten könnte: Die 18.000 Autobusse, 40.000 Taxis, die unzähligen Privatwagen, den Lärm, Krach und die Polarisierung von Arm und Reich, von der recht häufig erzählt wird.

Vor Ort angekommen, konnte ich diese Aussage dann doch nicht richtig nachvollziehen. Allein schon die europäische Architektur, welche fröhlich Elemente aus allen europäischen Ländern, genauso wie die Speisekarten vieler Restaurants, mischt, beeindruckte mich übermäßig. Warum diese Stadt „Paris Südamerikas“ genannt wird, wurde also bereits in den ersten Minuten glasklar. Die darauffolgende kleine Stadttour intensivierte meine Abneigung bezüglich Borges Aussage nur. Als ich am Abend, kurz vorm Theaterbesuch, ein wenig Zeit hatte um mein Handy zu checken, schaute ich direkt nach, ob es eventuell jemanden gab, der sich zu Borges‘ Kommentar kritisch geäußert hatte und tatsächlich wurde ich fündig.

Lo que pasa es que Borges era ciego. – José María Peña

„Fakt ist, dass Borges blind war.“ Zunächst war ich vollkommen von Peñas Zitat überzeugt. Egal in welche Richtung ich mich bewegte, überall wurde ich von unglaublichen Gebäuden empfangen, welche ein Gefühl von geschichtlichem Reichtum ausstrahlen.

Als ich jedoch das Microcentro verließ und mich am ein oder anderen Ort genauer umschaute und ein wenig verirrte, veränderte sich meine Wahrnehmung. Heute lebt im Großraum der Stadt fast jeder dritte unterhalb der Armutsgrenze. Im Stadtzentrum fällt dies kaum auf, jedoch ist die Hauptstadt von einem ständig wachsenden Ring von Siedlungen, welche man hier „villas miserias“ nennt, umgeben. Diese bestehen vorwiegend aus Blech- und Bretterkonstruktionen, welche weder einen Strom- noch einen Wasseranschluss besitzen. Vielleicht meinte Borges ja genau das: die unglaublich starke Polarisierung zwischen Arm und Reich und die bröckelnde Schönheit der Architektur. Und vielleicht war er überhaupt nicht blind, sondern einfach nur besonders aufmerksam. Das ganze stimmte mich dann logischerweise recht nachdenklich und das vor allem, weil ich, als ich dann wieder nach Hause fuhr und das erste Mal die äußeren Gegenden von Córdoba tagsüber sehen konnte, auf ähnliches traf.

Letzten Endes kam ich zu dem Schluss, dass genau diese Ambivalenzen Buenos Aires ausmachen und vermutlich weiterhin die Besucher polarisieren werden. Ich empfinde es aber, trotz Verständnis für alle zwei Seiten, als unglaublich wichtig sich auf beides einzulassen, um so weder ein utopisches noch ein bedrückendes Bild dieser beeindruckenden Stadt zu erhalten. Ich denke, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ich wieder zurückkomme. Und dieses mal vielleicht mit einem ganz anderen Blickwinkel.

Con cariño,

Sofia

 

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