{"id":523,"date":"2017-02-01T23:13:58","date_gmt":"2017-02-01T22:13:58","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/siljaphonehome\/?p=523"},"modified":"2017-02-02T16:31:16","modified_gmt":"2017-02-02T15:31:16","slug":"13-mal-mein-ungarn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/siljaphonehome\/2017\/02\/01\/13-mal-mein-ungarn\/","title":{"rendered":"13 Mal mein Ungarn"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem der vorige Beitrag sich um die Frage \u201eWas vermisst du?\u201c drehte, ist es mir wichtig, an dieser Stelle einmal ganz bewusst zu betonen, dass ich hier in Ungarn gl\u00fccklich bin.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich &#8211; niemand ist immer gl\u00fccklich, auch ich nicht; weder in Ungarn noch in Deutschland, weder auf Mallorca noch im Schlaraffenland oder meinen Tr\u00e4umen. Ich bin frustriert und m\u00fcde, genervt oder gestresst, entt\u00e4uscht von mir selber; f\u00fchle mich allein oder unsicher. Ich bin w\u00fctend aufgrund von manch einem Zustand, traurig, wenn ich Hass oder Leid sehe. F\u00fchle mich vielleicht hilflos.<\/p>\n<p>Doch meistens geht es mir gut. Ich lache, liebe, lebe, schwebe. Ich tanze zu meinem ganz pers\u00f6nlichen Soundtrack durch die Stunden &#8211; schnell, dann wieder langsam.<\/p>\n<p>Mir ist bewusst, dass ich viele Vorteile habe: ein leichter Start ins Leben; in der deutschen Bildungsschicht aufgewachsen, ohne materielle Probleme, eine gute Ausbildung, nun mit <em>kulturweit<\/em> ein FSJ im Ausland. Und daf\u00fcr bin ich dankbar. Allerdings w\u00fcrde auch all dies mich nicht gl\u00fccklich machen ohne Liebe.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eGl\u00fcck ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann ist gl\u00fccklich\u201c<br \/>\nHermann Hesse<\/p><\/blockquote>\n<p>Und lieben k\u00f6nnen wir alle:<br \/>\nselbstverst\u00e4ndlich Menschen, aber auch Dinge oder Orte; Ger\u00fcche, Ger\u00e4usche, Gef\u00fchle, Gedanken und so vieles mehr. Sch\u00f6nheit finden wir \u00fcberall.<\/p>\n<p>An dieser Stelle eine kleine und mehr oder weniger willk\u00fcrliche Auswahl der Dinge, die ich durch meinen Freiwilligendienst kennen und lieben lernen durfte:<\/p>\n<ol>\n<li>Die vielen wunderbaren Menschen, die mir begegnen: kulturweit-Freiwillige, die zu Freunden werden; meine s\u00fc\u00dfe Mitbewohnerin; charmante Lehrer bzw., zumindest im Deutschzweig, eher Lehrerinnen; Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen, so verschieden wie die Farben des Regenbogens; Zufallsbekanntschaften in P\u00e9cs &#8211; \u00fcber Lenau-Haus, Schwabenball oder die Uni &#8211; oder bei einer Unterhaltung im Zug oder Hostel, in Budapest auf einer Studentenparty&#8230;<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"2\">\n<li>Die Wertsch\u00e4tzung von Traditionen in Ungarn \u2013 ich mag Altbekanntes, Gewohnheiten und eben auch Traditionen und empfinde Dinge wie den feierlichen Einzug der Abiturienten bei der Bandweihe als sch\u00f6n und wertvoll<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"3\">\n<li>Die Tatsache, dass ich, die ich sonst gerne unp\u00fcnktlich bin, noch nie meinen Bus verpasst habe, da dieser zumindest morgens genau wie ich stets treu um ein, zwei Minuten zu sp\u00e4t dran ist<\/li>\n<li>Dass mich dieses Land und seine Menschen immer wieder \u00fcberraschen k\u00f6nnen \u2013 wie jener Zahnarzt, bei dem ich jeder Diskussion \u00fcber die Fl\u00fcchtlingsthematik lieber aus dem Weg ging, da seine Haltung dazu schon aus seiner Frage nach meiner Meinung zu dem Thema recht deutlich hervorging &#8211; und er sollte schlie\u00dflich noch meinen Zahn behandeln; der mir dann aber auf die Frage, was der Zahnarztbesuch denn koste, antwortete, f\u00fcr mich sei er kostenlos \u2013 ich solle doch sehen, wie gro\u00dfz\u00fcgig die Ungarn seien\u2026<\/li>\n<li>Die ungarische Sprache, deren S\u00e4tze wie Zauberspr\u00fcche klingen<\/li>\n<li>Dass (fast) alle Post im Briefkasten f\u00fcr mich ist &#8211; und Briefe habe ich schon immer geliebt<\/li>\n<li>Den ungarischen Gentleman: ungeachtet der Tatsache, dass Frauen auch in Ungarn gleichberechtigt sind, gibt es ihn hier noch, den Gentleman alter Schule \u2013 M\u00e4nner, auch schon Sch\u00fcler aus der zw\u00f6lften Klasse, halten die T\u00fcr auf oder bedanken sich f\u00fcr einen Tanz. Und auch die Gru\u00dfformel \u201ecs\u00f3kolom\u201c, die frei mit \u201eK\u00fcss die Hand\u201c \u00fcbersetzt werden kann und nur von kleinen Kindern und von M\u00e4nnern Frauen gegen\u00fcber benutzt wird, w\u00fcrde in Deutschland wohl eher altmodisch anmuten<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"8\">\n<li>Die unkomplizierte Freude, die hier beim Tanzen herrscht, gepaart mit der \u00dcberzeugung, dass wirklich jeder tanzen kann \u2013 mein Selbstvertrauen auf der Tanzfl\u00e4che ist ungemein gewachsen; letzten Samstag f\u00fchrte ich zusammen mit einigen Lehrern vor der ganzen Schule eine Polka auf, und das auch noch im f\u00fcr mich als Norddeutsche ungewohnten Dirndl<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"9\">\n<li>Dass die meisten Ungarn genauso gerne und viel essen wie ich<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"10\">\n<li>Die entspannte Einstellung der Ungarn zu vielen allt\u00e4glichen Kleinigkeiten &#8211; langsam erst gew\u00f6hne ich mir ab, in jeder Kirche, jedem Museum als erstes nach dem \u201eFotos verboten\u201c-Schild Ausschau zu halten und auch mein Fahrrad lehne ich mittlerweile ganz selbstverst\u00e4ndlich \u00fcberall an<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"11\">\n<li>Das Lachen zusammen mit Sch\u00fclern, wenn wir etwa ein Spiel spielen, bei dem die erste Assoziation genannt werden muss, und auf \u201eJesus\u201c der Name eines Sch\u00fclers folgt; Sch\u00fcler, die sich freuen, wenn ich in die Klasse komme, f\u00fcr jedes kleine ungarische Wort applaudieren, mir Anekdoten aus ihrem Leben erz\u00e4hlen, auf Facebook ein Foto mit mir posten m\u00f6chten, mir eine Nachricht schicken, in der sie mich fragen, wie es mir geht, mich anl\u00e4cheln oder mich fragen, ob sie mich umarmen d\u00fcrfen<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"12\">\n<li>Die Ampeln, die die Sekunden, die sie noch gr\u00fcn oder rot sein werden, anzeigen \u2013 das hat mir schon oft das Hetzen zu der vielleicht nur noch wenige Augenblicke gr\u00fcnen Ampel erspart<\/li>\n<li>Die gro\u00dfe Anzahl wundersch\u00f6ner Orte, die ich bereits entdeckt habe und noch entdecken werde: allen voran mein sch\u00f6nes P\u00e9cs, Ungarns Herz \u2013 Budapest, das Mecsek-Gebirge und viele mehr\u2026 Ungarn!<\/li>\n<\/ol>\n<p>13 Blicke auf mein Ungarn. 13 einmal als Gl\u00fcckszahl. 13 der vielen kleinen und gro\u00dfen Dinge, die mich hier gl\u00fccklich machen. Ich w\u00fcnsche uns allen offene Augen und Herzen f\u00fcr all das, was unser Leben jeden Tag aufs Neue lebenswert macht.<\/p>\n<p>Eure Silja<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem der vorige Beitrag sich um die Frage \u201eWas vermisst du?\u201c drehte, ist es mir wichtig, an dieser Stelle einmal ganz bewusst zu betonen, dass ich hier in Ungarn gl\u00fccklich bin. 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