{"id":688,"date":"2017-03-24T15:40:27","date_gmt":"2017-03-24T14:40:27","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/siljaphonehome\/?p=688"},"modified":"2017-03-24T20:53:02","modified_gmt":"2017-03-24T19:53:02","slug":"ein-rot-ein-gruen-ein-grau-vorbeigesendet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/siljaphonehome\/2017\/03\/24\/ein-rot-ein-gruen-ein-grau-vorbeigesendet\/","title":{"rendered":"Ein Rot, ein Gr\u00fcn, ein Grau vorbeigesendet"},"content":{"rendered":"<p><em>Mittlerweile geh\u00f6rt \u00fcber die H\u00e4lfte meines Freiwilligendienstes der Vergangenheit an. <\/em><\/p>\n<p>Auch wenn ich hier auf meinem Blog im letzten Artikel noch \u00fcber die Weihnachtszeit berichtet habe, so sind doch auch bereits der Januar, Februar und bald der M\u00e4rz Geschichte; ich blicke zur\u00fcck auf kalte Tage, von drau\u00dfen lacht die Sonne herein; es ist warm geworden. Hinter mir liegen Bandweihe und Abschlussball, auch Schwabenb\u00e4lle und der Ball des franz\u00f6sischen Klassenzuges, Gedenkfeiern, ein weiterer Nationalfeiertag &#8211; der 15. M\u00e4rz -, ich war Juror bei Wettbewerben wie JdI (Jugend debattiert International) und dem Rezitationswettbewerb der Grundschulen, war in Szeged, Oroshaza und Budapest sowie mit einem Teil des Kollegiums auf Lehrerfahrt in Graz und vielen weiteren Orten \u2013 es ging von Ungarn nach \u00d6sterreich und anschlie\u00dfend \u00fcber Slowenien zur\u00fcck nach Ungarn. Ich sah den ber\u00fchmten Moh\u00e1cser Karneval, trat einer englischen Improvisationstheatergruppe bei, ging weiter zum Ungarischsprachkurs und machte tats\u00e4chlich auch endlich einmal Fortschritte\u2026\u00a0 Einiges davon erlebte ich sogar gemeinsam mit Joshua, meinem Freund, denn ich hatte drei sch\u00f6ne Wochen lang Besuch von ihm.<\/p>\n<p>Es ist nicht mehr lange hin, bis ich wieder Besuch bekomme, von Luzie, einer sehr guten Freundin aus Deutschland; dann kommen meine Eltern und sp\u00e4ter auch mein Bruder und wir fahren \u00fcber Ostern an den Plattensee.<\/p>\n<p>Vorher werde ich noch mit den anderen drei Freiwilligen aus P\u00e9cs nach Budapest fahren, um den Geburtstag von Milena, der Freiwilligen aus Iklad, zu feiern. Au\u00dferdem wollen wir nach der Landesrunde von JdI nach Bratislava und n\u00e4chste Woche im P\u00e9cser Theater Macbeth sehen; gestern waren wir im Kino, es wurde \u201eW\u00fcstenblume\u201c auf Englisch mit ungarischen Untertiteln gezeigt, letzten Sonntag h\u00e4ngte ich in meinem Zimmer endlich die Fotos auf, die schon seit Januar h\u00e4ngen sollten, und die W\u00e4sche vom Wochenende ist noch immer ungefaltet, da ich noch keine Zeit dazu fand \u2013 heute treffe ich einen Bekannten und habe Sprachkurs, morgen ist noch eine Nachholstunde\u2026<\/p>\n<p>Es ist also weiterhin viel los, st\u00e4ndig geschehen neue Dinge; da sollte man meinen, dass kaum Zeit zum Nachdenken bliebe, doch tats\u00e4chlich ist das Gegenteil der Fall.<\/p>\n<p><em>Mittlerweile geh\u00f6rt \u00fcber die H\u00e4lfte meines Freiwilligendienstes der Vergangenheit an.<\/em><\/p>\n<p>Dies und auch die vielen aufgeregten ersten Blogeintr\u00e4ge der neu ausreisenden Freiwilligen sowie die Aussagen der Mitfreiwilligen, die wie ich bereits ein halbes Jahr hier sind und wie aus einem Munde erkl\u00e4ren, mittlerweile sein sie wirklich angekommen &#8211; dies alles l\u00e4sst mich nachdenklich werden; ich bin nicht wirklich angekommen und werde es wohl auch nicht, auch dies ist keine perfekt gl\u00fcckliche Zeit, auch dieses Jahr erz\u00e4hlt nicht die Geschichte eines Conni-Buches.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich weitestgehend allein durch Ungarn spaziere, wechselnde Begleiter an der Seite, folgen mir auch meine Gedanken auf Schritt und Tritt; angespannt und konzentriert beobachte ich, lese dort, wo ich die Worte nicht verstehe, Gesichter; Gef\u00fchle stehen immer zwischen den Zeilen.<\/p>\n<p>Wohin werden uns unsere Leben noch f\u00fchren? Der eine st\u00fcrzt sich in immer neue Erlebnisse, vielleicht auch in die Arbeit, der andere spielt sich selbst am besten vor, dass ihm nichts fehle.<\/p>\n<p>Moment um Moment treibt an mir vorbei, kaum geschehen bereits vergangen, so schnell wie ein Wimpernschlag.<\/p>\n<p>Worte fallen aufs Papier, leise spielt Chopin in meinen Ohren; Zeit zieht vorbei: Landschaften, St\u00e4dte, H\u00e4user, Gesichter \u2013 der Geruch nach frischgebackenem Kuchen, nebenan spielt jemand Klavier.<\/p>\n<p>In diesem Zug mit unbekanntem Ziel. Zwischen Traum und Realit\u00e4t, Vergangenheit und Zukunft. Szenen noch so pr\u00e4sent wie ein altes verblasstes Foto, eine Ecke geknickt; in meinem Kopf ein Kinderlachen. Irgendwo scheppert Geschirr. Ich liebe dich; Worte so alt wie die Welt selbst. Unendlich oft gesagt und doch noch immer kraftvoll. \u201eDen Fahrschein bitte.\u201c Ich erinnere mich nicht, einen gekauft zu haben, doch ich besitze einen, geschrieben auf meiner Haut.<\/p>\n<p>Es geht immer weiter, immer weiter, niemals zur\u00fcck.<\/p>\n<p><em>Blende<\/em><\/p>\n<p>Die Sonne lacht mir ins Gesicht, warm auf meiner Haut, die Sonne; vor mir eine Stra\u00dfe in Gold getaucht, einen Fu\u00df setze ich vor den anderen, automatisch lenken mich meine Schritte, das Unterbewusstsein \u00fcbernimmt die F\u00fchrung. Bilder gro\u00dfer Abenteuer, fantastische Geschichten, Gef\u00fchle \u2013 rau in meinem Herzen &#8211; weben den Stoff, aus dem meine Tr\u00e4ume gemacht sind.<\/p>\n<p><em>Blende<\/em><\/p>\n<p>Ich stehe an der Bushaltestelle, den Blick nach innen gerichtet. Es ist Nacht, meine Haare wippen, als ich mich anschicke, zu gehen; der Busfahrer, das gro\u00dfe Gef\u00e4hrt &#8211; beinahe lebendig, erf\u00fcllt von fremden Leben &#8211; zur\u00fcck auf die Stra\u00dfe lenkend, hebt die Hand, winkt und l\u00e4chelt mir zu. Auch meine Hand hebt sich zum Gru\u00df, ein L\u00e4cheln breitet sich auf meinem Gesicht aus; wie leicht ist es doch, ein L\u00e4cheln zu schenken.<\/p>\n<p><em>Blende<\/em><\/p>\n<p>Morgens, das Bett so weich, weigert sich jede Faser meines K\u00f6rpers aufzustehen. Ist es wirklich die W\u00e4rme, die uns jeden Morgen unter der Decke h\u00e4lt? Ist es nicht diese Chance, alles zu sein? Einige Augenblicke l\u00e4nger einfach die Arme auszubreiten, um zu fliegen, schwerelos?<\/p>\n<p><em>Mittlerweile geh\u00f6rt \u00fcber die H\u00e4lfte meines Freiwilligendienstes der Vergangenheit an.<\/em><\/p>\n<p>Das Leben ist nie leicht &#8211; und doch war es noch nie leichter, hier z\u00e4hlt nur der Moment, was hat denn schon Konsequenzen? Ein Abenteuer, die gro\u00dfe Chance, so hei\u00dft es oft. Doch was ist dein Leben, wenn das gr\u00f6\u00dfte daran ist, es f\u00fcr ein Jahr hinter dir zu lassen? Sollte uns nicht unser ganzes Leben Abenteuer und Chance sein?<\/p>\n<p>Ein besonders kr\u00e4ftiger Nordwestwind verschlug mich aus dem Herzen Schleswig-Holsteins in diese Stadt, die Stadt P\u00e9cs, hier in Ungarn. Und im verzweifelten Versuch, aus diesem Ort hier ein Zuhause zu machen, merke ich: Es funktioniert. Mit jedem neuen Tag hier lasse ich ein St\u00fcck meiner selbst in den Stra\u00dfen von P\u00e9cs. Doch wird es mir nicht fehlen \u2013 in der Zukunft?<\/p>\n<p>Wahr ist auch: Meine Zweifel und Fragen, Unsicherheiten und \u00c4ngste begleiten mich, wohin ich auch gehe. Ich kann sie weder in Ungarn lassen noch im Haus meiner Kindheit oder in den Armen meines Freundes \u2013 jeder muss sich selbst die Hand reichen und sich aus der eigenh\u00e4ndig gegrabenen Grube helfen. Immer und immer wieder.<\/p>\n<p>Ein Auslandsjahr, das ist eine wirklich gute Zeit voller wunderbarer Momente und faszinierender Bekanntschaften. All die Menschen und Erlebnisse, von denen wir auf unseren Blogs berichten, erweitern unseren Horizont und f\u00fcgen dem nie zu beendenden Puzzle neue Teile hinzu.<\/p>\n<p>Aber ein Auslandsjahr, das ist auch: auf dem Bett sitzen und die Wand anstarren, sich fehl am Platz f\u00fchlen. Auch: Augenblicke und Begegnungen festhalten wollen. Auch: sich w\u00fcnschen, Skype w\u00e4re ein magisches Portal.<\/p>\n<p>Im Grunde also fast wie zuhause. Denn wir bleiben die Gleichen, wohin es uns auch verschl\u00e4gt, wohin wir auch fliehen. \u201eUmarme den Moment, nutze deine Chance, genie\u00df diese Zeit, nie wieder wirst du so viel erleben!\u201c Diese und \u00e4hnliche Aussagen h\u00f6re ich immer wieder; doch ich m\u00f6chte nicht nur diesen, sondern alle Momente umarmen, mein Leben als Chance nutzen und jede Zeit genie\u00dfen; ich hoffe, noch viel mehr zu erleben.<\/p>\n<p><em>Notizzettel<\/em><\/p>\n<p>Du tr\u00e4gst nicht nur deine Zweifel und Fragen, Unsicherheiten und \u00c4ngste in dir, sondern ebenso jedes L\u00e4cheln und all die W\u00e4rme, deine eigene St\u00e4rke, Hoffnung, Mut und einen bunten Rucksack voller Ideen, Tr\u00e4ume und Liebe.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Das Karussell<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><i>Jardin du Luxembourg<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Mit einem Dach und seinem Schatten dreht<br \/>\nsich eine kleine Weile der Bestand<br \/>\nvon bunten Pferden, alle aus dem Land,<br \/>\ndas lange z\u00f6gert, eh es untergeht.<br \/>\nZwar manche sind an Wagen angespannt,<br \/>\ndoch alle haben Mut in ihren Mienen;<br \/>\nein b\u00f6ser roter L\u00f6we geht mit ihnen<br \/>\nund dann und wann ein wei\u00dfer Elefant.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,<br \/>\nnur dass er einen Sattel tr\u00e4gt und dr\u00fcber<br \/>\nein kleines blaues M\u00e4dchen aufgeschnallt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Und auf dem L\u00f6wen reitet wei\u00df ein Junge<br \/>\nund h\u00e4lt sich mit der kleinen hei\u00dfen Hand<br \/>\ndieweil der L\u00f6we Z\u00e4hne zeigt und Zunge.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Und dann und wann ein wei\u00dfer Elefant.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Und auf den Pferden kommen sie vor\u00fcber,<br \/>\nauch M\u00e4dchen, helle, diesem Pferdesprunge<br \/>\nfast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge<br \/>\nschauen sie auf, irgendwohin, her\u00fcber &#8211;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Und dann und wann ein wei\u00dfer Elefant.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,<br \/>\nund kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.<br \/>\nEin Rot, ein Gr\u00fcn, ein Grau vorbeigesendet,<br \/>\nein kleines kaum begonnenes Profil -.<br \/>\nUnd manchesmal ein L\u00e4cheln, hergewendet,<br \/>\nein seliges, das blendet und verschwendet<br \/>\nan dieses atemlose blinde Spiel. . .<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Rainer Maria Rilke, Juni 1906, Paris<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mittlerweile geh\u00f6rt \u00fcber die H\u00e4lfte meines Freiwilligendienstes der Vergangenheit an. Auch wenn ich hier auf meinem Blog im letzten Artikel noch \u00fcber die Weihnachtszeit berichtet habe, so sind doch auch bereits der Januar, Februar und bald der M\u00e4rz Geschichte; ich blicke zur\u00fcck auf kalte Tage, von drau\u00dfen lacht die Sonne herein; es ist warm geworden. &hellip; <a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/siljaphonehome\/2017\/03\/24\/ein-rot-ein-gruen-ein-grau-vorbeigesendet\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Ein Rot, ein Gr\u00fcn, ein Grau vorbeigesendet<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1942,"featured_media":694,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[170,99072,114,577,16,65869],"tags":[99072,8675,16,65869,364],"class_list":["post-688","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-alltag","category-ausblick","category-freiwillige","category-menschen","category-privat","category-rueckblick","tag-ausblick","tag-freiwilligendienst","tag-privat","tag-rueckblick","tag-ungarn"],"amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/siljaphonehome\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/688"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/siljaphonehome\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/siljaphonehome\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/siljaphonehome\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1942"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/siljaphonehome\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=688"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/siljaphonehome\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/688\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":697,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/siljaphonehome\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/688\/revisions\/697"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/siljaphonehome\/wp-json\/wp\/v2\/media\/694"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/siljaphonehome\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=688"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/siljaphonehome\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=688"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/siljaphonehome\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=688"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}