{"id":698,"date":"2017-06-02T12:00:42","date_gmt":"2017-06-02T10:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/siljaphonehome\/?p=698"},"modified":"2017-06-02T20:35:59","modified_gmt":"2017-06-02T18:35:59","slug":"ungarn-und-europa-ungarn-und-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/siljaphonehome\/2017\/06\/02\/ungarn-und-europa-ungarn-und-europa\/","title":{"rendered":"Ungarn und Europa. Ungarn und Europa?"},"content":{"rendered":"<p><em>Sonnenschein, warme Luft, Freitagmittag: Eiszeit. <\/em><br \/>\n<em>Der perfekt unperfekte Moment, um \u00fcber Politik zu sprechen.<\/em><\/p>\n<p>Oft bereits wurde mir als einer deutschen Freiwilligen, die f\u00fcr ein Jahr in Ungarn lebt, die Frage gestellt, wie die Einstellung der ungarischen B\u00fcrger zu Europa ist. Ich selber habe mich mittlerweile viel mit dieser Frage besch\u00e4ftigt. Es liegt mir sehr am Herzen, diese Frage so gut und so fair, wie es mir m\u00f6glich ist, zu beantworten.<\/p>\n<p>Im Folgenden m\u00f6chte ich auf drei Punkte eingehen:<\/p>\n<ol>\n<li>Wie ist die Einstellung der Ungarn zu Europa?<\/li>\n<li>Welche Ma\u00dfnahmen ergreift Orb\u00e1n, und wie arbeitet er?<br \/>\nWie findet das Volk ihn, seine Partei und deren politische Richtung?<\/li>\n<li>Was denken Ungarn \u00fcber die Fl\u00fcchtlingsproblematik?<\/li>\n<\/ol>\n<p>Zuvor ist es mir noch wichtig, darauf hinzuweisen, dass alle hier geschilderten Erfahrungen, Meinungen o.\u00e4. ausschlie\u00dflich auf meinen eigenen Erlebnissen basieren und dieser Bericht au\u00dferdem, besonders aufgrund der Tatsache, dass ich mich zumeist in einer einzelnen Gesellschaftsschicht &#8211; dem Bildungsb\u00fcrgertum \u2013 bewege, nur ein unvollst\u00e4ndiges Bild voller L\u00fccken und offen bleibender Fragen zeichnen kann. Ebenso wenig wie \u201eden Deutschen\u201c oder \u201edie Deutschen\u201c gibt es schlie\u00dflich \u201eden Ungarn\u201c oder \u201edie Ungarn\u201c \u2013 alles, was ich im Folgenden schreibe, sind notwendigerweise Verallgemeinerungen, die weder dem einzelnen Menschen noch der komplexen Situation wirklich gerecht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dennoch ist es meiner Meinung nach essentiell, einen Eindruck von der aktuellen Situation in Ungarn und der ungarischen Mentalit\u00e4t zu bekommen, um die Gedanken und Gef\u00fchle der Menschen hier nachvollziehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im Allgemeinen handelt es sich bei Ungarn um ausgesprochen fr\u00f6hliche, gastfreundliche und hilfsbereite Menschen, die es jedoch in der Geschichte wie auch heutzutage nicht immer leicht hatten\/haben. Sie sind \u2013 vermutlich aufgrund einer Vergangenheit, in der Ungarn regelm\u00e4\u00dfig als Spielball zwischen verschiedenen M\u00e4chten diente; oft ungerecht behandelt und zerrissen wurde &#8211; auf ihre Identit\u00e4t als Ungarn und somit ihre Nationalit\u00e4t stolz und sehr traditionsbewusst.<\/p>\n<p>Die Familie hat in Ungarn eine zentrale Bedeutung, und die Kleinheit des Landes sch\u00fctzt die Menschen davor, sich aus den Augen zu verlieren. Auch Leistung ist wichtig, ist sie doch der Schl\u00fcssel zu einer besseren Zukunft. Aufgrund dessen stellen in den Schulen wie auch auf den Universit\u00e4ten regelm\u00e4\u00dfige Wettbewerbe einen Grundbestandteil der Ausbildung dar. Junge Ungarn blicken oft eher desillusioniert in die Zukunft, konzentrieren sich mehr auf messbare Erfolge und Ergebnisse, nicht so sehr auf Tr\u00e4ume. Sie entscheiden sich f\u00fcr Sicherheit und gegen Risiken \u2013 der klassische Zukunftstraum: ein guter Beruf und ein sch\u00f6nes Haus, um der kleinen Familie ein gutes Leben bieten zu k\u00f6nnen. Hierzu werden sie durch Eltern und Gro\u00dfeltern, auch aufgrund deren eigener Erfahrungen, ermutigt. Gerade die \u00e4ltere Generation verf\u00fcgt oft nur \u00fcber geringe Mittel, vielfach zu gering zum Leben \u2013 die Renten sind niedrig und die Unterst\u00fctzung durch den Staat nur in Ma\u00dfen, wenn \u00fcberhaupt, gew\u00e4hrleistet.<\/p>\n<p>Auch der arbeitsf\u00e4hige Teil der Bev\u00f6lkerung hat keine M\u00f6glichkeit, etwa beim Verlust des Arbeitsplatzes Unterst\u00fctzung zu bekommen: Ein Arbeitsloser ist \u2013 nach wenigen Monaten, in denen er Arbeitslosengeld erh\u00e4lt, jedoch oft kaum eine neue Anstellung finden kann &#8211; auf sich allein gestellt. In Ungarn herrscht teils, besonders auf dem Lande, noch immer gro\u00dfe Armut; H\u00e4user sind bauf\u00e4llig, Kinder schw\u00e4nzen die Schule, und es mangelt an so Essenziellem wie ausreichenden Lebensmitteln. Das wenige Vorhandene wird aber stets gro\u00dfz\u00fcgig und stolz geteilt. Auch Neues wird in Ungarn freundschaftlich und interessiert, allerdings eher leicht distanziert aufgenommen.<\/p>\n<ol>\n<li>Wie ist die Einstellung der Ungarn zu Europa?<\/li>\n<\/ol>\n<p>Wie in jedem Land gilt auch hier: Verschiedene Leute, unterschiedliche Meinungen. Allgemein aber sieht vor allem die j\u00fcngere Generation Europa zumeist positiv und als eine wunderbare Chance, eine Gemeinschaft voller M\u00f6glichkeiten, deren Erhalt wichtig ist. Dass Ungarn an einem Austritt aus der EU interessiert ist, ist nicht mein Eindruck &#8211; der Wunsch nach mehr Eigenst\u00e4ndigkeit der einzelnen L\u00e4nder im Rahmen der EU ist zwar sp\u00fcrbar und wird auch von der Regierung propagiert. Die Vorteile der EU liegen aber auf der Hand; gerade f\u00fcr die schw\u00e4cheren Mitgliedsl\u00e4nder, und dies ist auch den meisten Ungarn deutlich bewusst. Woher r\u00fchrt also diese Angst vor gemeinsamen Entscheidungen, vor Autonomieverlust? Die Antwort liegt vermutlich in der Geschichte des Landes; wachgerufen wurden das Misstrauen gegen\u00fcber Europa und die Abwendung von gemeinsam beschlossenen Ma\u00dfnahmen durch die Fl\u00fcchtlingsproblematik (siehe Punkt drei).<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>Welche Ma\u00dfnahmen ergreift Orb\u00e1n und wie arbeitet er?<br \/>\nWie findet das Volk ihn, seine Partei und ihre politische Richtung?<\/li>\n<\/ol>\n<p>Orb\u00e1n Viktor ist der Parteivorstand der konservativen, jedoch nicht rechtsextremen Partei Fidesz und seit 2010 erneut Ministerpr\u00e4sident Ungarns. Zuerst ist es mir wichtig, zu betonen, dass die deutsche Berichterstattung zumeist sp\u00fcrbar voreingenommen \u00fcber die ungarische Politik berichtet, wie auch im Gegenzug die ungarische Berichterstattung \u00fcber die europ\u00e4ische und besonders die deutsche Politik. Eine deutliche Beeinflussung der B\u00fcrger beider L\u00e4nder durch die jeweiligen Medien ist in Bezug auf diese Thematik in beiden L\u00e4ndern gegeben, was es schwer macht, objektive Informationen zu erhalten. Bei den ungarischen B\u00fcrgern hat dies zwei deutlich wahrnehmbare Konsequenzen: Einerseits ist da ein Gef\u00fchl der ungerechten Behandlung, der Stigmatisierung und des Nicht-Verstanden-Werdens durch die (west-)europ\u00e4ischen Nachbarn im Allgemeinen und die Deutschen im Besonderen, was den perfekten N\u00e4hrboden f\u00fcr eine Abneigung gegen\u00fcber der EU und das Driften in eine rechtsextreme Richtung bietet. Andererseits f\u00fchrt die einseitige Berichterstattung in Kombination mit der rechten Propaganda der Regierung unter einem gro\u00dfen Teil der Bev\u00f6lkerung zu einer sich festsetzenden, von Vorurteilen und Falschinformationen gepr\u00e4gten Meinung. So wird vielfach etwa angenommen, dass sich in Deutschland die Missst\u00e4nde mehren und \u2013 salopp formuliert \u2013 das Land aufgrund der vielen dort aufgenommenen Fl\u00fcchtlinge langsam im Chaos versinkt.<\/p>\n<p>Wieso aber propagieren Orb\u00e1n und seine Partei einen rechten Standpunkt, handelt es sich doch bei Fidesz nicht um eine rechtsextreme Partei? Orb\u00e1n greift hiermit gekonnt eine sich im Land abzeichnende Stimmung auf, kommt der rechtsextremen Jobbik-Partei entgegen, h\u00e4lt sie somit als politischen Gegner klein und sichert sich Macht. Orb\u00e1n provoziert gekonnt und kennt seine Grenzen. Im Land wird er deshalb nicht unbedingt negativ aufgenommen, jedoch auch nicht glorifiziert. Im Allgemeinen spielen sich meinem Eindruck nach die Machtspiele der Parteien eher im Hintergrund ab, das Interesse f\u00fcr Politik ist oft eher klein und es fehlt an ausreichender Wissensvermittlung, an Informationen. Umso sichtbarer sind im Gegenzug die Propagandama\u00dfnahmen der Fidesz- oder der Jobbik-Partei. Zurzeit etwa sind \u00fcberall Plakate mit dem Aufdruck \u201eStoppt Br\u00fcssel\u201c zu sehen. Diese beziehen sich erneut auf die Fl\u00fcchtlingsproblematik. Orb\u00e1n tritt durchaus f\u00fcr einen Verbleib in der EU ein, aber auch f\u00fcr mehr Autonomie der einzelnen L\u00e4nder innerhalb selbiger. Besonders wirtschaftlich sieht auch er aber die Mitgliedschaft in der EU als \u00e4u\u00dferst wichtig an. Seit einigen Wochen hat sich Orb\u00e1n allerdings insbesondere unter jungen Akademikern \u00e4u\u00dferst unbeliebt gemacht \u2013 mit dem Versuch, \u00fcber die Einf\u00fchrung eines neuen Gesetzes (das Verbot ausl\u00e4ndischer Universit\u00e4ten ohne Sitz in ihrem Heimatland) die in Budapest ans\u00e4ssige amerikanische CEU (Central European University) zu verbieten, also zwangszuschlie\u00dfen. Dies wurde als ein Angriff auf die Bildungsfreiheit aufgefasst, und in wiederholten Demonstrationen gingen tausende junge Ungarn auf die Stra\u00dfe, um ihren Unmut und ihre Entr\u00fcstung zu zeigen.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li>Was denken Ungarn \u00fcber die Fl\u00fcchtlingsproblematik?Wenden wir uns nun der Frage zu, auf die auch die vorigen Punkte letztendlich hinausliefen. In Ungarn ist tats\u00e4chlich eine gro\u00dfe Abneigung gegen\u00fcber Fl\u00fcchtlingen sp\u00fcrbar. Diese baut sich auf begr\u00fcndeten genauso wie auf unbegr\u00fcndeten \u00c4ngsten auf. Es ist Tatsache, dass in Ungarn verglichen etwa mit Deutschland teils noch immer gro\u00dfe Armut herrscht, besonders Sinti und Roma sind oft schlecht ausgebildet und haben somit keine Zukunftschancen; viele sind arbeitslos und leben in schlechten Zust\u00e4nden. Dies liegt auch darin begr\u00fcndet, dass bereits die Kinder meist schlecht ausgebildet und unzureichend gef\u00f6rdert werden \u2013 ein Thema f\u00fcr sich, aber ein wichtiges Beispiel daf\u00fcr, dass das Land viele innenpolitische Probleme und Baustellen hat, die behoben werden m\u00fcssen. Viele Ungarn f\u00fchlen sich daher mit der zus\u00e4tzlichen Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen im Land \u00fcberfordert; sie bef\u00fcrchten eine sich ausbreitende Unzufriedenheit unter den Aufgenommenen, die nach einer Weile feststellen w\u00fcrden, dass sie keine Zukunft in Ungarn haben.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Auch besteht vielfach die Angst vor einer \u00dcberfremdung, einem Verlust der ungarischen Mentalit\u00e4t, des ungarischen Lebensgef\u00fchls. Auch hier ist der Grund f\u00fcr diese Angst in der Geschichte des Landes zu suchen, einer Geschichte, die durch Fremdherrschaften gepr\u00e4gt ist, seien es nun die T\u00fcrken, die \u00d6sterreicher oder die Sowjetunion. Dabei handelt es sich bei Ungarn tats\u00e4chlich um ein zutiefst multikulturelles Land \u2013 kaum ein Ungar ohne Vorfahren oder Freunde aus einem anderen Land wie etwa \u00d6sterreich, Kroatien oder der Slowakei. Allerdings sind alle diese L\u00e4nder mental wie auch geographisch Ungarn \u201en\u00e4her\u201c. Im Allgemeinen sind Ungarn wie bereits erw\u00e4hnt ausgesprochen gastfreundlich, zumindest so lange keine Angst vor Einmischung, dauerhaftem Bleiben oder auch allzu gro\u00dfer Fremdheit besteht. Vielleicht l\u00e4sst sich Ungarn mit einer kleinen Familie vergleichen, die G\u00e4ste zwar freundlich aufnimmt, jedoch auch froh ist, sobald sie schlie\u00dflich wieder fort sind und die Familie in ihren gewohnten Rhythmus und ihre vielf\u00e4ltigen kleinen Traditionen zur\u00fcckkehren kann.<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich festhalten, dass insbesondere Deutschland und Ungarn in Bezug auf die Fragen nach einer europ\u00e4ischen Politik und Identit\u00e4t, einer nationalen Selbstbestimmung, einer Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen oder einem Einreiseverbot usw. tats\u00e4chlich recht kontroverse Einstellungen und Gef\u00fchle vertreten. Wichtig ist, zu versuchen, sich von einseitiger Berichterstattung abzuheben, zu versuchen, Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die jeweils andere Meinung aufzubringen und den offenen Dialog zu suchen. Anstatt uns \u00fcber dieser Frage zu entzweien, sollten wir versuchen, gemeinsame L\u00f6sungen zu finden, den Argumenten des Gegen\u00fcbers zuzuh\u00f6ren und uns dann auf der Basis unserer eigenen Recherchen, nicht aber auf der Basis medialer Beeinflussung, unsere eigene Meinung zu bilden.<\/p>\n<p><em>In diesem Sinne w\u00fcnsche ich dir und allen Menschen auf dieser Welt ein sch\u00f6nes Wochenende, gepr\u00e4gt von entspanntem Miteinander, spontanem Lachen und lieben Worten.<\/em><\/p>\n<p><em>Gr\u00fc\u00dfe aus dem warmen Juniungarn<\/em><\/p>\n<p><em>Silja<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonnenschein, warme Luft, Freitagmittag: Eiszeit. Der perfekt unperfekte Moment, um \u00fcber Politik zu sprechen. 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